Frauen ein, sich noch einen Augenblick Im Freien zu ergehen, um vor dem Mittagsmahle, dah sie aUjeils wohl verdient hätten, frische Luft zu schöpfen; und als sie im Garten am Seeufer unter sich waren, atmeten sie wirklich auf; denn sie waren ganz ängstlich geworden über die sichere Art, mit welcher dieser Junggeselle die Ehesachen erkannt und behandelt hatte. Die eine oder andere, welche ihn bis jetzt vielleicht nicht für sehr klug gehalten, zerbrach sich sogar nachdenklich de» Kops, was es eigentlich für eine Bewandtnis mit ihm haben möge. Sie wurden ,aber alle von ihren mißtrauischen Gedanken abgezogen, als sie den Affen Cocco kläglich Heranhopsen sahen, den man seiner unbequemen Kleidung, zu entledigen vergessen hatte Die Haube war verschoben und hing ihm über das Gesicht, ohne daß er sie wegbrachte, und die Kleider verwickelten ihm die Beine oder hingen am Schwanz, und er machte hundert Anstrengungen, sich davon zu befreien. Mitleidig erlösten die Frauen den Affen von aller Unbequemlichkeit, und nun vertrieb er ihnen die Zeit mit den artigsten Possen und Streichen, daß alle Bedenken und Melancholien aus ihren schönen Häuptern entwichen und der Landvogt sie in einem fröhlichen Gelächter fand, als er sie, von zwei Dienern gefolgt, abholte und zum Essen führte.
„Ei!" rief er, „so hör' ich gern zu Tische läuten! Wenn die Damen zusammen lachen, so klingt es ja, wie wenn man das Glockenspiel eines Cäcilienkirchleins hörte! Welche läutete denn mit dem schönen Alt? Sie, Wendelgard? Und welche führte das helle Sturmglöcklein, wie wenn das Herz brennte? Sie, Aglaja? Welche das mittlere Vesperglöckchen, das freundliche? Es gehört Ihnen, Salome! Das silberne Betglöcklein bimmelt in Ihrem purpurnen Glockenstübchen, Barbara Thumeysen! Uni) wer mit dem goldenen Feierabend läutet, den kennt man schon, 's fft mein Hanswurste!, die Figura!"
„Wie unartig!" riefen die vier anderen Glocken, „eine von uns Hans- wurftel zu schelten!" Denn sie wußten nicht, daß sie alle solche Kosenamen besaßen, aber nur Figura Leu den ihrigen kannte und genehmigt hatte.
Das feine spröde Eis über den Herzen war nun vollends gebrochen. Das Gemach, in weichem der Tisch gedeckt war, leuchtete vom Glanze des blauen Himmels und des noch blaueren Seespiegels, der durch die hohen Fenster hereinströmte; wenn aber das Auge chinausschweiste, so wurde es gleich beruhigt durch das jenseitige junggrüne Maienland. Auf dem runden Tisch inmitten des Gemaches glänzte ein zarter Frühling von Blumen und Lichtfunken; denn er war auf das zierlichste gedeckt und geschmückt mit allem, was der Landvogt aus den Gärten, wie aus den Schränken und der Altoäterzeit hatte herbeibringen können.
Sechs Stühle mit hohen Lehnen standen um den Tisch, jeder vom anderen so weit entfernt, daß der Inhaber sich bequem und frei bewegen, den nächsten Nachbarn sehen und sich würdig mit ihm unterhalten konnte, nach rechts, wie nach links hin; genug, cs war eine Anordnung, als ob die Tafelrunde für lauter Kurfürsten gedeckt wär«, und cs fehlte nur das eigene Büfett hinter jedem Stuhle. Dafür thronte das große Schloßbüfett im Hintergründe um so großartiger mit seinem altertümlichen Geräte.
An diesem Büfett, die eine Hand auf dasselbe gelegt, die andere gegen die Hüfte gestemmt, stand bereits die Frau Marianne wie ein Marschall, in scharlachrotem Rocke und schwarzer Sammetjacke; über die gefältelte Halskrause hing ein großes silbernes Kruzifix aus die Brust herab, und der gebräunte Hals war noch extra von filigranischem Schmuckwerk umschlossen. Aus dem ergrauenden Haar trug sie eine Haube von Marderpelz; das im Gürtel hängende weiße Dortuch vezeichnete ihr Amt. Aber unter den schwarzen Augenbrauen hervox schoß sie gestrenge Blicke im Saale umher, als ob sie die Herrin wäre.
Der Respekt, den sie einflößte, verscheuchte indessen die einmal erwachte Heiterkeit nicht, und die fünf Frauen nahmen nach der Anweisung des Landvogts mit frohem Lächeln ihre Plätze. Zu seiner Rechten setzte _er die Figura Leu, zu seiner Linken die Aglaja, sich gegenüber die älteste der Flammen, Salome, und auf die zwei übrigen Stühle Wendelgard und die Grasmücke. Mit einem warmen Glücksgefühle sah er sie so an einem Tische versammelt und unterhielt das Gespräch nach allen Seiten mit großer Beflissenheit, damit er ohne Verletzung des guten Tones alle der Reihe nach anfehen konnte, vor- und rückwärts gezählt und überspringend, wie es ihn gelüstete.
Frau Marianne schöpfte am Büfett die Suppe; der verkleidete Junge, ein wohlunterrichtetes, schlaues Pfarrsöhnchen der Umgegend, trug und setzte die Teller hin. Er sah einem achtzehnjährigen Fräulein ähnlich und schlug sortwährend verschämt die Augen nieder, wenn er angeredet wurde, gehorchte der Marianne auf den Wink und stellte sich stumm neben die Tür, sobald eine Sache verrichtet war. Aber wenn der Landvogt das angebliche Mädchen etwa herbeirief und demselben sanft vertraulich einen Auftrag erteilte, welchen es mit Eifer vollzog, verwunderten die Flammen sich aufs neue über die unbekannte Zofe, von der sie noch nie gehört, und ließen manchen Blick über sie wegstreifen. Doch wurde das Geplauder dadurch nicht beeinträchtigt, vielmehr immer lebhafter und fröhlicher, und das bewußte Geläute klingelte so harmonisch und eilfertig durcheinander, als ob in einer Stadt ein Papst einziehen wollte.
Wie wenn er nun drin wäre, wurde es einen Augenblick still, welchen Wendelgard wahrnahm, nach der Gelegenheit und Größe der Herrschaft Greifenfee zu fragen, da sie im geheimen gern das Maß ihres Glückes gekannt hätte, welches als Landvögtin ihr geworden wäre. Die anderen Frauen wunderten sich, wie eine Bürgerin dergleichen nicht wisse; Landolt jedoch erzählte ihr, daß die Fest«, Stadt und Burg Greifensee mit Land und Leuten im Jahre 1402 vom letzten Grafen von Toggenburg den Zürchern für sechstausend Gulden verpfändet und nicht mehr eingelöst worden fei, und daß diese Herrschaft zu den kleineren gehöre und nur einundzwanzig Ortschastcn zähle. Uebrigens sei das jetzige Schloß und Städtchen nicht mehr das ursprüngliche, welches bekanntlich im Jahre 1444 von den Eidgenossen, die alle gegen Zürich im Stiege gelegen, zerstört worden. Sich die Zeiten jenes langen und bitteren Bürgerkrieges vergegenwärtigend, verlor sich der Landvogt in ein« Schilderung des Unterganges der neunundsechzig Männer, welche di«
Burg fast während des ganzen Maimonats hindurch gegen die Ueber- macht der Belagerer verteidigt hatten; wie durch die schreckliche Sitte des Parteikampscs, den Besiegten unter der Form des Gerichtes zu vertilgen, und um durch Schrecken zu wirken, sechzig dieser Männer, nachdem sie sich endlich ergeben, aus dem Platze hingerichtet worden seien, voran der treue Führer Wildhans von Landenberg. Vornehmlich aber verweilte er bei den Verhandlungen der Kriegsgemeinde, die auf der Matte zu Ränikon über Leben oder Tod der Getreuen stattsanden. Er schildert die Fürsprache gerechter Männer, welche unerschrocken für Gnade und Milde eintraten und auf die ehrliche Pflichttreue der Gefangenen hinwiesen, sowie die wilden Redcu der Rachsüchtigen, die jenen mit einschüchternder Verdächtigung entgegentraten, den leidenschaftlichen Dialog, der auf diese Weise im Angesichte der Todesopfer gehalten wurde und mit dem harten Bluturteil über all« endigte. Die geheimnisvolle Grausamkeit, mit welcher ein so großes Mehr bei der Abstimmung sich offenbarte, daß gar nicht gezählt wurde, das unmittelbar darauf erfolgende Vortreten des Scharfrichters, den die Schweizer in ihren Kriegen mitsührten, wie jetzt etwa den Arzt oder Fewprediger, das Herbeieilen der um Gnade flehenden Greise, Weiber und Kinder, die starre Unbarmherzigkeit der Mehrheit und ihres Führers Jtel Reding, alles dies stellte sich anschaulich dar. Dann hörten di« Frauen mit stillem Grausen den Gang der Hinrichtung, wie der Hauptmann der Zürcher, um den ©einigen mit dem männlichen Beispiel in der Todesnot voranzugehen, zuerst das Haupt hinzulegen 'verlangte, damit keiner glaube, er hoffe etwa auf eine Sinnesänderung oder ein un- vorgesehenes Ereignis; wie dann der Scharfrichter erst von Haupt zu Haupt, dann je bei dem zehnten Mann innehielt und der Gnade gewärtig war, ja selbst um dieselbe sichte, allein stets zur Antwort erhielt: „Schweig und richte!" bis sechzig Unschuldige in ihrem Blute lagen, die letzten noch bei Fackelschein enthauptet. Nur ein paar unmündige Knaben und gebrochene Greise entgingen dem Gericht«, mehr aus Unockst- jamfeit oder Müdigkeit des richtenden Volkes als aus dessen Barmherzigkeit. (Schluß folgt.)
3n tiefer Nacht.
Von Joses Wcinhebcr.
Di« Stirn« brennt, die Zeit vergeht.
Mein kleines Lampenlicht.
ist nur ein schmaler, Heller Strich in all der Dunkelheit.
Ich seufze auf: Der Tag ist weit, die Nacht ist tief. Ihr Atem spricht, ihr Dunkel weht:
Vollende dich!
Aus meiner Kindheit.
Von Selma Lagerlöf.
Wenn Leutnant Lagerlöf mit seinen kleinen Töchterchen durch den Garten oder draußen durch die Felder wanderte, pflegten sic sich oft auszumalen, wie cs fein würde, falls der König einmal nach Marbacka kommen sollte.
Das war zu der Zeit, als der König auf dem Wege nach Norwegen mehrmals im Jahre im Wagen durch Värmland zu fahren pflegte, da mußte er immer irgendwo einkehren, um zu essen und zu schlafen. Meistens tat er das beim Bezirkshauptmann in Karlstadt, aber es war für ihn auch nichts Außergewöhnliches, die großen Herrenhöfe, die bequem lagen und ihn aufnehmen konnten, hin und wieder mit feinem SBeiuo) zu beehren.
Nun war zwar nicht die allergeringste Aussicht vorhanden, daß der König in einem so kleinen und unbekannten Hose wie Marbacka, der auch noch zum Uederfluß weit von der großen Landstraße ablag, einkehren würde. Aber das hinderte den Leutnant und seine kleinen Mädchen in keiner Weise. Vielleicht wäre es gar nicht so luftig gewesen, diese Lustschlösser zu bauen, wenn Aussicht auf ihre Verwirklichung vorhanden gewesen wäre.
So hatten sie nur Freud« davon, sich auszudenken, wie sie eine Ehrenpforte errichten und Blumen vor des Königs Wagen ftreuen wollten, wenn er angefahren tarne. Die kleinen Mädchen berieten, ob sie, wenn der König tarne, wohl weihe Kleidchen erhielten, und der Leutnant versprach ihnen in freigebigster Weise, Maja Rad, die vornehmste Näherin in Ost-Aemtervik, sollte ihnen für diese Feierlichkeit neue weiße Kleidchen machen dürfen.
Der Leutnant und die Kinder malten es sich aus, wie der König, wenn er auf Marbacka zugefahren käme, schnell die Augen mit der Hand beschatten würde, gleichsam um besser sehen zu können.
„Ja, was seh' ich denn da?" würde der König sagen. „Was ist das für ein großes weißes Haus dort auf der Wiese? Haben sie denn in dieser Gemeinde zwei Kirchen?"
„Nein, Majestät , würde Leutnant Lagerlöf antworten, denn er würde dem König gerade gegenüber in dessen Wogen auf dem Rücksitz mit ungefähren kommen, ,chies weiße Haus ist keine Kirche, sondern es ist mein Hof."
Dann würde der König den Leutnant mit großen Augen ansehen und sagen: „Du bist ein Tausendsassa, Erik Gustav, daß du solch rtnen Hof gebaut hast."
Wie man den König und sein ganzes Gefolge in dem kleinen einstöckigen Haus auf Marbacka unterbringen würde, das war eine nahezu unlösbare Frage. Aber der Leutnant hatte ja, schon oft davon gesprochen, auf das Haus ein Stockwerk auszusetzen, und so meinten sie, wenn dies nur getan sei, dann hätte es keine weitere Schwierigkeit, den König zu empfangen.
Ein wenig eng würde es ja wohl auf jeden Fall werden. Herr und Frau Leutnant Lagerlöf müßten wohl die Nacht auf dem Heuboden schlafen, und die Kinder kämen In den Kaninchenstall.


