Abendlied.

Bon Johann Christian Günther.

Der Feierabend ist gemacht.

Die Arbeit schläft, der Traum erwacht,

Die Sonne führt die Pferde trinken;

Der Erdkreis wandert zu der Ruhl Die Nacht drückt ihm die Augen zu, Die schon dem süßen Schlafe winken.

Mein Abendopfer ist ein Lied,

Das dir zu danken sich bemüht.

Die Brust entzündet Andachtskerzen;

Gefällt dir dieser Brandaltar,

So mache die Berheißung wahr:

Gott heilet die zerschlagnen Herzen.

Du Geist der Wahrheit, breite dich

Mit deinen Gaben über michl

Dein Wort sei meines Fußes Leuchte!

Vergönne mir dein Gnadenlicht

Aus meinen Wegen, daß ich nicht

Mir selber zur Verdammnis leuchte.

Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl,

Doch, wo ich ruhig schlafen will.

So muß ich deinen Engel bitten;

Der kann durch seine starke Wacht

Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten.

Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlos ein Schlaf zum Tode sein, Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Bis ihn die letzte Stimme ruft. Den Geist im Himmel Frieden haben.

Heimkehr zum Sterben.

Von Johannes K i r s ch w e n g.

Der Holunder war reif und in ungezählten Dolden hingen feine blauschwarzen Beeren in den leuchtenden Herbsttag hinein. Die Spatzen lärmten darin, wenn der Morgennebel noch über dem Garten lag und die letzten waren noch nicht satt und trunken genug, wenn schon die srühen Abendglocken klangen. Immer wieder saßen auch Drosseln und Stare in dem alten Baum und all das Schilpen und Streiten machte den kleinen Garten, in dem es ertönte, zu einem Stück Wald, das in das Dorf hineingewachsen war, um ihm warm zu geben, Herbst und Winter hindurch.

Aber es war auch das dumpf« Fallen der Aepfel und Birnen zu hören und die frohen Stimmen der Kinder, die die überströmende Süße des Jahres mit Zunge und Gaumen »erschmeckten und noch mit keinem Gedanken an den Winter dachten, der doch schon aus den kahlen Wiesen aufzusteigen begann.

An einem solchen Tag nun geschah es, daß der Arzt, der Peter Pflumms langwierige und quälend« Krankheit zu heilen versuchte, ihm und seiner Frau sagte, es sei so nichts zu hoffen und alles zu fürchten und eine Wendung zum Besseren könne er nur versprechen, wenn der Kranke sich zu genauer und beständiger Beobachtung in das Kranken­haus der Stadt begebe und dort gewärtig sei, daß man ihm das un- liufhaltsam wachsende Hebet, den unaufhaltsam wachsenden Tod gewisser­maßen aus dem Leib herausschüeide und brenne.

Da aber, als er's sagte, gerade das trunkene Geschrei der Vögel in die niedere Kammer hineinschwoll, deren Fenster sich zum Garten öffnete, und da dieses Geschrei wie die trunkene und herrliche Stimme des Lebens selber war, nickte Peter Pflumm, der sich mit dem Tod doch ti)on fast angefreundet hätte und ihm in ingrimmiger Kameradschaft 'inen Platz in der Kammer und im Bett vergönnt, ja, das wollte er.

War solch ein Herbst denn nicht ein Wunder, das man sich noch ein Jönjes seliges Mal, ach noch viele Male wünschen und hoffen mußte! lind dann kam der Winter, in dem der Holzfeuergeruch in den Gassen t«s Dorfes hing, und der Frühling kehrte wieder, der die Anemonen unter den alten Buchen des Dorfes blühen ließ, und der Sommer mit Heuernten und wogenden Weizenfeldern.

Ach ja, er wollte, wenn es ihm frommte, wenn es noch ein solches Elches Jahr, gar wenn es zehn und noch mehr Jahre versprach. Das beben war voller Arbeit und Sorge gewesen, voller Leiden und Kämpfe, Und es war doch wunderbar gewesen über die Maßen. Es hatte ja all e Jahre hindurch den Holunder im Garten gegeben und die Aepfel und Salat und Krautköpfe und Flieder und Rosen und Lilien und das Herdfeuer im Winter und die mächtigen Holzstapel am Haus und den «iiind, der dann ruhig brausen konnte; und alles und alles.

So wurden ihm denn die viel zu weit gewordenen schwarzen Sonn- «fisfteiber ungezogen Er umsing noch einmal mit einem Blick des Ab­riebs den Garten, befahl noch das Schwein, das zu Martini geschlachtet

werden sollte, der Sorge der Frau es fei jetzt an der Seit dak <« an bh^t%iUn? Sel a(nleH' i)ann er oder lag'halb im Wagen des Arztes und fuhr der Stadt und der Heilung entgegen.

Die Fahrt tat ihm wohl trotz der unvermeidlichen Erschütterungen. Nicht wahr, em Mann, der so im Wagen aus seinem Dors heraus in bte Stadt fuhr, der war doch nicht sterbenskrank, der fuhr nicht nur der §'abment£efier\ ,on&n "euem Leben, neuen Frühlingen und Sommern. Die Menschen, denen sie wie im Flug begegneten, schienen ihnen sreund- lich zuzumcken: Nur voran, voran, es wird schon gut! und die Bauern- wagen, die das Gebraus des Motors noch überrumpelten, waren alle mit Zuversicht und Hoffnung beladen.

Und dann kam die Stadt, in der man den säuerlichen und verlocken- den Geruch von Bier und Wein aus den alten Gasthäusern zu atmen vermeinte..

Bis endlich im weißen und strengen Gang des Krankenhauses alles das zuruckblieb, wie wenn ein Jahr vergangen od«r ein Weltmeer über» quert worden wäre. Die Mienen der Schwestern waren voll Ernst und leiser Trauer, die Luft, durch die sie schritten, war nicht vom wilden und herrlichen Ruch des Lebens durchweht, sondern von Müdigkeit und heim­licher Angst, mcht von Aepfel-, Birnen- und Holunderduft, sondern von Karbol und anderen strengen und beklemmenden Gerüchen.

Peter Pflumm spürte mit einem Mal wieder, daß er sehr krank war, und daß der Arzt ihm dieses Krankenhaus verschrieben hatte wie eine lefcte, allzu bittere Medizin. Der Schweiß brach ihm aus und er begann Zu zittern, als wenn er unendliche Anstrengungen hinter sich hätte. Er wurde rasch ins Bett gebracht und merkte zuerst kaum, wo denn dieses Bett stand und wen außer ihm noch der hohe und helle Raum barg, der ihn ausgenommen hatte. In seiner Seele war nichts anderes als das Gefühl einer unendlichen Verlassenheit und einer dumpsen Angst, die er nicht verstand und sich selber nicht zugeben wollte.

Erst nach geraumer Zeit tauchte aus diesem trüben und atembe- rauuenben Nebel die Welt wieder auf und hatte zwei Gesichter und zwei Stimmen, das Gesicht eines sechzigjährigen mürrischen Mannes und bas eines halbwüchsigen bümmlichen Jungens, eine alte ewig klagende und mäkelnde Stimme und eine junge, rauhe und alberne.

Der alte Mann schien viele Schmerzen aushalten zu müssen, aber Peter Pflumm fühlte kein Mitleid, sondern nur Aerger und Ekel weil jener so maßlos jammerte und so ganz ohne Scham Leben und Sterben und Menschentum lästerte, auf eine frömmelnde Art zudem, der kein Satz gelingen wollte, ohne daß Gott und die Heiligen genannt wurden. Der junge Bursche aber schien sein kurzes und armseliges Leben für reich genug zu halten, um daraus ohne Aufhören Späße und Schwänke zu erzählen ober was er dafür hielt, und da sonst niemand Lust hatte, sie zu belachen, tat er es selber und tat es so ausschweifend und unver- chamt, daß es einem in die Ohren gellte und einen quälte wie Peitschen- chläge.

Die Fenster des Zimmers hatten schweres, üppiges Glas, die das liße Licht des Tages nur gedämpft hereindringen ließen. Der Blick fand immer wieder die strengen Muster des Hellen Wandanstriches, das Mes­sing der Bettstangen und die Vierecke der Türe.

Daheim aber war der Blick durchs offen« Fenster ins Weite ge­gangen ins Grüne der Bäume und in den Himmel der Vögel und Wolken.

Der Gefangene um des Lebens willen nahm es in Kauf, weil er dachte, daß nun sogleich mit dem Kampf gegen die Krankheit und den Tob, mit bem Kampf für tommenbe Sommer und Ernten begonnen würde, und er wurde erst ganz unglücklich, als er merkte, daß im Krankenhaus eine andere Uhr schlug als in seinem Leben da draußen, eine viel langsamere und bedenklicher«. Rach einer halben Woche erst wurde er durchleuchtet und danach dauerte es wieder Tage, bis der Arzt sich zeigte und bann boch nichts anderes zu sagen wußte, als daß er noch eine ober zwei Wochen brauche, um ben Kranken in die Ver­fassung zu bringen, die für ein gründliches Vorgehen erforderlich sei ...

Als aber die zwei Wochen und noch eine halbe dazu verstrichen waren, da erklärte er, vielleicht würde man doch auch ohne Schneiden, wenn nicht zu einer Heilung, so doch zu einer beträchtlichen Zurück- brängung bes Leidens gelangen können. Das Herz nämlich sei nicht so kräftig, baß es bie ungeheure Anspannung einer Operation mit Sicher­heit ertragen würbe.

Peter Pflumm hatte bas Eingenommen, wie er nun schon so viel Eingenommen batte in biefem Haus. Aber als ber Arzt gegangen war und ber junge Mensch mit feiner meckernden Stimme irgend etwas Höhnisches über Peter Pflumms Krankheit und Hoffnung sagte, da war es zuviel. Er sprang auf, versetzte dem Kläffer ein paar derbe Ohrfeigen und riß das Fenster auf, als wenn er die Sonne und den Wind sich zur Hilfe hereinholen wolle.

Der Alte jammerte über die Kälte und verlangte, daß das leicht­sinnig geöffnete Fenster sogleich geschlossen würde. Aber als der Wind von da draußen, der Wind der weiten Welt und des Dorfes da draußen, Peter Pflumm anwehte, da war er plötzlich wunderbar verwandelt. Er atmete zum erstenmal wieder ganz tief, er sah zum erstenmal bie Welt wieder anbers als durch einen trüben Schleier und bann sagte er im Rausch eines Glückes, bas so selten war in seinem harten Leben:Ich will baheim sterben!"

Er zog sich mit zittemben Hänben an und nach ein paar Minuten schritt er unter bem quäkenden Wehgeschrei des Alten und unter bem grimmigen Lachen bes Jungen aus bem Zimmer, bas vier strahlenb« Herbstwochen feines Lebens verschlungen hatte wie ein gefräßiges Un­geheuer.

Es war ihm bestimmt, daß keine ber Schwestern und keiner ber Aerzte, die ihn kannten, auf ben Gängen war, als er mit pochendem Herzen bafjerging. Das Tor aber öffnete er sich selber und stand bann auf ber Straße, stand draußen in der Welt, die ihm mit ihrem Farben