Ausgabe 
3.4.1936
 
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«Lietzener Zainilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Nummer 27

Zreitag, den 5. AprU

Jahrgang 1956

und nun, im Frühjahr, kommen noch die ersten saftigen Triebe vom Geißbart und vom Kerbelkraut dazu, Helene versteht die Kunst, die Kräuter so auszulegen und mit Tüchern abzubinden, daß sie nach dem Kochen wie frischgrüne Bäumchen auf dem farbigen Grund der Schale stehen, wie zartes Vogelgesteder.

David klettert in die Weiden am Bach und bricht Zweige heraus, bte schönsten und weihesten Kätzchen für den Palmbusch des Pfarrhauses, Sie werden auf eine Stange gebunden und über und über mit Bändern geschmückt, Agnes wird sie am Palmsonntag zur Weihe tragen.

An diesem Tage wogt ein bunter Wald von solchen Büschen auf dem Kirchplatz, jeder einzelne prächtig verziert mit Schleifen und langen wehenden Bändern. Die Weiber haben ihre schönsten Tücher in das Mieder gesteckt, es leuchtet von Farben, und die Seide raschelt in ihren weiten Röcken. Dazu ist der Himmel blau und mit runden Wölkchen beschickt, der Wind fährt fröhlich in knallendes Fahnentuch, kriegerisch krachen die Böller hinter der Mauer.

Der festliche Zug hält vor dem verschlossenen Tor. Pater Johannes klopft dreimal mit dem Schaft des Kreuzes dagegen und erhebt seine Stimme machtvoll gleich dem biblischen Sänger.

Tut euch auf, ihr Tore, der König der Ehren will einziehenl

Wer ist dieser König? fragt der Pfarrer zaghaft im Innern der $,r®er Herr ist es, antwortet Pater Johannes, mächtig im Streit, der Gott der HeerscharenI

Die Glocken schlagen zusammen, Trompeten schmettern von der Em­pore, Hosianna! singt der Chor. Nicht anders zog Jesus in Jerusalem ein, nicht feierlicher.

Nachher besteigt Pater Johannes die Kanzel, um zu predigen. Lange steht er schweigend an der Brüstung und sammelt die Glut seines Blickes über den HäupteNr der Gläubigen. Es wird still in der Kirche, das Klappern der Rosenkränze verstummt, das Geflüster der jungen Leute unter der Empore, nur der alte Postmeister räuspert sich laut und um­ständlich, aber das tut er bloß, weil er taub ist, nicht aus Mangel an Ehrfurcht. t , ...

Pater Johannes wählt die Stelle der Schrift, an der aufgezelchnet ist, wie der Herr seine Jünger nach der Eselin schickte, wie er durch die bekränzten Straßen ritt und in den Tempel trat, um das Haus seines Vaters zu säubern. Das ist nun freilich eine andere Art, Gottes Wort auszulegen, dergleichen haben die Dorfleute nie gehört. Zuerst ist die Stimme des Predigers noch gedämpft und voll liebreicher Sanftmut, allmählich jedoch schwillt sie gefährlich an, Zorn grollt in ihr. Pater Jo­hannes beugt sich weit hinaus, er zielt wie ein Schütze in das zitternde Fleisch und trifft. Oh, er greift die Herzen hart an, und was er sagt, ist wohl begründet und unverrückbar bezeugt bei Jeremias und allen Propheten. Darauf versteht sich der Pfarrer weniger, so kunstvoll kann er die Worte nicht setzen.

Seht würde er sagen, betrachtet den lieben Herrn Jesus, wie er in den Tempel kommt und da einen ganzen Jahrmarkt findet, nicht etwa außerhalb, was ja der Brauch ist, sondern mitten innen, Lebzelter und Hausierer. Da müßt ihr euch also nicht wundern, wenn der Herr seinen Leibriemen zusammenlegt und in Dreiteufelsnamen dazwischen fährt. Es geschieht nur der Ordnung halber, liebe Seelen, gleich ist er wieder sanft und gut und heilt die Blinden, wie viele man auch heranschleppt.

Das würde der Pfarrer sagen, es wäre so geredet, als spräche man über den Zaun weg mit ihm von dem und jenem. Pater Johannes hin­gegen ha?in allem eine feinere Art, er nennt die Dinge nicht grob und alltäglich, sondern mehr gleichnisweise, als läse er aus einem Buch. Und er spuckt auch nicht einfach hinter sich in den Sandnapf, wie es der Pfarrer tut, wenn sich seine Kehle belegt, sondern er hält ein Tuch in der Hand und säubert damit seinen Bart.

Ja es ist offenkundig, daß Pater Johannes eine besondere Gabe hat, das Menschenherz zu rühren und auszurütteln. Vor allem sind die Weiber wie besessen hinter ihm her und versäumen keine Gelegenheit, ihm ein Segenswort abzunötigen, obgleich ihn doch wahrhaftig nichts auszeichnet als eine überaus haarige Kutte. .

Streng ist Pater Johannes, ein eifernder Heiliger und dabei gottselig arm. Es spricht sich herum, er habe sogar die weiche Unterdecke aus seinem Bett genommen, auch den Spiegel von der Wand. Mein Spiegel ist das Kreuz, sagte Pater Johannes.

David hat freilich gesehen, daß er bisweilen lange am Fenster steht und seine Fingernägel betrachtet, er haucht sie sogar an und reibt sie am Aermcl, Pater Johannes hat außergewöhnlich schone Nägel an seiner blassen Hand. Aber auch das geschieht wohl nur aus schuldiger Ehrfurcht, weil er dem Herrn mit diesen Händen dient.

David ist indessen auch sonst nicht mit dem Pater zufrieden. Er bringt allerlei neue Maden mit, nie sitzt ihm die Albe beim Einkleiden locker genug in den Hüften, da und dort muh noch eine Falte zure^' gezupft werden. Und von Davids Latein beim Altargebet behauptet er.

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Berlag zu Leipzig.

3. Fortsetzung.

Diesen und den anderen Winter hockt er noch in der Stube und schneidet Späne mit seinen langsamen Händen. Der Frühling macht ihn wieder lebendig, und er geht von neuem auf die Wanderschaft. Das kann er nicht lassen, er muß wieder über die Wiesen gehen, die vertrauten Geräusche des bäuerischen Werktages will er hören, bebauten Grund vor Augen haben, bis ihm Gott die Hand auf seine trüben Augen legt. Er löscht aus wie ein Funken im Wind, er verdorrt wie ein Reis das vom Baume fiel und eine Weile grünte und niemals Wurzeln schlagen und Frucht bringen konnte. Er selbst vergeht, das Geschlecht der Heimatlosen ist dennoch unsterblich.

Aber Gott sieht es vielleicht mit anderen Augen an. *

Das erste Gewitter zieht herauf, früher und heftiger als in anderen Jahren. David steht tapfer im Turm und läutet die Wetterglocke, wah­rend die Welt, Dorf und Tal, in aschfarbener Finsternis versinkt. Es ist die Jakobusglocke, sie soll ihre erzene Stimme laut zum Herrn erheben, wie sie es immer tut, wenn etwas Uebermächtiges die Menschen bewegt und bedroht. Auf und ab gleitet der Strang, ein dünnes Seil der Hoffnung und der Zuversicht zwischen Himmel und Erde. Der Sturm fallt die Glocke an, würgt sie und rüttelt am Gestühl, zuweilen versagt ihr die Stimme im Kampf, aber wieder kehrt sie machtvoll zurück und beschwort den rollenden Donner.

David liebt die Glocken, oft betrachtet er sie, befühlt ihre kühlen, narbigen Leiber und klopft mit dem Finger daran, um zu Horen, mie sie summend und von weither antworten.

Einmal, als er noch klein war, stieg er ungesehen in den Glocken­stuhl er dachte, daß es Tiere sein müßten, die da eingesperrt waren, große Vögel vielleicht. Einmal in jedem Jahr flogen sie ja fort bis in die Stadt Rom. Es war um die Mittagszeit, er kroch und kletterte also umher und suchte diese Vögel in ihren metallenen Käsigen. Mit einem Male aber bewegte sich die große Glocke, schwang langsam aus und plötzlich überschüttete sie ihn mit ihrem brausenden Klang so daß er wie in einer Woge darin ertrank. Sie tat ihm nichts zuleide und schob ihn nur ganz sanft an die Mauer, aber es währte eine endlose Zeit und als die Glocke wieder schwieg, kauerte er noch lange verstört und erschöpft in seinem Winkel.

Seit dieser Stunde singt immer etwas in seinem Ohr, ein breiter einfacher Ton, oft bleibt er stehen und horcht und versteht doch nicht, was diese leise Stimme singt. , . .

Eine fremde Gewalt ist damals in ihn eingedrungen. Einmal wird sie vielleicht aus seinem Munde sprechen und sein Wort weit tragen.

So verhält es sich mit den Glocken, David vertraut ihnen Vivos voco steht auf der Wetterglocke eingegossen, sie ruft die Lebenden und beweint die Toten. Kein Unheil ist so groß, daß sie es nicht bannen könnte, sie zerteilt die Wolken und bricht den Blitz, fuigura frango.

Es wird dunkel in der Glockenstube der Donner rüttelt an den Mauern, blaues Feuer schlägt durch die schmalen Fensterschlitze Dann prasselt der Regen nieder und überspült die Scheiben, als kochte draußen eine ungeheuere Wasserflut und brandete bis an d,e Fenster herauf. David zieht und zieht den Strang, er ringt ganz allein mit der Holle Herr sei uns gnädig! Verschone die Saaten, Vater, sie stehe" schon finqerhoch und prächtig grün auf den Aeckern, verdirb sie nicht! Schon auch die Fruchtbäume utib bie Gärten, lenke den Blitz ab vom Vieh auf der Weide und von den Hütten deiner Kinder. Warum willst du ihnen zürnen? Du hast das Jahr'einen guten Anfang nehmen lassen, es >st alles dein Werk, sieh es an! Auch du, heiliger Jakobus, laß deine Glocke nicht zuichanden werden, geh zum Herrn und bitte ihn!

Und Gott hört seinen Heiligen an, und er lächelt, weil David )o mutig ist, das Kind mit der Schleuder. Er läßt den Regen santerstromen und den Donner leiser rollen, David merkt, daß auch die Glocke wieder freier schwingt und nicht mehr mit dem Winde kämpft. Hell und fröhlich steigt das Geläute zum verklärten Himmel auf

Später geht David aus die Suche nach Krautern wie st- Helene zum Färben der Ostereier braucht. Auch das geschieht kunstgerecht, nicht etwa mit bedrucktem Papier ober mit gekaufter Farbe. Das ganze Jahr Über werden bunte Kattunreste unb Bänderenden gesammelt Enzian und rote Malvenblätter preßt man zwischen den Seiten des Gebetbuches,