dort.
nichts bewirkte.
Derloreu.
Von Theodor Storm.
sich vollkommen bisweilen, weil
Was Holdes liegt mir in dem Sinn, Das ich vor Zeit einmal besessen; Ich weih nicht, wo es kommen hin. Auch, was es war, ist mir vergessen. Vielleicht — am fernen Waldesrand, Wo ich am lichten Junimorgen — Die Kinder klein und klein die Sorgen — Mit dir gesessen Hand in Hand, Indes vom Fels die Quelle tropfte. Die Amsel schallend schlug im Grund, Mein Herz in gleichen Schlagen klopfte, Und glücklich lächelnd schwieg dein Mund; In grünen Schatten lag der Ort — Wenn nur der weite Raum nicht trennte. Wenn ich nur dorl hinüberkönnte, Wer weiß! — vielleicht noch fand ich s
Beran,wörtlich: vr. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. OL Lange,
Kurzschluß.
Bon Georg Grabenhorst.
6 Er kannte sich gut mit dieser Aeußerung, wir müssen ihm recht geben, wir wollen aber hierbei bemerken, wie gern er die Dinge solchermaßen auf sich zukommen ließ, wie gern er ihren schließlichen, unentrinnbaren Entschlüs en zustimmte, wie gern er nicht nein sagte! Er liebte das Leben in seinen tausend Möglichkeiten zu sehr, um eme davon freiwillig aufaeben zu wollen. Er genoß die Fülle, indem er sich nicht entschloß und geschehen ließ. Er genoß die endliche Entscheidung, indem er ohne Absicht, ohne Bemühung, jedem Zufall träumerisch hmgegeben, ledern neuen Antlitz staunend zugekehrt, leise darauf zutrieb, voruberstreisend am unendlichen Möglichen, innerlich tief in der Erwartung der einen endlichen Wahl, die er nur zu bestätigen hatte.
So und nicht anders schloß er jene höchst merkwürdig und ungleiche Freundschast mit Maemy, über die seine Freunde vieles zu reden und zu vermuten hatten. Es war im Grunde gar nichts Außergewöhnliches dabei Es war genau so natürlich und einsach dabei zugegangen wie bei allen seinen Begegnungen sonst. Das Zusällige wurde entzückendes Ereignis und er war dankbar genug, dabei freundlich zu verweilen.
Er hatte sie irgendwann einmal tennengelernt, ohne besondere Notiz, hatte zu den zahllosen bekannten Gesichtern das ihre stillschweigend hinzugetan und nicht weiter hinterher gedacht, als es nicht mehr da war.
Er traf Maemy bei schönstem Schlackerschneewetter an der Omnibus- Haltestelle. Er hatte sie nicht gleich bemerkt, obwohl sie in ihren eleganten Pelzstieselchen heftig vor ihm auf und ab trippelte. Aber es stellte sich heraus, daß der Omnibus überfüllt war. Sie mußten Zurückbleiben. Es war durchaus Zufall, daß gerade sie es waren, die nicht mehr hineinpaßten. Der Omnibus fuhr jedenfalls davon und sie sahen sich an, ganz unwillkürlich, in jener wütenden Sympathie, die nicht viel Umstände bnytdjt, um sich mitzuteilen.
„Guten lag*, sagte er, „das ist eine Gemeinheit!"
„Guten Tag*, sagte sie, „das finde ich auch!"
Daraus riefen ste ein Auto an, das gerade vorüberkam, und fuhren zusammen in die Stadt. Er hatte eigentlich allerlei Geschäfte vor, aber er brachie e, einfach nicht fertig, nein zu sagen, als sie unterwegs fragte, ob er auch zur Modenschau wolle. Er fuhr also mit ihr zur Modenschau nnh non da in die Polizei-Ausstellung. Ihr kindliches Interesse für dl« Maeieemerkzeuge, für die verschiedenen Hinrichtungsmethoden, sand er so bezaubernd, daß er sie auch noch zur Schneiderin begleitete, und es
ihr unmöglich abschlagen konnte, auf ein halbes Stündchen, nach all b™ fi. - WJ» d-b-i auf
eine' unwiderstehliche Weise an, „die Seltenheit wäre festlich genug, ste ^Nich?wahr, darauf ließ sich doch nichts anderes antworten, als ge- rührt und trotz aller Bedenken begeistert: Ja! . h .
Er mar voller Bedenken, das muffen wir zugeben. Sie wohnte dre Treppen hoch, und der Fahrstuhl ging nicht rote immer. Diese drei Treppen stieg er hinauf in einer höchst verworrenen EmpstrHimg. Jede Stu^ schien sich an seinen Sohlen sestzusaugen. Er füllte sich f f - qebatten und immer mehr in die Länge gezogen. Eigentlich war es f , als ob seine Füße unten stehen geblieben waren, als ob sein ganzes Wesen zwischen zwei ungeheuren Magneten sich befand, die es langsam auseManderzogen, als ober auf eine gänzlich »eue und eigenartige We e komfortabel und sanft gefoltert, gemartert und hingerichtet wurde Ms er oben roar, lächelte er, und er tat es mit ienem oerflar en Ausdruck, der gewöhnlich die beginnende Auflösung anzeigt und deshalb so schmerz- lieh erareift, tücil er feine S)offnun^ meijr übriQlQpt- „
Nun, es war gemütlich bei Maemy, das ließ sich nicht leugnen. E fand foaar daß es ein ausgezeichneter Gedanke von ihr war, hier Tee u trinken anstatt irgendwo in der Stadt. Mit innigster Anteilnahme betrachtete'er ihre Bilder, ihren Schreibtisch, ihre Rauch- und Schmollecke Er ging hinüber ins Musikzimmer, klimperte «'n wenig, knipste sämtliche elektrische Kerzen an, entdeckte das Grammophon, kramte >m Plattenschränkchen, und als er zurückkam, klang es gedampft hinter ihm her- Jwifcken Potsdam und Berlin IN den Fichten ... ___
„Öl)!" sagte Maemy und schenkte den Tee in die Nymphenburger Tasten die wundervoll blau waren. .
Sie saßen sich gegenüber. Die neue elektrische Teemaschine auf dem Perlmuttertischchen sah „süß* aus, das fand er auch. Er fand überhaupt alles genau for mte sie es fand. Nicht, daß er sich höflich dazu veranlaßte, sondern er roar in diesem Augenblick wirklich und vollkommen überzeug von ihr von ihrer Teemaschine, vom Grammophon von der moll'gen Wärme de- gelben Kachelofens und von ihrem unschuldigen Bubengesicht Alles war lieb und nett und seinetwegen auch suß. Sogar die Zofe i ihrem weißen Häubchen, die auf eine beglückend angenehme und dezente Art mit dem Geschirr hantierte. m
Sie ist allerliebst", sagte er, als sie allein waren. Sie hat ,ene Be^ gißmeinnicht-Augen, die ich liebe, weil sie so enttäuscht aussehen. Ich finde sie so stimmungsvoll."
Maemy antwortete nicht. Sie schien ganz mit ihrem Tee beschäftigt, mit der Teemaschine. Er betrachtete sie, die Teemaschine und sie. Bor
allein °ber^sie.^ (ie ift unbeschreiblich süß. Diese Geste wie
sie mit zwei Fingern vorsichtig auf den silbernen Kessel t»q)ft, ist berauschend hübsch. Sie hat Überhaupt entzückende Hande. Verführerisch sind sie. Ich spüre die Versuchung, die sie ausstrahlen. Ich mochte ihr nach- qeben, möchte nur einmal leise darüber streichen. Aber ich werde es nicht hm. Ich werde sie weiter nur betrachten, Tee trinken und mich beherrschen.
Das elektrische Licht flackerte em wenig. Er wandte sich nach der Krone um. Er tat es nicht sehr geschickt. Er schob mit seiner Bewegung die Gabel vom Teller. Sie fiel herunter. Das eigentümlich g^angene Geräusch auf dem Teppich, dieser seltsam unentschiedene, unensichloffene, dumpfe Ton, der noch ein wenig nachhallte und bann plötzlich abbrac^ versetzte ihn In eine merkwürdige Erregung. Er horte auf einmal, daß er geschwiegen hatte. Er horchte weit zurück, bis er endlich, sehr entfernt und undeutlich, seine letzten gesprochenen Worte wlederfand. Er glaubte aber gleichzeitig seine Gedanken (aut werden zu Horen. Eme beklemmende Unsicherheit überkam ihn. Er fühlte, rote etwas auf ihn zukam, dem er nicht ausweichen konnte. Er fühlte, daß etwas ins Wanken gerwt daß ihm etwas entglitt, was er durchaus nicht zu faffen vermochte. Krampf hast juchte er irgendwo eine Zuflucht, eine letzte Sicherung.
Maemy fah ihn lächelnd an. „ ,,
Darf ich Ihnen noch etwas Tee geben? Sie vergessen ihn ganz.
Woran denken Sie? Sie machen so komische Augen."
O ich bitte sehr! Ich dachte ... Nein, ich dachte nichts. Ich dachte wirklich absolut nichts. Es ist ... ich finde ... ich habe das Gefühl ...
Da geschah es. Da war es geschehen. Da ging das Licht aus. Da war es dunkel. Vollkommen dunkel. Pechrabenschwarzstickedusterdunkel.
Sie hielten zusammen die Teetasse. Keiner von ihnen wagte sie los- zulasten. Sie hielten sie ganz fest. Sie nahmen ine andere Hand hinzu. Es ließ sich nicht verhindern, daß sie sich dabei berührten, daß sie sich ein wenig aneinander festhielten. So entsetzlich dunkel war es.
„O Gott, was ist das?" hauchte sie.
Die Taffe zitterte heftig.
„Ich glaube, das ift Kurzschluß!"
Er bemühte sich, seiner Stimme etwas Haltung und Festigkeit zu geben. Er fühlte sich dazu verpflichtet. Er fühlte die Situation als moralische Forderung. Ader die zitternde Teetasse, die kleine, liebe, warme, sanft und verführerisch ausstrahlende Hand bedrängten ihn unaussprechlich innig und süß. , . -
„Die Sicherung ift durchgebrannt", flüsterte er noch einmal, in der vollkommenen Verzweiflung seines Herzens.
Dann wurde es noch dunkler um sie, namenlos dunkel und unsicher. Er konnte sich nicht entschließen, ihre Hand wieder loszulassen. Er brachte es einfach nicht über sich. Er hatte ein weiches und liebevolles Gemüt. Er liebte das Leben in feinen unzähligen zärtlichen Möglichkeiten zu sehr, um eine davon freiwillig aufgeben zu können.
Nein, er war kein Mann von Entschlüssen. Er wurde es niemals. Eigentlich waren es immer Kurzschlüsse, wenn etwas passierte, und da das häufig vorkam, hatte Maemy recht, wenn sie in der Folge ihr» I Freundschaft ein wenig acht gab auf die Sicherungen, die so leicht durch- 1 brannten bei ihm.
Nein er war kein Mann von Entschlüssen. Er war klar darüber Die Deutlichkeit dieser Einsicht quälte ihn fle Io ganz hoffnungslos roar, weil sie nichts, absolut -
weil sie ewig ohne Resultat blieb. In einer unbegreiflichen Gewohnheit stellte er die Entschlüsse immer wieder aus sich hinaus m bte Dmge, über bie zu entscheiden war, selbst hinein. Er wachte ihnen gleichsam sein Kompliment: Bitte sehr, nehmen Sie keine Rücksichten auf mich, ich versichere Sie von vornherein meiner Zustimmung, es ist eme schwierige Sache, ich weiß es, aber ich bin überzeugt, daß Sie einen Weg, einen Ausweg wenigstens, finden werden. _
Diese Neigung, mit den gewöhnlichsten und ungewöhnlichsten Zufällen und Situationen feines Lebens zu verkehren bereitete Gm, w>e man leicht einsehen wird, häufig die unangenehmsten Verlegenhelten. Aber die naive Zuversicht, daß die Dinge selbst am Ende wohl ober übel sich erklären mußten, daß eine von den tausend Möglichkeiten der Ent- scheidunq einmal recht behalten und sich behaupten muhte, ohne daß d.e anderen ihn dafür verantwortlich machen konnten, — diese tröstliche und manchmal ein wenig spitzbübische Aussicht war immer auch zugleich schon in der peinlichen Verlegenheit des Augenblicks wie ein Augenzwinkern, wie eine heimliche, ein für allemal gültige Verabredung.
Man wußte von ihm, daß er trotz dieses satalen Zustandes oder vielleicht gerade deswegen fortgesetzt die amüsantesten Abenteuer erlebte, und wiederholte oft eine Aeußerung, die er einmal ohne Bedacht m Freundeskreise getan hatte; Das Malheur, hatte er gemeint, bestehe darin daß er durchaus nicht nein sagen könne. Das fei sein Schicksal. Es wäre ebenso boshaft wie falsch, wenn man von Gm sage daß er der geborene Verführer sei. Es gebe keinen moralischeren Menschen als ihn. Er befände sich dauernd in den gewissentlichsten Bedenken und Hemmungen. Und wenn ab und an etwas passiere, so sei er vollkommen unschuldig babei Er würbe sich niemals zu einem Abenteuer aus freien Stucken entschließen. Es geschähe immer ganz von selbst, beinahe ohne ihn, beinahe gegen seinen Willen. Die Dinge kämen auf ihn zu und dann könne er eben nicht ausweichen, dann könne er nicht nein sagen, das sei das


