Ausgabe 
31.8.1936
 
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GiehenerZamilienblAter

Unlerhaltungrbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1956 Montag, den 3L August Nummer 67

S

FELIX TIMMERMAN

Die Delphine

EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT

Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig

3. Fortsetzung.

Es macht mich ganz glücklich, das für Sie tun zu können! .. .aber nur für die einfache Kaufsumme", antwortete Anna-Marie.Ihre Liebe zu Adelaide hat mich drüben immer wehmütig gestimmt."

Sie find ein zweifacher Engel!" jubelte Pirruhn,ich könnte Sie . ich könnte Sie gleich, ich weih nicht was ..und erfatzte ihre Hand und küßte sie dreimal. . m , . ..

Schneller!" rief Pirruhn dem Kutscher zu,im Galopp, wie die Feuerwehr!" , m. , .

Aber da waren sie schon an Adelaides Haus angelangt. Pirruhn und Anna-Marie stiegen die Freitreppe hinauf.

Pirruhn klingelte, und Adelaide machte auf. Ihre Beine zitterten, ihre Knie schlugen vor Schreck aneinander.

Ja", sagte Pirruhn,das ist Fräulein Anna-Marie, tue es nicht unter­lassen wollte, Sie zu begrüßen."

Sie hätten mich wenigstens davon benachrichtigen können, Herr Pir­ruhn", sagte sie kühl,dann wäre ich vorbereitet gewesen, um das gnädige Fräulein gut zu empfangen." . m r ,

Sie war böse auf alle beide, wollte es aber nicht zeigen. Dieser Besuch traf sie wie ein eiskalter Strahl auf die Brust.Ich begrüße Sie, gnädiges Fräulein, es ist mir eine große Ehre ... treten Sie ein", sagte fte mit herablassender Freundlichkeit. Sie öffnete ein Tür und zündete eine Kerze an die ein kleines, sauberes Zimmer erleuchtete, mit einem roten Stein« fußboden und einer Strohmatte, auf der ein runder Tisch stand; an Der Wand hingen ein paar Teller und ein kleines Gemälde, das dasEin­horn" darstellte. Auf dem Kamin standen zu beiden Seiten des Kruzifixes zwei Madonnenbilder.Und Sie wollen hier nun ein Jahr wohnen? fragte Adelaide von oben herab, als alle Platz genommen hatten.

Ich muß wohl schon", meinte Anna-Marie mit einem schüchternen, freundlichen Lächeln,es ist eine große Veränderung in meinem ßebcn ...

Ich glaube es gerne, bei all diesen kleinen Leuten hier , versetzte Ade­laide, die gefalteten Hände in ihrem Schoß. .

Eine lange peinliche Stille trat ein. Pirruhn betrachtete Anna-Marie und wartete ungeduldig darauf, was sie über dasEinhorn sagen würde. Es dauerte ihm zu lange, und plötzlich äußerte er:Sie hat gluck- literweise das .(Einhorn*."

Adelaide war es wie ein Stich ins Herz. Was? Das in Anna-Maries ^^Sie^erhob sich, ließ ihr Taschentuch fallen und bückte sich danach, um ihre Entrüstung zu verbergen. , ..,,

Aber dann sagte Anna-Marie schüchtern:Auf das .Einhorn verzichte ich Sie sollen es zurückerhalten, Herr Pirruhn. Es kommt mir nicht zu. Mein Vater hätte sich nie diesen Scherz erlauben sollen ...

Ich nehme es an!" jubelte Pirruhn und sah zu Adelaide hinüber, als wollte er sagen:Nehmen Sie es nun auch aus meinen Händen an....

Adelaide blickte starr vor sich hin; Pirruhn wandte sich an Anna-Marie: Sie können es solange benützen, bis ... das hängt von anderen ab.

Und siehe! Plötzlich ergriff Adelaide Anna-Maries Hand und fragte zärtlich:Erzählen Sie mir, bitte, ist Italien wirklich so schön?"

Und Anna-Marie erzählte ...

Der Verzicht auf dasEinhorn" hatte Adelaides Groll weggefegt. Jetzt, wo das Gut nicht mehr den Egmonts gehörte, war Anna-Marie ihr eine liebe Freundin, und auch der Groll gegen Pirruhn hatte sich gelegt Aber ihre Rache, ihn zu einem erneuten Antrag zu bringen, würde sie deshalb nicht fallen lassen, jetzt nicht mehr megen Anna- Maries sondern wegen seines eigensinnigen Schweigens. Adelaide hatte glänzende Laune. Und Pirruhn hüllte sich, grunzend vor Wohlbehagen, in den Rauch seiner Pfeife, wie Jupiter in seine Wolke.

Die Huldigung.

Als Pirruhn den kleinen Saal des Delphins wieder betrat, faß Kuckuck für sich an einem Tisch, bei einer Kerze, und schrieb ein Gedicht.

Wie findet ihr diesen Hauptvogel?" rief Pirruhn mit stolzer Freude.

Sie verdient einen Tempel goldenen Säulen!" erklärte X,minus

voller Begeisterung.Ich habe nie gewußt, daß es so etwas gäbe. Mir ist ein Gedanke gekommen. Ich werde sie malen! Das wird ein Kunstwerk, vor dem Tizian den Hut ziehen müßte!"

Male du deine Grain bDr!" schnauzte Pirruhn.

Sie hat einen Mund wie der Bogen Amors", meinte Kuckuck mitten zwischen zwei Reimen,sie ist wie Hoboenmusik im Mondenschein."

Traumverloren sagte Corenhemel:Ihre ganze Schönheit liegt in ihren Augen- sie hat dieselben wunderbaren zarten Augen wie Katinka. Und das macht mich so glücklich! Diese Augen, so wie Anna-Marie, so wie Katinka sie hat denn mein Herz sagt mir, daß sie noch lebt das sind Augen, die man nie mehr vergißt, bei denen man aber alles andere vergessen kann. Die Liebe fällt durch die Augen wie durch Fenster m unser Herz. Es sind die Augen allein, diese seelenbetäubenden Augen Ka- tintas, die mich mehr als alles andere nach Rußland ziehen. Und jetzt hat Anna-Marie dieselben Augen. Das macht mich so glücklich! Es ist, als wäre nun etwas von Katinka in dieser kleinen Stadt.

in

Pirruhn zuckte verächtlich die Achseln.

Wahrhaftig", meinte der zarte Schwan mit seinen weißen Haaren, sie ist bezaubernd schön, ich beglückwünsche dich, Pirruhn, daß du sie hierher gebracht hast!"

Darüber freute sich Pirruhn sehr. ... . m

Ich habe schon viele Frauen gesehen , sagte der dicke Vmi de Rast, aber unter Tausenden gibt es nicht eine wie diese. Ich würde schon einen kleinen Umweg machen, um ihr zu begegnen. Und du, Pirruhn, was denkst du von ihr?"

Ich? ... Als ich sie sah, war ich wie zerschlagen. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre und Adelaide nicht kennte, dann müßte sie die

Der Dichter sitzt so oft im stillen, tiefen Wald, Vergißt beim Murmeln eines kühlen Baches bald Die ganze Welt und träumt sich in ein Reich hinein, Wo eroge Jugend herrscht und eroger Sonnenschein. Dann steigt vor seinem Dichterauge Bild um Bild Aus längst vergangnen Zeiten, adlig schön und mild; Helena tritt hervor, die Trojas Schicksal war, Gefolgt von Aphrodite, die das Meer gebar Auf Jupiters Geheiß, gar lieblich anzufchauen;

Da geht mit muntrem Schritt Diana durch die Auen, Hier kommt sehr würdevoll Minerva stolz vorbei; Dort tanzt der Nymphen Schar bei Flöte und Schalmei, Die Sonne hüllt sie in ein wunderbares Licht, Klar wie der junge Tag erstrahlt ihr Angesicht.

Und wenn der Dichter nun, von Schönheit ganz befangen, Die Arme breitet aus, mit himmlischem Verlangen, Dann löst sich plötzlich auf der Dunftgeftalten Reigen Und hängt wie Nebel nur zerfließend in den Zweigen. Du aber, edle Magd, so schön wie die Gestalten, Die Hellas' hoher Geist der Nachwelt hat erhalten, Du bist, den Göttern Dank, kein Trugbild und kein Wahn, Du bist lebendig Fleisch, das unsre Augen sahn Und deshalb ruht auf mir die strenge Seelenpflicht, Aus meiner Harfe dich zu preisen im Gedicht."

Die Männer saßen alle schweigend da. Plötzlich klopfte Pirruhn dem Sohn aus dem Schnupftabaksladen auf die Schulter und sagte:Das muh sie lesen!"

Jawohl, jawohl!" riefen nun alle.

Corenhemel schreibt es ab, ßioinus malt ein paar Blumen, Liebes« götter und Delphine ringsherum, und wir alle unterzeichnen!! ... fugte P'^neschöne Huldigung!" sagte Schwan, und alle stimmten ein.

Pirruhn war ganz gerührt. Er schob sein Bierglas beiseite, erhob sich, stemmte die Fäuste aus den Tisch, als mache er sich bereit, eine lange Rede zu halten und sprach:Wir müssen dafür sorgen, daß das Jahr, wo sie hier bleibt, das glücklichste Jahr ihre- Lebens werde! S.e darf hier keine grauen Haare kriegen! Das wollte ich nur sagen!

(Fr übte' sich und stand gleich wieder auf.

Heute ist ein großer Tag. Ein Delphinentag von reinstem Wein! D-r Blüte Italiens zu Ehren, der schönsten Frau zu Ehren, die wir lemals> m unferem Leben gesehen haben, werden wir die Kronen aufsetzen und mit Bacchus, unseren Freund, den Olymp besteigen! Er klatschte in die Hände und gab damit das Zeichen zum Beginn des Fes^

Gäbe es nur viele Anna-Marien! lachte Van deNast und rieb sich das Bäuchlein.

Kuckuck erhob sich und zeigte fein Gedicht. Er strich feine schwarzen Locken hinter die Ohren, hustete und las feierlich mit einer piepsenden Stimme, woran die Genossen sich schon gewöhnt hatten.

Pirruhn hörte mit geschlossenen Augen zu, ßioinus legte den Kopf die Hände, und VandeNast guckte in sein Bierglas.