Ausgabe 
31.7.1936
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1956 Zreitag, den 5. Juli Nummer 50

Oie ^ahrt nach öer Ahnfrau i

Erzählung von Paul Fechter

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der HerruJK üfiicffeiyr In Königsberg b(elbcn wollte.

Es würde doch wohl auf ein beiderseitiges Schreiben hinauslnufen müssen.

Als Meinungsäußerung bedeutete dies eine Enttäuschung für den Doktor: er sollte nicht nach Insterburg. Als Mitteilung erfreute es ihn: was sollte er schon In dem langwelligen Nest, wenn sic »lebt da war. Seine Phantasie aber zeigte ihm eine Gemeinsamkeit der Ahncnsuchc, die angenehm gegen die bisherigen rein männlichen Phasen seines llnternchmens von Malletke bis Iuschkat abslach, und so hatte er gegen die Vorstellung einer schriftlichen Erledigung einiges elnzuwenden

lieber diesen Erwägungen aber überhorte er nicht die halblaute Be­merkung des Professors, der nickend die Richtigkeit der schwesterlichen Einwände bestätigte:SItnunt Ste fahren ja nach Nidde» zu Frau Endrulnt. Da geht cs allerdings nicht."

Er ahnte nicht, das? Im gleichen Augenblick dem Doklor Ebener völlig klar wurde, wie es dach ging. Er sagte nichts, ober er erhob lein Glas mit ausrichtigem Dank gegen seinen Gastgeber und stellte fest, das; es nun aber für Ihn die höchste Zelt sei, nach Königsberg zurück- zukehre».

Der Professor widersprach mit der erforderlichen Liebenswürdigkcil: aber zugleich zog er seine Uhr und stelllc sclncrsells fest, das? der Gast, falle er nicht bis morgen bleiben wollte, In der Tat nicht viel Zelt zu verlieren hatte In einer Viertelstunde ginge der lef?tc Zug

Der Abschied des Doktor Ebener war kurz aber herzlich. Die Schwesler Regina kam zuletzt an die Reihe: er sagte thr ntcht nur Lebewohl, sondern dankte ihr für die Aussicht aus eine endliche Lösung seiner Ausgabe, die sie ihm eröffnet hätte. Er würde Ihr von Königsberg aus sofort die Daten schreiben und wäre Ihr sehr verbunden, wenn sie feflslellen könnte, ob er mit ihr verwandt fei oder nicht.

Daß er dabei ihre Hand bei jedem Abschnitt feiner Rede von neuem leicht drückte, versteht sich von selbst. Ebenso aber, das? er mit feiner Silbe verriet, wie fest entschlossen er mar, von Dienstag ab jeden Morgen, wenn es fein musste, ebenfalls nach Nidden zu fahren.

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Ein Klingelzeichen allerhand verdächtige Hantierungen der Mann­schaft am Ausgang und an den zum Schuf, der Schönheit des Dampfers ausgehängten Holzrollen und Prellballen. Der Doktor atmete Hef und resignierte. Er muhte eben wieder mit der Natur vorliebnehmen und für die fröhliche Hoffnung seiner Regentage büf?en.

Er stieg auf das Oberdeck, sand nicht weit vom Schornstein einen - * 111 » > ' t, .......... ............

Doktor eine Melle Im Barkhotel, das ihm für fl vor kam, sah zu, wie ole Leute zwischen den iflte sich, ob er wohl mit der Schwester Regina, gern tanzen würde. Er schüttelte unwitlkürttch den irrtet Neigung dazu. Dies tonr ihm srernd ge- Melt nach dem Kriege, und es schien ihm hier " bald heimging und in der Stille seines Hospizes strunk zu sich nahm.

» sonst, aber doch ungeweckt, am Dienstag erhob ____öffnete, sal) er in einen graue« aber trockenen Tag. Die Bäume wehten In leichtem Mtud, der Htmmel zeigte helle Streifen: es bestand die Möglichkeit, das? das Wetter sich besserte. Und wenn nicht aus dem Dampfer gab es ja Kajüten: da war es auch gleichgültig.

Der Zug war nicht eben voll, und die meisten fuhren nach Eranz. Der Dampfer tag klein und unansehnlich in der grünen, regensrischen Land- schast: fein Qualm wurde vom Winde rasch zerieilt und zum Wald hin übergeweht: über die sumpfige Wiese daneben wanderte langsam, gravi­tätisch nickend, ein Storch.

Der Doktor ging mit den andern Fahrgästen In jenem beschleunigten Tempo zum Dampfer, das die Vorsiellung von ersehnten und gerade eben von andern besetzten Plätzen In Reisenden und Auoslüglern auto- matisch zu erzeugen pslegt. Er |ud)le unter den Milwandernden eine ersehnte Gestalt aber vergeblich. Wahrscheinlich war sie bereits aus dem Schiss.

Er löste seine Karte, fleflerle auf den kleienen Dampfer, der ziemlich hoch aus dem breiten, flußähnltchen Wasser ausragte, in dem er lag: er wanderte nach vorne, wanderte nach hinten, stieg hinauf, stieg hinab und sand niemanden. Die besten Plätze aus dem kleinen Oberdeck dicht beim Kapitän waren längst vergeben: der Doktor Ebener zog ruhelos durch die Gänge, kontrollierte die Ankommenden mit negativem Er­gebnis. Das Herz seiner Hoffnung sank in Regionen, In denen es schon beinahe nicht mehr tiefer fallen konnte.

Der Dampfer sandle, nach mehreren vergeblichen Ansätzen, einen miß­tönenden Schrei in den grauen Morgen: er kündete auch der Ferne feine bevorstehende Abfahrt an. Dem Doktor Ebener schnitt der Ton In die Seele: er [ah dem Schicksal, dem er (eit Rauschen blind vertraut halle, aus einmal in die höhnisch unbarmherzigen Augen.

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blickte lange aus den Fenstern über die regenglänzenden Dächer hinüber nun Pregel und zum Hass, bummelte wieder die menschenleere Langgasse hinab, as> bei Jüncke zu Mittag freute sich, das, die Speisekarte immer noch eine Schiefertafel mar, auf die die jeweils neuen Delikatessen aus geschrieben wurden, und das? Immer noch die netten, srmmdltchen binnen Käser bedienten. Am Raehmiltag schrieb er mit Lust und Ausdauer seine IZHmenuacb welle unb Auszeichnungen über Regina Katharina Müller für fanblc sie Ihr mit einem sehr sargsältlg und mit trief nach Insterburg. Dann schlief er ausgiebig, Bett, freute sich am Montag, das» e» wieder isstcht auf Besserung am Dienstag um so größer >n einen Tag früher nach Nidden zu fahren, um

Ankunft des Dienstagdampfers am 5>afen zu

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gnügte Stadt: er pfiff vor sich hin, manchmal fummle er fogar eine Melodie, jo flut fein wenig musikalisches Herz sie hergab. Er sah vor sich ein sonniges großes Wasser, und aus dem Wasser einen hübschen Dampser, und auf Dem Dampfer ein hübsches Mädchen und er hatte seftgeftellt, daß nach Nidden überhaupt nur ein Dampfer morgens um neun von Eranzbeek möglich war. Es mußte also glücken. Und diele Aussicht ließ Ihn mit Fassung und Gleichmut das naffe Wetter und die nasfc Stadt ertragen. Er verflieg sich sogar ins Museum, kletterte im Schloß die Treppen hinaus, defah sich die alten Schränke und die alten Bilder,

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Doklor notierte alles tellnahmfos, menschenfeindlich in feinenjvmmei und seine Einsamkeit gehüllt bis er aus einmal alle Menschenselnd- llchkeit veraas? und mit stierem Blick ein junges Mädchen in grauem Mantel anstarrte, das langsam und nnbcsangen, in der befchatteten Stirn zwei leicht angedeutete Falten, die Treppe zum Oberdeck hinausgestiegen kam. Es war kein Zweifel: während er hier saß und mit Gatt und der Welt zerfallen grollte, war das Ziel seiner Sehnfucht unbemerkt dach auf das Schiff gestiegen und war jetzt ebenso erstaunt beim Anblick de Doktor Ebener wie der bei dem Ihrigen.