sich die kahlen Kopfe. Eins und das andere kriecht aus dem Korb und verliert sich im Haus, Katharina rollt über die Treppe in den Keller. Sebastian klettert durch ein Loch in die Waschküche und ist überhaupt nicht mehr zu finden. Erst am Abend entdeckt ihn die Magd unter einem umgekippten Schaff, da sitzt er vergnügt und singt mit dröhnender Stimme.
Ein paar Wochen schwanken sie noch auf krummen Beinen in den Stuben umher, und eines Tages verschwinden sie für immer.
Ja, einmal am Sonntag bleibt »in Bauer vor dem Hause stehen, er betrachtet sich den kleinen Matthias, der da mit seiner Garnrolle durch den Sand humpelt und fröhlich kräht. Der Bauer hat sich vielleicht in diesem Sommer Schafe zugelegt, er könnte wohl einen Schafbuben brauchen, später einen Knecht für Kost und Schuhwerk.
Darum geht der Bauer jetzt zum Borstand und spricht mit ihm. Höre, sagt er, ich will ein gutes Werk tun und dieses Kind zu mir nehmen, die Waise Matthias, aus Barmherzigkeit will ich es tun.
Und dann nimmt er das Kind mit sich. Einen Hüthund müßte er kaufen, aber den kleinen Matthias bekommt er umsonst.
Allein, wie es auch zugchen mag, der Korb in der Leuleftube bleibt trotzdem nicht leer. Denn es ist das unsterbliche Geschlecht der Magdkinder, das hier fortwuchert, die große Sippe der Heimatlosen, die ewige Bruderschaft der Berachteten und Verleugneten. Dunkel ist ihr Herkommen, dunkel ist auch ihr Tod, sie vergehen einfach und sind nie gewesen, die Trittspur ihres Daseins erlischt hinter ihnen. Ein wenig pater vermodert auch das Kreuz auf dem Grabhügel, und dann ist ihr Andenken, ihr Name verschollen für immer, wenn nicht Gott ihn ausgezeichnet hat. In der Armut werden sie geboren, die Schande sieht ihnen Gevatter, und schon das Stroh, auf dem die Mutter blutet, ist ein Almosen. Die Mutter ist ja selbst nur eine Viehmagd, für die Arbeit gedungen, nicht für die Liebe. Sie wickelt das Kind in geschenktes Linnen und überwindet ihre Schwäche und trägt es in das Dorf zu den Schwestern. Ein paarmal fragt sie beim Kirchgang nach ihm, aber dann ist es schon eines unter vielen, ein fremdes Wesen. Und zuletzt kommt die Magd gar nicht mehr, sie sucht sich einen anderen Platz für den Winter oder sie geht in die Stadt und wird Kellnerin, Stubenmädchen in einem Hotel. Den Vater kennt niemand, er ist irgendein Mensch, ein Jäger, ein Wanderbursch, der einmal in den Mainächten unterwegs war und ein Fenster offen stand, dieses oder ein anderes Fenster.
Aber das Kind lebt, es übersteht die Fraisen und die Skrofeln und die Masern, es ist kräftig und zäh, Maienkinder sind so. Mit den Jahren wächst es heran, kriecht zuerst und läuft auf eigenen Beinen. Es wird Schafhüter, nachher Holzknecht, wenn seine Schultern breit genug für den Schlitten find, und dann ist es schon viel für so einen jungen Burschen. Das Leben läßt sich nicht übel an, er hat schon einen hellen Flaum auf der Wange, ein paar Silberstücke in der Hosentasche, in dieser Zelt fängt er selbst an, sich nach offenen Kammerfenstern umzusehen.
Aber die Arbeit schindet ihn aus, er merkt gar nicht, daß sich sein Rücken allmählich krümmt, daß sein Schritt schwerer wird, der Griff am Werkzeug weniger flink und fest. Unglück kommt dazu, ein Baum schlägt ihn nieder, er muß sich um eine andere Arbeit umsehen, von nun an ist er Knecht auf einem Hof. Und was am merkwürdigsten ist, er hat keine Silberstücke mehr in der Hosentasche, obwohl er seiner Arbeit wie früher nachgeht, vom grauenden Morgen bis in die sinkende Nacht. Auch das wäre nicht schlimm, wenn es nur immer so bliebe, wenn er immer seinen Strohsack in der Geschirrkammer, seinen Platz am Eßtisch hätte. Es gibt da vieles, was ihm mit den Jahren vertraut geworden ist, er möchte weiter so leben, im Frühjahr mit den Gäulen Land umbrechen, mähen und dreschen und abends in Hemdärmeln um das Haus gehen, die Kinder an der Hand. Cs ist ja nicht sein Hous, es sind nicht seine Kinder, aber er möchte das alles nicht verlassen, das wäre hart für den alten Knecht.
Es geschieht dann einmal, daß sich ein Stück Vieh verläuft oder daß man mit dem Heu in das Wetter gerät. Der Knecht ist nicht schuld daran, aber der Bauer meint doch, es müsse eine frische Kraft auf den Hof, ein junger Mensch. Und zu Lichtmeß zählt er dem Knecht seinen Lohn auf den Tisch.
Wie, kann man das in Geld umrechnen? Soundso viel für deine willige Treue, für Schweiß und Fleiß in schweren Sommerwochen. Das für deine wortlose Siebe, für alles, was du ungeheißen getan hast, damit kein Sensenblatt verkam, kein Hufeisen verloren ging, — ja, noch einen Gulden mehr für das zehnmal geflickte Wagenrad! Darf der Bauer jo rechnen mit feinem Knecht?
Er beklagt sich ja nicht, im Sommer, sagt der Bauer, zur Heuzeit, kannst du immer wieder einmal kommen.
Der Knecht sucht zusammen, was er besitzt, ein paar Hemden aus dem Flickkorb, seinen grünen Rock für die heiligen Zeiten. Seinen Wetzstein holt er aus dem Heuschuppen, den Rosenkranz vom Nagel an der Tür, das ijt alles weit herum in Haus und Hos verstreut. Jetzt erst sieht der Knecht, daß es so wenig ist, was er besitzt, nur ein Arm voll altes Gerümpel in feiner Truhe.
Und dann beginnt die traurige Wanderschaft von Hos zu Hof. Noch einmal ein Jahr als Roßknecht, einen Winter auf der Schattseite, da und dort ein paar Wochen im Taglohn, wenn die Arbeit drängt, es ist nichts Bleibendes mehr. Der Knecht gewöhnt sich an, ungebeten in den Stuben zu sitzen, er bettelt ja noch nicht, aber er richtet es so ein, daß er um die Esienszeit nach Arbeit fragt, allmählich lernt er das. Es gibt Hochzeiten und Taufen und ein Begräbnis, auch auf den Märkten ist mitunter ein Schnaps zu verdienen. Auf diese Art lebt er ein paar Jahre.
Eines Tages besäuft sich der Knecht und legt sich einfach mitten im Dorf in den Dreck, der alte Tagedieb. Einmal kommt es schon so weit, daß ihn fein Elend übermannt, er kann ja auch in eine Scheune gehen und seinen Hosenriemen an den Türbalken knüpfen, manche machen es so. Aber tot ober lebendig, zuletzt liegt er wieder dort, wo er her- aefommen ist, im Armenhaus. Und dazwischen ist nichts, Herr mein Gott, fruchtlos gelittenes Leid, fruchtlos vergossener Schweiß.
1 (Fortsetzung folgt.)
meinen die Frauen, er sieht nicht rechts und nicht Ilnfs, nimmt fein Was er und kein Brot, geradenwegs schreitet er durch das Tor der Kirche und wirst sich vor Gott auf die Knie. Der Pfarrer hat Zeit genug, seinen Rock vom Zaun zu holen und den Samenschurz abzulegen. Er wartet auch geduldig im kühlen Schiff der Kirche und spricht selbst ein Vaterunser, bis sich Pater Johannes von den Stufen erhebt. Dann reicht er ihm friedlich die Hand. , , ,,
David hat indessen das Bündel in die Gaststube gelegt, er hat Wasser im Krug geholt, damit sich der neue Herr erfrischen kann, sofern ihm überhaupt etwas von menschlicher Schwäche anhaftet. Die Wahrheit zu sagen, David ist ein wenig enttäuscht. Er hat sich alle Mühe gegeben, den Pater Johannes gut zu unterhalten und ihm einen Begriff von den Herrlichkeiten zu geben, die einen Fremdling zur Osterzell im Pfarrhaus erwarten.
Da war vor allem einmal das Schwein zu betrachten, mit Milch und Honig aufgezogen und so dick gemästet, daß feine Beine gar nicht mehr zur Erde reichten, man mußte es zuletzt wie ein Faß aus dem Koben rollen, von jo einer Fülle war dieses Schwein. Daran konnte man wieder ermessen, wie die Würste geraten waren, die Blutwürste mit schneeweißem Würfelspeck und gesalzener Gerste durchsetzt, vierundzwanzig, wenn David richtig gezählt hat. Leberwürste, butterweich und scharf gewürzt, Schinken, nur ganz leicht angeräuchert und zweimal In Würzwein gesotten. Aber das alles war nichts im Vergleich zu den Mehl- jpeisen. Pater Johannes durste da nicht etwa an Strauben denken ober an gewöhnlichen Napfkuchen. Zu biefen Zeiten folgte bie Köchin Helene gewissermaßen höheren Eingebungen. Da wurde in Töpfen gerührt, in Schüsseln geschlagen und aus Säcken zugeschüttet, Helene stand zwischen den schweißtriefenden Mägde mitten in der Küche und hatte Gesichte und zeigte hierin und dorthin mit ihrem mehlbestäubten Finger. Kein Tisch war breit genug, die Massen goldgelben Teiges zu walken und zu ziehen, man konnte Erzengel damit speisen, so wie er ungebacfen in den Formen lag. Ader nicht genug, dann kam er noch ins Rohr über ein Feuerchen aus kleinen Buchenspänen, um alles in der Welt über kein anderes. Das eine Blech brauchte sechs Vaterunser, um gar zu werden, das andere nur ein Ave, die Windbeutel und Mohrenköpfe. Und zuletzt goß Helene selbst den Zierat aus spitzen Papiertüten, eine Palme, ein Osterlämmchen mit Kreuz und Fahne. Im vergangenen Jahr, erzählte David feuchten Mundes, da baute Helene eine ganze Kapelle über der Torte auf, aus nichts als Zuckerwerk und gebackenem Eiklar, und dennoch alles ganz natürlich und getreu, mit Säulen und Leuchtern und einer Glocke im Turm ...
Plötzlich aber blieb Pater Johannes stehen.
Gott verzeihe dir, mein Kind, sagte er laut und streng, ich fürchte, du lügst!
Und überhaupt, fügte er hinzu, sollte David nicht immerfort daran denken, wie er sich den Bauch vollschlagen könne. Ach, eine Kapelle aus Zuckerzeug, ein Denkmal der Genäschigkeit, der Teufel zöge die Glocke darin! Es sei Sünde, sich mit solchen Künsten an der Gabe Gottes zu versuchen. Brot und Wasser, sagt Pater Johannes, mehr brauche der Mensch nicht. Zuletzt sei doch alles nur Asche und stinkende Fäulnis. So etwas begreift David nicht, das ist ihm verdächtig: ein Mensch, der das Würstemachen zu den sieben Totsünden zählt. Vielleicht war alles nur Hinterlist, und der Pater legte es darauf an, ihm fein Teil zu verleiden, damit fein eigenes größer bliebe. Oder Pater Johannes hatte sich zu irgendeiner Zeit ein ©raufen angegessen, so wie David an den Dörr- kirschen. Damals lag er drei Tage lang in Winden und Wehen, er verlobte sich dem heiligen Blasius, der gegen Gallensteine gut ist, und der Heilige erbarmte sich dann auch und half ihm von den Kirschkernen.
*
Ja, den Dörrkirschen hatte" David für immer entsagt, mochte es ihm im Jenseits angerechnet werden. Bisweilen schickt eben Gott seine Plagen aus heiterem Himmel, manche vergehen wieder, andere bleiben und machen einem das Leben schwer. Es bleiben die saueren Stunden in der Schulstube, die rein vergeudet sind. Das Wollehaspeln bleibt, das Jäten auf dem Rübenfeld und vor allem die endlose Plage mit den Kindern. Das Armenhaus ist voll von kleinen Kindern, sie vermehren sich auf rätselhafte Weise wie Maden in den düsteren Stuben, und oben« orein erschüttern sie das ganze alte Gemäuer mit ihrem durchdringenden Geschrei. Ihm aber, David, ist die Sorge für dieses Gewürm aufgebürdet, er muß es heben und legen, immerfort ist er mit einem dieser brüllenden Stoffbünbel beloben.
David kennt gewiß Beispiele von Hinterlist, aber keine Kreatur der Welt ist so mit Bosheit angefüllt wie ein Wickelkind. Da schläft so ein Klümpchen, schläft lange und satt in feinem Korb, von keiner Fliege gestochen und von keinem Windchen gezwickt. David hebt sich auf die Zehen und schleicht zur Tür, er hat schon die Klinke niedergedrückt, in diesem Augenblick aber erwacht das Kind. Es nimmt sich nicht einmal Zeit, ordentlich zu gähnen, sogleich ist sein winziges Gesicht ein einziger brüllender Schlund. David nimmt es aus dem Korb und schleppt es in der Stube umher mit Tütü und freundlichem Gesumm — nein, nichts kann es begütigen. David gerät in Verzweiflung, vielleicht ist irgend etwas in diesem Kind aus Den Fugen gegangen, und es schreit nun wie eine zerbrochene Ziehharmonika, folang die Luft aus und ein geht. Er trägt es hinter das Haus und schüttelt es ein bißchen. Mit einem Male schweigt das Kind, es betrachtet ihn mißtrauisch mit seinen glänzenden Kugelaugen. Aber wenn er nur den Fuß vorsetzt, bläht es sich jofort wieder auf und läuft blaurot an. Niemals kann man erraten, was fo ein Geschöpf in seinem Willen bewegt. Man zwickt es in die Zehen, es lächelt. Man küßt es auf die Wangen, es brüllt.
An schönen Tagen breitet David eine Decke auf die Wiese und trägt bie ganze Brut hinaus in bie Sonne. Da liegen sie bann in einer Reihe, von Fliegen umschwärmt unb säuerlich buftenb wie gärenbe Brote. Sie haben auch Namen, Matthias ober Antonia, aber bas macht nichts aus, alle sinb gleich in ihrer Gier nach Milch unb süßem Koch, von bem zu schweigen, was sie unaufhörlich roicber von sich geben. Dcwib füttert sie aus der Flasche und mit dem Löffel, allmählich runden


