Lleber die Augen.
Betrachtung von Ern st Penzoldt.
„Deine Augen", heißt es in dem Briefe eines unbekannten Liebenden, „deine Augen sind es, an die ich nun immer denken muß. Ich liebte dich schon eine gute Weile, ehe ich deine Augen wirklich sah: Ich hätte, nach ihrer Form und Farbe gefragt, nichts rechtes zu antworten gewußt, Ich sah sie eigentlich zum ersten Male erst gestern Abend, als ich mich über dein Gesicht neigte, aus jener Nähe, die ihnen ein weiser Gott zugemessen hat, aus der sie angeschaut werde« wollen, weil sie so am schönsten sind,"
Auf das Gesetz des schönsten Abstandes spielt der verliebte Briefschreiber an und es scheint in der Tat in nichts so zutreffend, als eben in Betracht der Augen: es gibt nur eine Entfernung, in der ihr Anblick, in der ihr Zauber vollkommen ist. Jeder Liebende wird ihn neu für sich entdecken, mancher wird die Augen davor schließen, mancher innehalten und in stummen Entzücken verharren, sich selbst dabei vergessend.
Denn wir meinen da etwas zu erblicken, was wir sonst nirgends in der Welt wahrzunehmen vermögen, des andern Seele nämlich meinen sie zu schauen.
Man kann freilich die Behauptung hören, der seelische Ausdruck der Augen liege lediglich in ihrer Umgebung, in den Lioern, Wimpern,
waren wir längst nicht mehr: der, der hier einst, verzweifelt und sehnsüchtig viele Stunden lang gewartet hatte, in eine, wie es schien, aus- wealose rettungslose Sehnsucht verstrickt, konnte unmöglich derselbe fein, "er eben Dom Rad gestiegen war und das alles wieder auferstehen sah. Wo war er, der andere, hingekommen? „ . .. . ,
Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst. Ich hatte das noch nie erlebt. Ich stand vollkommen hilslos da, verzagt, und als wäre ich von etwas Unausdenkbarem bedroht Ich wußte plötzlich alles wieder Wie ich es jetzt sah, war es eine verzweifelte und unglückliche Liebe gewesen wie ich sie nirgends mehr gefunden habe. JcWhatte auf diesen sirngen Mann von damals, der ich war, hatte ich ihn damals gekannt, nickt einen Heller mehr gesetzt. Denn er war unrettbar aus jeder möglichen Bahn geraten, er fuhr nur noch zur Universität, um Dorothea nach stundenlangem Suchen vor der Tur eines Horjaals zu Treffen, wo sie sich mit einem ihrer vielen Bekannten unterhielt. Dann verabredete sie vielleicht mit ihm eine Stunde am Nachmittag oder Abend, und die Zeit bis dahin brachte er dann, allein, in den Anlagen, an einem Teich, ki dumpfem Brüten zu. Er war zwanzig Jahre, es war die erste Liebe. Da dieses Gefühl, diese Sehnsucht mit einer, solch rettungslosen Gewalt in ihm entstanden war, konnte diese Liebe im ®runbe gar nicht die Freundin treffen, sie war wie ein maßloser Laus ms Nichts, em Anspruch an die Erfüllung eines Wahns. Mit dieser Liebe mußte man unglücklich werden, sich verzehren, es konnte kein Wunder geschehen, und es geschah keines. Dieser junge Mann studierte nicht mehr, hungerte weil ihm das Essen im halse stecken blieb, wenn er an die Freundin dachte und er dachte immerfort an sie, er war so gut rote verloren. Was sollte aus ihm werden? Die Freundin mochte ihn recht gern, aber sie liebte diesen» Wahnwandler nicht, diesen glimmenden Attentäter der Liebe. Aber dann war es doch unausdenkbar, wenn sie ihn auf einem Abendspaziergang plötzlich an sich zog und küßte. Denn bann geriet er in einen Zu- ftanb phantastischen Ueberschwangs.
Unb dieser Liebende war ich? Der ich vom Rad gestiegen war und in die fahlgraue Luft der Straße blickte? Derselbe^ der letzt ein selbsi- erroorbenes Häuschen auf dem Lande hatte, einen Beruf, eine Frau unb nicht unbekannt in ber fotiben Deffentlidjteit? Wie soll man bas begreifen? Ach «nb mit einem Male liebte ich biefe verlorenen Tage roieber, diese Stunden. Die Regenluft hatte damals auf einem Spaziergang träumerischer geduftet, ein Vogelruf aus den Büschen war süßer unb heimwehvoller gewesen, unb bann bankte ich dem Himmel, büß mim Dorothea doch zuweilen an sich gezogen hatte, unb bann bankte ich Dorothea für (eben kleinen Kuß, für jebes liebe Wort unb bafür, bah ich nicht aus allen Fugen gebrochen war, benn fo viel Halle sie mir boch gegeben von ber lichten Freundlichkeit ihrer Jugend, wenig und viel, einen hauch, einen Gruß, ein sanftes Wort.
Ich schob jetzt mein Rad über den Platz, zwölf Jahre spater, lehnte es an die Mauer und ging in das Wirtshaus. Ich setzte mich in dem leeren, dämmerigen Raum in eine Ecke, wo ich durch die Scheiben die Tram kommen sehen konnte, und trank ein Glas Bier und ließ mir billige Zigaretten kommen. Und dann begriff ich jene verrückten Millionäre, die plötzlich in einer Stadt ein häßliches, altes, trostloses Haus kauften, den Bewohnern die Miete erließen, und manchmal nachts lange davor standen späte verlorene Beschwörer von versunkenem Leben, Erinnerungsgräber, unkenntliche Schatzgräber der Vergangenheit."
Martin schwieg eine Weile und sah lächelnd durch den Lichtschein der Lampe in den dunklen Raum, in die Ferne der Erinnerung.
„Im gleichen Monat", fuhr er dann fort, „schleppte mich Erwin, den du ja auch kennst, zu einem neuen Bekannten, mit dem er öfter Schach spielte. Ich ging ahnungslos mit, Erwin läutete an der Flurtür, ich stand neben ihm, dann ging die Flurtür auf, und Dorothea stand vor uns. Sie begrüßte uns herzlich und freute sich, mich wiederzusehen. Nun hatten wir uns in den vergangenen Jahren verschiedene Male flüchtig gesehen, aber als ich ihr jetzt in ihrer Wohnung gegenüber saß, begriff ich erst, daß ick sie nur noch ein einziges Mal roiedergesehen Halle, und da war sie gar nicht dabei gewesen, das war, als ich an jenem trüben Sonntag nachmittag in der düsteren Vorstadt vom Rad gestiegen war und über den Platz gestarrt hatte. Da hatte mich noch einmal jene Luft von damals berührt, fast schmeckbar, und ich hatte Dorothea wirklich wiedergetroffen. Jetzt saß mir nicht Dorothea gegenüber, unb ich selbst war auch nicht ber Freund, ber ihren Kuß empfangen hatte, ich langweilte mich dort und ging mit Erwin bald wieder fort."
Brauen also, in den Zweckberoegungen der Muskulatur, in den Falt- chen, Zusammenziehungen und Verzerrungen, was bedeuten maßte. bas Auge selbst sei seelenlos, lieblos, freublos.
Es ist nicht so, selbst wenn es exakte Versuche bewiesen haben loUten: sie werben unscharf bleiben, weil sie babei einen heiligen Bezirk berühren, inbem sie notwendig unwirksam werden müssen, weil es dort keine Versuchsreihen und Beweise mehr gibt, sondern nur die Gewißheit von Angesicht zu Angesicht. , .. . . s.
Auch die Tiere wissen darum. Sie schauen nicht auf die Hand, Die ihnen bas Futter reicht, bie sie streichelt ober straft, sie sehen uns in die Augen. Sie suchen unser Auge, bort ist der Sitz ihrer Erwartungen, unb sie sehen mitten hinein. Man kann es wohl unterscheiben, ob sie auf unsere Nase, ben Munb ober selbst ganz bicht bahin seh»n würben.
So verschieben wie Tiere voneinanber sinb, Mensch unb Fisch, Vogel und Fisch, Fisch unb Säugetier, nach Form unb Verwendung der Gliedmaßen, in unserer Gestalt, Lebensweise und Zeugung, die Augen sind uns allen gemeinsam, gleichsam am verwandtesten. Sie schauen einander an und erkennen sich darin. Bei keinem Tiere übrigens ist fo viel vom Weißen des Auges sichtbar, wie beim Menschen.
Die meisten Menschen scheuen sich, das Auge eines Tieres zu essen, obwohl es Leute gibt, die behaupten, es sei ein Leckerbissen, wie Austern etwa, fo z. B. beim Karpfen. Das Herz ober Gehirn eines Tieres zu essen, scheuen sich nur wenige.
Es hak schon seine befonbere Bewandnis bamit, seitdem der Schöpfer zum erstenmal ans Auge dachte und es wurde. L> herrlicher Gedanke, welch eine Erfindung! Die Erkenntnis des Platin hat Goethe in feine lernen wörtlich verdeutscht: Wär nicht das Auge fonnenhaft, die Sonne könnt es nicht erblicken.
Erklärer der Gesänge des Homers meinten es entschuldigen ober verschlimmbessern zu müssen, wenn eine Gottheit vom Dichter „bo-opis ober „glaukopis" genannt wird, ftieräugig, kuhäugig, eulenäugig. Die Augen nicht nur ber griechischen Rinber sind schön. Wie schön sind die Augen der Gazellen, schöner noch die der seltenen unb anmutigen Giraffenantilope. Freilich: Der Seewolf ist ein Fisch „mit tückischem Auge unb ebensolcher Gemütsart". (Brehm.)
Ich habe kürzlich einen Arzt allen Ernstes unb mit bewegten Worten bie Schönheit ber Schweineaugen loben hören. Er meinte nicht bie im Fett verschwindenden Schweinsäuglein, sonbern das eigentliche Auge mit Iris und Pupille. Er sagte, was mir neu war, daß bei diesen Tieren besonders schöne blaue Augen vorkämen.
Nun könnte freilich ein Spötter aufstehen und kecklich behaupten: das Auge sei gar nicht schön. Er könnte es zu beweisen versuchen und es mit dem Objektiv einer photographischen Kamera vergleichen, auf die Einfachheit der Form und Zeichnung Hinweisen. Es ist nun freilich erstaunlich, wie man sich daran gewöhnt hat, etwas so Unsinnliches, ja fast Abstraktes wie das Auge als schön zu empfinden. Denn in Wahrheit ist nichts in der Natur so unvergleichlich und ohne Maßstab wie das Auge. Auch die Bilder beweisen es, die wir dafür haben, wie Stern und Regenbogenhaut, der Vergleich mit Diamanten und die Umkehrung dieser Vergleiche. Es ist eine Schönheit von der Art, wie sie Wmckel- m a n n in seinem tiefen Paradoxon meint: das Schöne besteht in der Mannigfaltigkeit des Einfachen. Dabei mag es uns wundern, wenn er an anderer Stelle sagt: Noch mehr als die Stirn sind die Augen ein wesentlicher Teil der Schönheit und in der Kunst mehr nach ihrer Form als nach der Farbe zu betrachten, weil nicht in dieser, sondern in jener die schöne Bildung derselben bestehet, in welcher die Farbe der Iris nichts ändert.
Sind es nicht aber gerade Iris und Pupille, das Augenlicht also, darin in gesegneten Augenblicken ein Widerschein der Seele schimmert? Es ist der einzige Ort, wo sie sich zuweilen zeigt. Man könnte meinen, bann müsse sie wohl sehr klein, sehr leise, sehr scheu unb zum Umblasen" zart sein. Allein sie lebt in einem Bezirk, in dem nicht mit Größen und Zahlen gemessen wird. „Alle Dinge sind gleich groß."
Betrachten wir das Innere des Auges mit dem Augenspiegel in jener gewaltigen Vergrößerung, die uns die modernen Untersuchungsmethoden ermöglichen ... für den Laien, der zum erstenmal in diese rote Hölle schaut, rot wie die untergehende Sonne, ein erschreckender Anblick! Denn er schaut in eine Art glühendes Erdinnere, landkartenhaft, von Flüssen und Nebenflüssen durchzogen.
Das sog. Augenleuchten, das dem nächtlichen Autofahrer oft begegnet, ist bei den Katzen grün, beim Menschen rotgelb. Alle Menschenkinder kommen mit blauen Augen auf die Welt.
Man könnte sich denken, daß eine Sibylle Merian ihr Leben damit verewige, nicht nur Blumen und Schmetterlinge und Käfer zu malen, sondern die schönsten Augen dieser Welt, jene Hellen, fast eisfarbenen, wie man sie bei Seeleuten findet, ober jene gefährlichen, von bebrohlicher Bläue, ber Bläue von Schieferbächern bei natjenbem Gewitter — ihre schillernbe Iris ist am Raube buntler unb wirb Heller nach ber Pupille — bie seltenen goldgelben, die smaragdenen und die schwarzbraunen, oft nur scheinbar fo unergründlichen Samtaugen, jene frommen braunen Kuhaugen, die olivgrünen, die mit der rofenwolkenzarten Sklera und die mit der bläulichen an Delfter Majolika erinnernden, die feurigen und traurigen, die mit dem scharfen spitzen Glanzlicht, die mit dem weichen Schimmer, die glanzlosen, verschwommenen, die leicht gerührten, die schmachtenden — „hygron" hieß den Griechen dieser feuchte Glanz — auch die mit dem feligfatten Blick wie ihn Brueghel auf dem Bilde von Schlaraffenland malte, alle Tieraugen wie sie beim Menschen Vorkommen, die kalten Reiheraugen, die Schildkrötenaugen und die Goldfischaugen.
D über den Narren, von dem Montaigne berichtet, der ein Weiser zu sein glaubte und sich die Augen ausriß, um durch die Herrlichkeiten dieser Welk nicht in seinen philosophischen Gedankengängen gestört zu werden!
Beran>wörtlich: vr. HansThyrioi. — Druck undDerlag:Drühl'scheLintverfiiäts-Buch-undSieindrucker ei. A. Lange, Gießen.


