reicher, von allem Luxus des Lebens umgebener Gelehrter, von allen Menschen beneidet und hochgeachtet. Goldene Traumbilder erfüllten seinen Schlummer, und als die Morgensonne aufging, erwachte er neugestärkt und mit leichtem Herzen.
Raeburns Haus sollte an diesem selben Tage polizeilich geschlossen werden. Dadurch erhielt er einen guten Vorwand, aus London abzureisen. In fröhlicher Stimmung packte er seine Koffer, schaffte sie nach dem Bahnhof Kings Croß, wo er sie auf der Gepäckniederlage abgab, und ging dann wieder in den Klub, um über den Nachmittag hm- wegzukommen und dann zu Abend zu essen.
„Wenn Sic heute hier speisen, Nolles", sagte ein Bekannter zu ihm, „können Sie zwei der bemerkenswertesten Männer Englands sehen: den Prinzen Florizel von Bohemia und den alten John Vandeleur."
„Von dem Fürsten habe ich gehört", antwortete Rolles, „und General Vandeleur habe ich sogar in Gesellschaft getroffen."
„General Vandeleur ist ein Esel. Nein, John Vandeleur, sein Bruder, ist der größte Abenteurer, der beste Kenner von Edelsteinen und einer der schlauesten Diplomaten Europas. Haben Sie niemals von seinem Zweikampf mit dem Herzog de Val b’Drge gehört? Von den Heldentaten und Greueln, die er vollbrachte, als er der Diktator von Paraguay war. Von seiner Geschicklichkeit, mit der er Sir Samuel Levis Schmucksachen wieder zur Stelle schaffte? Nicht von seinen Diensten während der großen indischen Rebellion — Dienste, die die Regierung sich zunutze machte, aber nicht öffentlich anzuerkennen wagte? Was nennen wir eigentlich Ruhm? Und was nennen wir Verruchtheit? John Vandeleur kann die höchsten Ansprüche auf beide erheben! Gehen Sie hinunter, Rolles, setzen Sie sich an einen Tisch in ihrer Nähe und halten Sie Ihre Ohren offen. Ich müßte mich sehr irren, wenn Sie nicht einige merkwürdige Geschichten hören würden."
„Aber woran soll ich sie denn erkennen?" fragte der junge Geistliche.
„.Woran Sie sie erkennen sollen! Na, der Prinz ist der schönste Gentleman in Europa — der einzige lebende Mensch, der wie ein König aussieht; und wenn Sie sich Odysseus im Alter von siebzig Jahren und mit einer Säbelschmarre quer über das Gesicht vorstellen können, so haben Sie John Vandeleur in eigener Person vor sich! Woran Sie sie erkennen? Wahrhaftig, Sie würden sie an einem Derby-Renntag auf den ersten Blick aus der Menge herausfinden."
Rolles beeilte sich, in den Speisesaal zu gehen. Sem Freund hatte recht gehabt: es war unmöglich, die beiden von ihm genannten Herren nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Der alte John Vandeleur war offenbar von gewaltiger Körperkraft, ein Meister in allen körperlichen Hebungen. Man konnte nicht sagen, daß er die Haltung eines Fechters oder eines Seemanns »der eines Reiters hätte; aber er hatte etwas von allen dreien an sich, und man sah auf den ersten Blick, daß er in diesen Künsten geschickt sein müsse. Er hatte scharfe Züge mit einer Adlernase; der Ausdruck seines Gesichts war hochmütig und raubvogelmäßig; in seiner ganzen äußeren Erscheinung war er ein behender, heftiger, von allen Gewissensbedenken freier Mann der Tat; und fein dichtes weißes Haar sowie die tiefe Säbelnarbe, die über feine linke Schläfe und durch seine Nase lief, verliehen seinem schon an und für sich bemerkenswerten und drohenden Kops eine ganz besondere Note von Wildheit.
In seinem Tischgenossen, dem Prinzen von Bohemia, erkannte Rolles zu seinem Erstaunen den Herrn wieder, der ihm Gaboriaus Romane empfohlen hatte. Ohne Zweifel hatte Prinz Florizel auf John Vandeleur gewartet, als Simon ihn den vorhergehenden Abend anredete; übrigens besuchte der Prinz nur selten den Klub, dem er, wie den meisten anderen großen Klubs als Ehrenmitglied angehörte.
Die anderen Besucher des Speisesaals hatten sich bescheiden in die Ecken zurückgezogen, so daß das berühmte Paar gewissermaßen isoliert saß; der junge Geistliche ließ sich jedoch nicht durch ein Gefühl von Ehrerbietung zurückhalten, sondern ging kühn in die Mitte des Saales und setzte sich an den nächsten Tisch.
Die Unterhaltung der beiden Herren war allerdings etwas Neues für die Ohren des jungen Gelehrten. Der Exdiktator von Paraguay gab manches außerordentliche Erlebnis in allen möglichen Teilen der Welt zum besten, und der Prinz gab dazu Erläuterungen, die für einen nachdenklichen Menschen noch wertvoller waren, als die Ereignisse selbst. So wurden zwei Formen von Lebenserfahrung miteinander zusammengestellt und dem jungen Geistlichen zur Schau geboten: der todesverachtende Mann der Tat und der geschickte Lebenskünstler; der Mann, der rücksichtslos von seinen eigenen Taten und Gefahren sprach, und der Mann, der wie ein Gott alles zu wissen und nichts gelitten zu haben schien.
Das Benehmen jedes der beiden Herren entsprach seinem Charakter. Der Diktator war brutal in Worten und Gebärden; seine Faust öffnete und ballte sich und fiel mit schwerem Schlag auf die Tischplatte; und seine Stimme war laut und polternd. Der Prinz dagegen erschien als das wahre Vorbild weltmännischer Liebenswürdigkeit und Ruhe; die geringste Bewegung, die leiseste Betonung hatte bei ihm eine gewichtigere Bedeutung als alles Schreien und Gestikulieren seines Tischgenossen; und wenn er irgendeine persönliche Erfahrung zu schildern hatte, was natürlich häufig der Fall war, so tat er das so geschickt, daß es nicht im geringsten aufsiel.
Schließlich kam das Gespräch auch auf die letzten großen Diebstähle und auf den Diamanten des Radschahs.
„Es wäre besser, wenn dieser Diamant auf dem Meeresgründe läge!" bemerkte Prinz Florizel.
„Da ich ein Vandeleur bin", versetzte der Diktator, „so können Euer Hoheit sich wohl vorstellen, daß ich in dieser Hinsicht anderer Meinung bin."
„Ich spreche vom Standpunkt der öffentlichen Wohlfahrt aus", fuhr der Prinz fort. „So wertvolle Juwelen sollten ausschließlich für die Sammlung eines Fürsten oder für den Staatsschatz einer großen Nation vorbehalten sein. Wenn man sie in den Händen gewöhnlicher Menschen läßt, so setzt man damit einen Preis aus ein Vergehen gegen das Gesetz aus; und wenn der Radjchah von Kaschgar — der, wie ich höre, ein
lehr aufgeklärter Fürst ist — sich an uns Europäern rächen wollte, so hätte er sich kaum etwas Wirksameres für diesen Zweck aussetzen können, als uns diesen Apfel der Zwietracht zu schicken. Einer solchen Ver- suchung zu widerstehen, ist keine Ehrenhaftigkeit stark genug. Ich selber, :)er ich manche besondere Pflichten und dafür auch manche besondere Vorrechte habe — ich selber, Herr Vandeleur, würde mit diesem berauschenden Kristall wohl kaum längere Zeit umgehen können, ohne dabei Schaden zu nehmen. Und von Ihnen, der Sie nach Beruf und Neigung ein Diamantenjäger sind, glaube ich nicht, daß es im Kalender ein Verbrechen gibt, das Sie nicht vollbringen würden — ich glaube nicht, daß Sie einen Freund in der Welt haben, den Sie nicht ohne Bedenken verraten würden. Ich weih nicht, ob Sie Familie haben, aber wenn Sie eine haben, so behaupte ich: Sie würden Ihre eigenen Kinder opfern! Und dies alles — wozu? Nicht etwa, um reicher zu werden, um mehr Bequemlichkeiten auf der Welt zu haben oder eine größere Achtung bei den Menschen zu genießen, sondern ganz einfach, damit Sie ein paar Jahre lang, bis Sie sterben, sagen können: .dieser Diamant ist mein!', und damit Sie ab und zu einen Geldschrank ausschliehen und den Stein betrachten können, wie man sich ein Gemälde ansieht."
„Es ist wahr", antwortete Vandeleur; „ich bin als Jäger hinter dem meisten hergewesen, was es auf Erden gibt: von Männern und Frauen bis herab zu Moskitos; ich habe nach Korallen getaucht; ich habe Walfische und Tiger verfolgt; und ein Diamant ist die größte Beute, die es Überhaupt gibt. Solch ein Diamant hat Schönheit und Wert; er allein vermag auch für die hitzigste Verfolgung zu entschädigen. In diesem Augenblick bin ich ihm auf der Spur, wie Eure Hoheit sich wohl vorstellen können. Ich habe ein unfehlbares Auge, eine sehr große Erfahrung; ich kenne jeden wertvollen Stein in meines Bruders Sammlung, wie ein Schäfer seine Schafe kennt; und ich will des Todes sein, wenn ich nicht jeden einzelnen von diesen Edelsteinen wieder zur Stelle schaffe!
„Sir Thomas Vandeleur wird große Ursache haben, Ihnen dafür dankbar zu fein", sagte der Prinz. .
„Das weiß ich nicht so gewiß", antwortete der Diktator mit einem lauten Gelächter. „Einer von den Bandeleurs wird jedenfalls dankbar fein. Thomas oder Johannes — Peter oder Paul — Apostel sind wir alle."
„Ich habe Ihre Bemerkung nicht ganz verstanden", sagte der Prinz, offenbar etwas' peinlich berührt.
In demselben Augenblick meldete der Kellner Herrn Vandeleur, daß seine Droschke vor dem Hause warte.
Rolles warf einen Blick auf feine Uhr und sah, daß es auch für ihn Zeit war aufzubrechen: dieses Zusammentreffen machte auf ihn einen unangenehmen Eindruck, denn er wünschte von dem Diamantenjäger nichts mehr zu sehen. *
Der junge Geistliche war durch vieles Studieren etwas nervös geworden und hatte sich daher angewöhnt, auf recht luxuriöse Art zu reifen; so hatte er auch diesmal ein Abteil im Schlafwagen belegt.
„Sie werden es sehr bequem haben", sagte der Aufwärter; „Sie haben Ihr Abteil ganz für sich allein und an dem anderen Ende ist nur ein einziger alter Herr."
Unmittelbar vor der Abfahrt, als bereits die Fahrkarten gezwickt wurden, bemerkte Simon Rolles seinen Mitreisenden, den mehrere Gepäckträger in sein Abteil begleiteten; gewiß gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen, den er nicht lieber gesehen hätte — denn fein Reisegefährte war der alte John Vandeleur, der Exdiktator.
Die Schlafwagen der Great Northern - Linie hatten drei Abteile — eins an jedem Ende für Reisende, und in der Mitte eins, das als Waschraum eingerichtet war. , ,
Eine Schiebetür trennte die beiden Abteile auf jeder Seite des Wafch- raumes; da aber weder Schloß noch Riegel vorhanden war, so waren tatsächlich die beiden Abteile und der Waschraum ein Ganzes.
Nachdem Rolles dies alles untersucht hatte, mar es ihm klar, daß er schutzlos war. Wenn es dem Diktator beliebte, ihm im Lause der Nacht einen Besuch zu machen, so würde ihm nichts anders übrig bieiben, als ihn zu empfangen; er verfügte über keine Verteidigungsmittel und war einem Angriff ausgefetzt, wie wenn er in offenem Felde gelegen hätte. Diese Lage erfüllte ihn mit einiger Sorge. Er erinnerte sich der prahlerischen Erzählungen, die sein Mitreisender am Eßtisch zum Besten gegeben hatte und seiner Bemerkungen über Moral, die schon den Prinzen offenbar angewidert hatte. Ferner erinnerte er sich, gelesen zu haben, daß gewisse Menschen einen besonderen Wahrnehmungssinn für die Nähe von edlen Metallen ober Juwelen haben: man sagt, daß sie jedenfalls das Vorhandensein von Gold durch dicke Mauern hindurch und auf beträchtliche Entfernungen zu wittern vermögen. Konnte dasselbe nicht auch mit Diamanten der Fall fein? Und wenn dies der Fall war, dann war gewiß von keinem mehr anzunehmen, daß er von diesen übersinnlichen Kräften Gebrauch machen würde, als von einem Mann, der feinen Beinamen „Der Diamantenjäger" als einen besonderen Ruhmestitel ansah. Es war ihm klar, daß er von einem solchen Mann alles zu befürchten hatte, und er wartete daher sehnsüchtig auf den Anbruch des Tages.
Mittlerweile vernachlässigte er keine Vorsichtsmaßregeln: er versteckte feinen Diamanten in der innersten Tasche des Rockes, den er unter mehreren Mänteln trug, und empfahl sich mit frommem Gebet der Vorsehung.
Der Zug sauste mit seiner gewöhnlichen Schnelligkeit dahin, und die halbe Strecke der Fahrt war bereits zurückgelegt, als endlich der Schlaf die Unruhe in der Brust des jungen Geistlichen besiegte. Eine Zeitlang widerstand er noch seiner Müdigkeit; aber diese wurde immer stärker und stärker, und kurz vor dem Bahnhof von York war er doch froh, sich auf einer der Sitzbänke ausftreden zu können; er flbloß feine Augen und fiel fast tn demselben Moment in einen tiefen Schlaf. Sein letzter Gedanke galt seinem gefährlichen Nachbarn.
(Fortsetzung folgt.)


