Oer Sänger.
Von 3. W. von Goethe.
„Was hör' ich draußen vor dem Tor, Was auf der Brücke schallen?
Laß den Gesang vor unserm Ohr Im Saale widerhallen!"
Der König sprach's, der Page lief;
Der Knabe kam, der König rief:
„Laßt mir herein den Alten!" — „Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern! Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen."
Der Sänger drückt' die Augen ein Und schlug in vollen Tönen;
Die Ritter schauten mutig drein Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette reichen.
„Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern! Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt' ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen."
Er fetzt ihn an, er trank ihn aus: „O Trank voll süßer Labe!
O wohl dem hochbeglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's Euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk Euch danke."
Kranz Liszt.
Zum 50. Todestage am 31. Zull.
Von Dr. Hermann Ohrenschall.
„Das Genie verpflichtet!" Diese Worte, die Franz Liszt aussprach, als der große „Geigerkönig" Paganini die Augen für immer geschlossen hatte, standen auch über dem Leben des größten aller Klamer- künstler selbst. 50 Jahre sind vergangen, seit er von uns ging. Aber der Zauber seines Wesens umfängt uns heute noch wenn wir feine Schöpfungen hören, und ein Ahnen steigt in uns auf, wie unerhört und gewaltig fein Spiel gewesen sein mutz, wenn er solche Werke schuf.
Im Lebenswege Franz Liszts stoßen wir oft auf eine rätselvolle Dunkelheit, und wir stehen vor Wandlungen seines Wesens, die uns unfaßbar scheinen. Die gegensätzlichsten Elemente sind in ihm verbunden. Scheint uns zunächst manches überraschend und unbegreiflich, bei näherem Kennenlernen feines Wesens offenbart sich die Einheit feines Lebens von feinen ersten Tagen bis zum letzten Atemzuge.
Lifzt wurde am 22. Oktober 1811 in dem Dorfe Raiding in Ungarn geboren. Seine Eltern gehörten einer alten, aber verarmten Familie an. Sie lebten in einfacher 'Bürgerlichkeit ein ruhiges Beamtendafein. Der Vater, Adam Lifzt, war ein gebildeter und strebsamer Mann, dem fein Amt als Rechnungsführer des Fürsten Esterhazy längst nicht die volle Befriedigung gewährte. Alles was er selbst durch die Mißgunst des Schicksals nicht zu erreichen vermocht hatte, wollte er seinem Sohn zukommen lassen. Früh erkannte er das musikalische Talent seines Sohnes, und er gab ihm selbst den ersten Klavierunterricht. Die Liebe des Jungen zum Klavierspiel steigerte sich bald zu einer Besessenheit. Rach dreijährigem Unterricht trat der Knabe zum ersten Male an die Oessentlichkeit in der Kreisstadt Oedenburg und kurz darauf auch in Pretzburg. Der Beifall war über die Matzen groß. Die kunstbegeisterten Adligen veranstalteten eine Sammlung, die dem Wunderknaben eine sechsjährige Studienzeit ermöglichen sollte. Die heftigen Widerstände der Mutter, die ihren einzigen heißgeliebten Sohn nicht einer ungewissen Künstlerlaufbahn preisgegeben sehen wollte, überwand der Knabe selbst mit zukunftssrohen gottoertrauenben Worten.
In Wien erfuhr Franz die beste Unterrichtung durch Czerny, Salieri und Randhartinger. Das größte Erlebnis jener Zeit aber war die Begegnung mit Beethoven, der ihn auf eigenen Wunsch empfing. Die anfeuernden Worte, die ihn an die Heiligkeit seines Berufes erinnerten, wiesen ihm die Richtung für fein ganzes Leben. Und als Lifzt am 13. April 1823 fein erstes öffentliches Konzert in der Kaiferstadt gab, war ihm die Anwesenheit Beethovens mehr als der brausende Beisall des begeisterten Publikums. Eine Reise durch Süddeutschland brachte ihm neue Triumphe. Die Zeitungen begrüßten den jungen Virtuosen als einen „zweiten Mozart".
Die höchsten Erwartungen aber hatte der Vater Liszts auf Paris gesetzt, wo C h e r u b i n i das Konservatorium leitete. Aber trotz eines treng'en Examens wurde Franz nicht in die Akademie ausgenommen. Lherubini hielt sich dem jungen Künstler gegenüber völlig zurück. Die Enttäuschung war sehr groh, und alle Hoffnungen schienen begraben, als sich dem jungen Meister plötzlich die Pariser Salons öffneten. Paer und Reicha, zwei Musiker von großer Bedeutung im damaligen Paris, hatten dem Vater Liszts treulich zur Seite gestanden Der Herzog von Orleans, der spätere König Louis Philipp, sorgte selbst für weiteste Verbreitung seiner Erfolge. Und nun wurde Liszt der Held des Tages, der gefeierte Liebling des Pariser Publikums. Reisen nach England, wo er vom König Georg IV. ausgezeichnet wurde, und nach der Schweiz in den Jahren 1824 bis 1827 verbreiteten seinen Ruhm in ganz Europa. Da traf ihn am 28. August ein furchtbarer Schlag: fein geliebter Vater starb ganz plötzlich. Der Sechzehnjährige rief die Mutter aus der ernen Heimat zu sich und gab ihr feine ganzen Ersparnisse, die über 100 000 Franks betrugen, sodaß die Mutter vor jeder Sorge geschützt war. Der Schmerz um den Verlust des Vaters wurde noch erhöht durch den Verzicht auf ein geliebtes Mädchen, bas wegen der Ungunst der Verhältnisse keine Verbindung mit ihm eingehen konnte. Verzw lt zog sich Liszt in die Einsamkeit zurück. Selbst seine Kunst vernachlässigte er, so daß in Paris bereits die Kunde von seinem Tode verbreitet wurde. Seine Seele war nur noch der Religion hingegeben, er vertiefte sich ausschließlich in geistliche Schriften.
Da erschien Paganini in Paris und berauschte mit feinem Spiel die ganze kunstliebende Welt. Er riß auch Liszt aus seiner Weltabgeschiedenheit. Sein so lange Zeit zurückgedrängter Genius entfaltete ich zu neuem Leben. Er beschäftigte sich jetzt mit philosophischen und allgemeinen Schriften und entwickelte feine Kunstanfchauung, Seme Gedanken gingen dahin, die „Kunst zu popularisieren" und „sie in ihre Rechte an der Kultur der Menschheit" einzusetzen. Alle Virtuosität erschien ihm nur als ein Mittel, nicht als Endzweck. Er gab einer nach allen Richtungen ausgebildeten Technik eine innere Bedeutung, die zu einem höheren Zwecke diene.
In die Jahre 1835 bis 1839 fällt Lifzts Verbindung mit der geistig hochstehenden, auch als Schriftstellerin bedeutenden Gräfin d ' A g o u 11, aus der drei Kinder erwuchsen; eine Tochter wurde später Cosima Wagner. In dieser Zeit lebte Liszt völlig zurückgezogen zunächst in der Schweiz, seit 1837 in Italien, wo er zwei Jahre blieb. Neben feinen Konzerten widmete er sich ganz dem Studium der Kunst. Gerade die Universalität seines Geistes bewirkte den unwiderstehlichen Zauber seines Wesens und gab ihm eine zwingende Macht über alle, die in feine Nähe kamen. Seine Liebenswürdigkeit und feine Hilfsbereitschaft zu jeder Zeit machten ihn ebenso berühmt wie seine Virtuosität.
1839 kehrte Liszt zum ersten Male wieder in seine Heimat zurück, wo er die größten Triumphe seines bisherigen Lebens erntete. Den Ertrag sämtlicher Konzerte stellte er mildtätigen Zwecken zur Verfügung. Die Ungarn sahen in Liszt nicht nur den gefeiertesten Vertreter ihrer heimischen Kunst in der Welt, sondern auch ein Vorbild ihrer ideellen Bestrebungen. Er wurde zum Liebling seines Volkes. 1840 verließ er feine Heimat wieder und trat feine Reise durch Deutschland an. Schumann schreibt begeistert von dem Künstler, in Berlin hatte ein Taumel die künstlerisch gebildete Welt ergriffen. Die große Volksmenge huldigte Franz Liszt als einem Wohltäter der Menschheit.
Nach einem unvergleichlichen Siegeszug durch fast alle Lander Europas zog sich Liszt ganz piötzlich von der Stätte seiner bisherigen Triumphe, dem Konzertpodium, zurück. Und nun begann zum Erstaunen aller Welt Liszts zweiter großer Lebensabschnitt, in dem er als Dirigent und Komponist wirkte. 1847 folgte er dem Ruf des Großherzogs von Weimar als Hofkapellmeister und ließ den Ruhm der alten klassischen Musenstadt zu neuem Leben erwachen. So unumstritten Liszt als Virtuose war, so heiß umkämpft wurde er als Komponist. Gegen den Begründer der „Neudeutschen Schule" stand fast die gesamte damalige musikalische Welt, und nur die Jugend scharte sich in Begeisterung um den Meiller. Jetzt schuf er feine Klavierkonzerte und feine Etüden, seine „Ungarischen Rhapsodien", in denen er die Leiden und Freuden feines Volkes, feine Melancholie und seine unbezähmbare Seihen- chaft ergreifend gestaltet hat, und die völlig neuen „Symphonischen Dichtungen", in denen er die gewohnte Form der vi«r- ätzigen Symphonie in einen Satz verwandelte und nur durch die Verarbeitung verschiedener Stimmungen auf das Alte hinweift. Lifzt war eine „poetisch-musikalische Doppelnatur", die Musik war ihm verklärte Poesie. Diese Anschauung aber rief die erbitterte Gegnerschaft hervor. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen sah er eine wichtige Mission in der Aufführung und Verbreitung junger Komponisten. Er hat das Verdienst, Wagners Werke dem deutschen Geist nahegebracht zu haben. Und auf Liszts Bitten wurde ihm die Heimat wieder geöffnet.
1859 legte Lifzt fein Amt in Weimar nieder. Die Intrigen, die m ganz Deutschland damals gegen die neue Richtung gesponnen wurden, hatten auch in Weimar Einlaß gefunden. Lifzt ging nach Italien und zog sich nun völlig vom öffentlichen Leben zurück. Sein tief religiöses Wesen und der mystische Zug, die sich schon in Jugendjahren gezeigt hatten, ließen ihn in den Dienst der katholischen Kirche treten. Am 25. April 1865 empfing er in Rom die Priesterweihen. In Stille und Abgeschiedenheit lebte Liszt nun und widmete sich ganz kirchlichen Kompositionen, von denen die bedeutendsten das Oratorium „Die f) eilige Elisabeth" und der „C h r i st u s" sind. Seit 1869 kehrte Liszt jährlich wieder mehrere Monate in Weimar ein und nahm auch wieder öffentlich an Konzerten teil. Unvergeßlich aber ist er uns auch als tätigster Förderer des Bayreuther Gedankens. Er war auch der erste, der den Proben und Aufführungen des Bühnenfestspiels 1875 und 1876 in Bayreuth mit beiwohnte. Dort schloß der greife Meister, von allen Freunden und Verehrern tief betrauert, am 31. Juli 1886 die Augen. Ein reiches Leben war zu Ende.
Beranttoortlid); Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Tlniverfitats-Duch. und Steindruckeret. R. Lange, Gießen.


