Die stille Stadt.
Von Richard Dehmel.
Liegt eine Stadt im Tale, ein blasser Tag vergeht; es wird nicht lange dauern mehr, bis weder Mond noch Sterne, nur Nacht am Himmel fte';‘.
Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, kein Laut aus ihrem Rauch heraus, kaum Türme noch und Brücken.
Doch als den Wandrer graute, da ging ein Lichtlein auf im Grund; und durch den Rauch und Nebel begann ein leiser Lobgesang aus Kindermund.
Oie zehn chinesischen HoffleiSer.
Eine Komödiantengeschichte von Paul E r n st.
Eine Gesandtschaft vom Kaiser von China war nach Rom gekommen. Der Kaiser hatte gehört, daß in Rom der Heilige Vater lebt, und hatte es anständig gefunden, dem seine Empfehlungen zu übermitteln. Er hatte ihm die Werke der chinesischen Dichter in Prachtausgaben geschickt, zehn Pfund kaiserlichen Tee, mehrere Ehrengewänder und ein vollständiges Porzellangedeck für zwölf Personen.
Die Gesandtschaft bestand aus zehn Herren vom ersten Rang im chinesischen Reich. Die Herren waren in kostbare, gestickte Gewänder gekleidet und erregten großes Aufsehen bei der Straßenjugend.
Vermutlich sind in China die Sitten in bezug auf Gesandtschaften »nders als in Rom. Die Chinesen hatten darauf gerechnet, daß ihnen eine Wohnung im Schloß seiner Heiligkeit eingeräumt würde, und daß sie ihre Beköstigung aus der Hofküche erhielten; sie hatten sich ihre Reise auch von den chinesischen Gelehrten berechnen lassen, und denen ist vielleicht im Rechenfehler untergelausen; kurz und gut, die Herren kamen in Rom In eine arge Geldverlegenheit. Diese schien auf sie selber einen geringeren Kindruck zu machen als auf ihre Gläubiger, denn sie für ihr Teil gingen mit ebenso ruhigen und freundlich lächelnden Gesichtern durch die Straßen Roms lustwandeln wie vorher, indessen die Gläubiger verstört wurden, tn den Straßenecken zusammentraten und leise und eindringlich mitein- t nder sprachen, indem sie die Köpfe zusammensteckten und mit den Armen Achtelten. Nun, die Gläubiger klagen, die Gesandten werden verurteilt, l<r Gerichtsvollzieher kommt, macht ihrem Dolmetscher klar, um was es sch handelt, was nicht leicht ist, denn der Dolmetscher ist auch ein Chinese, welcher die Einrichtungen Europas nicht kennt; und nimmt ihnen endlich Ihre kostbaren Hofkleider, um sie öffentlich zu versteigern. Die Chinesen Ichämen sich, daß sie keine Hofkleider mehr haben, und schließen sich in Ihre Wohnung ein; was weiter mit ihnen geschieht, das geht uns hier nichts an, für unsere Geschichte sind nur die Hofkleider wichtig.
Also die Hofkleider werden versteigert. Aber wer in Rom soll sich wohl chinesische Hofkleider kaufen? Sie sind ja sehr kostbar, aber sie sind »ipraktisch und bei uns nicht in der Mode. Dis Schneidermeister bedachten sie sich, ob man sie ändern kann und zucken dann bedauernd ise Achseln. Eine vornehme Dame hat ihre Kammerjungfer geschickt, hmit sie ihr Urteil abgibt, aber die Kammerjungfer findet, daß die stleider nach Chinesen riechen, es wird ihr übel und sie verlangt einen Tropfen Kölnisches Wasser.
Der Theaterdirektor besucht grundsätzlich alle Versteigerungen; eines- täls weil er mit alten Sachen gehandelt hat, ehe er sein jetziges Ge- shäft übernahm, andernteils, weil er bei den Versteigerungen auf Ideen kxmmt, und die Ideen sind bekanntlich bei einem Theaterdirektor die k-auptfache. Er befühlt die Anzüge, prüft die Stoffe, die Stickerei, er b-ißt in den Brokat, zieht die Seide auf zwei Nagelspitzen auseinander; btr Versteigerer ruft aus: „Ein chinesisches Hoskleid aus grüner Seide trit Goldstickerei, einen Drachen darstellend, wer bietet?" Es bietet nie- manb; der Theaterdirektor denkt, wenn er das Kleid sehr billig be- k> mmt, dann kann er es immer brauchen, er bietet zehn Saldi; der Versteigerer schreckt zurück, aber er muß ausrufen: „Zehn Saldi sind gebeten worden, wer bietet mehr, niemand mehr? Eine chinesisches Hof- klsid aus grüner Seide mit Goldstickerei, einen Drachen darstellend"; memand bietet mehr, und so bekommt der Direktor das Hofkleid mit d m Drachen, und in derselben Weise bekommt er die anderen Hofkleider, Mf welchen das Meer gestickt ist, über dem Vögel schweben, der Himmel rät flatternden Schmetterlingen von allen Farben, der Höllenhund, wel- tfer einer armen Seele ins Bein beißt, und ähnliches.
Der Direktor hat also die gesamten Hofkleider erstanden, und nun schlt ihm nur noch die Idee. Die Idee kommt ihm aber auch, nämlich n trägt dem Dichter auf, ein Stück zu den Kleidern zu schreiben.
Was das für ein Stück fein fall, das ist natürlich die Sache des Ei chters.
®lan kann dem Dichter Vorstellungskraft und Erfindung gewiß nicht d sprechen; aber wie soll er es machen, für zehn chinesische Hofkleider m> Stück zu erfinden. Wahrscheinlich würde nicht einmal der Leser dieser Geschichte eine solche Aufgabe lösen können. Also der Dichter sctreibt das Stück nicht.
| Coraline ist dem Dichter bisher nie menschlich nahegetreten. Plötz- liiD redet sie ihn auf einer Probe an und beginnt ein Gespräch mit
ihm. Sie fragt ihn, ob das Dichten schwer ist; ob er lieber allein dichtet oder in Gesellschaft, ob er auch alte Stücke ausarbeitet, daß man denkt, sie sind neu und ähnliches, und da sie hübsch ist und sehr viel Geist hat, so bezaubert sie den Dichter. Der Dichter verspricht, sie zu besuchen, sie glaubt das nicht eher, als bis er in ihr Zimmer tritt, denn warum hat er sich immer so von ihr ferngehalten. Er verspricht es nochmals, und sie stellt die Behauptung auf, daß die Dichter unzuverlässige Leute sind; er beteuert, daß er kommen wird, und sie erklärt, daß dann alle anderen Schauspieler sie beneiden werden; und so geschieht es denn, daß der Dichter noch am selben Nachmittag bei ihr anklopst.
Er tritt ein. In ihrem Zimmer, sauber über Bügel gebreitet und glatt gestrichen, eins neben dem anderen, auf Nägeln, welche der Direktor in gleichen Zwischenräumen in die Wand geschlagen hat, hängen die zehn chinesischen Hofkleider. Sie führt den Dichter vor die Wand und bittet ihn, die Kleider zu betrachten, plötzlich ist sie von seiner Seite verschwunden, sie ist aus der Tür geschlüpft, hat außen den Schlüssel umgedreht und ruft ihm nun durch die Tür zu, daß Brot, Käse und Wein in der Lade stehen, Papier, Tinte und Feder sind auf dem Tisch, und er kommt nicht eher aus dem Zimmer, als bis er das Stück geschrieben hat.
Der Dichter könnte rasen, er könnte an die Tür hämmern, Stühle und Tische umwerfen, aus dem Fenster nach der Feuerwehr schreien und ähnliches. Aber dann würde er den Ruf einer Dame gefährden, und den Ruf einer Dame gefährdet er nicht. Was bleibt ihm übrig? Er öffnet die Lade, ißt und trinkt, und dann fetzt er sich an den Tisch und schreibt.
Wir wollen ja nicht behaupten, daß der Dichter Coralinen liebt, aber er glaubt sie jedenfalls zu lieben, und das tut hier dieselben Dienste. Coraline hat das Gewand mit den bunten Schmetterlingen an, der Dichter denkt sich selber in dem Gewand mit dem Drachen; sie sind beide Geister, sie sind zwei Geisterkönigskinder, die einander lieben, weil sie sich im Traum erschienen sind. Coraline hat gesehen, wie der Dichter weinte, und nun weint sie auch, sie weint beständig. Er weinte nur, weil er einen Reim nicht finden konnte, den er schon lange suchte, und weil er von einem Bösewicht, der noch nicht aufgetreten ist, deshalb verhöhnt wurde; aber das kann sie natürlich nicht wissen, weil die Beiden sich überhaupt noch nicht gesprochen haben Es tritt der Theaterdirektor auf; er hat das Kleid an, auf welchem der Höllenhund einen armen Sünder ins Bein beißt, und ist der Bösewicht; natürlich will er die Liebenden auseinanderbringen. Aber Coraline ist treu. Und nun zeigt sich die Macht der Dichtung. Der Dichter träumt. Coraline erscheint ihm im Traum in dem Gewand, wo die Vögel über dem Meer schweben, von ihrem Anblick begeistert, findet er seinen Reim. Er schreibt ihn gleich auf, sein Gedicht ist fertig, er lieft es vor, der Theaterdirektor ist besiegt, die Nebenfiguren, welche in dieser kurzen Inhaltsangabe nicht erwähnt sind, versammeln sich auf der Bühne, und Coraline finkt dem Dichter in die Arme.
Das Stück ist fertig, der Direktor schließt selber die Tür. auf und nimmt es ihm ab, um die Rollen ausfdjreiben zu lassen, denn er verspricht sich von den Hofkleidern eine durchschlagende Wirkung.
Der Dichter verlangt Coraline zu sehen. Wir können mit Bestimmtheit behaupten, daß er sie nicht liebt; aber was tut das? Wir dürfen bei der Liebe, bei einem Dichter, bei einem liebenden Dichter keine Logik verlangen: er liebt sie gar nicht, und trotzdem müssen wir sagen, daß seine Liebe zu ihr unglücklich ist.
Zwischen den Zeiten.
Von Ernst Kreuder.
„Du hast dich ja auch schon oft mit Erinnerungen beschäftigt", sagte Martin, er hatte mich zum Wochenend besucht, meine Frau war verreist, und wir waren allein in meiner Wohnung. Ich hatte den Lautsprecher abgestellt, einige Buchenscheite in den Ofen geworfen und die Stehlampe zwischen den beiden Sesseln angeknipst. Wir rauchten rauhes Zeug und tranken gärigen Most. Draußen stand die Dämmerung wie eine Nebelwand in den Wiesen, die langsam näherrückte.
„Ich habe mich oft gefragt", fuhr Martin fort, „sind die Erinnerungen etwas Wirkliches, und wird uns das Leben erst in der Erinnerung zur Wirklichkeit? Denn die Wirklichkeit hier ist doch immer nur der Augenblick. Einen Augenblick später ist sie schon wieder Erinnerung."
Ich mußte ihm ReKt geben, ich nickte, schenkte sein Glas voll. Im Ofen zersprang ein Scheit mit einem Knall.
„Dir kann ich ja so etwas erzählen", sagte Martin ruhig, „ein anderer würde vielleicht nichts damit anfangen können. Ich war vor einigen Monaten in Praunheim, wo ich einen Bekannten besuchte, und mußte auf dem Rückweg durch die Außenbezirke von Frankfurt. Ich fuhr mit dem Rad. Es war Sonntag, die Straßen waren leer, das Licht war trüb und grau, der Himmel überzogen, und wenn bei diesem fahlen Nachmittagslicht sich niemand auf der Sttaße zeigt, alles wie ausgeftorben daliegt, und dazu in einem Vorstadtbezirk mit trüben roten Backsteinhäusern, dann kann es einem ganz düster zu Mut werden. Ich hatte keine Ahnung, wa ich mich befand, ich wußte nur ungefähr die Richtung, einem Halbkreis von Anlagen entlang. Aber plötzlich kam mir die Gegend auf eine unheimliche Art bekannt vor, ich stieg vom Rad und sah mich um, und dann wußte ich mit einemmal, wo ich war.
In einer dieser kahlen, wie abgestandenen, trüben, trostlosen Seitenstraße hatte einst Dorothea gewohnt. Während ich neben meinem Fahrrad stand und über den verlassenen Platz nach den Straßenfronten hin- übersah, erkannte ich auch die beiden verwitterten, abgenutzten grauen Bänke wieder, das verrostete Vorgartengitter an der Ecke, und einen Augenblick machte das Ganze auf mich den Eindruck einer leeren Bühne, auf der nicht mehr gespielt wird, die Schauspieler sind schon lange fortgegangen. sie sind vor zwölf Jahren schon fortgegangen. Und doch war es, als könnten sie jeden Augenblick wieder auftauchen, ich roor ja da, ich gehörte ja dazu, und Dorothea wohnte noch in dieser Stadt, aber das


