Ausgabe 
7.10.1938
 
Einzelbild herunterladen

die vor einigen Jahrzehnten eingegangen ist. Sie veranlaßte ihn zu der Wortprägungblschofen", was so viel wie tüchtig trinken bedeutet. Dem Bischöfen ist der Dichter bekanntlich bis an sein Lebensende treu geblieben.

Zu den dauerhaften Gebäuden, die die preußische Verwaltung in Plack errichtete, gehört auch das Gefängnis, das heute noch dem Grün­dungszweck dient. Das Schild über dem Eingang trägt jetzt zwar eine polnische Inschrift, aber darunter ist noch deutlich zu erkennen:Fried­rich Wilhelm III.". Als wir unserer Verwunderung Ausdruck geben, sagt plötzlich eine Stimme hinter uns In deutscher Sprache:Das haben sie schon so oft weggewischt, das kommt immer wieder vor." Das junge Mäd­chen, das diese Worte spricht, entpuppt sich als eine Kolonistentochter. Es gibt in der Umgebung von Plock noch eine Anzahl deutscher Sieb« (ungen. Ihr Mittelpunkt ist die protestantische Gemeinde, die in Plock über eine schöne Kirche verfügt, in der Hoffmann oft die Orgel ge­spielt hat.

Das Merkwürdigste ist, daß Hofsmann, der sein Leben lang von Teu­feln und Dämonen verfolgt wurde, dle In seinen phantastischen Geschich­ten wiederkehren, heute noch in Spukgeschichten Im Plocker Volksmunde fortlebt Man kennt zwar nicht seinen Namen, aber man kennt ihn als Preußen" undDichter". Manche wollen ihm bei Nachtzeit begegnet sein und mit ihm eine Unterhaltung in deutscher Sprache gepflogen haben Schlimmer ist es, wenn er einem in Begleitung einer Dame und eines Priesters erscheint. Die Dame zeigt auf Vorübergehende, die der Preuße" dann zeichnet. Steckt die Dame die Zeichnung in ihre Tasche, so stirbt der Betreffende in einigen Tagen. Glücklicherweise wird den Wünschen der Dame nicht immer Rechnung getragen, denn der Priester verteidigt mit beredten Worten ihre unglücklichen Opfer und verhindert öfter, daß sie gezeichnet werden. Solche Spukgeschichten, die der Hoff- mannschen Phantasie alle Ehre machen, kann man 135 Jahre nach seinem Plocker Aufenthalt vom Volke hören. Sie finden sogar ihre Fortsetzung in Warschau, wo in dem Hause auf der Freta-Gasse die alten Leute von einem jungen Dichter erzählen, dessen Flötentöne in manchen Nächten zu hören fein sollen. '

In dem für mystische und übersinnliche Dinae zugänglichen Polen hat die Dichtung Hoffmanns viel Verständnis gefunden. Seine Werke wurden zum großen Teil übersetzt. In gebildeten Kreisen ist sein Name geläufiger als der bekannterer deutscher Dichter. Neuerdings hat ein polnischer Schriftsteller, Witold Bunikiewicz, Hofsmanns Plocker und War­schauer Jahre zum Gegenstand eines Romans gemacht:Der schwarze Karneval" erfreut sich einer für polnische Begriffe großen Verbrei­tung und hat Hoffmann zu einer volkstümlichen Gestalt mit polenfreund­lichen Zügen gemacht. Obwohl der Roman von einem starken polnischen Nationalismus erfüllt ist und das Freiheitsstreben der Polen unter preu­ßischer Herrschaft zeigen soll, gibt er doch ein Bild der positiven Arbeit, die Preußen tat. Die Lage der Bauern wird verbessert, die Städte wer­den entwickelt. Der Pole lernt den Begriff staatlicher Ordnung kennen. Gegen Preußen sind die Schlachta, die ihre Privilegien verliert, und die Juden, die mit der Schlachta ihre Geschäfte machten. Wenn Bunikiewicz ETA. Hoffmann und feinen Freund Zacharias Werner als Menschen mit Sympathien für die polnische Bewegung schildert, hat er insofern recht, als beide als Beamte nur das Wohl der ihnen anver­trauten Gebiete ohne nationale Unterdrückung im Auge hatten. Das war aber ein Zug, der die. damalige preußische Verwaltung überhaupt aus^eichnete.

Das Zusammentreffen der preußischen und volnischen Welt wird bei Bunikiewicz zu einem geistigen Problem. Wohl schildert er die polnische Welt reicher, bunter und kräftiger, die sogar ihre Anziehungskraft auf die Fremden nicht verfehlt, deren Kinder der Polonlsierung erliegen. Aber es fehlt doch das abstoßende und durch Haß verzerrte Bild Preu­ßens, das wir sonst aus polnischen Romanen kennen. DerSchwarze Karneval" hat seine Bedeutung schon dadurch, daß ein polnischer Schrift­steller auf die Berührungspunkte zwischen Deutschen und Polen hinweist, Die älter sind als die Ostmarkenpoliilk.

Hoffmann hat in Polen zwar nlcht seine größten Werke geschrieben, aber er hat in diesen Jahren bleibende Eindrücke empfangen. In den Elixieren des Teufels" hat das Bild des Plocker Klosterlebens eine Rolle gespielt. In seinen Erzählungen, die Nürnberg zum Schau­platz haben, taucht das alte Warschauer Stadtbild auf. Gerade in Polen konnten sich die romantischen Neigungen Hoffmanns entwickeln. Wie stark er gewirkt hat, beweist die Tatsache, iwß weder das Volk noch die Literatur Ihn vergessen haben. t

Sudetenland im Spiegel der Sage.

Der Schloßherr von plöckenstein.

An der Stelle, wo heute der Plöckensleiner See sich befindet, stand vor langer, langer Zelt ein Schloß. Der Besitzer dieses Schlosses, ein ganz verwilderter und verkommener Mann, pflegte alle Wanderer, die vorbei­kamen, zuerst prächtig zu bewirten, bann aber aus Ihrem Schlafgemach in einen unergründlichen Abgrund zu stürzen. Schon viele arme Wanderer waren dem Unhold zum Opfer gefallen.

Eines Tages tarn ein seltsamer Wandersmann in das Schloß und bat um Nachtheroerge. Dem Schloßherrn fiel gar nicht auf, daß dieser Wan­derer von ganz besonderem, unheimlichem Wesen war, daß in seinem Blicke etwas Lauerndes, Drohendes und Gefährliches lag. Er bewirtete ihn auf die freundlichste Weife und führte ihn dann in das tZchlafgemach. Wie er aber feine Untat ausführen und den Gast durch eine verborgene Tür hinausftohen wollte, damit er in die unergründliche Tiefe hinabstürze, packte ihn dieser beim Genick und schleuderte ihn hinaus. Dann verwünschte der Wanderer, der kein anderer als der Teufel war, das Schloß. Es ver­sank in den Abgrund, und aus dessen Tiefe strömte Wasser auf Wasser

empor und füllte ihn aus. So entstand der Plöckensleiner See, der auch heute noch unergründlich fein soll.

Gibacht und Siehdichsür.

In alter Zelt, wo noch dichter Wald das Grenzgebiet des Egerlandes bedeckte, waren die Straßen unsicher. Wenn Egerer Kaufleute ihre Waren wohlbehalten an ihren ersten Bestimmungsort, auf den Hauptmarkt in Plan, bringen wollten, so war dies nur möglich unter einer starken Be­deckung wohlbewaffneter Söldner. Kam ein so geschützter Zug an eine berüchtigte Stelle, dann ertönte der Befehl des RottenmelslersGib achtl" _ und die Söldner und Kaufleute faßten ihre Waffen kampfbereit und hielten scharf Umschau. Zogen Kaufleute in der Richtung von Plan nach Eger, dann erscholl am Eingänge in den düsteren Wald der RufSieh dich für!

Diese Befehlsworts der Begleitmannschaft wurden später Warnungs­rufe für Wanderer überhaupt und in der Folgezeit zugleich Namen für die Siedlungen, die an diesen gefährlichen Stellen entstanden. Heute noch bestehen die Dörfer Gibacht und Groß- und Klein-Siehdichfür im Bezirke Königswart.

Der Kampf mit den Wölfen.

In früheren Zelten, als es noch viele Bären und Wölfe in unseren Wäldern gab, fuhr ein Fuhrmann in einer Hellen Winternacht über das Erzgebirge. Dort, wo jetzt der Ort Sauersack liegt, war zu jener Zeit nur ein einsames Einkehrhaus. Als der Fuhrmann zu diesem Hause tarn, bemerkte er, daß ihm sein Sack mit Hafer fehlte. Er Überließ daher dem Wirt die Obsorge für die Pferde, nahm einen Prügel zur Hand und lief auf dem Wege zurück. Da hörte er, je weiter er kam, immer näher und deutlicher das Heulen hungriger Wölfe. Schon wollte er umkehren, da fand er endlich den Sack. Schnell hob er ihn auf und eilte zurück. Da stürmten aber schon die Wölfe aus dem Walde heraus, auf ihn los. Der Mann aber verstand es, obwohl er auf der linken Schulter den Sack mit dem Hafer trug, fo gewandt und ausgiebig mit feinem Prügel dreinzuschlagen, daß sich die Wölfe zurückschlichen. Sie blieben aber in der Nähe, und deutlich konnte der Fuhrmann, der mit schnellen Schritten zu dem Einkehrhaus eilte, Ihre funkelnden Augen aufflammen sehen und ihr unterdrücktes Winseln hören. Erst vor dem Hause, in dem die Hunde wütend zu bellen begannen, verschwanden sie.

Der Fuhrmann aber sank in der Stube erschöpft nieder und sagte: Du mein Gott, der Sack ist mir aber sauer geworden!" Nach diesem Aus­spruch erhielt der Platz und der Ort, der später dort errichtet wurde, den Namen Sauersack.

Die erste Steinkohle.

In Schlesisch-Oftrau wurde die erste Steinkohle an der Stelle gefunden, wo sich heute der Drelfalttgkeitsschacht erhebt, lieber ihre Entdeckung berichtet die folgende Sage.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts lebte in Schlestsch-Ostrau ein fleißiger, aber armer Schmied. Damals befaß man zum Heizen nur Holz­kohle, und die war dem armen Manne zu teuer. Als ihm eines Tages eine große Arbeit aufgetragen wurde, wußte er nicht, woher er die not­wendige Holzkohle nehmen sollte. Deshalb ging er des Abends in den nahen Wald. Dort pflegten die Hirten gewöhnlich Feuer zu machen, und er hoffte, in der Afcye noch ein paar Kohlestückchen zu finden. Er hatte auch bald einen ganzen Sack voll gesammelt und eilte froh nach Hause.

Am'nächsten Morgen prasselte schon zeitlich in der Frühe ein lustiges Feuer in seiner Werkstücke. Als er wieder zulegen wollte und in den Sack griff, sand er unter der Holzkohle einige schwarze Steine, die er in der Dunkelheit gleichfalls mitgenommen hatte. Aergerltch, solch unnützes Zeug geschleppt zu haben, warf er sie in das Feuer. Doch stehe dal Sie fingen an zu brennen und entwickelten eine außerordentliche Hitze. Der Schmied war sehr erstaunt. Er ging sofort in den Wald und suchte an derselben Stelle nach, wo er die ersten schwarzen Steine aufgelesen hatte. Er sand auch beim Nachgraben eine ausgiebige Menge. Von nun an hocke er sich davon, soviel er brauchte, und fein Geschäft blühte in kürzester Zelt neu auf.

Anfangs hielt der Schmied feine Entdeckung geheim. Aber die Nachbarn merkten bald, daß aus feiner Esse jetzt immer ein seltsamer schwarzer Rauch aufsteige. Eines Tages kam der Lehrer des Ortes zu dem Schmied, und nun konnte dieser fein Geheimnis nicht länger bewahren. Doch dauerte es noch lange, bis die ersten Bohrtürme sich erhoben.

Der Kampf ums Recht.

Die Bauern des ehemals deutschen, gegenwärtig zu drei Vierteln tschechischen Sprachgrenzdorfes Bowitz bei Netolitz besitzen noch heute Wiesen bei Se^. Auf diese machte vor vielen Jahren der Fürst, dem welk herum alles Land gehörte, Anspruch. Als die Bauern und die Beamten des Fürsten beisammen waren, um die Sache zu entscheiden, erklärte ein Bauer aus Selz, er könne Zeugenschaft abgeben und beschwören, daß diese Wiesen seit je Besitz der Bowitzer Bauern gewesen seien. Da man ihm nicht glauben wollte, sagte er:Ich will gern mein Leben opfern, um der Wahrheit zum Recht zu verhelfen. Schlagt mir hier auf der Stelle den Kopf abl Es wird bann sofort ein Regen kommen und mein un­schuldiges Blut wegwaschen. Das soll das Zeichen [ein, daß ich die Wahr­heit sprach, und daß diese Wiesen uralter Bauernbeslh sind." Nach langem Zaudern tat man so. Die Beamten ließen dem Mann durch ihre bewaff­neten Diener den Kopf abschlagen. Kaum lag er auf dem Boden, da erhob sich ein Gewitter, und der Regen strömte so furchtbar hernieder, wie man es noch nie erlebt hatte. Im Nu war die blutbefleckte Erde reingewaschen. Die Beamten des habgierigen Fürsten aber erschraken und flohen. Nie mehr versuchten sie, den Bauern ihre Rechte streitig zu machen.

*

Das reiche Sagengut der Sudetendeutschen wurde von dem Volkskundler der Prager Universität Gustav Jungbauer gesammelt und im Adam-Krast- Berlag unter dem Titel .Heimat und Volk" veröffentlicht.

Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und Verlag: Vrühlsche Univers itätsdruckerel R.Lange, Gießen.