Dos Lied von Katinka.
Es wurde frischer Wein gebracht, und der Tabaksqualm wurde dichter.
Kuckuck spielte eifrig auf der alten Mandoline, deren Seele längst gebrochen war, aber sein feuriger romantischer Geist wußte ihr noch melodische Funken zu entlocken.
Die Delphine sanden sie ausgezeichnet, eine alte gemütliche Freundin, die ihre Freude und ihren Schmerz stets mit summenden Tönen begleitet hatte, und sie hätten sie niemals gegen eine neue eingetauscht.
Da ihnen jedoch heute, wie Pirruhn sagte, die schönste Frau ihres Lebens begegnet war, fühlten sie sich so froh und ausgelassen, daß sie das Bedürfnis hatten, ihrer Begeisterung viele Klangflügel anzubinden. Und weil sie hier keine Musikinstrumente zur Verfügung hatten, weder Geige noch Spinett, weder Flöte noch Klarinette, nur eine alte Mandoline, machten sie sich selber welche.
Barbara schleppte alle Kämme herbei, die sie im Hause finden konnte. Die Delphine hielten ein Stück Butterbrotpapier davor und sangen drauflos. Es klang wie das Summen von Bienen, und durch die Zweistimmigkeit wurde es fast wie eine Orgel in der Kirche.
Und mit Begleitung dieser Musik von Kämmen und einer verstimmten Mandoline sang Corenhemel das Lied von Katinka, das er von ihr gelernt hatte, als der Mond sich über die dunklen Wälder erhob. Es war das Lied, mit dem er seine Sehnsucht dorthin benetzte und betaute, das ihm wie ein Psalmgebet war, wie eine ferne Verehrung für seine kleine Russin, die vielleicht schon lange tot war.
Er stand aufrecht an die Wand gelehnt, in seiner schlanken Gestalt, mit seiner sorgfältig gepflegten Kleidung und der silbernen Krone auf den weichen blonden Haaren. Sein glattes, blasses Gesicht wurde mager beim Singen, feine Nasenflügel zitterten, und seine Augen starrten auf etwas Schönes, das sich ihm langsam näherte.
Schleppend und übermäßig traurig weinte dos Lied, das die Männer mit ihren Kämmen umsummten wie etwas sehr Zartes und Köstliches.
In Corenhemel stieg die Unruhe, der Wunsch, drüben in der wilden Natur der Steppe mit seiner Katinka die große Liebe von früher von neuem zu erleben.
Durch diese Sehnsucht hindurch traf ihn, wie eine scharfe Nadel, der Gram um seine Frau, die ihn durch ihre langwierige Krankheit ausschälte wie ein Ei.
Corenhemel hatte nie viel gebraucht, um in diese Stimmung zu kommen: ein trauriges Lied, eine hübsche Frauenhand, einen einsamen Bogel, der gen Osten flog. Und jetzt waren es die schönen Augen Anna- Maries.
Es war schon lange her, daß seine Freunde ihn so gesehen hatten in seiner Sehnsucht, die gewöhnlich schlummerte wie ein Teich am Sonntag. Aber jetzt hatte sie sich wieder erhoben und strömte mit dem Lied über die Ufer seines Herzens.
Die Heiligenbilder.
Sie waren nach und nach trunken geworden, hatten heiße Gesichter und verwirrte Gedanken, so daß sie nicht mehr wußten, in welcher Provinz sie wohnten.
Der sanfte Schwan hatte sich, wie immer, beizeiten weggeschlichen; Kuckuck spielte immer noch auf der Mandoline, ohne daß ihm jemand zuhörte.
Livinus erzählte von Gemälden und Heiratspapieren, die nicht kämen, er verwechselte Anna-Marie mit Grain d'Or und Grain d'Or mit Anna-Marie. Die seltene Schönheit dieser Frau hatte sein empfindliches Gemüt erschüttert, so daß er am Ende nicht mehr wußte, welche er nun heiraten sollte.
Corenhemel zeigte eine traurige Miene und sprach mit Pirruhn Über Kotinka, und Pirruhn sagte zwischen jedem Satz: „Dieses Jahr noch heirate ich Adelaide, und Anna-Marie muh dabei sein."
VandeNast war mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen; er gab dabei ein Geräusch von sich wie ein kleines Ferkel am Euter seiner Mutter.
Zwanzigmal hatte Barbara die Männer schon gebeten, nach Hause zu gehen, da es bereits viel zu spät war; aber niemand kümmerte sich darum, und bann löschte sie einfach die Lampe aus, so daß sie ihren Wein nicht mehr finden konnten.
„Wir wollen Anna-Marie unter ihrem Fenster ein Ständchen bringen!" schlug Livinus vor.
„Aus—gezeichnet!" rief Pirruhn.
„Gut!" sagte Corenhemel. „Wir holen unsere Instrumente."
Sie zogen ab, aber Barbara rief sie zurück; denn sie hatten Van de Nasi uergeffen.
„ßegt ihn auf einen Schubkarren, wir bringen ihn nach Hause", stotterte Pirruhn.
Kuckuck und Livinus holten aus dem Stall einen Schubkarren, warfen den gekrönten VandeNast darauf und fuhren singend mit ihm weg; sie vergaßen ihre Hüte, aber sie trugen die glänzenden Lorbeerkronen auf dem Kopf.
Barbara schloß hinter ihnen das Tor.
Der Marktplatz lag still, leer und dunkel da. Das Rattern des Schubkarrens schlug seltsam widerhallend gegen die Giebelwände der schlafenden Häuser.
Kuckuck wollte anfangen zu singen, aber Corenhemel versetzte ihm einen Stoß; erst wenn man an seinem Hause vorbei war, konnten sie machen, was sie wollten. Mit vorsichtigen Schritten, den Schubkarren langsam vor sich hinschiebend, während der Nachtwächter auf dem Turm sein „Schlaft ruhig!" in die Stille hinausblies, schlichen sie an dem reichen Hause Corenhemels vorbei.
Die große Madonna der Sieben Schmerzen in ihrem Glasschrank wurde von einer runden Laterne beleuchtet, die sich im schwachen Winde wiegte. Eine gespenstische Helle tanzte auf dem traurigen Antlitz der Mutter Gottes, spiegelte sich in den goldenen Blumen der Porzellan- vafen neben ihr wider und glitzerte in den sieben Blechfchwertern, die in ihrem Mutigen Herzen steckten.
Hinter den Fenstern des ersten Stockwerkes brannte ein schwaches Licht. Es war das Zimmer, wo die Kranke in ihrem jämmerlichen Elend lag.
Die Männer guckten etwas ernüchtert hinauf und schwiegen.
Corenhemel kannte dieses Licht, das ihn jede Nacht so vorwurfsvoll anstarrte. Er schloß die Augen davor, seufzte und verachtete fein trauriges Leben.
Als sie an dem Haus vorbei, um die Ecke, in die Storchstraße ein- gebogen waren, fingen sie mit dem Schubkarren zu laufen an, so daß er auf den holprigen Pflastersteinen schüttelte und rüttelte, und sie sangen: „Hü! Pferdchen hü!"
Dort, der efeubewachsenen Mauer des Beginenhofes gegenüber, stand, mit nach vorn überhängendem spitzen Giebel, das bescheidene Haus des Holzschneiders und Glockenspielers Van de Nast.
Vor der Tür hielten sie an.
Livinus flüsterte: „Also meine Herrschaften, ihr könnt ja machen, was ihr wollt, aber ich bleibe nicht hier stehen; denn es ist schon erbärmlich spät, und wir haben alle Aussichten, daß seine Frau uns einen Eimer Wasser auf den Kopf schüttet. Armer Van de Nast, dir wird es ja wieder dreckig gehen."
„Ich bleibe auch nicht hier", sagte Corenhemel.
„Wir wollen klopfen und uns dann aus dem Staube machen", meinte Livinus.
„Ein guter GedankeI" piepste Kuckuck.
„Ich werde nicht wanken und weichen, und wenn sie das ganze Meer über mich ausschüttet!" erklärte Pirruhn. Er drückte sich die goldene Lorbeerkrone fester auf den Kopf.
Als er gerade im Begriff war, an der Messingklinke zu rütteln, faselte der schlafende Van de Nast: „O Nachtigall, o edles Tier ..." „Er will die Nachtigall hören", sagte Pirruhn. „Das soll er auch! Auf ins Feld!"
Livinus fuhr mit dem Schubkarren weiter in der Richtung auf die Felder zu.
Während die anderen sich entfernten, blieb Pirruhn zurück. In der nächtlichen Stille klang von weitem der leierige Gesang feiner Freunde.
Er kam am Gefängnis vorbei und hörte hinter armstarken Eisen- ftäben das Schnarchen eines schlafenden Gefangenen. Da fiel sein Blick auf einen mageren Sankt Rochus, der hinter einem Eifengitter in einer Nische stand und von einer kleinen qualmenden Lampe beleuchtet wurde. Der Heilige zeigte dem Himmel die Wunde seines hölzernen Knies, und feine Augen blicken starr und traurig.
Das flackernde Licht warf einen hellen Schein auf Pirruhns goldene Krone.
Da las Pirruhn mit lauter Stimme, was auf einem kleinen Holzbrett geschrieben stand, das unter der eisernen Opferbüchse an die Wand genagelt war:
„O Mensch, geh achtlos nicht vorbei Und bete zu dem heil'gen Mann Zwei Vaterunser oder breit Und wer es möglich machen kann. Der opfre, was er übrig hat, Damit aus unsrem frommen Land Und unsrer guten treuen Stadt Die Pest für ewig sei verbannt."
Plötzlich fielen Pirruhn die Worte Ioo Pastors ein: „Dieses Jahr wird ein Unglücksjahr."
Ihm war, als fühle er plötzlich den Tod um sich. Die Angst legte sich ihm wie Feuer ums Herz. Das war wahrhaftig noch nie bageroefen.
Er schlug mit seinem Stock nach einem unsichtbaren Etwas. „Weg! Weg!" brummte er und schob durch den mit Spinnweben überzogenen Schlitz der eisernen Opferbüchse neun Frankstücke; er wollte gerade ein zehntes Frankstück hineinstecken, zog es aber plötzlich zurück. „Genug, du Nimmersatt!" schimpfte er, steckte den Franken wieder ein und schritt durch die Nacht nach Hause.
Er hatte seine Kameraden vergessen.
Er hotte seinen Schlüsiel aus der Tasche, und obwohl er noch straßenweit von seinem Haus entfernt war, hielt er ihn ausgcftrerft in der Hand, um ihn ins Schlüsselloch zu stecken.
„Dieses Jahr noch heirate ich Adelaide ... und Anna-Marie muß dabei sein!" murmelte er ununterbrochen vor sich hin.
Die Mainacht hing wohlig kühl mit ihren glänzenden Sternen über der kleinen 6'abt. Die Menschen frfiliefen, und die Nachtigallen fangen in den duftenden Gärten. An den Straßenecken hinter ihren armfeligen Lichtern bewachten die Heiligenbilder die Wett, um sie vor drohenden Gefahren, vor Unheil und Elend zu schützen.
Das Blaue Haus.
Cs war ein sehr altes Haus, das einen Dornübergeneigten, mit Stufen verzierten Giebel hatte, der einst gekalkt war, dann aber durch die Feuchtigkeit lange blaue Streifen und Flecken bekommen hatte. Die beiden Geländer an der fiebenftufigen Treppe stellten zwei eiferne Schlangen dar, die einen Apfel aus Messing im Maul hielten, und über der weißen Tür mit dem großen Messingschloß war an einem Stein ein Becher ausgehauen, den Regen und Wind fast roeggefreffen hatten.
Die hohen Fenster waren klosterähnttch in kleine petroleumfarbige Scheiben eingeteilt.
Auf dem Lindendeich war es still, sehr still.
Die Nethe floß hier schmal und ruhig vorbei. Am Ufer standen flach beschnittene Lindenbäume, in denen viele Spatzen wohnten, und drüben erhoben sich unmittelbar aus dem Wasser die feuchten Mauern einer Klosterschule.
(Fortsetzung folgt.)


