Ausgabe 
11.2.1938
 
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Gießener Hamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <958 Freitag, ben H.gebruar Hummer (2

Oer Lanövogt von Greifensee

Novelle von Gottfried Keller

7. Fortsetzung.

Der Amtsdiener oder Weibel führte nunmehr ein ländliches Ehe­paar herein, welches in großem Unfrieden lebte, ohne daß der Landvogt in» jetzt hatte ermitteln rönnen, auf welcher Seite die Schuld lag, weil !ie sich gegenseitig mit Klagen und Anschuldigungen überhäuften und eines verlegen war, auf die grobe Münze des aädern Kleingeld genug herauszugeben. Neulich hatte die Frau dem Manne ein Becken voll heißer Mehlsuppe an den Kopf geworfen, so daß er jetzt mit verbrühtem Schädel dastand und bereits ganze Büschel seines Haares herunterfielen, was er mit höchster Unruhe alle Augenblicke prüfte, und es doch gleich wieder bereute, wenn ihm jedesmal ein neuer Wffch in der Hand blieb. Die Frau aber leugnete die Tat rundweg'und behauptete, der Mann habe 111 seiner tollen Wut die Suppenschüssel für seine Pelzmütze angesehen Md sich aus den Kopf stülpen wollen Der Landvogt, um aus seine Leise einen Ausweg zu finden, ließ die Frau abtreten und sagte hieraus zum Manne:Ich sehe wohl, daß du der leidende Teil und ein armer hwb bist, Hans Jakob, und daß das Unrecht und die Teufelei auf feiten deiner Frau find. Ich werde sie daher am nächsten Sonntag in das Drill- höuschen am Markte fetzen lassen, und du selber sollst sie vor der ganzen Gemeinde herum drehen, bis dein Herz genug hat und sie gezähmt ist!" Allein der Bauer erschrak über diesen Spruch unj) bat den Landvogt angelegentlich, davon äbzustehen. Denn wenn feine yrau, sagte er, auch «in böses Weib sei, so sei sie immerhin feine Frau, und es gezieme ihm nicht, sie in solcher Art der öffentlichen Schande preiszugeben. Er möchte Ml len, es etwa bei einem kräftigen Verweise bewenden lassen zu wollen, hierauf ließ der Landvogt den Mann hinausgehen und die Frau wieder eintreten.Euer Mann ist", sagte er zu ihr,allem Anscheine nach ein Taugenichts und hat sich selbst den Kops verbrüht, um Euch ins Unglück S stürzen. Seine ausgesuchte Bosheit verdient die gehörige Strafe, die r selbst vollziehen sollt! Wir wollen den Kerl am Sonntag in das Drillhäuschen setzen, und Ihr möget ihn alsdann vor allem Volk so lange drillen, als Euer Herz verlangt!" Die^Frau hüpfte, als sie das hörte, mr Freuden in die Höhe, dankte dem Herrn Landvogt für den guten Spruch und schwur, daß sie die Drille so gut drehen und nicht müde worden wolle, bis ihm die Seele im Leibe weh tue!

Nun sehen wir, wo der Teufel sitzt!" sagte der Landoogt in strengem ton und verurteilte das böse Weib, drei Tage bei Wasser und &rot im Turm eingesperrt zu werden. Zornig blickte der Drache um sich, und als sie links und rechts die Frauen mit den Rosen sitzen sah, die sie furchtsam betrachteten, streckte sie nach beiden Seiten die Zunge heraus, ihe sie abgeführt wurde.

Jetzt erschien ein ganz abgehärmtes Ehepaar, das den Frieden nicht finöen konnte, ohne zu wissen, warum. Die Quelle des Unglücks lag aber darin, daß Mann und Frau vom ersten Tage an nie miteinander ordent­lich gesprochen und sich das Wort gegönnt hatten, und dieses kam wieder­um daher, daß es beiden gleichmäßig an jeder äußeren Anmut fehlte, iie einem Verweilen auf irgend einem Aersöhnungspunkte gerufen hätte. 2er Mann, der ein Schneider war, besaß ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl, wie er meinte, und grübelte während des Nähens unaufhörlich über das­selbe nach, während andere Schneider etwa ein Liedchen fingen oder einen schnöden Spaß ausdenken: die Frau besorgte ausschließlich das kleine Ackergütchen und nahm sich bei der Arbeit oork beim nächsten Austritt nicht nachzugeben, und da sie beide fleißige Leute waren, so färben sie fast nur während des Essens die zum Zanken nötige Zeit. Aber auch diese konnten sie nicht gehörig ausnützen, weil sie gleich im Beginn des Wortwechsels nebeneinander vorbeischossen mit ihren ge­lösten Pfeilen und in unbekannte Sumpfgegenden gerieten, wo kein rigelrechtes Gefecht mehr möglich war und das Wort in stummer Wut erstickte. Bei dieser Lebensweise schlug ihnen die Nahrung nicht gut an, unb sie sahen aus wie Teuerung und Elend, obgleich sie, wie gesagt, nur an Liebenswtirdigkeit ganz arm waren, freilich das ärmste Prole­tariat. Gestern war der Zorn des Mannes auf das äußerste gestiegen, sodaß er aufsprang und vom Tische weglief. Weil aber das durchlöcherte Tischtuch an einem feiner Westenknöpfe hängen blieb, zog er dasselbe samt der Haferfuppe, der Krautfchüssel und den Tellern mit und warf Eos auf den Boden. Die Frau nahm das für eine absichtliche Gewalt­tat und der Schneider ließ sie, plötzlich von Klugheit erleuchtet, bei diesem Glauben, um fein Ansehen zu stärken und seine Kraft zu zeigen. Die Frau aber wollte dergleichen nicht erdulden und verklagte ihn beim Llnidvogt..

6 Als dieser sie nun nacheinander abhörte und ihr trostloses Zänkeln, m gar kein Kompaß noch Steuerruder hatte, wahrnahm, erkannte er

die Natur ihres Handels und verurteilte das Paar zu vier Wochen Ge­fängnis und Jum Gebrauch des Ehelöffels. Auf feinen Wink nahm der Weibel dieses Gerät von der Wand, wo es an einem eisernen Kettlein hing. Es war ein ganz sauber aus Lindenholz geschnitzter Doppellöffel mit zwei Kellen am selben Stiele, doch so beschaffen, daß die eine auf­wärts, die andere abwärts gekehrt war,

Seht", sagte der Landvogt,dieser Löffel ist aus einem Lindenbaume gemacht, dem Baume der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit. Denket beim Essen, wenn ihr einander den Lössel reicht (denn einen Zweiten bekommt ihr nicht), an eine grüne Linde, die in Blüre steht und aus der die Vögel fingen, über welche des Himmels Wolken ziehen und in deren Schatten die Liebenden fitzen, die Richter tagen und der Friede geschloffen wird!"

Das Mannlein mußte den Löffel tragen, die Frau folgte ihm mit der Schürze an den Augen, und jo wandelte das bleiche, magere Pär­chen trübselig an den Ort seiner Bestimmung, von wo es nach vier Wochen versöhnt und einig und sogar mit einem zarten Anflug von Wangenrot wieder hervorging.

Nach diesem wurde, und zwar aus dem Gefängnis, eine verdrieß­liche, dicke Frau vorgeführt, die mürrisch um sich blickte und sich nicht wohl befand. Es war die Gattin eines Untervogts, welche ihren Mann beredet hatte, den Landvogt mit einem Kalbsoiertel zu bestechen, daß er ihnen günstig gesinnt würde und durch die Finger fehe. Herr Landolt hatte die Frau, die das Fleisch selbst hertrug und scherwenzelnd über­reichte, so lange in den Turm gesetzt, bis das Viertelskalb von ihr auf­gegessen mar, das sorgfältig für sie gekocht wurde. Sie hatte sich be- greisticherweise damit beeilt, so sehr sie konnte, und vermochte nun ein gewisses Mißbehagen nicht zu verbergen. Der Landoogt eröffnete ihr, daß die Verzehrung des Kalbsviertels als Strafe für einen Beftechung's- verfuch anzusehen sei, daß aber für die Verleitung.des eigenen Ehe­mannes zum - Bösen eine Geldstrafe von fündundzwanzig Gulden und für die nachgiebige Schwäche des Mannes eine Buße von wiederum fünf­undzwanzig Gulden auserlegt werde, was der Schreiber vormerken möge. Die dicke Frau machte eine n»«geschickte Verbeugung und watschelte, mit beiden Händen den Bauch haltend, von bannen.

Zwei Schwestern von schöner Leibesbeschaffenheit waren angefchul- digt, den stillen und harmlosen Ehemännern nachzustellen und Zwie­tracht und Unglück in den Haushaltungen zu stiften, und überdies ihre eigene alte Mutter auf dem Krankenlager hilflos hungern und dahin- siechen zu lassen. Vor das Gericht des Landvogts gerufen, erschienen sie in verlockend üppigem Gewände, die Haare in verwegener Weise geputzt und mit Blumen geschmückt: und mit süßem Lächeln, feurige Blicke auf den Landoogt werfend, traten sie auf. Ihre freche Absicht erkennend, brachte er das Verhör sofort zu Ende und befahl, sie hinauszuführen, ihnen die schonen Haare am Kopfe wegzuschneiden, die Dirnen mit Ruten zu streichen und sie so lange an das Spinnrad zu setzen, bis sie einiges für den Unterhalt der Mutter verdient hätten.

Hierauf erschienen zwei religiöse Sektierer als Kläger: die hatten dem Landoogt den Bürgereid verweigert und sich beharrlich der Er- füllung aller bürgerlichen Pflichten widerfetzt, ohne den wiederholten güt­lichen Ermahnungen irgendwie Gehör zu geben, alles unter Hinweis auf ihren Glauben und inneren Beruf. Sie beklagten sich jetzt über arme Leute, welche in ihre Waldungen gedrungen feien und sich nach Be­lieben mit Brennholz versehen hätten.

Wer seid ihr?" sagte der Landvogt,ich kenne euch nicht!"

Wie ist das möglich?" riefen sie, indem sie ihre Namen nannten. Ihr habt uns ja schon mehrmals hierher berufen und den Amtsboten zu uns gesandt mit schriftlichen und mündlichen Befehlen!"

Ich kenne euch dennoch nicht!" fuhr er kaltblütig fort;da ihr selbst daran erinnert, wie ihr keine bürgerlichen Pflichten anerkannt habt, so vermag ich euch kein Recht zu erteilen; geht und suchet, wo ihr es findet!" .

Betroffen schlichen sie hinaus und suchten schleunig das Recht durch die Erfüllung der Pflichten.

In ähnlicher Weife befchied er noch einige Parteien und Vorgeladene mit feinen guten Einfällen; er schlichtete Zwistigkeiten und bestrafte die Nichtsnutzigen, und es war insbefondere zu beachten, daß er, den Fall mit dem bestechungsfüchtigen UnUroogt ausgenommen, keine einzige Geldstrafe ausfprach und nicht «inen Schilling bezog, während doch die Vogte diese Seite tyr Gerichtsbarkeit als eine Quelle ihrer Einnahmen zu benutzen angewiesen waren und sie nicht selten mißbrauchten. Seine Rechtsprechung stand deshalb bei hoch und niedrig in gutem Gerüche; feine Urteile wurden in zwiefachem Sinne als salomonische bezeichnet, und die heutige Sitzung nannten die Leute noch lange wegen des Stofen- duftes, der den Saal erfüllte, das Rosengericht des Landvogts Salomon.

Nun war er aber froh, daß das Geschäft, das er wegen der Vor­bereitungen zum heutigen Festtage so lange hlnäusgeschoben hatte, bis es notgedrungen auf Liefen Tag selbst fiel, abgetan war. Er lud die