Das Wunder im Kornfeld.
Von 21 u g u ft Kopifch.
Der Knecht reitet hinten, der Ritter vorn, Rings um sie woget das blühende Korn ... Und wie Herr Attich herniederfchaut, Da liegt im Weg ein lieblich Kind, Bon Blumen umwölbt, sie sind betaut, Und mit den Locken spielt der Wind.
Da ruft er dem Knecht: „Heb' auf das Kindl" Absteigt der Knecht und langt geschwind: „O, welch ein Wunder! — Kommt daher! Denn ich allein erheb es nicht." Absteigt der Ritter, es ift zu schwer: Sie heben es alle beide nicht!
„Komm, Schäfer!" — sie erheben's nicht! — „Komm, Bauer!" — sie erheben's nicht!
Sie riefen jeden, der da war. Und jeder hilft: — sie hsben's nicht! Sie stehn umher, die ganze Schar, Ruft: „Welch ein Wunder, wir heben's nicht!"
Und das holdselige Kind beginnt: „Laßt ruhen mich in Sonn und Wind: Ihr werdet haben ein fruchtbar Jahr, Daß keine Scheuer den Segen faßt: Die Reben tropfen vom Most« klar, Die Bäume brechen von ihrer Last!
Hoch wächst das Gras vom Morgentau, Von Zwillingskälbern hüpft die Au;
Von Milch wird jede Gölte nah. Und jeder Arme hat genug im Land;
Auf lange füllt sich jedes Faß!" So fang das Kind da — und verschwand.
Oer Nachtwächter.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
Den Nachtwächter bekam ich fetten zu Gesicht, weil der Mann bei Tag zumeist schlief, und ich in der Nacht, da er umging, weder im Wirtshaus noch auf der Gaffe mich Herumtrieb. Er hieß der Tambour, weil er dereinst beim Militär dies gewesen. Er wohnte bis zu meinem funs- ten Jahr dicht neben uns im Erbseneck, weshalb ich aucf)- heute noch em so braver Mensch bin. Damals brannte sein Häuschen ab und man kann sagen: anderen hat er Haus und Hof bewahrt, sich selber aber nicht; ich weih noch, wie er mich, als fein Häuschen schon voll in Flammen stand, aus dem Bett ritz und auf feinen Armen an den Flammen vor- übertrug, denn unser Haus stand in Gefahr. Er legte miet;) m emem ferner stehenden Haus puf einen Strohsack, aber von dort aus stchich noch die Flammen. Am Giebel kletterte em alter Iraubenftorf empor der bis auf einen Stumpf niederbrannte und dann von Lehm und Stein völlig verschüttet ward Als mein Vater, der die Brandstätte kaufte, auf- räumte, hackte er den Stumpf ab, aber im Frühjahr kam der Traubenstock wohlbehalten mit frischen Trieben wieder hervor^ Der Tambour baute sich ein Haus ans Ende des Dorfes, und er brachte über den vier Fenstern Sprüche an: Der Eine bedachts! Der Andre machts! Der Dritte verlachts! Aber was machts?
Der Nachtwächter ging gleich dem Polizeidiener mit einem Farren- schwanz bewaffnet in den Dienst, das ist der Schwanz eines Farren oder Stiers einen halben Meter lang, am einen Ende in Knochen und verknorpeltes Fett verdickt, eine unheimliche Waffe. Der Farrenschwanz hing unsichtbar unterm Mantel und deutete sich durch einen Wulst m den Mantelsalten kaum erkenntlich an. In der einen Hand hielt der Nachtwächter die winzige Laterne, in der anderen bas Horn. Das war em Kuhhorn. Das Dorf war des Abends völlig dunkel; Lichtbundel, die aus einem Fenster fielen, erhellten spärlich da und dort ein Viereck, aber wenn der Mond am Himmel stand, dann waren die geschwungenen Gassen mit den spitzen Giebeln zauberisch schön. Der Mond legte jeden Giebel herunter aufs Pflaster, und da auf vielen Dachnasen Heine Männlein aus Ton sahen, lagen auch die auf dem Pflaster. Am Rand des Dorfes flackerten bald da, bald dort, die Flammen der Häfner, wenn die Häfner „brannten", d. h. wenn sie in ihren Brennöfen Feuer hatten. Da züngelte das Holzfeuer aus den niedrigen Schornsteinen heraus und beflackerte Baum, Werkstatt und Holzreihe, aber bis ins Dorf herein reichte der Schein nicht. Weil das Häfnerfeuer 30 bis 40 Stunden lang brennen mußte, gab es keine Nacht, die das Dorf von außen her nicht irgendwie angehellt hätte.
Die Häfnersburschen, die da beim Feuer zu wachen hatten machten dem Nachtwächter viel zu schaffen. Sobald sie „aufgelegt" hatten, b. t). sobald sie etliche Arme voll ihres gespaltenen Holzes ins «churloch eingeschoben hatten, konnten sie für eine halbe Stunde schlafen oder um- yerschweifen, und sie schweiften lieber umher. Sie trafen sich mit ihren Mädchen, sie stahlen auf den Feldern einen dicken Kürbis, höhlten ihn
aus, schnitten ein Gesicht in die Rinde und stellten ein Licht hinein, daß eine gräßliche Menschenfratze teuflisch hervorgrinste. Häfner wähnen sich gern dem Schöpfer verwandt, dem lieben Gott, weil der liebe Gott die Menschen aus Häfnerton geknetet hat, und sie erlauben sich, auf diese handwerkliche Verwandtschaft zu sündigen. Es gab auch Burschen, die begnügten sich nicht, bei jungen Mädchen die süßen Früchte zu stehlen, die liefen, wenn sie von dem biblisch verbotenen Apfelbaum genascht hatten, hinaus ins Feld und stahlen den Bauern die Äepfel.
Der Tambour war besonders scharf auf die biblischen Näscher. Wenn er an einer der langen Reihen Brennholz vorüber kam, die da hinter den Werkstätten aufgesetzt waren, bann merkte er schon am Quaken der Frösche ober am Duft bes Wiesenheus ober an einem funkelnben Stern, baß ba hinterm Holz ein Pärchen sich aufhielt, unb oft kannte er auch bas Pärchen. Er brauchte ba nur mit bem Farrenschwanz an bas Hotz xu rühren, unb sogleich schwirrte auseinanber, was zu früh beisammen war. Hinter bem Mäbchen ging ber Tambour sachte brem, er wollte hören, wie bie Haustür ins Schloß knackte, unb wenns noch so leise war.
Sonntags wars besonbers toll. Da trug bie ganze Jugend ihre Minne umher, ba war man fein gekleidet, da hatte man einen Schoppen getrunken, an den man nicht gewöhnt war, ba bufteten b>e Akazien heftiger, bie Sterne funkelten heller, bie Musikanten hockten irgenbwo beisammen unb spielten, im Verein würbe von Lieb und Leib gelungen, unb ba schlugen bie Herzen höher. Sonntags gabs auch Hanbel hin unb her, weil bie Fässer rascher fließen, unb weil bann bie Wirtshäuser nicht leidit zu säubern sinb. Aber um ein Uhr in ber Nacht mußten die Wirtschaften geschlossen werben, und um zwei Uhr durfte niemand mehr auf der Gasse sein. Der Tambour trug eine Katze unterm Arm, rote es hieß, unb er sah alles. Gar manches Brautpaar hab ich am Altar stehen sehen, das burchs Mester zusammen kam. Gar manchmal bin ich am TOon ag früh in bie Kirche gegangen, unb auf ben blauen Pflastersteinen lag Blut Unb einmal, vor vierzig Jahren, als bie Pont,k unterm kleinen Volk einzog, lieferten bie Roten ben Schwarzen eme voll ausgewachsene Schlacht in der Neujahrsnacht. Und well Pflastersteine die bilUgsten Ge choste sind, hatte mein Vater, der Pflasterer war eme ganze Woche lang zu tun, das Pflaster wieder herzustellen. Bei dieser Schlacht war kein Tambour zu sehen, kein Polizeidiener unb fern Bürgermeister, benn gegen Pflastersteine kommt ein Farrenschwanz nicht auf.
Der Nachtwächter blies auch noch bie Stunben aus. Da er gleich allen Urberachern mit Musik gesegnet war (ich hab es schon oft gefaxt .baß bies damit zufammenhängt, daß ber hebe Gott ein ^°pfer war vielleicht ein Urberacher), ließ er in ,eme Hornstohe allerlei Geschnorkel ein- strömen, wie ers beim Kirchenlieb lernte, bas bamals noch nicht gereinigt war, und bie Urberacher geheimnisten noch mancherlei bazu. .Mein Lieschen braucht neu neuen Hut, Hut, ^ut! fang seine eintönige Weise, unb weil bamals bie Hüte noch lange Schleifen hatten, hielt er ben letzten Ton miheimlich lang an, bis bte Schleife heruntergewachsen war an bie Absätze.
Süße Gifte rührten den Nachtwächter nicht. Süße Gifte rühren keinen ausgereiften, wackeren Mann. Ein Frember, ber im Dorf wellte bte Häfnerei zu erlernen, ein Frankfurter Tunichtgut der nebenbei em Künstler war, formte einst aus Erde den gediegenen Kopf unseres Nachtwächters und dieser Frankfurter Zeiljäger betörte ben aufrechten Mann unb machte ihn oft betrunken. Damals riß Unsitte über Unsitte im Dorf ein, ber Polizeibiener würbe täglich betrunken gemacht — obg(ei$ ein börslicher Polizeibiener bamals, bem Monbe gleich, nur alle wer Wochen einmal voll fein bürste, ber Bürgermeister lernte rote man städtisch zecht, selbst ber Lehrer ließ sich verführen, und nur ber Pfarrer blieb stand- haft. Ich seh den guten Mann noch auf der Kanzel stehen und wettern, und bitten unb flehen unb bie Hölle heizen, umsonst: ber Zeiftager laberte selber Hölle, burch bie alten Gassen unb trug seinen Branb von Haus zu Haus. Was solch ein räudiges Schaf, zumal, wenn es ein Künstler ist und die Gabe der Verführung tm Blut hat, alles anrichten kann unter ber Herbe, bas geht auf keine Kuhhaut, w,e man fo fagt 2lber ich hab mir vorgenommen, ben Burschen, ber noch lebt unb noch lodert eines Tages an seinem schwarzen Schopf herauszuheben aus ber dörflichen Gemeinschaft, bie er verdorben hat unb überhaupt ben groß- städtischen Herrschaften einmal gründlich die Leber zu schleimen. Es ging noch so einer aus der Großstadt ab und zu tn meinem Dorf kern Kunst, ler, aber ein Hochgebildeter, dem werd tchs auch einmal zu stecken haben.
Der in sträflichem Uebermut gezeugte Kopf des Tambour steht heute als Dachnase auf dem neuen Haus des Nachtwächters, und wer ihn sehen will, der komme einmal. Im Winter werfen die Buben mit Schneeballen „ach ihm, aber er trotzt, Gott sei Dank, durch die Jahre sedem Angriff.
Ich freue mich, durch gefährliche Jahrzehnte hindurch meine Liebe zum Tambour bewahrt zu haben unb zu aller geheiligten Orbnung. Er war ber letzte Nachtwächter alten Schlags. Heute sind bie Nachte hell aeroorben aber bas Laster hat nicht abgenommen. DieKirchenuhrght falfcbi" sagt heut jeber Lausbub, wenn ber Stunbenfchlag einmal em paar Setunben Später kommt als ber Gongschlag des Funks, unb viele setzen gleich hinzu: „Ich glaube daß man auch auf den Herrn Pfarrer selber sich nicht mehr so recht verlassen kann!
Nachtwächter, Feldschütz und Polizeidiener haben die gleichen Schutz- vairone- ben heiligen Georg, ben Ritter, unb ben heiligen Florian, ben mit bem ichsüchtig verkleinerten Horizont, ber mein Haus verschonen und das bes Nachbars anzünben möge. St. Georg, E" kennt ihm ben „ töter steht mit hochgeschwungener Lanze bei Tag und Nacht aus oen Mar'ktvlätzen und das Wasser rauscht ringsum zu seinen Fasten. Er hat nufier so kleinen Leuten auch noch andere zu beschützen, große Herren, bi? Herren ber Welt unb ber Weltgeschichte. Er ist Derant.ro°rtI,(~’, oielerlei unb wer ba annehmen wollte, er fei nur so nebenbei ber Schutz herr ber kleinen Leute, ber kennt sich schlecht aus '»der himmlischen Rang- orbnung. In der himmlischen Rangordnung stehen Nachtwachter, Feldschutz : und Polizeidiener hinter keinem König zurück.


