Ausgabe 
3.2.1936
 
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laut baherpolternbe Fahrküchen, die bald bald über die dunkel flutende Strafte Funkenregen jprühten wie überheizte Lokomotiven und diese nächtlichen Bilder erst recht ins Gespenstische steigerten. Das alles und dazu der wogende Strom der Truppen, das Schütteln und Wackeln der Bagagewagen, das Prusten und Schnaufen der Pferde, alles drängte in dieser einzigen noch unoersperrten Richtung aus der sich schließenden Schlinge hinaus nach Norden.

Irgendwo wurde Mäh dann unverhofft aus dem Dunkel angerufen. Geros Stimme befahl:Ihr wählt nun diesen Weg hier querfeldein nach Westen. Wir trennen uns von der Haupttruppe. Ich trabe vor. Solange euch kein Befehl von mir erreicht, könnt ihr mir ruhig folgen.

Mensch, hier ist's finster wie in einem Büffel", sagte Korporal Ruschill zu seinem Nebenmann, als sie eine Weile lang den Weg nach links gegangen waren. In dem Zug der Haupttruppe hatte bisweilen doch wenigstens die Tabakspfeife eines Infanteristen, das Feuer der Fahrküchen, die elektrische Taschenlampe eines Offiziers ausgeleuchtet. Auf diesem Wege hier, den, wie sich herausstellie, das Gebirgsgeschütz merkwürdigerweise allein dahinzog, gab es alle diese angenehmen Ab­wechslungen nicht. Hier herrschte Nacht und Finsternis und Finsternis und Nacht, und je tiefer sie in diesen unheimlichen Schlund drangen, desto dunkler und dichter und gestaltloser schien er zu werden.

Der Himmel über ihnen war genau so schwarz, lichterlos und un­gegliedert wie die Erde ringsum. Es mochten schwere Wolken an ihm kleben. Sie wußten es nicht. Es gab keinen Mondschein und auch nicht das Schimmern eines einzigen Sternes in dieser Nacht.

Der Zug besaß alles in allem zwei Handlaternen. Mit der einen irr- lichterte Möh an der Spitze der Kolonne herum, mit der andern Kor­poral Köteles an ihrem Ende. Für die Richtung des Weges blieb allein maßgebend sein Schlammsluß. Dort, wo er am tiefsten und schlüpfrigsten floß, dort mußten, solange er Etappenstraße war, die Räder der Ver- pflegungs- und Munitionskolonnen seinen Dreck durchknetet haben, dort muhte er mit Sicherheit führen. Schade nur, daß er dort auch gleich­zeitig am holperigsten, ja von tiefen Löchern durchschluchtet war. In diese Löcher stürzte baldWiege", baldRohrwagen" des Gebirgs­geschützes und kippten um. Nicht selten rissen sie auch ihre Stangen­pferde mit in die Lache. Dann dauerte es freilich lange, bis man Roß und Wagen aus dem schwarzen Schlammbad ausrichtete und den Marsch sortsetzen konnte.

Einmal leuchtet die schaukelnde Laterne des Kadetten eine Gestalt ab von oben bis unten.Duma, cigäny te, bist bus? Und was hast du jetzt mit deinem Brotsack zu schaffen, he?"

Ich steckte gestern abend eine Brotkruste zu mir. Eben fiel mir ein, wie gut sie zu der braunen Suppe munden würde, die in meinen Stiefeln hochgestiegen ist und am obern Rande hervorquillt. Da merke ich, daß mir jemand die Kruste gestohlen hat. Futu! Ein Schelm soll ich heißen, wenn das nicht Florian, mein süßes Freundchen Florian war."

Wie weit ist der Weg dieser Nacht? Beträgt er fünf oder fünfzig Kilometer? Wie kann sich eine lichterlose Strecke im Bewußtsein spiegeln und Maß gewinnen? Wahrlich, wie Schlaf war diese Nacht, und ist doch Schuften, Fluchen, Hellauflachen und immer wieder Waten in Dreck ge­wesen eine Rückzugsnacht in Galizien.

*

Der Morgen findet das über und über schmierige Trüpplein am Rande eines Sumpfbaches. Da liegen sie schon seit zwei Stunden und fchlafen. Schlafen reglos und trunken, wie Mistkäfer, halb eingebuddelt in Schlamm und Erde. Und als sie die Augen öffnen, siehe, bricht durch die Nebelschwaden über den östlichen Hängen die Sonne, die Sonne, die sie seit Tagen ober waren es Wochen? nicht mehr gesehen haben. Einer nach bem anbern wälzt ben feuchten Mantel vor sich, breitet ihn sorgsam im hartstieligen Grase aus, bamit möglichst viele Strahlen ihn treffen. Als bie Befehle für ben Tag aber immer länger auf sich warten lassen unb sein Gesicht sich auch sonst roeber burch nahes Hämmern noch fernes Grollen verrät, löst sich eine Haut nach ber andern von der Mann- fchaft, und bald liegen Stiefel und schmutzige Fußlappen und braun- gefleckte Hemden auf dem stacheligen, röhrigen Grase verstreut herum.

Der folgende Tag erst verlangt gebieterisch, daß man sich den lüm- meligen Schlaf aus den Augen reibe. Auf bem zerknüllten Wisch, ben ber Orbonnanzreiter weither ins Sumpftal bringt, steht manches zu lesen. Das wichtigste Wort barin aber lautet: Angriff.

Sofort befiehlt Gerö bie Reitpferbe heran. Er weiß, baß es nicht leicht fein wirb, im allzu flachen, allzu unübersichtlichen Gelänbe ben rechten Beobachtungsstanb ausftnbig zu machen. Deshalb nimmt er auch Möh mit auf die Suche. Mögen die Augen des Jungen beizeiten sich schärfen. Mögen sie erfahren, wie schwierig es zuweilen sein kann ...

Möß strahlt wie bas Morgenlicht biefer Stunbe, bah er roieber ein­mal für würdig befunden wurde, seinem Herrn und Führer beizustehen. Vor lauter Freude und Dankbarkeit unb eilenben Sattelns unb Gürtens vergißt er biefes unb jenes im Fähnlein anzuorbnen. Aber was hat es viel zu bebeuten? Korporal Ruschill mit ber großen Silbernen wird ihn schon eine Weile recht vertreten.

Und sie reiten das weit gewellte Land nach Nord unb nach Süd ab. Halten hier an unb bort an. Blicken burchs Glas. Prüfen bie Karte.

Vergebens. Nirgenbs finbet sich ber rechte Ausguck, nirgends bie erwünschte Einsicht in ben ihnen zugewiesenen Kampfraum. Kein Berg steilt aus ihm auf, nicht einmal ein rechter Baum reckt unb ftreckt sich irgendwo in ben Himmel.

So nisten bie bciben sich benn in ber Nähe eines Vorwerks ein, im Gezweige eines nerroilberien Gartenbufches. Unb es scheint so gut wie abgemacht, baß sie auch weiterhin beisammen bleiben.

Ihnen zur Seite roinben Hopfenranken ihre Schlangenhälse in bie Höhe. Ihnen zu Füßen ziehen sich langhin fast eben oertaufenbe Kar­toffelfelder. Links vorne aus einer Bodensenke tauchen bie ersten Häuser eines Dorfe? auf. Ganz, ganz ferne am Horizont ein schmaler, silberner

in bie längst bloß?

wächst

ge-

ich bie bie

Streifen Berge. Ohne Bebeutung freilich für ben heutigen Tag. Zu weit finb sie.

Kaum ist Lage unb Sicht halbwegs ftubiert unb geklärt, wird es wie auf einen Schlag lebendig in ben Kartoffelfelbern. In langen Schwarmlinien erhebt sich bie Infanterie aus ihrem buschigen Laub unb setzt sich in ruhigem, scheinbar völlig unbekümmertem Schritt in Be­wegung. Neue unb neue Reihen stehen auf. Bis weit nach Süben hin schließt sich Schnur an Schnur ber bunfeln Punkte.

Kutyaläb", schimpft Gerö,wenn man auf bissen elenben Sträu­chern wenigstens um einen halben Meter höher steigen könnte." Jetzt erst, ba bie Lanbschast sich belebt unb bewegt, merkt man, wie kümmer­lich sie von hier aus eingesehen werden kann.

Es geht aber nicht. Die Aeste sind zu dünn. Je höher man hinauf» steigt, desto tiefer beugen sie sich zur Erde.

Nun hat auch der Russe schon bie sich entwickelnbe Infanterie ent» berft. Schrapnellsalute überstürzen einanber. Einstweilen tasten sie freilich nur noch ben lichtblauen Himmel ab. Durch die Maschen ihres Feuers treten ruhig und ungehindert die breiten Fronten der Regimenter.

Welcher Regimenter? Sind es Ungarn? Sind es Tschechen? Sind es Ruthenen oder Deutsche? Es ist nicht immer leicht, die Ordnung ber Nationen an ber Ostfront zu erkennen. Der russische Einbruch von Darno­pol jeboch hat sie vollenbs auf ben Kopf gestellt.

Jetzt, jetzt", zittert Möß,haben sie bie ersten Verluste." Zwei bünne waagrechte Striche lösen sich beutlich aus bem Gewimmel ber Punkte, zwei Tragbahren, unb gleiten über bie Felber ab. Weih Derbunbene Köpfe tauchen auf unb in irgenbeiner Mulbe unter. Wirr Hüpfen bie Pünktchen über bie Wellen ber Kartoffelstauben, ballen sich an einer Stelle zusammen, lösen sich roieber auf, bleiben lange, lange überhaupt unsichtbar.

Gerö ist bereits in voller Fahrt. So unübersichtlich das Schlachtfeld auch fein mag, mit bem sichern Instinkt bes Jägers wittert er bie Mög­lichkeiten, bie aus ber Erde vor feinen Augen steigen, baut sich bas Bitt) bes Tages Stunbe um Stunbe. In feinen Machtmitteln aufs äußerste eingeschränkt, ist er hoppelt vorsichtig in ber Wahl feiner Ziele. Trotz- betn finbet er stets ein ganz besonderes, ein, wie er annimmt, ihm vor» bestimmtes Ziel. Heute ist es ber Graben beim Kreuz 361, ziemlich weit hinten im Schachbrett bes Kampfes gelegen, aber er steckt voller Russen unb wirb bem Angreifer noch allerhanb zu schaffen machen. Er will ihn beshalb beizeiten winbelweich schießen. Wer weiß, bie Unfern kommen vielleicht rafcher voran, als sich augenblicklich beurteilen läßt, unb stoßen bann auf biefen gefährlichen Hinterhalt.

Aber was ist eigentlich Möh, ber festlich gestimmten Seele, über bie fieber gekrochen? War er nicht eben erst leudjtenben Auges unb lachen­den Mundes ein Kind, das von väterlicher Hand einem unerwarteten Geschenk entgegengeführt wurde? Nun huschen Schatten allen Ernstes über seine Stirne.

Ja, Möß, der kleine Möß hat wieder mit einem seltsamen Kummer zu schaffen. Es beschämt ihn plötzlich tief, eine so breit angelegte offene Feldfchlacht wie bie heutige aus einer so entfernten Loge mit anfefjen zu müssen. Sein Herz hüpft immerfort mit ben Pünktchen ber ersten Linie mit unb versucht, sich alle Schrecknisse ihres zackigen Weges vorzustellen.

Sollte es heute zum Nahkampf kommen ... für bie bort ...?" wieberholt er zweimal mit banger, taftenber Stimme, ohne Antwort zu

rasch zur Herde, bricht stürmend gegen das Kreuz vor. Man sieht deutlich im Glas, wie sich die Vordersten mitten ins eigene Artilleriefeuer stürzen ...

Möß läßt das Glas auf bie Brust zurückfallen unb greift in bie gelben Dolden ... Als er es Augenblicke später wieder an die Augen hebt, quellen aus dem russischen (traben erdfarbene Menschenbündel mit erhobenen Armen heraus, immer von neuem heraus. Das Feuer ber Batterien verstummt. Quer über bas Schlachtfelb streicht, von mübem Winbe getragen, eine schwere finstere Rauchfahne. (Forts, folgt.)

bcmach."

Ach, ich meinte ja bloß, weil es hier so buftete ..."

Als bie Bäume, auf benen sie schaukeln, ihre Schatten bereits nach Osten werfen unb bie Stunbe naht, ba Licht unb Blick unb Beobachtung klarsichtig geworben, nach ein unb derselben Richtung drängen, setzt endlich ber Jnfcmteriekampf auch um ben Graben beim Kreuze 361 in ber Nähe bes Dorfes Cebrow ein. Auch anbere Batterien haben mittler» weile bie Stärke dieser Stellung erkannt unb werfen nun zugleich mit

Knie sinken unb beten. Beten für bie ba vorne, für bie schon wieder unsichtbar gewordenen dunkeln Punkte. Wo stecken sie Gleich, gleich müssen sie ja stürmen.

Da prescht ein Rudel aus dem Ortsranb von Cebrow heraus,

erhalten.

Zu dumm dies ausgucklose, flache Landl Es liegt alles offen unb ausgebreitet vor uns unb boch bleiben wir blinb, erfchreckenb blinb im überreichen Geschehen. Der einzige Trost, baß es allen genau so geht, felbst ben Pünktchen ba vorne unb bem Feinb unb ben Führern hüben unb brüben. Wer von ihnen sieht mehr, weiß mehr als wir?

Gelbe Hopfenbolden hängen Möß jetzt mitten ins Gesicht. Sie sind reif, voll würzigen Staubs, sprühen ins Gezweigs ihren scharfen Duft Er atmet tief. Er reißt zwei Doiben ab unb zerreibt sie in ben Hänben.

Wer, muß er babei benfen, wer hat bies unzählige Male getan, ~

Gerö ihr Feuer barauf. Das Hämmern ber Maschinengewehre steigert sich zu Rasseln unb Prasseln unb setzt nicht mehr aus.

Mein Gott, mein Gott ..." Am liebsten möchte Möh jetzt

nau so wie ich jetzt? Ja, wer bloß?

Großvater! Natürlich, Großvater in feinem Hopfengarten. Habe ihn nicht hunbertmal gesehen, wie er in seinen knotigen Fingern Selben Blüten zerdrückte, dann lange daran roch und überlegte, ob ,eit ber Ernte gekommen fei?

Er muh barauf zu sprechen kommen.

Fiam, kedves fiaeskäm, Söhnchen, was kümmert bich setzt Hopfen unb Ernte unb Siebenbürgen? Sieh, ich habe ein ganzes Gut in ben Hänben meiner Frau unb ber Dienstleute zurückgelassen unb frage nicht