Das wäre riesig luftig, das mit dem Kaninchenstoll! Von dieser Idee waren die kleinen Mädchen geradezu begeistert.
Und wenn der König von Marbacka absuhr, dann wurde er Frau Lagerlöf eine goldne Brosche verehren, und Mamsell Lovisa ein goldenes Armband und der alten Haushälterin eine große silberne Schalnadel.
Aber ehe der König in seinen Wagen stieg, um weiterzufahren, wurde er dem Leutnant die Hand schütteln und sagen: „Dank und Ehre sollst du haben, Erik Gustav Lagerlöf. Es ist kein großer Teil meines Reiches, den du besitzest, aber ich sehe, daß er bei dir in guten Händen ist.
Und über dieses Wort würde der Leutnant sich freuen bis ans Ende feiner Tage. „ , , , ...
Vielleicht war es wirklich fchade, daß der Besuch des Königs sich nicht verwirklichen konnte, aber er war ja ganz unmöglich, ehe der Oberstock gebaut war. ,
Und wahrhaftig, einmal glaubte der Leutnant tatsächlich so weit mit ' allen anderen Arbeiten fertig zu fein, daß er anfangen konnte, das Wohnhaus umzubauen. Ganz abgesehen von dem Besuch des Königs wohnten sie äußerst eng in dem kleinen einstöckigen Haus aus der alten Zeit, und er wollte es gern durch einen Aufbau vergrößern.
Im Jahre, bevor das Dach abgenommen werden sollte, hatte der Leutnant ein paar baukundige Arbeiter nach Marbacka kommen lassen, die den Dachstuhl fertig machten, so daß das Dach so rasch wie möglich aufgesetzt und gedeckt werden konnte.
Sie waren gerade damit fertig geworden, als Leutnant Lagerlöf die Nachricht vom Tode seines Schwiegervaters erhielt.
Das war ein großer Schmerz und außerdem ein schwerer Schlag, denn der Leutnant wußte wohl, daß er mit dem Schwiegervater seine beste Stütze verloren hatte. Bon jetzt an war er einzig und allein aus sich selbst angewiesen. Nun mußte er von seinem Erbe seine Schulden bezahlen. Seine Söhne waren herangewachsen und sollten bald nach Upsala. Da hielt er es für das Klügste, den Umbau einige Jahre zu verschieben.
Aber ausgeschoben ist häufig aufgehoben. Es kamen immer neue Hindernisse, die sich dem Bau entgegenstellten. In einem Jahre wurde der Leutnant krank, im andern mußte er einem seiner Schwäger beispringen, der bisher ein reicher Mann gewesen war und nun regelmäßig unterstützt werden mußte. Während der Leutnant auf seinem Hof gearbeitet und alles In Ordnung gebracht hatte, waren die Jahre dahingegangen, fast ohne daß er es gewahr geworden war. Er war nun in den Fünfzigern, und der einstige Schaffensdrang war vielleicht etwas gedämpft.
Aber er stand nicht leichten Herzens von dem Plane ab, Marbacka umzubauen. Das hätte seine ganze Arbeit krönen sollen. Sein ganzes Leben lang hatte er davon geträumt, ein richtiges Herrenhaus auf feinem geliebten Heimathof erstehen zu sehen. Die großen Stapel mit dem fertigen Dachstuhlgebälke lagen jahrelang aus dem Hinteren Hof. Aber der Leutnant vermied es, sie anzufehen. Er wendete das Gesicht ab, wenn er daran vorbei mußte.
Seine kleinen Töchterchen waren so sehr vergnügt gewesen, als er anfing, den Dachstuhl Herrichten zu lassen, und zwar nicht allein wegen des königlichen Besuchs. Weit wichtiger als dieser war die Aussicht, ein Besuchszimmer zu bekommen, in dem man tanzen konnte, und ein Haus mit zwei Stockwerken, das gerade so stattlich aussah wie das des Hüttenbesitzers Wallrath auf Gardsjö oder das des Ingenieurs Noreen auf Hervestad. ,
Es beunruhigte sie, zu sehen, daß der Bau von Jahr zu Jahr verschoben wurde, und endlich faßte eine von ihnen Mut und fragte den Baker, wann er den anfange, den Dachstuhl aufzurichten.
„Das wird wohl niemals geschehen, meine Kinder", sagte der Leutnant und dabei zuckte es in seinem Gesicht, und feine Stimme zitterte, als ob ihm das Weinen nahestände. Aber er beherrschte sich gleich wieder. „Das macht aber nichts", setzte er scherzend hinzu, „man baut ja jetzt in Norwegen eine Eisenbahn. Da wird der König keine Nacht- Herberge mehr begehren, weder in Marbacka noch auf einem andern Herrenhofe in Värmland —•"
Charles Morgan und sein Werk.
Wegbereiter einer neuen englischen Romanfunff.
Von Dr. Heinz Höpsl.
„Der Schlüssel zu meinem Schaffen ist die Lehre von der schöpferischen Vorstellungskraft (Creative Imagination). Was wir wünschen und verlangen erreichen wir nicht notwendig, aber was voll und schöpferisch in unserer Vorstellungskraft ist, wird Wahrheit für uns zum Guten oder Bösen. Das ist für mich die Rechtfertigung der imaginativen Kunst — in der Dichtung wie im Roman. Auf einer anderen Ebene — der politischen — ist die jüngste Geschichte Ihres eigenen Landes ein Beispiel für die Wirkung der schöpferischen Vorstellungskraft. Deutschland war einst das Land Goethes. Es erschuf den Wandel im Geiste und ist verwandelt."
Um die Situation zu erhellen, aus der diese erstaunlichen Worte Charles Morgans (aus einem Briefe an den Verfasser) Gewicht und Farbe gewinnen, müßte man die Wesenszüge des englischen Romans Der Gegenwart untersuchen. Wir können sie nur mit einem Seitenblick berühren, da die Vielfalt der Formentwicklung und ihre Verlagerung auf die verschiedensten Ebenen in der modernen englischen Romanliteratur unübersehbar geworden sind. Aber eins ist erkennbar und auch von englischer Seite ausgesprochen worden: die Gefährdung der Weltgeltung des englischen Romans. Vor mehr als einem Jahrzehnt hat I. C. S q utre, Enalands meist gehörte Stimme unter den bedeutenderen Kritikern, das Ende des großen Romans vorausgesagt: „Die Flut der geistig bebeutfamen Romane hat anaefangen zu verebben und verebbt immer mehr. Das ist Warnung und Mahnung gewesen zu einer Zeit schon, als die Großen des englischen Schrifttums noch lebten — Josef Conrad, Thomas Hardy, Arnold Bennett, John Galsworthn und Rudyard Kipling—, aber die Anzeichen der kommenden Entwicklung hat Squire richtig gesehen.
Erst der große und tiefgehende Wandel, den wir zu Beginn unseres Jahrzehnts ansetzen können, hat Squire unrecht gegeben. Sein Wegbereiter zu sein, ist Charles Morgans größtes und bleibendes Verdienst. Sein Werk ist dem Umfange nach noch nicht sehr erheblich: als sein Wesentlichstes hat er der Welt bisher drei große Romane geschenkt. Aber heute schon ist seine Stellung deutlich zu bestimmen. Prophezeiungen auf dem Gebiete der Kunst sind fast immer mißlich. Aber die Anzeichen sprechen eine zu deutliche Sprache dafür, daß das Werk Charles Morgans die große englische Romantradition weiterführen und in ihr einen festen Platz behaupten wird. Diese Ueberzeugung ist nicht allein genährt aus dem ungewöhnlichen Erfolg dieses Dichters. Sie wird nicht dadurch bestimmt, daß seine Romane in mehr als ein Dutzend Sprachen übertragen worden sind, daß man ihnen wertvolle Literaturpreise zuerkannte, daß dem Eng-/ länder die seltene Ehre der Aufnahme in die französische Ehrenlegion zuteil wurde. Im Gegenteil: es ist erstaunlich, daß einem im letzten nicht leicht zugänglichen Schaffen ein so überwältigender Erfolg befchieden war, mit Dem man eigentlich im normalen englischen Literaturbetrieb eine andere Kategorie von Autoren und Werken auszeichnet.
Ruhm und Ruf englischer Dichter haben häufig ihren Anfang von Deutschland aus genommen; die Entdeckung Charles Morgans haben wir Frankreich überlassen. Mit dem Erscheinen des Romans „Das B 11D • n i s" das die Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart vor kurzem in einer guten deutschen Uebertragung herausbrachte, liegen nun die drei großen Romane des englischen Dichters auch in deutscher Sprache vor. „Das Bildnis", das bei uns zuletzt erschien, ist das erste Werk der Romantrilogie, die daneben noch den „Q u e l l" und „D i e F l a m m e" umfaßt. Es handelt sich bei diesen Werken nicht um eine Romantrilogie im üblichen Sinne. Sie sind selbständig, sie haben weder die Personen noch die Schauplätze der Handlung gemeinsam, noch gestalten sie ein im äußeren Geschehen gleiches Schicksal. Und doch muß man sie als dreifache Ausstrahlung einer einzigen inneren Erlebnisgrundlage zu begreifen versuchen: es ist der Gedanke der schöpferischen Vorstellungskraft, die der Dichter ja selbst als den Schlüssel zu seinem Schaffen bezeichnete. Indem wir dies vorwegnehmen, müssen wir aber zugleich der Möglichkeit des Mißverständnisses begegnen, als ob Charles Morgan der schöpferischen Gestaltungskraft ober der Kunst der Menfchendarstellung ermangele und dem Gedanklichen den Vorrang vor gestalteter romanhafter Wirklichkeit gebe Die Stärke seines echten Dichtertums liegt darin, daß er die tiefe, ernste Fragestellung feiner Werke organisch erwachsen laßt aus Der Dramatischen Bewegtheit Des inneren und äußeren Geschehens. Die hohe geistig-seelische Haltung unD die geniale Griffsicherheit für dramatische Stoffe wirken bei Morgan untrennbar ineinander.
Das Bildnis" gibt die köstliche Schilderung eines viktorianischen Milieus mit all seiner Enge und Korrektheit, seiner gezwungenen Tugend- Hastigkeit, seinem Abscheu vor allem Lauten und Außergewöhnlichen, mit seinem Willen zur Selbstbescheidung auf Althergebrachtes. In diesen Umkreis eines lauen, matten Lebens ist der junge Maler Nigel gestellt, begabt, aber noch scheu,, träumerisch, ungelöst. Er erfährt in der schonen, eigenwilligen Clare, die eine tiefe Leidfähigkeit und Sehnsucht hinter der Maske einer sprühenden Lebendigkeit des Geistes verbirgt, ferne erste Liebe die fein Schicksal als Mensch und Künstler wird. Bern ganzes junges Sein war bereit für die Liebe. Er fängt Clares Bildnis im Spiegel feiner Seele auf und erringt in langem, schwerem Kampfe feine Läuterung in der Erkenntnis, daß er ihr nur unter Verzicht auf seine künstlerische Aufgabe angehören könne. Sie gibt ihn frei, damit er sein Leben erfülle in feinem Künstlertum, entläßt ihn in stolzem, tapferem Entsagen auf die Sinnerfüllung ihres eigenen Lebens.
Diesem zarten und stillen Buche, das seine Leuchtkraft aus der geban- bigten Leibenschastlichkeit empfängt, mit ber hier zwei junge Menschen unt bas Mysterium bes Lebenssinnes ringen, folgt „D e r Du e l 1 , eine Seelentragöbje von erfrfjtitternber Wucht. Hier ist ber Helb ein in Holland internierter englischer Offizier, Lewis Alison, ber bie Zeit seiner Gefangen- schäft nutzt, um ein Buch über bas besinnliche Leben zu schreiben, lener ’ ftorm ber Lebenserfüllung, wie sie bie beutschen unb englischen Mystiker gesucht haben. In sich selber will Lewis jene Stufe ber inneren ßauterung er obren — bas ist ihm wichtiger als die Nieberfchnft [eines Werkes In fein Beben tritt bie Gattin eines an der Front tämpfenben deutschen Offiziers. Wie zwischen den beiden Menschen um eine seelische Gemein- schäft, deren Schranken bie Sorge ber Frau um bas Schicksal ihres Gatten etzt gerungen wirb, wie schließlich auch ber englische unb der.schwer- verwundet heimkehrende deutsche Offizier voller Hochachtung zueinander finden, bas macht ben Inhalt biefes so menschlich tiefen Buches aus. ,
In bem'Dorerft letzten Roman Charles Morgans, „D l e Flo m m e , steht roieber ein Künstlerleben im Mittelpunkt: Jugenb Reste unb Tod eines Dichters umspannt bas Buch, ein Hohelied von Liebe Kun t und Tod. Die Gestalten dieses Werkes sind wiederum mit einer solchen Meisterschaft lebenswahrer Menschendarstellung gezeichnet, baß ihr Sein tm Gedächtnis haftet wie das Bild naher Freunde. Indiefe Liebesbichtung ver- woben ist bes Dichters Ringen um sein künstlerisches Sem, ber ewige Kamps um bie Einheit von Künstlertum unb Leben in ihren innersten Verflechtungen, bie Quelle von Qual unb Beglückung im künstlerischen ^Bücken wir zurück auf ben Ausgangspunkt, so bleibt dies zu sagen: Diese Romandichtungen Charles Morgans stellen nn Grunde das Aben- teuer der Seele dar. die ihre Erfüllung sucht, ein Abenteuer mit feinen Ungewißheiten und Gefahren, in denen die Seele sich bewahren ober zu- gründe gehen muß. In ihnen ist der Vorwurf immer der Zusammenstoß eines künstlerischen Menschen mit dem Leben, -in Aufeinanderprallen zweier Wirklichkeiten, die zum Ausgleich drangen. Und stets ist es tm Grunde der Ausgleich zwischen innen unb außen, Gott unb Mensch, Seele unb Welt, wie man auch immer biefe Polarität bezeichnen mag In ber schöpferischen Vorstellungskraft bes begnabeten Menschen ersteht eine Welt, bie Wirklichkeit wirb, wenn er sich vor ihr beroafjrt Und sie kann nur zum Ausdruck gebracht werden durch die Kunst, bie allein Botschaft diese Wirklichkeit ist.


