Ausgabe 
30.3.1936
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Nummer 26

Nontag, den 30. März

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Und will sie das Band nachts unter ihr Kissen legen, und wird sie immer bei sich tragen, ihr ganzes Leben lang?

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Später werden auch die lärchenen Schränke in der Sakristei auf­geschlossen, es kommen schwer bestickte Paramente an den Tag, Meß- lleider und Rauchmäntel, manche uralt und schon so verschlissen tm Gewebe als seien sie aus purem Goldfaden gewirkt. Andere sind aus leidigen Damast genäht, über und über mit Blumengewinden in allen garben, die der Herr liebt, grün und weiß für die Festzelten, violett and schwarz für Buße und Trauer. Matt schimmernde Rüstungen sind sie, duftend vom Räucherwerk und vom Wachs der festlichen Kerzen. Aus den Truhen kommt altes Linnen, weich und kühl und schwer in der Hand, gestärkte Alben, Chorröcke aus prunkvollen Spitzen. Run wird das alles für eine Weile ins Licht gebreitet, damit es die Frauen säubern und lüften. Denn die Kirche ist zu Ehren Unserer Lieben Frau errichtet worden, man sagt, daß sie hier in Nöten des Herzens half; und darum kamen vordem die Wallfahrer von weither durch das Tal. Liebesleute kamen, auch trauernde Frauen, sie brannten ein paar arme Kerzen vor iem gnadenreichen Bild und flüsterten ihren Kummer durch das Gitter; und wenn sie es vermochten, so schenkten sie etwas für den Hausrat des Herrn. Jetzt kommen die frommen Gäste nur noch spärlich, vielleicht lind die Menschen im ganzen glücklicher geworden, oder sie haben andere Nittel gefunden, ihren Kummer loszuwerden. Aber die schmerzensreiche Jtutter steht noch immer in ihrer dämmerigen Nische und lächelt und läßt ihre segnende Hand nicht sinken.

Ja, setzt ist die Kirche arm geworden, von Jahr zu Jahr orockelt etwas ab, fällt ein Stück aus dem alten Schatz. Der Pfarrer kann wohl bis Groschen aus der Sammelbüchse Zusammenlegen und ein neues Meß- ..... gleißt ja auch von Seide und Gold, aber genau Fqcycn Mi es vvlp nui Baumwolle, dürftiger Faden, und das Gold wird schwarz. Es gibt jetzt Fabriken, die Meßkleider weben, wie andere Bett- rorleger. Früher faß ein Bildschnitzer im Nachbardorf, zu dem ging.

wer einem der Heiligen Dank schuldig war. Der Meister nahm zehn­jähriges Holz vom Darrboden, und dann wendete er einen Winter daran und grub die Glieder des Heiligen lebendig aus dem Klotz, eines Florian oder Leonardas, der das Vieh vor Wetter und Seuchen schützt. Versteht das recht, der Meister hat ihn mit Kunst und Liebe gemacht, er hat ihm einen krausen Bart gegeben, über eine Weile gefällt sich der Heilige in diesem Bart, er läßt sich herab und hilft denen, die ihn bitten. Heut­zutage ist es nicht mehr so, Leonardas wird aus Gips gegossen, man könnte ein Dutzend seinesgleichen für wenig Geld nebeneinanderstellen, und es ist schon viel, wenn er nicht im ersten Winter zu Staub zer­bröckelt.

Mitunter kommen auch jetzt noch fremde Besucher, sie lassen sich in die Kirche führen und haben ihr Wesen und ihr verzücktes Getuschel vor jeder geschnitzten Mantelfalte, aber das Knie beugen sie nicht, wenn sie am Altar oorübergehen. Ja, Frühbarock und Gotik, das mag schon sein, davon versteht der Pfarrer nichts. Er ist selbst nur ein Bauer, tags­über werkt er in Hemdärmeln aus den Feldern. Vieleicht weiß er nicht mehr, wie Pflug und Egge im Lateinischen heißt, aber das Korn gerät ihm trotzdem. Erde klebt an seinen Schuhen, die Hände sind schwielig und ungelenk vom Werkzeug, und der Herr nimmt gleichwohl den Dienst von ihm an. Denn dieser Herr ist kein finsterer Gott, der zornig aus dem Dornbusch spricht, er ist ein Gott der Saaten und der gelben Frucht unter dem Himmel, gütig und väterlich, mild und blauäugig, so wie David ihn gesehen hat. Gott feiert seine Feste mit den Menschen, das Jahr des Herrn ist auch das Jahr des Bauern. Zur Sommerzeit geht er mit ihnen über Land, er segnet das Brautbett, das Kind in der Wiege und nimmt die Toten zu sich auf. Der Herr war selbst arm, als er auf Erden ging, wie sollte er nicht wissen, was die Armen drückt? Im Stall wurde er geboren, zeitlebens hatte er keinen Stein, um das Haupt darauf zu legen, und als er in die Stadt zog und starb, verbarg er feine Herrlichkeit in einer Scheibe weißen Brotes. Indessen hat sich freilich vieles in der Welt geändert, das Wort des Herrn ist nicht bei Fischern und Bauern geblieben, einfältig und schlicht, wie es anfangs war. Städte wurden ausgebaut und erstickten wieder im Schutt, glän­zende Reiche wurden gegründet, auch sie vergingen, Kaiser und Könige. Ja, aber wenn der Herr wiederkame, so fände er immer noch einen warmen Wiesengrund für die Nacht, eine Quelle unter Büschen, wenn ihn dürstete, oder einen vertrauten Baum auf dem Hügel, kn dessen Schatten er sitzen und die Menschen seligsprechen könnte. Wiese und Quelle, Strauch und Hügel, das alles wäre wie vordem geblieben. Er fände auch dieselben Menschen wieder, Bauern und Fischer, die ihn zuerst erkannten, auch sie hätten noch immer ihren bedächtigen Schritt, die gleiche Einfalt hinter ihren furchigen Stirnen, und darum wären sie ihm lieb. -

Gott hat die Welt ja nicht wie ein Taschenspieler aufgebaut, damit wir daran raten können, sondern er hat sie fest und verläßlich gegründet, damit das Menschenkind eine Heimat habe und damit niemand irregehen muh, der die Wege Gottes nicht verläßt. Erde ist im Schoß der Täler ausgebreitet, fruchtbares Land, Tiere find dem Menschen gegeben, daß er sich nähre und kleide, Erze liegen im Berg für fein Gerät. Diese Welt ist nicht weitläufig, wenn man sie so betrachtet, man kann sie, in der Runde, mit einem Blick vorn Hoftor aus zufammenfassen, aber der ganze Himmel wölbt sich darüber.

So läßt sich leben, Gartenland um die Häuser. Wege, ein kleines Gehölz, ein freundliches Waffer. Glatte Wiesen, und die Kirche inmitten breit hingelagert wie eine schwere Bauernfaust mit aufgerecktem Finger. Auch jenseits Felder, das Dach des Nachbarn unter Bäumen, dann Wald, Almen auf dem Berg, und dahinter wieder fo, Weiden und Aecker, aber das ist schon weit. Und das Jahr rollt heran und hinweg, mit den ewigen Gezeiten des Lebens. Die Tage des Bauern find geräumig, keiner ohne Frucht.

Zuweilen mischt sich freilich etwas Trübes in den ruhigen Fluß der Arbeit, das bringt aus der Ferne herein, Lärm und Gezänk der fried­losen Welt. Aber kein Unheil, das vom Menschen kommt, ist so groß, daß der Weizen deswegen nicht mehr grünte. Darin kann ein einfacher Mann gewiß seinen Trost finden. Gott hat das Triebwerk der Schöp­fung unserer Torheit entrückt.

So denkt der Pfarrer. Früher einmal war auch er stürmischer, rang mit dem Engel und zog das Schwert wie Petrus. Aber der Herr be­sänftigte ihn. Selig sind die Friedfertigen, sagt der Herr. Und du sollst nicht weiter wirken wollen, als das Herz reicht.

Die Kirche ist blank gescheuert und für die Feftzeit gerüstet, nun muß der Pfarrer noch einen Gehilfen haben. Eines Morgens kommt der geistliche Bruder an, David geleitet ihn und trägt fein Gepäck. Aber es ist nur ein leichtes Bündel, barfuß und bloßen Hauptes zieht Pater Johannes im Dorfe ein, vom Staub der Straße umwölbt.

Ein junger Menfch, sagen die Männer. Ein heiligmäßiger Mensch,

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% Jahrgang 1956

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DasIahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

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Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

2. Fortsetzung.

Es ist wegen der Frühglocke, erklärt DaniW weil sie ihm doch damals nit dem Läuten geholfen hat.

Nein? Hat Agnes nicht geläutet, hat sie nicht richtig abgefetzt und nur am Schluß ein ganz kleines bißchen nachgefchlagen?

David gerät m Zorn. Ach du, sagt er, mit deinem Pfannenstiel tm Gesicht! Er läuft neben Agnes her und stopft ihr das Band mit Gewalt unter den Arm, aber auch das hilft nicht. Sie faßt es mit spitzen Fingern an und schleudert es weit von sich.

So da liegt nun das Band im Schmutz. Weiß Agnes überhaupt, was sie getan hat? Gefrevelt hat fiel Denn dieses Band war hoch- zeweiht und gewissermaßen wundertätig, und den treffen unausdenkbare Strafen, der es mit Füßen tritt.

Ich trete es ja nicht, sagt Agnes und wirft einen Blick hinter sich.

Gleichviel. Sieben Tage lang mußte dieses Band ungesehen durch die Kirche wandern, die Sonne durste es nicht bescheinen, kein Regentropfen durfte darauffallen. Es mußte im Meßbuch verborgen liegen, drei Tage auf der Epiftelfeite, drei auf der Evangelienseite, aber am letzten Tage nutzte es unter das Altartuch gebreitet werden, damit der Pfarrer den Zutz des Kelches darauffetzte. Und nicht genug, nach dem Avelauten mußte man mit geschloffenen Augen rücklings durch die Kirche gehen, »hne anzustoßen, und außerdem war es nötig, einen ganzen Tag vorher zu fasten, man durfte nichts zu sich nehmen, nicht das mindeste. Ja, es zab einmal einen Menschen, der versuchte es auch und stand schon vor dem Altar, da flog ihm eine winzige Mücke in den Mund, und er chluckte sie unb stürzte auf ber Stelle ...

Schweig still! sagt Agnes mit zitternber Stimme. Ich will es ja »ehmen. .

Gut. Aber gelobt Agnes auch, daß sie niemanbem etwas davon sagen