Ausgabe 
9.4.1937
 
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GietzenerKmiilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 195Z__Zreitag, den 9. April Nummer 27

Der Stechlin

Roman von Theodor Fontane

20. Fortsetzung.

Ah, sehr willkommen."

Und Wolde mar, so wenig gelegen ihm Czako auch kam, sprang doch auf und reichte dem Freunde die Hand.Sie kommen, um mir zu meiner englischen Reise zu gratulieren. Und wiewohl es so damit steht, Ihnen glaub ich"s, daß Sie"s ehrlich meinen. Sie gehören zu den paar Menschen, die keinen Neid kennen."

Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so ganz sicher: mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich komm ich, um Ihnen »ohl oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen i»aju. Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch mit Ihnen hinausI Sie «erden natürlich Londoner Militärattache, sagen wir in einem halben 8ahr, und in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt rnd etablieren sich als Sieger in einer Steeple Chase, vorausgesetzt, daß s so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt es jetzt alles ganz tnbers). Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege ver­öden Sie sich mit Ruth Rüssel oder mit Geraldine Cavendish, haben den Zedsorder- ober den Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen als Seneralgouverneur nach Mittelasrika, links die Zwerge, rechts die Men- chenfreffer. Emin soll ja boch eigentlich ausgesressen sein."

Czako, Sie machen sich's zunutze, daß bi» Mittagsstunde glücklich vor- ber ist, sonst könnten Sies kaum verantworten. Aber rücken Sie sich inen Sessel ran, und hier sind Zigaretten. Oder lieber Zigarre?"

Rein, Zigaretten ... Ja, sehen Sie, Stechlin, solche Mission oder »enn auch nur ein Bruchteil davon ..."

Sagen wir Anhängsel."

... Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein Lebtag i2wünscht habe. Bloß .Erhörung kam nicht geschritten . Und doch ist rad in unserm Regiment immer was los. Immer ist wer aus dem !?ege nach Petersburg Aber weiß der Teufel, trotz der vielen Schickerei, leine Wenigkeit ist noch nicht rangekommen Ich denke mir, es liegt fri meinem Namen. Hier hat ,Czako ja auch schon einen Beigeschmack, inen Stich ins Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin ewas Apartes, während es in Petersburg wahrscheinlich heißen mürbe: Ljako, was soll das? Was soll Czako? Dergleichen haben wir hier echter nd besser". Ja, ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher, ob man

drüben nicht Lust bezeigen könnte, in der Wahl von .Czako" einen !5itj ober versteckten Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winter- lilais und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie nach London «ab sogar nach Windsor. Und Windsor ist doch nun . mal das denkbar feinste. Rußland, wenn Sie mir solche Frllhstllcksvergleiche gestatten rillen, hat immer was von Astrachan, England immer was von Col- öefter. Und ich glaube, Colchester steht höher. In meinen Augen gewiß. 2ch, Stechlin, Sie sind ein Glückspilz, ein Wort, das Sie meiner er- ffiten Stimmung zugute halten müssen. Ich werde wohl an der Majors- h'-e scheitern, wegen verschiedener Mankos. Aber sehn Sie, daß ich das ensehe, das könnte das Schicksal doch auch wieder mit mir versöhnen." .Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich schade, d ß wir solche Leute wie Sie nicht bei unferm Regiment haben. Oder mmigftens nicht genug. .Fein" ist ja ganz gut, aber es muß doch auch knl ein Donnerwetter dazwischenfahren, ein Zynismus, eine Bosheit; l braucht ja nicht gleich einen Giftzahn zu haben, llebrigens, was die Pitentheit angeht, so fühl ich deutlich, daß ich auch nur so gerade noch Pflfiere. Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche. Wer heutzu- laie nicht drei Sprachen spricht, gehört in bie Ecke ..

Sag ich mir auch. Unb ich habe deshalb auch mit dem Russischen gefangen. Und wenn ich dann so dabei bin und über meine Fortschritte i! nab erstaune, dann berappte ich mich momentan wieder und sage wr: .Courage gewonnen, alles gewonnen". Und dabei laß ich bann zu ninem weitern Trost all unsre preußischen Helben zu Fuß unb zu pserbe an mir vorüberziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen senschastlichen und mitunter auch moralischen Ueberlegenheit. Da ist iu rft der Dersslinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen fein. Dann wn Blücher der war einfach ein .Jener. Und bann kam Wrangel ilQ trieb sein verwegenes Spiel mit .mir und mich""

Bravo, Czako. Das itt die Sprache, die Sie sprechen müssen. Und D!" werben auch nicht an der Majorsecke scheitern. Eigentlich lauft doch w5 bloß daraus hinaus, wie hoch man sich selber einschätzt. Das ist "u lief) eine Kunst, die nicht jeder versteht. Das Wort vom alten Fritz:

nt Er nur immer, baß Er hunderttausend Mann hinter sich hat. 1,13 Trostwort ist manchem von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz

unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb, Siege produzieren unter Umstanden auch Bescheidenheit."

.jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon. Aber wenn Sie erst Ihre Ruth haben ..."

kommen Sie mir nicht immer mit Ruths Oder eiqent- lich, feien Sie doch bedankt dafür. Denn dieser weibliche Name mahnt mich, daß ich mich für heut abend am Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den Barbys, wo"s, wie Sie wissen, freilich keine Ruth gibt, aber dafür eine Melusine, was fast noch mehr ist."

Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem Wasser kommt, ist mehr. Venus kam aus dem Wasser, ebenso Hero ... Nein, nein, entschuldigen Sie, es war Leander."

Egal. Lassen Sie's, roie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle tut einem immer wohl, llebrigens können Sie mich in meinem Kupee be­gleiten; vom Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre Kaserne." u

Das Kupee tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst acht, als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und, sich von Czako ver­abschiedend, die Treppe hinaufstieg. Er fand nur die Familie vor, was ihm sehr lieb war, weil er kein allgemeines Gespräch führen, sondern sich lediglich für seine Reise Rat erholen wollte. Der alte Graf kannte London besser als Berlin, und auch Melusine war schon über siebzehn, als man, bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen und sich aus die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber waren nun wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen, aber Vater und Töchter hingen nach wie vor an Hydepark und dem schönen Hause, das sie da bewohnt hatten, und gedachten dankbar der in London verlebten Tage. Selbst, Armgard sprach gern von dem Wenigen, dessen sie sich noch aus ihrer frühen Kindheit her erinnerte.

Wie glücklich bin ich", sagte Woldemar,Sie allein zu finden! Dgs klingt freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht entschuldigt. Wenn Besuch da wäre, nehmen wir beispielsweise Wrschowitz, und ich ließe mich hinreißen, von der Prinzessin von Wales und in natürlicher Konse­quenz von ihren zwei Schwestern Dagmar und Thyra zu sprechen, so hält ich vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit heut abend noch ein Duell auszufechten. Was mir doch unbequem wäre. Besser ist besser."

Der alte Barby nickte vergnüglich.

Jo, Herr Graf", fuhr Woldemar fort,ich komme, mich von Ihnen and den Damen zu verabschieden: aber ich komme vor allem auch, um mich in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit zu informieren. In dem Augenblick, wo der gänzlich ignorante Kandibcttus in seinen Frack fährt, guckt er so was soll Vorkommen noch einmal ins Corpus iuris und lieft, sagen wir zehn Zeilen, unb gcrab über diese wird er nachher ge­fragt und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch Vor­behalten sein. Sie waren lange drüben und die Damen ebenso. Auf was muß ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem, was muß ich sehn und was nicht sehn? Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem."

Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rücken Sie hier ein und gönnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, daß Sie den Tee würdigen werden, ist so gut wie ausgeschlossen; dazu sind Sie viel zu aufgeregt. Sie sind ja wie ein Wasserfall; ich erkenne Sie kaum wieder."

Woldemar wollte sich entschuldigen.

Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten über das. Alles ist heutzutage so nüchtern, daß ich immer froh bin, mal einer Aufregung zu begegnen; Aufregung kleidet besser als Indifferenz, und jedenfalls ist sie interessanter. Was meinst du k>ozu, Melusine?"

Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten."

Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was tun, was sehn? Oder wie Sie ganz richtig bemerken, was nicht sehn? Ueberoll etwas sehr Schwieriges. In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern, in England mit Hinrichtungsblöcken. Sie haben drüben ganze Kollek­tionen davon. Also möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen, immer mit Ausnahme von Sßeftminfter. Ich glaube, was man so mit billiger Wendung .Land unb Leute" nennt, bas ist unb bleibt bas Beste. Die Tbemse hinauf unb hinunter, Richmond-Hill (auch etzt noch, trotzbem wir schon November habens unb Werbekneiven unb Dubelsackpfeifer. Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten .Straßen-Raffael" begegnen, bann stehenbleiben unb Zusehen, was das sonderbare Genie mit seiner linken unb oft verkrüp­pelten Hanb auf bie breiten Straßensteine hinmalt. Denn diese Straßen- Raffaels haben immer nur eine linke Hanb."

Unb was malt er?"

Was? Das wechselt. Er ist imstande unb zaubert Ihnen in zehn Minuten eine richtige Sirtina aufs Trottoir Aber in der Regel ift er mehr Ruysbael ober Hobbema. Landschaften finb fein» syorv- b'm S»e- tllcke. Die Klippe von Dover hob ich wohl iroonigm-»' ae,er'n unb im er las Meer hin ben zitternden Monbstrahl. Da haben S":c schon was zur