Herbst.
Don Ruth Schaumann.
Aus meinem Haus, vor seine Tiir Tret' ich heraus, den Herbst Ich spür: Der Nebel schwebt die Mauern her. Die Espe bebt und welkt sich leer. O Zeit, wer setzt sich dir zur Wehr?
Aus meiner Hand das Lämpchen scheint, Vom Giebelrand ein Käuzchen weint, Laub rauscht so sacht gleich altem Brief, Kein Stern erwacht, der Wind entschlief. O Nacht, was bist du groß und tiesl
Ein kleiner Hund trabt still herzu Als sei er wund und ich die Ruh. Des Lämpchens Rauch schwelt aus wie Gier, Mein eigner Hauch verlöscht in mir. O Gott, was bin denn ich vor dir?
_ Oie zweiräumige Werkstatt.
Eine Betrachtung über Dichter und Maler.
Von Georg von der Bring.
Die Borerlebnisse eines Dichters und eines Malers sind durchaus voneinander verschieden; das ist eine alte Weisheit. Es erlebt zum Bei- Ipiel ein Dichter einen Weidenbaum anders als ein Maler. Den Dichter wird vielleicht der Ton des leise hindurchstreichenden Windes anrühren, dm Maler möglicherweise der silbrige Schein der Blätter, die dieser Wind umwendet. Zwischen den Bor-Erlebnissen der beiden liegt eine Grenze; sie ist fließend. Nun habe ich in all den Jahren Künstler rennengelernt, die diese.Grenze fortwährend überschritten: sie brachten, soweit es Maler betraf, Dichterisches in ihre Bilder, oder sie gerieten, als Dichter, in den Bereich der Maler, malten in Worten usw. Andere malten sogar in Klängen und befanden sich somit in der Domäne der Musiker. In diesem Punkte hat es manche- Verwirrung gegeben; und da die menschliche Seele ein Schauplatz von Verwirrungen gewesen ist und aarlausig wohl bleiben wird, so gilt es, in diesem Falle für den Künstler, »le Aufmersamkeit zu schärsen.
Um die fließende Grenze zwischen Dichtung und Malerei weiß 1 einer so genau Bescheid wie jener Künstler, den man eine Doppel« eaabuNg nennt. Doppelbegabung hat es mehrere gegeben. Man Imke an Keller und an Koplsch; die Reihe ließe sich verlängern, »hre Zahl wird übrigens leicht überschätzt: es gibt nur wenige bedeu- vnde Dichter, die wirklich Gewichtiges auch als Maler geschassen haben, «nd umgekehrt. Selbst bei Goethe wirken die an sich sehr inter- i|(anten Zeichnungen episodisch, wie Zwischenspiele.
Keller, der ein bedeutender Maler war, entschied sich rechtzeitig für He Dichtung; früher oder später werden alle wirklichen Doppelbe- (öbungen vor diese Entscheidung gestellt, denn niemand kann zween Rusen dienen. Das Leben ist kurz. Das Leben des Künstlers ist meistens, »eil (o sehr bedroht, noch kürzer. Da gilt es hart arbeiten, um das »lel zu erreichen. Wer von ihnen erreicht es? Die meisten sterben vor- ftiitg aus ihrer Werkstatt hinweg.
Der Dichter, von dem hier die Rede ist. hat lange — von ihm aus fefehen: wohl oder übel •— in einer zweiräumigen Werkstatt gearbeitet. *r entstammt einer Familie, in Ihr es Maler yab, Maler, die gelegen!« M; Verse machten; so gab es für ihn kein Entrinnen. Er will nicht oer« mroeigen, daß das Los eines solchen Künstlers, „doppelt begabt" zu hn, doppelt schwer ist. Der so Betroffene entscheide sich möglichst früh.
Wieso aber — er entscheide sich? Wofür? Wenn ihm das eine so f»b ist wie das andere, wenn die Verlockung von beiden Seiten ihm Jid)t Ruhe läßt — wie soll er sich entscheiden? Die Bor^krlebnisse, von brnen vorhin die Rede war, sie gaben sich ja in ihm verdoppelt! Das Pißt soviel, er besitzt die Fähigkeit, Vor-Erlebnisse zu empfangen und 8» verwerten, die zu Dichtungen führen müssen, und andere, die nur t'mait werden können. Dadurch ist seine Müye eine doppelte. Er geht äoei Wege zugleich. Es ist fast unausdenkbar. Er wechselt, nachdem er tue Strecke auf dem einen Wege fürbaß gegangen ist, auf den anderen M hinüber. Um dorthin zu gelangen, hat er das Dornen- und Distel- 'Id einer radikalen Umstellung zu durchmessen. Diese fortwährenden Umstellungen von der einen Art zu erleben auf die andere sind überaus Mtraubenb und schmerzhaft. So ist ihm wirklich anzuraten, er möge ich frühzeitig für den für ihn gangbarsten Weg entscheiden und sich den -Veiten aus dem Sinn schlagen.
Der Dichter, von dem gesprochen wird, scheint es getan zu haben. Seine Zeichnungen von kleinen schlafenden Buben liegen schon Jahre iKürf. Seine Wiegenlieder, die aus der gleichen Zeit flammen, mögen ufioctfen, wie [eine Wege vorn gleichen Objekt [schlafendes Kind) durch i«ci verschiedene Vor-Erlebnisse zum Bild und zum Liede sührten. Das “<b, das dem gleichen kleinen schlafenden Buben gegolten hat, lautet:
Schlaf, mein Sohn, die Kerz' ist nieder, Alles still, verkrochen Maus.
Stunde hin und Stunde wieder Geht der Wächter um das Haus.
Schlaf, mein Sohn, den Daum’ Im Munde, Daum' Im Munde — Mutter singt.
Weit im Runde lausen Hunde, Bogel im Ring — Mutter singt.
Schlaf, mein Sohn, im Bett schon liegen Alle Jungens, dick und still.
An dem Berg noch schwingen Wiegen, Doch am Meer stehn sie schon still.
Schlaf, mein Sohn, die Kerz' ist nieder, Alles still, verkrachen Maus.
Stunde hin und Stunde wieder Geht der Wächter um das Haus.
Ueberhaup! war ihm damals jedes künstlerische Erlebnis ein dop« peltcs; und somit ward ihm die 'Verpflichtung auferlegt, doppelt zu arbeiten. 'Ulan folgt dem Befehl, man ist' jung, die Begeisterung kennt keine Grenze. Fortwährend bekommt man Zwillinge. Wie fraflraubcnb! Ssenn er dann älter wird, gibt es für ihn wiederum etwas zu lernen: Defonoiniel Das heißt fo viel: Es gibt von nun an nur noch einen Weg. Diese Entscheidung, als sie bann fiel, beglückte ihn mehr als alle Entscheidungen, die er ist seinem Leben zu treffen hatte. Mag feine Werkstatt auch heute noch zweiräumig sein, wie damals — er betriti nur den einen, ihm überaus lieb gewordenen Raum und drückt vor dem Raum nebenan beide Augen zu. Diesen betreten vielleicht zu guter Stunde einmal ein alter Freund, der von weit hergereist ist, ober Oie Frau, wenn sie bie Spinnenweben entfernt.
Aber manchmal kommt bleiern Dichter der Gedanke: Wenn ich alt [ein werde ... wie schön, wenn ich alt sein werde; vorausgesetzt, daß ich gesund bin .. wenn ich so ein alter Mann sein werde, dem die Kinder eins nach dem anderen aus und davongegangen [inb, bem nichts geblieben ist als bie Frau, die vor allem gern zu den Kindern reift, um dort nach bem Rechten zu schauen — bann, ja bann mochte Ich mir einen Keilrahmen spannen und die Farben nehmen und in den Garten gehen und, vielleicht, eine Schwertlilie malen ober einen braunen Topf mit Gras und Enzian. Dos wären bie Gebauten eines Mannes, ber bas Seine getan, ber viele Bücher geschrieben und all seine Lieber oer- jungen hat; unb bieje Gedanken eines Alten, ber still (eine Pfeife raucht, sie roenben sich jener schönen Muse zu, der er in feinem Leben hat entsagen müssen. Sie aber, bie ihm seine Liebe nicht klar erroiberte, mag er bann so frei, vertrauensvoll unb wunschlos lieben, wie ber Mensch es erst in später Zeit, ober nie, erlernt.
Auf den Spuren S. T. A. Hoffmanns.
In einer polnischen provinzslabt.
Bon Dr. Harald ßaeuen.
150 Kilometer westlich von Warschau liegt an der Weichsel bie alte Bischossstabt Plock. Im Gegensatz zu anderen polnischen Provinzstäblen zeichnet sich Plock burch schone gerabe Straßen aus. Ein Teil ber Alt» stabt würbe zur preußischen Zeit geschassen, als nach ber brüten Teilung ein großer Teil bcs späteren Kongreßpolens als „Südpreußen" unter Hohenzollernberrschast kam. Die Amtsgebäube in Plock stammen vlelsach noch aus biefer Zelt. Sie haben für uns ein besonderes kulturhlstorifches Interesse, denn im zweiten Stock ber heutigen Starostei liegen bie Zimmer, in denen ber preußische Regierungsrat E. T. A. Hoffmann gearbeitet hat.
Sein Aufenthalt in Plock war bie Folge einer Strafversetzung. In Posen hatte er sich bei einem Maskenball durch bie Anfertigung von JraritaTuren auf ben Äommanbierenben General von Zastrow mißliebig gemacht. Gleichwohl find bie beiden Jahre in Plock für bie geistige Entwicklung des Dichters außerordentlich fruchtbar gewesen.
Plock Ist bis zum heutigen Tage eine Stadt voll von Mystik und Gehelmnisten. Wenn die Nebel aus der Weichsel aussteigen, erzählen bie alten Leute Geschichten von Fischern und Mönchen, von Rittern und Liebenden, bie ber Fluß mit hinab genommen haben soll. Es spukt in Plock an allen Ecken. Auch die gelehrten geistlichen Herren aus ben Priesterseminaren konnten sich von dieser Stimmung nicht frei machen. Die Scholastik blühte. Die Kette ber verschiebensten geistigen Zirkel und Sekten, bie sich in Plock nachelnanber bilben, reißt bis zum heutigen Tage nicht ab. Die Kleriker wurden unterstützt durch die Schlachta (ben Abel) der Umgegenb, bie nicht viel Gelegenheit fanb, ihr Gelb in ber kleinen Stobt auszugeben, sich aber oft große Bibliotheken zulegte und einen Bildungsgrad erwarb, der über bas Durchschnittliche hinausreichte.
Man kann sich vorstellen, wie sich ber phantasievolle unb erfinbungs- reiche E. T. A. Hoffmann von biefer Atmosphäre angezogen gefühlt hat. Durch feine Heirat mit einer Polln stand er der einheimischen Be- oölferung näher als andere Beamte. Die preußische Verwaltung hotte in den neuen Provinzen große Aufbauaufgaben. Der Postoerkehr mit Berlin unb Königsberg war rege. Der „Berliner Hof", bie damals vornehmste Gaststätte von Plock, ist auch heute noch vorhanden, nur ber Nome hat gewechselt: „Hotel Poznanski" (Posener Hotel). Aus bem Hos stehen wie zu Hossmanns Zeiten bie Gespanne der vom Land« hereingekommenen Leute. Einige Kutscher schlafen auf bem Kutschbock, während ihre Sperren in der Stadt Besorgungen machen. Ein solcher Anblick mag [ich schon Hoffmann geboten haben. Der Lebensstil des alten Plock ist durch moderne Technik noch wenig verändert.
Für Hoffmann war weniger anziehend ber „Berliner Hos" als bie dem bischöflichen Palais gegenüber gelegene Kneipe „Z u m Bischof",


