Von Hans Brandenburg.
Erzähl' wasl Erzähl' was!" riefen die Kinder, die fremden und die eigenen, und riefen die Erwachsenen, Mutter und Tante. Denn niemand konnte erzählen wie der Vater, nichts aus seinem Leben schien er vergessen zu haben, und alle Menschen, selbst unbekannte, vertrauten ihm ihr Leben an. Aber am liebsten hörte man das schon Gehörte, ja, um so lieber, je öfter man es schon gehört hatte. Wie bei jedem echten Erzähler wurde es jedesmal ein wenig anders, auch lag die Wahrheit in der Uebertreibung, aber wie zur öffentlichen Anerkennung, daß in beiden die eigentliche Erzählkunst besteht, wünschten sich die Zuhörer gerade am meisten des Erzählers Aenderungen und Steigerungen, auf denen sie ihn zwar wie auf einem Schwindel ertappen wollten, aber nur um sich dem Zauber dieses Schwindels um so heiterer hinzugeben. Und wie das Publikum einen Vortragskünstler auf seinem Repertoire festhält und ihm zuruft, was es im Augenblick von ihm verlangt, erst find die Wünsche verschieden, und jeder scheint seine besondere Lieblingsnummer zu haben, bis sich allmählich alle auf ein und denselben Wunsch einigen, so war es auch hier, und alle riefen nach kurzem Auseinandergehen in der Frage, von was der Vater erzählen sollte, einmütig: „Von Bad Ems!" und ahmten dabei mutwillig die Aussprache des Vaters nach: „Batt Ehms!"
Der Vater ließ sich nicht lange bitten:
„Da ist mein Feldzugskamerad, der Maler und Anstreicher Louis Ouambusch, hier in Hiddringshausen. Er war einer meiner tüchtigsten Leute und erhielt auf meinen Vorschlag das Eiserne Kreuz 1. Klasse, ein seltener Fall im Mannschaftsstand, denn er hatte durch seine Tapserkeit als einzelner ein Gesecht zu unseren Gunsten entschieden. Doch davon ein andermal. Nachher tm Zivilleben tat er es nicht so gut wie manche solcher Mordskerle. Vor allem trank er gerne einen, und auch über den Durst. So kam es, daß er eines Tages etwas verbrochen hatte. Was es gewesen ist, darüber schweigt die Weltgeschichte — jedenfalls mehr eine Torheit aus Leichtsinn als eine Gemeinheit, immerhin etwas, was gegen das Strafgesetzbuch verstieß. Ich weiß ja, was es war, aber da es vergessen werden und ihm nicht für immer angehängt werden soll, denn gerade darum handelte es sich für uns, feine Kameraden, darf ich es nicht verraten. Genug: er wurde verdonnert und sollte sitzen. Und genug, Senug; wir wollten es verhindern. Er wäre dann bestraft gewesen, hätte üne Kundschaft verloren und wäre noch mehr an den Suff gekommen und noch tiefer in feine Dummheiten und märe am Ende wohl mit Weib und Kindern ins Elend geraten; dabei war er im Grunde ein braver Mensch und fleißig und ordentlich in seinem Handwerk. Wir wollten uns für ihn verwenden, doch nur, wenn er auf Mannesehre Besserung gelobte; er tat es und hat sein Versprechen bis heute gehalten.
Ich machte eine Eingabe an das kaiserliche und königliche Privatkabinett in Berlin mit der untertänigsten Bitte, daß Seine Majestät die Ritter des Eisernen Kreuzes aus unserer Stadt als Bittsteller für einen ihrer Kameraden aUergnäbigft in Audienz empfangen möchten. Es kam eine Antwort mit der allergnädigsten Bewilligung; ich, der Urheber und Aussetzer jenes Gesuches wurde zum Führer und Sprecher jener Deputation gewählt, der alle unsere Träger des Eisernen Kreuzes angehören sollten — außer natürlich Louis Ouambusch, der aber plötzlich gern in den Kasten und damit in die Schande gegangen wäre, wenn er nur mit uns vor das Angesicht seines geliebten und verehrten Obersten Kriegsherrn hätte treten dürfen."
„Dieser unser nun seliger, siegreicher, greiser König und Kaiser Wilhelm weilte damals zur Kur in Batt Ehms" — Kinder und Erwachsene kicherten, der Vater wußte nicht warum, ließ sich jedoch nicht stören —, „und dorthin wurden wir beschieden. Wir sollten uns morgens auf der Brunnenpromenade einfinden, dort Aufstellung nehmen und warten, bis der hohe Herr des Weges käme und fein Adjutant uns meldete. Wir brauchten nicht lange zu warten — pünktlich mjt dem Schlage der Uhr trat die Majestät ihren Gang an, soldatisch ungebeugt, trotz der Last ihrer weit mehr als biblischen Altersjahre, und hielt ihr Trinkglas in der Hand, von welchem sie von Zeit zu Zeit einen Schluck durch das gläserne Röhrchen nahm. Ich ließ meine Kameraden sich ausrichten, die zum Teil schon stattlichen Bäuche einziehen — Ordensbrust heraus! und Front zur Allee nehmen. Der hohe Herr näherte sich — Stillgestanden! Ich trat, Hände an der Hosennaht, drei Paradeschritte vor."
Der Vater war aufgesprungen und wiederholte, was seine Rolle 'anbetraf, während des Erzählens die unvergeßliche Szene von damals. Er hatte das Stichwort für die üblichen Zwischenrufe feiner Kinder gegeben und erwartete sie, hatte aber nicht länger zu warten als die zwei, dr-i Sekunden, die sie in der Atemlosigkeit ihres Lauschens brauchten, um Luft zu fassen. „Und hattest du nicht Herzklopfen?" riefen sie wie einftubicrt in der gewohnten Weise.
„Herzklopfen? Stimme zittern?" rief der Vater. „Wo ich das Glück und die Freude erlebte, zum erstenmal meinen Obersten Kriegsherrn, unseren König und Kaiser von Angesicht zu Angesicht zu sehen und mit ihm zu reden, die Brust geschmückt mit der Auszeichnung, die er mir verliehen hatte? Angelacht hätte ich ihn, wenn der Moment und unsere Sache nicht so ernst gewesen wären!" Und er blitzte unter seinen buschigen Brauen mit feinen blauen Augen die kleinen Hörer an, als feien sie die Majestät, die sich überzeugen sollte, daß diese Soldatenwimpern auch vor einem Kaisergruh nicht zuckten.
Mit plötzlicher veränderter milder Stimme fuhr er fort:
„Was wollen diese Leute?" wandte sich der Kaiser an feinen Begleiter, der ihm mit einer leisen Erklärung unsere Angelegenheit ins Gedächtnis zurückrief. Er war sogleich im Bilde, trat huldvoll an uns heran, las Die angesteckten Schlachtenschildchen neben unseren Auszeichnungen, reichte jedem von uns die Hand und fragte ihn über Einzelheiten über die von ihm miterlebten Kampfhandlungen, über die er sich bis ins Oeinfte unterrichtet zeigte, und wo und wie er sich das Kreuz verdient
In militärifdjer Haltung trug ich mit lauter Stimme unser Bittgesuch vor und schloß: Wie wir im Felde zusammengestanden und einer den anderen, wenn es nottat, heraushaute, so wollen wir auch im Lebensgefecht für einen strauchelnden Kameraden einstehen. Er hat sich ein einziges Mal vergangen, aber sonst gut geführt, und wir meinen, daß fein Verdienst um Kaiser und Vaterland, für die er sein Leben in die Schanze zu schlagen bereit war, größer ist als feine Schuld, und daß ein Ritter des Eisernen Kreuzes Verzeihung erflehen und erhoffen und nicht mit den ©einigen um Brot und Ehre kommen darf. Wir bitten daher Eure Majestät, unseren Obersten Kriegsherrn, den ehemaligen Füsilier und jetzigen Maler und Anstreicher Louis Ouambusch begnadigen zu wollen."
Der Kaiser lächelte und befahl seinem Adjutanten, sowohl die Gerichts- wie die Regimentsakten über den pp. Ouambusch einzusordern und ihm vorzulegen. Zu uns sich kehrend, sagte er gütevoll, daß der Fall von ihm freundlich geprüft und erwogen werden solle, ich kommandierte wieder .Stillgestanden!', und der liebe alte Heldenkaiser" — der Vater dämpfte und verlangsamte die Stimme immer mehr — „schritt militärisch grüßend weiter. — Die Begnadigung erfolgte bald darauf."
Hundertfünfzig Jahre „Italienische Reise".
Don Adolf Peter Paul.
Man muh schon diesen kalten regnerischen Sommer unseres Mißvergnügens erlebt haben, um ganz zu verstehen, was den Sachsen- Weimarer Geheimrat Goethe vor 150 Jahren nach Italien trieb. Gewiß war [eine Sehnsucht nach dem gelobten Lande, dem er schon zweimal so nahe gewesen, groß, die Alten riefen ihn über die hohen Berge, „die Sehnsucht von 30 Jahren ist gestillt!" schreibt er dicht vor Rom. Gewiß war fein Verhältnis zur Frau von Stein ihm gerade damals in mehr als einem Belang eine Quelle der Pein geworden: Aber kein geringerer Anlaß zur Flucht aus Karlsbad war für Goethe das ihn abstoßende Klima des „Nordens". „Unter diesem ehernen Himmel", seufzt er, oder er schreibt von Italien: „Wir Cimmerier im ewigen Nebel und Trübe wissen kaum, was Tag sei... Denn welcher Stunde können wir uns unter freiem Himmel erfreuen!" Und: „Es ist mir, als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfang, zurückkäme." Und von den Wolken, die er in Tirol sieht, sagt er: „Das zieht nun alles nordwärts und wird euch trübe und kalte Tage machen." Und es ist in der Tat dasselbe, was jeder Italien- reisende heute noch empfindet: der ungeheure Unterschied des Klimas, des Pflanzenkums, das Erlebnis der Fülle und des Segens, schlechthin das Gefühl der Wärme auf allen Gebieten des Lebens. Und wenn Goethe am Schluß der Reife feinem Herzog schreibt, die Gründe zu feiner Reife feien die gewesen, „mich von den physisch - moralischen liebeln zu heilen, die mich in Deutschland quälten, und den heißen Durst nach wahrer Kunst zu stillen", so ist mit dem ersteren im wesentlichen neben den seelischen Nöten („ich finde, daß der Verfasser des Werther übel getan hat, sich nicht nach beendigter Schrift zu erschießen", Juni 1786) der klimatische gemeint. Und wie sehr ihn das Land, wo die Zitronen blühen, beglückt hat, ergibt sich aus mannigfachen Aeußerungen: „Ich fange nun erst an zu leben" ... „Ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiederkunft an dem Tag, wo ich Rom betrat" ... „Ich finde hier die Erfüllung aller meiner Wünsche und Träume." Rom ist für ihn der Ort, der für ihn allein auf der ganzen Erde zum Paradies werden kann.
Wir hatten vor kurzem Gelegenheit und das Glück, mit Goethes „Italienischer Reise" in der Hand, seinen Weg von Mittenwald über Innsbruck, Brenner, Bozen und den Gardasee (mit seinem gefährlichen Erlebnis in Malchesine), über Verona, Vicenza, Padua nach Venedig zu verfolgen und müssen sagen, daß wir an Goethes Führung einen sehr hohen Genuß gehabt haben; nicht nur, daß er uns — wie sonst der Baedeker — auf so viele Dinge aufmerksam machte, auf die man als Reisender nicht immer achtet, nicht nur auf die Kunst, sondern auch auf Geologie, Steinkunde, Pflanzenkunde, Volkstum und Volksleben, Wind und Wetter, Theater und Musik feiner Zeit, nicht nur, daß feine herrliche Sprache uns die Dinge, die wir sahen, verklärte und schöner machte, sondern auch das ist von großem Zauber: wenn er selbst sich beglückt fühlt, etwa den Gardasee durch eine einzige Zeile Vergils veredelt zu sehen, wenn ihn die Antike, die aus dem Antlitz der Landschaft ihn anblickt, so entzückt, daß er ihr Erlebnis in die unbeschreiblich schönen Worte faßt: „Der Wind, der von den Gräbern der Alten herweht, kommt mit Wohlgerüchen wie über einen Rofenhügel", so dürfen um fo eher noch wir die Stätte, die der edle Mensch betrat, eingeweiht finden, daß nach hundert Jahren, es sind heute 150 geworden, sein Lied den Enkeln fortklingt: Tirol mit seinen Augen sehen, den Gardasee nunmehr von ihm „veredelt" finden, in Verona und Venedig usw. die Stätten doppelt genießen, auf denen fein Auge geruht. Cs hat sich ja im Grunde nichts verändert, denn die Kunst und die Natur, sie waren zu Goethes Zeiten „fertig", es ist nichts Neues hinzugekommen, was des Genießens wert wäre. Die antiken Mauern, die Dome und Paläste stehen heute noch; die Landschaft zeigt „ungeheure Dinge" wie damals; der See lacht ober stürmt wie zu Zeiten Catulls, Vergils oder Goethes. Und wenn sich Goethe in Venedig mit großer Begeisterung die Komödie le Barufte Chiozotte von dem großen Goldoni angesehen (dessen Denkmal auf der Merceria steht), fo war es bedeutsam, daß in diesem Sommer in Venedig die Anschlagsäulen und Straßenecken voll waren von der Einladung zur Festaufführung eben desselben Stückes. Goethe sah noch den Dogen am Hochamt in St. Justina teilnehmen, wir erlebten einen Schwarzhemdenaufmarsch im Klang der Giovinezze auf dem Markusplatz — an dem, was groß und wahr und ewig ist, hat sich nichts geändert, vor dem Antlitz der Kunst und der Landschaft sind 150 Jahre nur ein kurzer Tag.
Drrantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Drühl'fchr UniverfitätS-Duch- und Eteindr uckerei, R. Lana«. Sieben.


