Häuptling „Schwarzer Büffel" und auch der Professor Weih war em solcher, der Schuß durch den Borhangring hatte es bewiesen, aber wer der bessere Schütze gewesen ist von den Beiden damals im Kriege, das weiß ich nicht zu sagen, weiß nur, daß sie fielen, daß sie beide fielen, der eine schon bei dem Vormarsch an der Marne, der andere kaum ein Jahr später in dem mörderischen Ringen um Verdun.
Monolog des Prinzen von Homburg.
Von Heinrich von Klei st.
Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!
Du strahlst mir durch die Binde meiner Augen Mit Glanz der tausendfachen Sonne zu!
Es wachsen Flügel mir an beiden Schultern, Durch stille Aetherräume schwingt mein Geist;
Und wie ein Schiff, vom Hauch des Winds entführt, Die muntre Hafenstadt versinken sieht, So geht mir dämmernd alles Leben unter: Jetzt unterscheid ich Farben noch und Formen, Und jetzt liegt Nebel alles unter mir ...
Ach, wie die Nachtviole lieblich duftet!
ZRofe Arabesken.
Von Wolf Justin Hartmann.
Sicherlich sah er aus wie alle Kommandanten, die englische U-Boote führten. Die Insel bringt ja fast immer ihren eigenen Typ hervor; ein Typ seiner klaren, wenig vermischten Rasse war somit auch er, war blond und schlank und hoch und hatte ein glattes, hübsches, etwas schablo- niertcs Gesicht, das eher zu jung als zu alt im Rahmen seiner Aufgaben und Pflichten stand. Er rauchte und trank Whisky, er lachte selbstbewußt und spielte Fußball und Hockey und Cricket und Bridge und Poker. Er sang mit seinen Matrosen den Tipperary und den Sailing-Song. Kurzum: nichts Außergewöhnliches fiel an seiner Erscheinung und seinem Benehmen auf. Und doch muß ich bedauern, daß unsere Bekanntschaft nur so flüchtig und so andeutungsweise war. Denn er war ohne Zweifel ein ganz besonderer Kerl.
Mehr als einmal hat er es fertig gebracht, vom Aegäischen Meer durch die Dardanellen zu fahren. Hinter Cap Cephalo auf Jmbros war die abgelegene Bucht, von wo er zu diesen waghalsigen Dreistigkeiten aufzubrechen beliebte. Sobald er den Eingang der Großen Rinne erreichte, faßte er noch nach Leibeskräften Luft, saugte sich toll und voll an der köstlichen, salzigen Frische, tauchte und war verschwunden. Gegen den Strom in den Engen, an Untiefen, Felsen und bald verankerten, bald treibenden Minen vorbei schob er sich langsam voran. — Verdammt! Alle Hochachtung! Er war ein tüchtiger Schwimmer!
Erst in der Marmara, nach langen, gefährlichen Stunden, kam er wieder zum Vorschein, lächelte höchst befriedigt und zog eine glitzernde Furche bedächtig durch das Mondlicht. Die Furche zerlief auf der verschwiegenen Fläche, ein strudelndes Geschäume bezeichnete kurz die Stelle, wo er noch eben geweilt; er ist wieder unter Wasser. Mit angehaltenem Atem bringt er in den Bosporus ein, lauscht mit steifen Ohren, späht mit scharfen Augen nach allen Seiten aus. Kleine Wendung nach Backbord. Die Liebesinsel schimmert wie silberner Schmuck in der Ferne. Schon hat er die Ecke vorsichtig umsteuert, wo in märchenverwobener, zauberischer Pracht die Gärten des Padischah duften, die Gärten des Serail. Nun ist er im Goldenen Horn! Er kann es sich nicht verkneifen, er muß noch einmal lächeln, bevor er den Hebel herumwirft.
Bösartig faucht er los, gurgelt und quirlt neckische, schelmische Bläschen in einer geraden, abgezielten, unbeirrbaren Spur.
Krach! — Das hat gesessen!
Eine Fontäne steigt hoch, wunderbar gewirkt aus Gischt und Stahl vnd Mauerwerk, klatscht auf die Galatabrücke.
Krach! Krach! — Das große gelbe Transportschiff hat ein klaffendes Loch im Bauch. Schrecken und Wut lärmen los! Durch den aufgewühlten Hafen! Sirenen heulen, Pfeifen gellen dazwischen, Kommandos schreien heiser, Salven knattern; sie schießen, daß es funkt, jeder will ihn wo anders gesehen haben. In Galata, in Stambul, bis nach Pera hinauf springt der wüste, erregte Tumult! Geweckt ist Konstantinopel! Wieder einmal aus dem besten Schlummer gerüttelt, von diesem unbekümmerten, unverschämten Briten, der wie selbstverständlich seine Torpedos verschickt! Mitten im feindlichen Herzen!
Behaglich schnurrt er in der schwarzen Tiefe. Er lächelt in seinem Turm; er raucht eine Zigarette oder macht auch ein Nickerchen. Nach getaner Arbeit ist gut ruhn.
Geduldig wartet er ab, bis sie sich oben etwas beschwichtigt haben. Bis allmählich wieder die Stille auf friedlichen, sanften Schwingen über den Minaretts, den kuppelbekrönten Moscheen, steilen, engen, winkeligen Gaffen, prunkenden Plätzen, dem trotzigen Galataturm im bunten Häusergewirr und über Gärten und süßen Wassern und allen Schiffen schwebt. In unvergleichlicher, berückender, überwältigender Schönheit liegt im Glanz des Halbmonds die Stadt an den Hängen des blumigen Gestades das blendende Byzanz. Er hebt sich sacht aus seinem Versteck empor! windet sich behutsam zwischen drei Dampfern vorbei und gleitet, gleitet, gleitet, ein lautloses Biest unter Wasser, unbemerkt und unverfolgt durch L'ckst und Dunkel hinaus in die Marmara. Dort schnauft er auf und blinzelt und lächelt wie zuvor, holt Luft, soviel er kann, taucht nach
dem Hellesponi, taucht durch die Große Rinne, belauert von Tod und Verderben, ist plötzlich in der Aegäis und plätschert vergnügt und gelassen nach Cap Cephalo; um neue Leckerbissen, mit Sprengstoff und Preßluft geladen, sein säuberlich zu verstauen. Für seinen nächsten Besuch btt den Schläfern am Goldenen Horn.
Ein wahrer Teufelsjunge! — Gott habe ihn nun selig!
Bei Tschanak-Kala in den Engen, wo der deutsche Admiral und Seebefehlshaber saß, wurde mit Anerkennung und rückhaltlosem Respekt von dem U-Bootsmann gesprochen. Mag sein sogar, er war derselbe Bursche, der einmal seine Frechheit auf die Spitze trieb und als deutscher Offizier in tadellosem Zivil und mit einem Akzent, wie er in Köln am Rhein eben üblich ist, die Herren der Militär-Mission im Tokatlian beehrte, als sie in diesem gediegenen Hotel in der Grande Rue de Pera gemütlich und ungezwungen ihre Ansichten tauschten. Und nach dem Abendessen soll eine sehr verblüffte Ordonnanz unter dem Tischtuch, dort, wo er getafelt hatte, eine Karte gefunden haben, auf der er sich artig und freundlich für die genossene Gastlichkeit und alle Auskünfte bei seinen Kameraden von der anderen Seite bedankte. Jedenfalls ging so die Sage. Zuzutrauen war ihm in seiner Tollkühnheit ja auch solcher Schabernack. Hätte er nicht allen meinen Fragen ein so beharrliches und vollkommenes Schweigen entgegenzusetzen gewußt: gewiß hätte ich aus erster-Ouelle eine nähere Information über jene Visite erhalten.
Eines Tages nämlich lernte ich ihn kennen.
Das war ein purer Zufall, bei einem Ritt, den ich von Sari-Tfchali nach Tschanak-Kale machen mußte. Als ich nach einer Biegung der heißen, staubigen Straße am Ort unserer unvermuteten, persönlichen Vorstellung anlangte, zog ich mit einem Ruck überrascht die Zügel zurück. Wahrhastig! Da liegt ein U-Boot ganz nahe im Hellesponi! Runter vorn Gaul! Zum Teufel! He! Mehrnedschik! Liebe Leute! Was ist mit dem U-Boot geschehen? Eine Schar freudestrahlender türkischer Soldaten umringt mich, sie fuchteln und sie reden, alle zu gleicher Zeit, sie sind außer Rand und Band: Kaputt! Kaputt! Effendim! Der Inglis ist kaputt! Allah sei Dank gesagt! Vor einer Stunde etwa haben sie ihn entdeckt, und von Tschanak Haden sie gleich geschossen! Bum! Bum! Da war er getroffen! Wenn du willst, bann rudern wir dich hinüber, Effendim. Schau es dir an, das Hundeschiff, das verfluchte!
Die blauen Wellen des Pontos wispern und gluckern um uns, schillern im Schein der unbarmherzigen Sonne. Ein entbrannter Taumel von Licht wogt über dem herrlichen Strom, blinkt um den Kommandoturm und flitzt und flirrt in schaukelnden Reflexen über das Vorschiff hin. Das Achterschiff ist unter Wasser.
„Alle wurden gefangen", lacht einer verbissen beim Rudern, „aber den Kommandanten, den ärgsten Hundesohn, haben wir nicht geschnappt."
„Wo war der Kommandant?" frage ich den bärtigen Tfchaufch.
„Effendim, er war im Turm."
Der Turm hat ja ein Loch! Ein kreisrundes, ausgezacktes Loch, stelle ich fest und klettere auf den Bug und gehe auf stählernem Boden.
„Wo ist denn nun der Kommandant verblieben?" frage ich noch einmal.
„Effendim, er war im Turm", antwortet es wie vorher.
„Als der Volltreffer kam, da war er ja gleich kaputt", ergänzt ein anderer.
Als der Volltreffer kam, ein Glückstreffer des Jnnenforts bei Tschanak, aus verdecktem, schwerem Geschütz, im indirekten Schuß gegen den Turm gefeuert... Verdammt! Wie brennt die Sonne auf dem grauen Panzer. Da stand der Kommandant hinter den Apparaten und hatte den Mund am Sprachrohr und horchte auf das Beben, das fein wackeres Schifft chen durchzerrte, horchte fieberhaft, ob feine Maschine ihn wohl wieder flottmachcn könne, loslösen von diesem heimtückischen Sand, den die Strömung in den Engen hier plötzlich angeschwemmt hatte, gegen alle Erfahrung, unerwartet-hinterhältig zu seinem Verhängnis gehäuft, da hatte der Kommandant... Der Panzer speit Gluten aus! Man spürt sie durch die Sohlen. Vor meinen Augen gähnt das schwarze, verzockte Loch, mit brutaler Gewalt durch die stählerne Wand geschlagen! Von einer Riesensaust! 24-cm-Kaliber, schätze ich ab und murmele ich vor mich hin. Und starre wieder durch die zerfetzte Lücke. Da hatte der Kommandant seine kurze Pfeise im Mund, gestopft mit Navy-Cut, und krampfte feine" Kiefer, daß die Zähne knirschten. Genau so knirschte der Sand am Bug und an den Seiten; da krampfte der Kommandant seine Hände an Griffe und Hebel, daß ihm die Knöchel weiß wurden, mag fein, der Schweiß stand dick auf seiner Stirn, auf den geschwellten Adern. Die Sonne sengt mit einem flammenden Strahl! Und der Kommandant war so jung! Er wollte nicht sterben! Er hatte ja auch seine Mannschaft... Meine Augen gewöhnen sich an das dämmerige Zwielicht im Turm; schon unterscheiden sie. Sie unterscheiden nichts, als immer nur die unheimliche Leere und an der Rundung ringsum, am Boden und an der Decke: geschnörkelte, gedrechselte, verschlungene, verästelte Arabesken in einem dunklen Rot. Ein Ornament des heldischen Untergangs. Lange habe ich die merkwürdige Tapete mit stillen Augen betrachtet.
Stumm steigen wir in den Nachen. Stumm fahren wir zurück. Wahrscheinlich wundern sich die Türken allzusehr über den komischen Deutschen, der wie zu einem Abschied in den Turm hineingrüßte.
Viel Blut hat doch der Mensch; man sollte es nicht glauben. Und wenn man selbst noch sehr jung ist, dann kann man ja auch kaum wissen, daß sich Blut so verspritzen läßt wie in diesem Kommandoturm: in dem nichts übrig blieb, als ein künstlerischer Bewurf, der stetig trockener, härter, widerstandsfähiger wurde, ein schwarzes, verkrustetes Sinnbild.
Aufrichtig bedauere ich, daß meine Bekanntschaft mit dem Kommanoanten der Großen Rinne an den Dardanellen sich auf nichts mehr und auf nichts weniger beschränkte, als auf feine Arabesken an einer Panzerwand.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


