Sirei'ttied zwischen Leben und Tod.
"'^bekannter Dichter des 16.Jahrhunderts.)
So spricht das^Leben: Die Welt ist mein, Mich preisen die Blumen und Vögelein, Ich bin der Tag und der Sonnenschein So spricht das Leben: Die Welt ist mein.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein, Dein Leuchten ist nur eitel Pracht, Sinkt Stern und Mond in ew'ge Nacht.
So spricht der Tod: Die Welt ist mein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein. Und machst du Särge aus Marmorstein, Kannst doch nicht sargen die Liebe ein.
So spricht das Leben: Die Welt ist mein.
So spricht der Tod:
Die Welt ist mein,
Ich habe ein großes Grab gemacht,
Ich habe die Pest und den Krieg erdacht.
So spricht der Tod:
Die Welt ist mein.
So spricht das Leben:
Die Welt ist mein.
Ein jedes Grab muß ein Acker sein. Mein ewiger Samen fällt hinein!
So spricht das Leben:
Die Welt ist mein.
Der Waldbrand.
Erzählung von Gert Lynch.
Mathias Breitmoser, den sie den Hias nannten, ein armer Schlucker von einem Holzfäller war, besagt überhaupt nichts. Er hätte sich niemals einfallen lassen, aus seiner Haut zu fahren, um mit jemand zu tauschen. Am wenigsten jetzt, wo die Förster-Margret mit keinem auch nur annähernd so freundlich wie mit ihm war. Er wäre beinahe selber erschrocken, so schneidig hatte sie den reichen Marthelbauersohn abblitzen lassen, als sie beide den ersten Walzer gleichzeitig von ihr wollten. „Schon vergeben!" schwindelte sie keck drauflos, indem der Hias erst heraneilte. Der faßte sie flink und schwenkte sie mit Begeisterung durch den Saal. So wild war ihr Rock noch keinmal geflogen!
Der Holzhauerball nahm ein unschönes Ende. Der Marthel, vor Eifersucht blind, hatte mit Hias Händel gesucht und dabei das Grisfeste hinterrücks aus der Naht gezogen. Doch Hias war ihm noch früh genug auf den Schlich gekommen und hatte ihm, ehe er fich's verfah, die Hand mit der Klinge aus dem Gelenk gebrochen, daß der Marthel wie ein Frauenzimmer hochauf schrie, was ein wieherndes Gelächter unter den Zuschauern auslöste. Fortab würde zwischen den beiden Todfeindschaft sein.
Hias schlug's geringschätzig in den Wind. Den und fürchten? Bier- banzen mit einem Hektoliter konnte er glatt unter den Arm nehmen, und einmal hatte er einen bis an die Achsen versunkenen Heuwagen ganz allein aus der Moorwiese gezogen. 4
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Hias brachte zuerst seine Margret nach Hause, und da er kein bißchen müde war, beschloß er, noch an der Luft zu bleiben. Er schlug aus alter Gewohnheit den Gangsteig zur Vrüllschlucht ein. Dort war seit einigen Wochen sein Schlag. Haushohe Weihtannen, dicker, als vier Arme umzingeln konnten, mußten für eine holländische Firma umgelegt werden. Tag um Tag donnerten die Riesen zu Boden, daß das Echo fünffach aus der Runde zurückbellte. Jeder Baum, den sie lostrennten, riß ein gewaltiges Loch in den Wald. Bald würde er ausgerauscht haben, und es wird dort bloß noch harzende Wurzelstöcke geben und viel Reisignester, Moder und Totenstille.
Hias riß einen Tannenzweig ab und steckte ihn in den Mund. Es war eine schwüle Nacht. Ein Volk Mücken siedete auf einem hohen, dünnen Ton hinter ihm her. Aus der Moorwiese knarrte unaufhörlich der Wachtelkönig, und im Soldatenhölzl fchrie jämmerlich eine Toteneule. Allmählich stellte sich der Weg zur Kuppe hinauf. Hias mußte beim Steigen den Atem tiefer nehmen, wobei ihm plötzlich ein brenzliger Geruch ausfiel. Er blieb stehen und sog die Witterung in sich ein. Kein Zweifel, es schmeckte nach Reisigbrand. Irgendwo im Walde mußte eine Flamme sengen.
Hias spürte, wie fein Puls sich erregte. Er jagte die Halde zum Schluchtkopf empor, wo der Wald teilweise schon abgeholzt war und einen guten Beobachterstand bot für bas Gelände im Umkreise. Der Pfad lief durch dichten Baumbestand; es wurde stockfinster, und Hias mußte sich meistens nach dem Gefühl richten. Endlich hatte er die freie Höhe erreicht.
Hias dampfte. Seine Hand war patschnaß, als er sich über die Stirn wischte. Und was er nun sah, ließ ihm das Blut stocken: Auf drei Stellen zugleich brannte der Jungwald hellichterloh am Fuße des Berges, und das Vorfeuer, von einer flotten Brise geritten, lief schnellfüßig wie ein
Wiesel auf einem Streifen verdorrten Grases In das trockne Unterholz des Hochwaldes hinein, prasselte auf, wurde zur Lohe und — Hias stieß einen heiseren Schrei aus — schlängelte sich gleich einer Natter an einer Rottanne hinauf, und dann pufften unzählige Sprühsterne gen Himmel, und die Krone stand in einer einzigen Feuerlache. Ein Windstoß plusterte hinein, zwei, drei, vier weitere Bäume wurden in Brunst getaucht, eine turmhohe Flamme sprang wie jauchzend empor und warf ihren blutigen Schein bis zum Brüllpaß herauf. Der Hochwald brannte! Der Hochwald brannte!
Hias quirlten die Gedanken durcheinander.' Er preßte die Fäuste zusammen, um sich zur Ruhe zu zwingen. Er mußte um Gottes willen etwas tun. Retten, was noch zu retten war! Löschen? Ein Ding des Unmöglichen! Wabernd, schleckend, schlürfend wälzte sich die Hölle dahin mit rußschwarzen Qualmschlangen, deren flackernde Schatten die Hänge in einen brodelnden Hexenkessel verwandelten. Hias mußte sich festhalten. Der Berg torkelte im Feuerrausch, so deuchte es ihn. Ein Rudel Rehe, das in kopfloser Flucht an ihm vorüberflog, brachte ihn zur Besinnung zurück. Das Holz für Holland, seine ehrliche Arbeit von Wochen, stand in größter Gefahr! Die durch den niedergelegten Wald entstandene Schneise war viel zu schmal, um die Stichflammen aufzuhalten. So mußte der Berg ausbrennen mit Gras und Kraut, mit Strunk und Stiel, mit Wurz und Wipfel!
Hias verlor keine Zeit mehr. Die Schichten der Blochhölzer lagerten am äußersten Rande der Brüllschlucht und sollten nach Abnahme des Maßes zum Flößen ins Tal gestürzt werden. Hias riß das Schloß der Werkzeughütte mit einem einzigen Ruck seiner bloßen Hand herunter, nahm die längste Axt zu sich, sprang auf den Blöcherstapel, setzte das Eisen als Hebel an und wuchtete einen Stamm nach dem anderen in die Tiefe hinab, daß der Berg in feinen Grundfesten erschütterte. „Krachchch — kröchchch — kruchchch" dröhnten die schweren Lasten von der Talsohle herauf, und das fünffache Echo täute es, sich überhudelnd, wahnwitzig wider, und die Luft war nur noch ein Bersten, Grollen, Grunzen und Wubbern.
Hias gebärdete sich wie ein Rasender. Er spürte seine Arme nicht mehr. Sein Schädel kochte. Er arbeitete im Takt: „Eins — zwei, eins — zwei, eins — zwei", ging es. Mit eins legte er seinen Beilhebel an, mit zwei rollte der Stamm bereits in die Leere hinaus.
So walzte der letzte Stamm in den Felstrichter. Hias hatte es geschafft! Der Schweiß siedete ihm aus allen Poren heraus. Seine Augen waren halb blind geworden. Aber er kam nicht zum Verschnaufen. Eine rußige Rauchbank warf sich auf ihn und stahl ihm die Luft weg. Er tastete sich hinter eine Tanne und preßte das Gesicht so lange auf ihre Rinde, bis die Wolke anderwärts trieb. Als er wieder ausbliden konnte, sprang ihm der Schreck wie ein Ring um den Hals: Zweihundert Schritte vor ihm schmolzen die Bäume gleich Wachskerzen dahin. Er spürte bereits den stechenden Obern ber Glut, bie in geschlossenem Halbkreis herankroch.
Hias hatte vergessen, an sich selbst zu denken. Eine Rettung war nur durch die Brüllschlucht möglich. Er trat hinaus auf bie Felsennase. Gar kein Drandenken, hinunter zu klettern. Lotsteil liefen bie Wände hinab. Ader der Spalt war nur zwölf Meter breit.
In diesem Augenblick kam Hias der rettende Gedanke. Er wählte die längste Tanne am Schluchtrande (sie war so stark, daß sie ein Mann grab noch umfassen konnte), suchte sich festen Stanb, unb bann sauste das Beil in den Stamm. Vier Hiebe; zwei faustdicke Batzen schnellten nacheinander in die Luft, und aus der Tanne klaffte eine große weiße Wunde. Damit hatte er ihr die Fallinie gegeben. Und nun zuckte die Schneide von der anderen Seite ins Holz. Jeder Hieb faß. Die hellen Baumsplitter spritzten. Da knatterte und praffelte es auf einmal wie Maschinengewehrfeuer. Eine unbändige Flamme lief heran, und Millionen grüner Nadeln rundum explodierten in Salven. Das zischte und zackte und knackte und burrte, worauf ein Regen glühender Asche niederging und Hias von oben bis unten versengt wurde. Nun ging es um bie Minute! Unb er schlug unb schlug um sein nacktes Leben! Mit jebem Schlage biß sich das heiße Eisen eine Handbreit tiefer ins Mark des Baumes, daß die Späne und Scheiter nur so herumschnurrten. Bis ein Zittern die Tanne durchlief. Der lodernde Wipfel neigte sich langsam zur Seite. Hias trennte mit einem letzten gewaltigen Hieb den Stamm vom Stock, und der Baum polterte rittlings über die Brüllschlucht und wurde zur Brücke. Hias verlor keinen Augenblick mehr. Glücklich kam er über den grausigen Steg. Hier trat die Erschöpfung ein. Atemlos, ausgepumpt bis zum Letzten, mit blutigen Händen und voller Brandwunden, taumelte er zu Boden, während drüben die Lohen zu einem einzigen Feuermeer zusammenschlugen und alles verfchlangen, was weder Erde noch Fels war.
Die Brüllfchlucht hatte dem Brande ein Ziel gefetzt. Aber der schwarze Berg rauchte noch neun Tage und zehn Nächte.
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Die Tat des Mathias Breitmoser indessen war wochenlang das Gespräch in sämtlichen Wirtschaften der umliegenden Waldämter. Wenige aber wußten, daß Marthel, der reiche Hoferbe, am Fuße des Brandberges vor einem leeren Graden, den er, wie die Spuren erwiesen, überspringen wollte, in schlimmem Zustande gefunden wurde. Sein Schuh war beim Absprung auf einem Schleimpilze ausgeglitten, wodurch er zu Fall kam, mit dem Schädel auf einen Knorzen schlug und ohnmächtig liegenblieb. So konnte es geschehen, daß die roten Ameisen über ihn herfielen. Als er wieder zu sich kam, redete er bereits irr.
Hias jedoch erholte sich bald und hatte dann mit Margret eine gewichtige Aussprache, bei ber er sie fragte, ob ihr der Name „Frau Breit- mofer" in den Streifen paffe. Auf dem Heimwege machte er an jedem erreichbaren Baumast drei Klimmzüge. Sie waren sich einig geworden!
Schließlich ist noch zu erwähnen, daß Hias am Fußpunkte der Brandstätte, vor jenem leeren Graden, ein Feuerzeug sand, das dem Marthel gehörte. Und er nahm das Ding auf drei Finger, warf es von sich, soweit er nur konnte, und wunderte sich im stillen über das buchstäblich erfüllte Sprichwort von jener Grube, die man andern gräbt


