GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 59
Montag, den 3. August
Jahrgang 1936
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genügte dem jungen Mann. Er gefährlichen Augenblicken schnell kühn wie möglich zu handeln. Leben aufs Spiel setzte, war er
dauerte es eine ziemliche Zeit, bis er ein großes Brillanten- aus dem Aermelfutter zum Vorschein bringen konnte. Dieses hoch und betrachtete es einige Sekunden, bevor er es zu den Edelsteinen in die Hutschachtel legte.
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Er zog seinen Mantel aus, der ihn in seinen Bewegungen hätte hindern können, ging in den Waschraum und blieb dort stehen, um zu horchen. Wie er erwartet hatte, war nichts anderes zu hören als das Rattern des Zuges. Er erfaßte den Knopf der anderen Schiebetür und zog sie vorsichtig um etwa sechs Zoll zur Seite. Und dann entfuhr ihm unwillkürlich ein Ausruf der Ueberrafchung.
John Vandeleur trug eine Reisepelzmühe mit Ohrenklappen; diese, in Verbindung mit dem Donnergerassel des Zuges, verhinderten ihn vielleicht, von dem Besuch des Herrn Rolles etwas zu bemerken. Jedenfalls blickte er nicht auf, sondern fuhr in einer seltsamen Beschäftigung fort. Vor ihm stand eine offene Hutschachtel; in der einen Hand hielt er den Aermel seines Pelzmantels, in der andern ein langes Messer, mit welchem er soeben das Futter dieses Aermels aufgeschlitzt hatte.
Rolles hatte davon gelesen, daß manche Menschen Gold in einem Leiboürtel trügen; da er aber in seinem Leben nur Kricket-Gürtel gesehen hatte, so hatte er sich niemals eine richtige Vorstellung machen können, wie so eine Geldkatze aussähe. Jetzt aber erblickte er etwas noch viel Sonderbareres: John Vandeleur trug allem Anschein nach Diamanten in dem Futter seines Aermels, denn der junge Geistliche sah einen blitzenden Brillanten nach dem andern in die Hutschachtel fallen.
Unfähig, eine Bewegung zu machen, blieb er auf dem Fleck steben und sah dem Diktator bei seiner eigentümlichen Beschäftigung zu. Die
]r Rolles eine Erleuchtung: er erkannte in ihr so- Schatzes, den der Strolch dem unglückseligen t hatte. Hierüber konnte kein Zweifel obwalten: sie : der Geheimpolizist sie lhm beschrieben hatte! Da e, da der große Smaragd in der Mitte, da die ieten Halbmonde und die birnenförmigen herab- die das Diadem der Lady Vandeleur so besonders
Zeitraum war nicht lang, aber er war einer von den Menschen, die in denken können, und er beschloß, so Und obwohl er fühlte, daß er sein der erste, der das Schweigen brach.
Mitteln."
Mit diesen Worten zog er in aller Ruhe das Kästchen aus der Tasche, zeigte dem Diktator einen Augenblick den Diamanten, steckte ihn wieder ein und sagte:
„Er gehörte stüher ihrem Bruder."
John Vandeleur fuhr fort, ihn mit einem beinahe schmerzlichen Erstaunen anzustarren; aber er sprach kein Wort und machte keine
„Ich bitte um Verzeihung", sagte er.
Der Diktator zuckte zusammen, und seine Stimme war heiser, als er fragte:
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Der Diamant öes Raöschah
von Robert Louis Stevenson
„Ich interessiere mich ganz besonders für Diamanten", antwortete Rolles mit vollkommener Ruhe und Selbstbeherrschung. „Zwei Kenner sollten Bekanntschaft miteinander machen. Ich habe selber eine Kleinigkeit hier, die vielleicht dazu dienen mag, die Bekanntschaft zu ver-
Schachtel gedeckt. Eine halbe Minute lang starrten die beiden Männer schweigend einander an. Dieser
ungeheuer erleichtert: der Diktator war in den so verwickelt, wie er selber — keiner durste den diesem Glllcksgefühl stieß der junge Geistliche einen md da ihm in den vorhergehenden Stunden der en geworden war, so folgte diesem Seufzer ein
stickte auf; eine wilde Leidenschaft verzerrte sein waren weit aufgerissen, und in einem Erstaunen,
^/6 V^. klappte sein Unterkiefer herunter.
wui einet inei-maßigen Bewegung hatte er den Mantel über die
Diamanten waren größtenteils klein und fielen weder durch Größe noch durch Feuer auf. Plötzlich schien dem Diktator ein Hindernis zu begegnen; er mußte beide Hände zu Hilfe nehmen und beugte sich dabei vorneüber;
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_ . ___J — n... ...» —— |v.M»yv »H/ IWHIVIIIVHV wieder ein Wort gegen den Talar sagen!"
„Sie schmeicheln mir", sagte Rolles.
„Verzeihen Sie mir", versetzte Vandeleur, „verzeihen Sie mir, junger Herr! Sie sind kein Feigling, aber wir müssen erst noch sehen, ob Sie nicht vielleicht der allergrößte Dummkopf sind. Vielleicht", fuhr er fort, indem er sich auf seinen Platz zurücklehnte, „vielleicht würden Sie so freundlich sein, mir noch einiges zu sagen. Ich muß annehmen, daß Sie bei der erstaunlichen Frechheit Ihres Vorgehens einen gewissen Zweck verfolgten, und ich gestehe, daß ich neugierig bin, diesen kennenzulernen."
„Er ist sehr einfach", antwortete der Geistliche; „er erklärt sich durch meine große Unerfahrenheit in allen Dingen des Lebens." „
„Es wird mich freuen, wenn Sie mich davon überzeugen", antwortete Vandeleur. , , „
Hierauf erzählte Rolles ihm die ganze Geschichte, wie er mit dem Diamanten des Radschah in Verbindung gekommen war. Von dem Augenblick an, da er ihn in Raeburns Garten gefunden hatte, bis zu dem Augenblick, da er im „Fliegenden Schotten" London verlassen hatte. Er schildert« in kurzen Worten seine Gefühle und Gedanken während der Reise und sagte zum Schluß: , ,
,21(5 ich die Tiara erkannte, da wußte ich, daß wir beide uns in der gleichen Lage der Gesellschaft gegenüber befinden, und es erfüllte
von einem Dutzend verschiedener Angstgefühle gequält. Der alte am anderen Ende des Wagens erschien ihm in den furchtbarsten Gestalten, und wie er auch zu liegen versuchte, der Diamant in seiner Tasche verursachte ihm ein fühlbares, körperliches Unbehagen. Der Stein brannte, er war zu groß, er drückte auf feine Brust, daß ihm die Rippen schmerzten, mehrere Male fühlte er eine blitzschnelle Versuchung, den Stein zum Fenster hinauszuwerfen.
Während er so dalag, ereignete sich etwas Seltsames.
Die Schiebetür zum Waschraum bewegte sich ein kleines Stückchen und dann noch ein kleines Stückchen und wurde schließlich so weit zurück- aeschoben, daß eine Spalte von ungefähr zwanzig Zoll entstand. Die Lampe im Waschraum hatte keinen Schirm, und in der hellen Oefsnung, die infolgedessen entstanden war, konnte Rolles den Kopf des alten Vandeleur bemerken, der mit gespannter Aufmerksamkeit in sein Abteil hineinspähte. Er fühlte, wie der Blick des Diktators auf seinem eigenen Gesicht lag, und das triebmäßige Gefühl der Selbsterhaltung veranlaßte ihn, seinen Atem anzuhalten, ohne jede Bewegung seine Augen geschlossen zu lassen, um unter den Wimpern hervor seinen Besucher zu beobachten. Nach einem kurzen Augenblick wurde der Kopf zurückgezogen und die Schiebetür wieder geschlossen.
Der Diktator war nicht in der Absicht gekommen, einen Angriff Lu machLü. sondern. Lu_ beobachten.: es war offenbar nickt leine Abfickt.
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