Dom Echo.
Von Ruth Schaumann.
In den Gärten singen sie Meiner frühen Liebe Lieder, Wie auf eines Schwans Gefieder Führt der Tag die Melodie.
Kirschen, die ich einst gepflückt. Sie um sanften Mund zu tauschen, Stehn in eigner Wipfel Rauschen lieber schwere Tracht verzückt.
Um des Friedhofs Kirchenknauf Storch und Schwalbe kreisend wandern. Und ein Hügel nimmt vom andern Meines Lebens Echo auf.
Lob der Stadt Augsburg.
Von Wilhelm Hausen st ein.
Ein altes Sprichwort sagt: „Wenn Nürnberg mein wär', wollt' ich's zu Bamberg verzehren". Ich unterschreibe; denn die Herrlichkeit Barm bergs, die nie genug gekannte, verdient einen so hohen Preis. Und ich würde hinzufügen: „Wenn München mein wär', wollt' ich s zu Augsburg verzehren". Ich sage es den törichten Lästerern zum Trotz die da behaupten, das Beste an Augsburg sei der Schnellzug nach München. Ach — ich bin mehr als hundertmal in der Laune gewesen, die Lästerung umzukehren Run will ich freilich niemand drängen, mein Sprichwort über Augsburg und München allzu wörtlich zu nehmen. Aber wie jeder, der in der Jahreszeit der Reifen von Norden nach Süden um Nürnbergs willen Bamberg versäumt, unverzeihlich, sich selbst beraubt, so möge eben dieser jedermann mein Wort von München und Augsburg zum allerwenigsten als Lehrfabel nehmen: das heißt, er möge nicht versäumen, jene kaum einstündige Fahrt von München nach Augsburg zu machen, die zu den besten Chancen der bayerischen Hauptstadt gehört.
Schon auf der Anfahrt empfindet man etwas vom Wesen der „überaus glanzvollen Hauptstadt Raetiens", die Tacitus rühmte. Das hochstrebende Profil der Stadt hat den Charakter des zugleich Bedeutenden und Eleganten, des ebenso Freien wie Gewichtigen, der den Städten von weltweiter Geltung eigentümlich ist. Wohl geht auch hier die Einreise zwischen einem Friedhof und einem Brikettlager durch, und ich müßte lugen, wenn ich weqstreiten wollte, daß der erste Eindruck in der Stadt drinnen der einer dichten Provinzialität ist. Allein das Provinziale ist von heute oder gestern, und vom Bilde der Erhabenheit, der Wucht und der Grazie der alten Stadt wird es durchgetragen, aufgesogen wie nichts! Es bleibt einzig das Wunder dieser begeisternden Stadt. Es bleibt der würdige und heitere Schimmer einer Stadt, die vormals ebensowohl wie Venedig und Antwerpen eine Hauptstadt der Erde gewesen ist. Es bleibt dieser triumphale Glanz, und wo ein Schatten auf ihn fällt, ein Schatten nämlich aus unserer Zeit, ober wo der Glanz nur noch die Pracht eines mürben Stoffes ist, da gewinnt er noch die Tiefe des Traurigen, des Rührenden hinzu, die an aller irdischen Schönheit das Allerköstlichste ist.
Wie von einem Magneten wird man zuerst unfehlbar von der bürgerlichen Mitte der Stadt angezogen: dem Rathaus, das Elias Ho l l im Anfang des Dreißigjährigen Krieges vollendet hat. Welch ein Bau! Welche Größe und Freiheit im Norden! Mit dieser mächtigen Unbefangenheit erheben sich sonst nur die Paläste des Südens, wie Andrea Palladio fte qebaut hat. In sieben Fensterreihen schichtet der Mittelbau sich empor. Mit einer weißen Diskretion treten die beiden Türme zurück, um dem emporqetriebenen Giebel die ganze Ueberlegenheit der Wirkung zu lassen. Ist es möglich, den Auftrieb dieser in aller Einfachheit pompösen Senkrechten die gleichsam der Maßstab der Größe dieser Stadt ist, noch zu steigern so geschieht es auf der Rückseite dieses Palazzo mumcipale schwäbischer Bürger. Dort ist das Rathaus noch um einige Stockwerke höher; dort fliegt es auf — fast steht es nicht mehr; auf dieser Seite ist es nämlich tiefer angefetzt, denn das Gebäude ist an einem Abhang errichtet, der auf der Rückseite des Hauses ein viel tieferes Parterre ergibt Man ist versucht zu sagen, das schöne Augsburg liegt wie im räumlichen, so auch im zeitlichen Sinne diesseits und jenseits des Rathauses.
Elias Holl, der zwischen 1600 und 1630 Augsburg sozusagen ein zweites Mal erbaut hat, ist in Italien gewesen. Er hat gewußt, was die Namen Sansovino und Palladio bedeuten. Doch nicht, daß er in Italien war, ist das eigentlich Bemerkenswerte, sondern das Wesentlichste ist die ganz besondere Natürlichkeit, mit der die Verbindung zwischen dem großen schwäbischen Baumeister und der italienischen Baukunst sich vollendet! Wir alle haben so oft das Fragwürdige des Begriffs „deutsche Renaissance verspürt Wir alle empfanden fo oft das Unorganische, das lediglich Modische an diesem Begriff. Aber hier, in Augsburg, am Rathaus Holls, zeigt sich frei eine vollkommene Natürlichkeit der Verbindung zwischen nordischer Initiative und südlicher, römischer Ueberlieferung Diese Bte- naissance ist selbstverständlich. Wie kommt es? Ich glaube nicht, daß ich mich irre, wenn ich die These wage: die Natürlichkeit dieses antiken Stils wird erklärt durch die römische Herkunft der Stadt selbst. Augrista Vindelicorum ist eine Tatsache der großen römischen Geschichte, «me Tatsache, die so alt ist wie das kaiserliche Imperium; eine Tatsache auch, tue so alt ist wie das Christentum — doch davon nachher. Im BUit der Augusta ist der römische Trieb. Die Hauptstadt des romiidjen Raetien enthält das Blut der Legionäre. Die Brunnen, die in den Zeiten der
Blüte eines niederländischen Romanismus, in den Zeiten der Adriaen de Vries und Huberg Gerhard, im siebenzehnten Jahrhundert aus den Plätzen der internationalen Stadt dem Herkules, dem Merkur, dem Kaiser Augustus ausgestellt worden sind, bedeuten mehr als eine humanistische Floskel; sie sind Erinnerungen eines römischen Geistes in dieser Stadt. Warum denn zittern wir im Innern, wenn wir in Augsburg auf einem römischen Grabmal die steilen und klaren Buchstaben römischer Epigraphik lesen? Wir ahnen: Hier ist der Ursprung dieser Stadt ...
Das Rathaus ist ein Denkmal starker Bürgerlichkeit. Aber um diese Bürgerlichkeit und ihr Denkmal ganz zu bezeichnen, möchte man zu einem Gleichnis greifen, das über das Bürgerliche hinausgeht: es ist ein kaiserliches Bürgerhaus! Oh, das Kaiserliche dieser ganzen Stadt! Es ist vom Geist des Augustus gesetzt, und die deutsch-römischen Kaiser des Mittelalters, der beginnenden Neuzeit haben hier nur eine Ueberlieferung aufnehmen müssen. Ich will sagen: Wenn Kaiser um Kaiser in diese Stadt zu Gaste kam, die eine Freie Reichsstadt war, fo traf die Würde der Kaiser mit jener geborenen Kaiserlichkeit des bürgerlichen Gemeinwesens zusammen, die eine römische Mitgift war. Und waren die Fugger, Barchentweber zu Beginn, dann Großhändler und Bankiers, am Ende nicht Bürger über den Kaisern? Anton Fugger verbrennt dem Kaiser Karl dem Fünften, in dessen Reich die Sonne nicht untergeht, einen Schuldschein in einem Feuer von edlem Holz aus den Tropen. Wer ist mehr Kaiser?
Augsburg sei auch — so wurde vorhin angedeutet — ebenso alt wie das Christentum. Und in der Tat: Fühlt man in dieser freien Bürgerstadt den Sinn von Worten wie „römischer König" oder „römisches Reich deutscher Nation", so fühlt man vollends den Sinn des Wortes vom „heiligen" römischen Reich deutscher Nation. Hier hat 30/ nach Christus die heilige Afra den Martertod erlitten, und dem Namen der Heiligen bleibt das Gedächtnis der Stadt bis auf diesen Tag treu. Hier hat im zehnten Jahrhundert der Bischof Ulrich, fromm und streitbar, den Hunnen gewehrt. Hier steht der älteste romanische Dom Deutsch- l a n d s, und ob man ihn auch in der Weise der Gotik überbaut und umgebaut hat — wahrlich, man fühlt ihn. Steigt man in die dunkle Krypta, so betritt man den Boden des frühen Christentums selbst; und verweilt man, zäh angezogen, vor der Bronzetür, die gegen das Jahr 1000 entstand, so ist man in Augsburg den ältesten kirchlichen Ueberlieferungen so nahe wie vor San Zeno zu Verona, ja wie in Rom oder Byzanz. Diese Tür! Ich habe Stunden meines Lebens vor ihr verbracht, und ich will bekennen: Spricht das Rathaus mein Pathos an und auch meine Bewunderung sür die Klarheit des klassischen Begriffs, so spricht diese Erztür eine Empfindung in mir an, die mehr ist als Pathos und Vernunft zusammen — die überzeugte Ergebung ins Göttliche, die stumm ist.
Es kommt ein gotisches Augsburg, und es ist schön. Am Bauwesen gedieh es am schönsten in den Jahren, in denen die Steinfiguren des nördlichen Turmes gemeißelt wurden. Steinbilder zur Geschichte der Geburt Christi. Möge der Schmuck des Tores bleiben, wie er ist, möge seiner das Herz zutiefst rührenden Verwitterung kein Erneuerer helfen wollen! Möge der schweflige Stein, der graue, gelbe, mürbe, mit den Jahrhunderten vergehen, die an ihm alt geworden find. Möge man die bannende Schönheit dieses Verfalls nicht stören. Doch, wenn ich vom gotischen Augsburg rede, so muh ich mich noch jener Barne erinnern, die im Dom auf einem Bilde des älteren Holbein das Kindlein Mariae baden will. Sie ist mit einer rosenroten Robe und weißen Haube völlig damenhaft nach dem Begriff des 15. Jahrhunderts; ihre Haltung ist die Idee der gotischen Eleganz. Die Dame seht einen elfenbeinernen Fuß in den Badezuber, um die Wärme des Bades für das Kindlein zu versuchen. In Abständen stehen, sitzen, liegen die Gestalten. Das Bild ist still und nachdenklich. Die Verführung, die davon ausgeht, hat die Macht des Metaphysischen.
Dies alles liegt jenseits des Rathauses — im Raume wie Zeit. Diesseits liegt das barocke Augsburg: die unabsehbare Girlande der barocken Häusergiebel; die Menge der schlanken Kirchtürme mit den grün- spanigen Zwiebelkuppen — dieser schlanken Türme, die aussteigen wie Minarette. Man sieht sie überall; allenthalben scheinen sie von einem raffinierten Bewußtsein ins Ziel der Perspektiven gestellt; der Plan ist geschickt auf Wirkung gerichtet, wie in einem meisterlich angeordneten Thcaterprospekt. Am souveränsten, am wirksamsten erhebt sich nach diesem Typus der Turm des U l r i ch s m ü n st e r s. Die immer gleichen und wie aus einer einzigen Absicht heraus über die Stadt verteilten Türme! Sie sind in ihr, was die Reimsilben in einem Gedicht sind... Und noch gibt es in dieser Stadt, die in jeder europäischen Epoche eine Blüte trieb, den reizenden Scharm des R o k o k o. Das ist das Mohrenhotel des Münchners Gunetsrainer von 1722; da ist das Palais der Freiherrn Schäz - ler. dort die im 18.Jahrhundert angebaute Residenz der augsburgischen Bischöfe.
War diese Stadt bürgerlich und kaiserlich, war sie auf außerordentliche Weise protestantisch, so hat ihr Umfang auch Platz für eine breite fürstliche Katholizität und für eine ausgedehnte kleine Klerisei. Vom Dom hin breitet sich versteckt das „Pfaffenviertel". Fromme, stille Gassen winden sich in mannigfacher Krümmung zwischen hohen Mauern hin. aus denen im Frühling die liebten Blüten, im Herbst die roten und gelben Früchte den Obstbäumen überschauen; in den abgeschlossenen Obstgärten stehen kleine Häuser wie im Märchen. Oh, welche Eremitagen wären in dieser Stadt möglich, die dort am schönsten ist, wo sie ansing, sich zu vergessen ... Drunten, hinter dem Rathaus, verirrt der Schritt sich noch in eine kleine Stadt, die mitten in Augsburg eine eigene Gemeinde zu fein scheint. So sind die Beginenhöfe in Flandern.
Ein altes Weibchen erklärt mir, was dies ist: die F u g g e r c i. Im Jahre 1521 hat ein Triumvirat von Fuggern mitten in der Stadt, der kaiserlichen, bürgerlichen, klerikalen, noch einmal ein kleines Augsburg ür die rechtschaffenen Armen unter den Bürgern gestiftet. Noch heute wohnen dort die kleinsten Bürger; gegen einen Zins von 4 Mark und 12 Pfennigen für eine Ganze, von 2 Mark und 6 Pfennigen für eine i halbe Wohnung — im Jahre. Ewiges Augsburg.


