Ausgabe 
10.10.1938
 
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und Geräuschen, mit Ihren Däusern, Bitumen und Menschen munter- barer war als je

Er spürte keine Dlübigteil und keine Schmerzen. Ja sein Schritt war beschwingt, als er dem Markt zuschritt, und als er dann zwischen all ten Ständen, Buden und Körben stand, da dacht« er wahrhastig daran, seiner Frau etwas mitzubrtngen, wie er es vor zwanzig oder dreißig Jahren getan hatte. Da aber entdeckte er, daß er seine Flucht ohne einen Pfennig in der Tasche angetreten hatte, wte er |a freilich auch ohne einen Pfennig gekommen war, und dann begann er jenen Marsch, von dem die Kunde ganz ohne sein Zutun das Dorf und die Gegend erfüllte und die Frauen die Tränen in die Augen trieb. Er brauchte für den Weg, den ein Gesunder und Kräftiger in anderthalb Stunden zurücklegte, sechs Stunden. Unzählige Male mußte er am Wegrain sich niederlassen, um zu verhüten, daß die Kraft feiner fo müden Füße noch vor dem Ziel bis zum legten aufgebraucht würde. Unzählige Male spürte er, wie die Verzweiflung mächtig werden wollte über ihn, aber dann Jagte er sich fetter und den Bäumen, die am Weg wuchsen, und den Bügeln, die ihn umschwirrten, den Saß mit dem er sich aus gemacht halte: Ich will daheim fterbenl und im Grund feines Herzens hieß es jetzt schon: Ich will daheim leben, Die ihn gehen sahen, sahen einen alten Mann, der ganz langsam daher tarn wie ein alter und milder Mann wohl daher kommt. Sonst sahen sie nichts.

In Ihm aber fchwoll, als er an den ersten Bäumen des heimat­lichen Waldes angekommen war, ungeheurer Triumph und Juvel auf und verließ Ihn nicht mehr. Als er an feinem Haus war, dämmerte schon der Abend Die Frau, die Ihm öffnete, schrie auf, aber er nahm sie ruhig am Arm und sagte wieder:Ich will daheim fterbenl Und dann lag er in (einer Kammer, zu der der Garten und die Erde herein dufteten und die letzten Spatzen herein lärmten, und dankte Gott, daß Ihm seine Flucht gelungen war, daß er daheim war, das Grunzen seines Schweines hären durfte und das Gegacker der Hühner. Er schloß die Augen und schlief wie ein Kind, das die Mutter hält.

Zwei Tage daraus starb er. Das alte müde Herz hatte sich die fielnv kehr erzwungen, aber es hatte auch (eine IStzte und heiligste Straft dafür hergegeben. Die Spatzen farmten aus dem Warten zu ihm herein und aus der Lust war das Schreien wandernder Schneegänse zu hären.

Er lächelte, als er starb.

Schwäbische Herbstfahrt.

Bon Friedrich Reck-Malleczewen.

Lech ist, wie im Norden die Eibe, in der deutschen Landschaft eine der großen Marklinien, Schelde zweier Welten mb zweier Lebens­gefühle. Etwas rmiljteinig, etwas fchwyzersich von feiner alpinen Wiege an, trennt er messerscharf alemannische von bajiwarlscher Well, läßt zu seiner Rechten barocke Verfviellheit und alle diese problemlos-heileren Festsäle des Reiches, die bis zur Ostflanke Niederäfterreichs, bis zum Wiener Praterfpitze, bis zu den fernen panonifchen Ebenen sich dehnen. Und befpült zu feiner Linken das Schwabenland. Tätiges Land, eifern« des und cholerisches Land, Raum eines wunderlichen Stammes, der in feiner gotisch-grüblerischen Seele vor einem halben Jahrtausend einen Zuschuß von Purltaneichlut empfangen hat

Fleißig und rechifchaffen (mit guttural-schweizerischen ,ch' zu fore- dien!). Immer ein bißchen aufgeregt in feiner Betriebsamkeit, nicht über­trieben liebenswürdig, ein bißchen käuzisch und manchmal etwas ab- aiimbig In seinem Humor. .Geh zu, Steffele' sagte in Mindelheim ter Adlerwtrt und setzte seinem bislang heiß geliebten, aber nun alt und überständig gewordenen Hündchen die Pistole hinterr Ohr .geh, Slefsele, dec Herr Bürgermeisd)ter hat and) schterben gemußt". Sprach's und drückte ab. So verhält es sich mit der schwäbischen Seele, jawohl. In der Fnggerei in Augsburg, die ja, mitten in der Stabt, eine kleine gotische Stadt für sich bildet, werden nod) heute Abend für Abend die Tore geschlofse». xludj das ist Schwaben. Keller und Mörike sind Blüten seiner Seele, wie die mummeiigen Dyrlinifchen Holzschnitzereien und die mit dem Teusel just fo wie mit den Göttern bumenben Wasserspeier am Ulmer Münster

Für einen dämmerigen Spätherbsttag ist die Stephansklause in Augsburg ein angemessener Aufenthalt, Fasan mit Sauerkraut bedeutet zusammen mit Nonnenstück, Späilese 19.35, ein annehmbares Früh­stück. Augsburg jedenfalls ist ein Fleck Heller und fröhlicher Lebendig­keit auf dieser rauhen und unwirschen Hochebene, die doch eigentlid) das slurmgepeitschte Dach des Reiches barfiellt ...

Augsburg also ist tönendes eifriges Leben. Wenn man es aber an solchem noch so lauen Oktobertag hinter sich hat, bann versinkt plötzlich diese lebenstüchtige Gegenwart, beginnen die Herbstnebel der nahen Donau, taucht aus dieser pressenden Cinsamkeit das Mittelalter auf und jene Zeit, als hier, gichtbrüchig und mit verhaltener Galle im Blut, der fünfte Karl des Weges zog, um in Augsburg (eine unbotmäßigen Relchsfürsten abzuftrafen. Dichte Nebel schieben fld) vor das ferne, steile Donauufer, mit Laternen, die selbst jetzt, am frühen Nachmittag schon brennen, huscht in gespenstischer Eile der Stuttgarter Fernirlebwagen Über die unermeßliche Ebene, vermittelt dem einsamen Wanderer, der Im offenen Wagen ein wenig fröstelt, etwas von seiner geborgenen und molligen Sicherheit, verschwindet in den silbrigen Schielern und läßt mid) allein mit der Einsamkeit der Straße und mit trüben Gedanken an die Möglichkeit eines gerade hier einleitenden unbehebbaren Motor­schadens. Vorerst Ist es damit gottlob nichts, vorerst fdnutrrt der Motor wohlig wie ein Kater. Nach ein paar Kilometern aber stößt man auf ein Gefährt, dos wirklich nicht weiter kann und wahr und wahrhaftig steht do an einem riesengroßen Buick mit -Erkennungsmarke ein engel­schönes Frotzeln, markiert mit Monokel und pechschwarzer Felix brasll Wleld)l)eit her Geschlechter, hat die 'Motorhaube geöffnet, hat sich eben an den heißen Zündkerzen die Finger verbrannt, funkelt mich verächtlich

durch das Einglas an. .Was machen Sie, mein Fräulein', so fragte bei der Autoprüfung der Examinator, .wenn Ihre Steuerung bricht, roenn Ihre Vergaserdüse sich verstopft, wenn Ihr Differential in Trümmer Iieljt?' und .Ich werde dann', jagt die füße Lady, .mich in den Graben etzen und billerllch meinen, bis ein Kavalier kommt und mid) ab« chleppt', sagte sie und Halter fraglos Recht. Wenn (c aber jleich jone liefe Zigarre rauchen, Frotzeln und wenn fe fo durchs Monokel funfein, dann ...

Vorüber, vorbei, hilf dir selbst, holder Flapper, wenn du durchaus Mann markieren willst. Und das da drüben ist Donauwörth und drüben die Jurahöhen bei Hvchsiädt stürmte Prinz Eugen von Savoyen zufam- men mit jenem Marlborough, der ja eigentlid) Churchill hieß und da­mals kaum gewußt hat, was für ein kompakter und höchst unrokoko» mäßiger Namensvetter sich zweihundert Jahre später auf den Schlacht­feldern der europäischen Politik tummeln werde. Und die Aöhen dort oben, die bedeuten die ßötfuge zwischen Bayer, Schwaben und Franken, und was westlich davon zu weiter Ebene sich dehnt und als weites dünnbesiedeltes Becken sich streckt bis zu den fernen, fernen Tafelbergen der schwäbischen Alv, das ist das Ries. Landschaft wundervoll erhaltener Dörfer, Born zahlloser deutscher Sagen, kostbare Fassung der beiden Edelsteine, die da Nördlingen und Dinkelsbühl heißen, Tummelplatz aller wütenden Heere des großen deutschen Krieges. Und links aus den Höhen von Hirnheim, wo kaiserliche Kroaten und Spanier den um die Stadt Nördlingen gelegten Belagerungsring gegen den Ansturm der schwedi­schen und der Weimarer Bataillone schützten, dort wachsen noch heute inmitten von Minze, Salbei und Thymian kleine wunderliche Blumen, denen auch der Laie sofort anfieht, daß sie Exoten sind inmitten der nördliche» Landschaft Die Jouragewagen der Spanier, der Kroaten, dem Ungarn und all der balkanifchen Hilfsvölker standen dort, Der- treulen die fremde Saat, und die Erde bewahrt es noch heute mus wie ein Blatt aus lebendiger Chronik. Bel Fürth, wo bei der Zirndorfer Feste Wallensteins Panduren biwakierten, ift's genau so ...

Und mit diesem lieben Nördlingen geht's einem in der frühe ange­brochenen Herbsinachi genau fo, wie mit allen diesen wehrgang-umgür- teten und lorgeschützten Nestern: aus der feuchten Dämmerung rettet man sich in ihre Tore wie zu einer schützenden Mutter, möchte sich möglichst tief verkriechen im Labyrinth ihrer Gassen, schlägt sein Domizil möglichst im Zentrum, in möglichster Entfernung von den Toren auf ...

Fühlt sich hier erst geborgen, geht abends, nach Gänsebraten und frischem Most, noch einmal ans Tor, späht hinaus in die hier un­vermittelt und ohne jedes .Weichbilb' beginnende näd)tfid)e Ebene, schaudert Insgeheim, hat, Im Rückblick auf das Helle und mollige Nest, ein ähnliches Gefühl wie ein Mann, der, um feine Behaglichkeit doppelt zu genießen, im eisig kalten Schlafzimmer aus dem warmen Belte Srobeweise ein Bein gesteckt hat und es dann geschwinde zurückzieht ins lärme. Hinterher, wenn man dann im ,Fadenherrn' den letzten Schop­pen hinter den Schlips gegossen hat, suhlt man sich just so geborgen, wie jener Man» In seinem Veilchen, denkt an die süße Lady mit Brasil­zigarre und Vergaserdefekt und dankt Gott, daß man nicht fo ist wie dieses Ekel und nicht hilflos auf der Landstraße liegt ...

Läuft am nächsten Tag den Wehrgang entlang um das ganze Nest, sckiaut bei Wellensittich- und kakteenzüchtenden phllofophlschen Bewohnern der alten Wehrtürme ein, entziffert die nicht immer salonfähigen In­schriften, die die Schildwachen des Dreißigjährigen Krieges In das alte Balkenwerk der Gänge einschnitten und stellt fest, daß damals die Dinge nicht viel anders gelegen Haden wie heute ,..

Besieht sich Im Augustinerkloster einen unwahrscheinlich schönen Veit- Stoß-Altar, rollt zum Tor hinaus in die champagnersrische Herbstluft, die nach abgeernteten Kartoffelfeldern, nach letzter müder Sonne, nach Rauch riecht. Tal und Hügel fo unbeschreiblich lieb geformt wie auf Thomaschen Landschaften, Dörfer fo geschloffen und fo messerscharf ab- Ksetzt von der ßanbfdyaft wie auf Dürerschen Schnitten, Hirten und lüger Im langen blauen Kittel, wie auf Bildern'zu Peter Hebels alt- modisch feierlichen Geschichten.

Am Berghang ein strickender Schäfer, im Dorf mit wandelndem Kasperltheater und umringender Jugend ein Zeltkarren, auf der Straße, von frommen Ochsen gezogen und tannenbekränzt ein Wagen, der das Heiralsgut einer Braut ins nächste Dorf bringt, an der nächsten Kurve aber ein Gedenkstein mit der Inschrift, daß hiersetbst am eisten August 1928 Achill Malcolm, Viscount ok Hensbarrow, im Alter von breiunb- zwanzig Jahren durch einen Autounsall (ein junges ßeben verlor.

Was man für Schicksal antrifft auf solcher Straße! Der elfte August ist! sozusagen der Tag, an dem man, geraume Zeit vor Sir Achill, zur Welt kam, der elfte August haftet also gut im Gedächtnis, der elfte August war nnno 1928 ein schöner Heller Samstag, und man feiert« und Eljiemgauer Krebse und krank leid)! moussierenden Herziger und hatte abends Kammermufikgäfte und spielte weißt du noch von Mozert jenes Trio in B-dur, in dem dann der lässige Gassenhauer vom Bölzelsd;ießen die Melodie des Finale bestreitet.

Geburtstag und Todestag, überfchlagender Wagen und Kammer­musik, Todesschrei und Mozartsinale alles jufammengebrängt In einen einzigen Hetzen Sommertag, ber so funkelte wie die Blumenkrone, bie mir am Morgen ber Gärtner brachte.

Lachen unb Tod, alles in der gleichen Stunde es ist nicht anders, und wer lacht wohl und zecht und läßt fein Cello fingen, wenn wir uns satt getrunken haben am ßeben und wie dieser verzappeln müssen am Wegesrand?

Die bleiche Sonne weiß es wohl, die letzte Sonnenblume, die am müden Stengel hängt ...

Das Leben aber weiß es nicht unb witz's nicht wissen. Trunken wie Champagner macht die Luft mit dem feinen Rauchparfüm, trunken in tausend Plänen und Träumen. Trinken wir getrost, trinken wir, bis wir uns fattgetrunten und eingewilligt haben in den langen guten freund­lichen Winter.

Derantwortlich: Dr. Han« Thtzriot. Druck unb Verlag: Drühlsche Untverf ttätSbruckeret R.ßang«, Wietzen.