Nummer 58
Zreitag, den 5(. Juli
Jahrgang 1956
schrift beiseite legte.
der Fremde. „Weni
Ich, mein Herr",, fuhr der Geistliche fort, „bin ein Einsiedler ein hrter. ein Geickövs. das sich in einer Umgebung von Tmtenflaschen
Sietzener Zamilienbliitter
Unterhattungsbeilage zum Sietzener Anzeiger
Aus seinem Heimwege kaufte Rolles ein Werk über Edelsteine und mehrere Gaboriausche Romane. In diesen letzteren las er eifrig bis spat in die Seicht; aber obgleich sie ihn zu manchem neuen Gedanken anregten konnte er doch nirgends entdecken, was einer mit einem gestohlenen “■SKSÄ'm bl. mm» «*»»" romantische Erzählungen emgehullt waren, statt emfach klar uM deutlich mitaeteilt zu werden, wie man es in wissenschaftlichen Handbüchern findet Er zog daraus den Schluß, daß der Schreiber, weim er auch viel über diese Gegenstände nachgedacht hätte, von erzieherischen Methoden nicht das geringste verstände. Dem Charakter und den Fähigkeiten Lecoqs mußte er allerdings seine volle Bewunderung zollen.
Er war wirklich ein groher Mann, dachte Rolles bei sich. Er kannte die Welt wie ich Paleys Beweisstellen kenne. Es gab nichts, das er, Nicht mit eigener Hand und unter den ungünstigsten Voraussetzungen zustande 3U bringen wußte. Ja, du lieber Himmel! rief er plötzlich laut, ist dies nicht die richtige Lehre für mich? Muß ich nicht einfach selber lernen, wie man Diamanten schneidet? . h»-
Es tom ihm vor, wie wenn auf einmal alle seine Ungewißheiten beseitigt wären: es fiel ihm ein, daß er persönlich einen Juwelier kenne, einen gewissen B. Macculloch in Edinburgh der gern bereit sein werde, ibn ausmbilden Ein paar Monate, vielleicht sogar ein paar Jahre unangenehmer 'LeU - und er würde die nötige Geschicklichkeit besitzen, den Diamanten des Radschahs zu zerschneiden, und er wurde die Ge- schäftsknisfe kennen, um die Stücke vorteilhaft zu verkaufen. War dies geschehen, so konnte er wieder zu feinem Studium zuruckkehren, em
Im Lesezimmer sah er viele Landgeistliche und einen Archtdiakonus drei Journalisten und ein Philosoph, der über höhere Metaphysik schrieb, spielten eine Partie Kegelbillard; und im Speisesaal erblickte er nur die Alltagsgesichter der gewöhnlichen Verkehrsgäste des Klubs. Kemer von diesen dachte Rolles, würde von gefährlichen Dingen mehr verstehen als er selber, also könnte wohl auch keiner ihm einen Fingerzeig geben, wie er ihn augenblicklich brauchte. Schließlich fand er im Rauchzimmer einen stattlichen Herrn, der mit studierter Einfachheit angezogen war; dieser rauchte eine Zigarre und las die Fortnightly Review. Sein Gesicht hatte einen eigentümlich behaglichen und frischen Ausdruck und m feinem ganzen Gehaben lag etwas, was zu Vertrauen aufforderte und gleichzeitig Ehrerbietung heischte. Je länger der ,unge Geistliche dieses Gesicht beobachtete, desto fester wurde er Überzeugt, daß er lemanden gefunden habe, der ihm den richtigen Rat geben könne.
Mein Herr", sagte er, „Sie werden entschuldigen, daß ich Sie so ohne weiteres anspreche; aber ich ziehe aus Ihrer Erscheinung den Schluß, daß Sie eine hervorragende Stellung in der Welt emnehmen.
„Ich habe allerdings beträchtliche Ansprüche auf diesen Vorzug , an - wartete der Fremde, indem er halb überrascht, halb belustigt seine Zeit-
Der Diamant öes Raöschah
Don Robert Louis Stevenson
Copyright bt) Detkfl Albert Langen z Georg Müller, München
3. Fortsetzung.
Die Schönheit des Steines tat den Augen des jungen Geistlichen wohl; der Gedanke, daß der Wert unschätzbar sein müsse, überwältigte ihn. Er wußte, daß dieses Ding, das er in seiner Hand hielt, mehr wert war als das Einkommen eines englischen Erzbischoses für viele Jahre; daß man für das Geld seines Wertes Dome erbauen könnte, die herrlicher und stattlicher wären als die Dome in Köln und in Ely; daß der Mensch, der ihn besäße, für immer von den Folgen der Erbsünde befreit wäre und ohne jede Sorge oder Uebereilung seinen eigenen Steigungen nachgehen könnte. Und als er den Stein plötzlich umdrehte, sttahtte er in einem neuen unerhörten Glanze, der ihm in die innerste Seele zu bringen schien. „
Entscheidende Handlungen werden ost in einem Augenblick vollzogen, und ohne daß die Vernunft eines Menschen dabei ein Wort mUspricht. So ging es jetzt dem jungen Rolles. Er sah sich hastig um, erblickte, wie Raeburn vor ihm, weiter nichts als den von der Sonne beschienenen Blumengarten, die hohen Baumwipsel und das Haus mit seinen geschlossenen Fensterläden; und in einem Nu hatte er das Kästchen geschlossen und in seine Tasche geschoben und eilte mit schnellen Schritten eines Schuldbewußten in fein Studierzimmer. Der Ehrwürdige Simon Rolles hatte den Diamanten des Radschahs gestohlen.
*
Schon am frühen Nachmittage erschien die Polizei, von Harry Hartley S. Der Baumgärtner, der vor Angst ganz außer sich war, gab ällig seinen Schatz wieder heraus; und die Juwelen wurden in Gegenwart des Sekretärs ausgezeichnet. Rolles zeigte sich dabei von der größten Bereitwilligkeit; er teilte freimütig alles mit, was er wisse, und bedauerte nur, daß er weiter nichts tun könne, um den Beamten bet der Erfüllung ihrer Pflicht zu helfen. , , ., , .
„Ich henke jedoch", setzte er hinzu, „daß Ihre Aufgabe wohl so zlem- tld) Durchaus" nickst!" antwortete der Herr von Scotland Nord. Und er erzählte den zweiten Raubansall, dessen unmittelbares Opfer Harry gewesen war; dabei beschrieb er dem jungen Geistlichen die bedeutenderen Schmuckstücke, die noch nicht aufgefunden worden seien, und unter diesen ganz besonders den Diamanten des Radsckahs.
Der muh ja ein Vermögen wert fein', bemerkte Rolles.
"Zehn Vermögen! Zwanzig Vermögen!" rief der Polizeibeamte.
Je mehr der Diamant wert ist", sagte Simon Rolles mit schlauem Vorbedacht, „desto schwieriger wird es fein, ihn zu verkaufen. Solch em Stein hat gewissermaßen seine Physiognomie, d e man nicht verstellen kann, und ich möchte meinen, man könnte eben o leicht unsere Pauls- Kathedrale verschachern." „
Oh, gewiß!" sagte der Beamte; „aber wenn der Dieb bloß ein bißchen Der stand hat, wird er aus dem großen Diamanten drei oder vier kleinere machen und auf diese Weise wird er immer noch ein sehr reicher Mann werden." „ ,,, .,,
, Besten Donk", sagte der junge Geistliche, „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr mich Ihre Mitteilungen interessieren."
Worauf der Geheimpolizist zugab, in seinem Beruf wisse man gar manche merkwürdigen Dinge. Gleich darauf empfahl er sich.
Simon Rolles ging wieder in fein Zimmer. Es kam ihm kleiner und ober als für gewöhnlich vor; die Hilfsmittel, die er für fern großes Werk brauchte, waren ihm niemals so gleichgültig gewesen und mit einem verächtlichen Blick sah er auf seine Bücher. Er nahm verschiedene Kirchenväter herunter und sah einen Band nach dem andern durch; aber sie enthielten nichts, was seinen Zwecken dienen konnte.
Diese alten Herren, dachte er bei sich, sind ohne Zweifel sehr tüchtige Schriftsteller, aber mir scheint, vom fiebert verstehen sie gar nichts. Hier sitze ich, gelehrt genug, um ein Bischof sein zu können, und weiß ganz einfad) nicht, wie ich einen gestohlenen Diamanten verwerten kann Von einem gewöhnlichen Polizisten bekomme ich eine Anleitung, aber.alle meine Foliobände nützen mir nichts, um diese praktisch zu verwerten. Ich muß sagen, ich bekomme von unserer Hochschulbildung eine sehr
Hieraus stieß er sein Büchergestell um, setzte feinen Hut auf, verließ das Haus und eilte in den Klub, dessen Mitglied er war. An einem solchen Ort, wo so viele Weltleute verkehrten, hoffte er lemanden zu finden, der das fieben kannte und ihm einen guten Ratschlag zu geben wußte.
er ein Schriftsteller ist, den Fürst Bismarck gerne lieft, |o roeroen tote im schlimmsten Falle Ihre Zeit in guter Gesellschaft verlieren.
Mein Herr, ich bin Ihnen für Ihre liebenswürdige Auskunft unendlich dankbar", sagte der junge Geistliche „
„Sie haben Sie mir bereits mehr als reichlich vergolten.
"Durch? die Ungewöhnlichkeit Ihrer Fragen", antwortete der fremde Herr- bann machte er eine höfliche Handbewegung, wie wenn er um Erlaubnis bäte, und las weiter in seiner Fortnightly Remew.
Gelehrter, ein Geschöpf, das sich in einer Umgebung von Tmtenflaschen und alten Foliobänden bewegt. Neuerdings hat ein gewisser Vorfall mir klar und deutlich vor Augen gebracht, daß eine solche Lebensweise tortdjt ist, und ich wünsche nun, etwas vorn wirklichen Leben zu lernen. Unter Leben' verstehe ich nicht Thackerays Romane, sondern die Verbrechen und geheimen Möglichkeiten, innerhalb unserer Gesellschaft urst> die Grundsätze, nach denen man sich gegenüber außergewöhnlichen Ereignissen mit angemessener Klugheit benimmt. Ich bin ein geduldiger Leser; kann man so etwas aus Büchern lernen?" „ .
„Sie stellen mir ba eine schwierige Frage , sagte ber Fremde. „Ich aestehe daß ich von Büchern nicht viel Gebrauch mache, außer etwa auf einer Eisenbahnsahrt mir die Zeit zu vertreiben Doch glaube ich, es gibt etliche sehr sachverständige Abhandlungen über Astronomie, Landwirtschaft und die Anfertigung künstlicher Blumen, lieber ble memger in die Augen fallenden Teilgebiete des menschlichen Ledens werden Sie, fürchte ich, nichts Zuverlässiges finden. Doch warten Sie mal — haben Sie Gadoriau gelesen?" . ....
Rolles gestand, er hätte niemals auch nur den Namen gehört.
„Gadoriau kann Ihnen vielleicht einige Begriffe vermitteln", sagte ~ qftens bringt er einen auf manche Gedanken, und da
ist den Fürst Bismarck gerne liest, so werden Sie im ~ " i guter Gesellschaft verlieren." für Ihre liebenswürdige Ar


