Ausgabe 
3.4.1936
 
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Cs kommt der erste der Kartage, das Hosianna verstummt wieder, noch einmal sinkt die Kirche in tiefe Trauer zurück. Die Kreuze und die Bilder des Herrn sind mit blauen Tüchern verhängt, um der Worte Jesu willen, als er von den Zwölfen schmerzlichen Abschied nahm und sagte, liebe Kindlein, ihr werdet mich suchen, aber wohin ich gehe, dahin könnt ihr mir nicht folgen!

Die Blumen werden fortgeräumt, aller Schmuck und sogar das Tuch des Altares, damit sich die Weissagung des Jesaias erfülle, es sei weder Schönheit noch Gestalt an ihm gesunden worden. In dieser Nacht, sagte der Herr, in kurzem werdet ihr euch alle an mir ärgern, und er

lächette, ats die Jünger eiferten und schworen, sie wurden ihn nie ver- lassen. Ach, er kannte ihre Schwäche! m ,

Darum aber, weil ihn zuletzt alle verleugneten, auch Petrus, der fielt) darum wird eine um die andere der Kerzen ausgeloscht bis auf die letzte an der Spitze des siebenarmigen Leuchters. Und auch dieses Licht nimmt der Pfarrer und trägt es hinter den Altar zum Zeichen, daß der Herr allein im Oelgarten kniete, als ihn Angst überkam und blutiger Schweiß. Dreimal weckte er die Jünger und mahnte sie sonst, dreimal entschliefen sie wieder, obwohl schon das Windlicht des Ver­räters unter den Bäumen flackerte. Ich bin es, sagte der Herr, aber schont diese hier. Und dann banden sie ihn und führten ihn gefangen fort so wie der Pfarrer jetzt den verhüllten Kelch und das heilige Brot vom Altar nimmt und abseits in den Schatten trägt.

Die Frauen haben auch schon das Grab für den Meister bereitet, mit Sträucherwerk und blühenden Blumen und Lichtern, die durch farbige Kugeln leuchten, wie geschrieben steht: Sein Grab wird rmhmvoll sem.

Der andere Tag aber ist noch düsterer, unaufhörlich hallen die klagenden Gebete, der traurige Abgesang des Todes. Es kommt die schwarze Stunde, in der die Sonne brandig wurde und zerbarst, und die Erde zitterte in Krämpfen, als der Menschensohn siebenmal zum Himmel schrie, sieben martervolle Schreie, trächtig von Verzweiflung, schwer von Tränen und das ganze Leid der Welt umfassend. Stehend ruft sie der Pfarrer in das verfinsterte Gewölbe der Kirche hinein, so wie der Herr stehend litt, und erst beim letzten der sieben Worte fallt er in die Knie.

Vor dem Altar liegt Pater Johannes auf dem Angesicht, und Gott heißt ihn aufstehen, damit er anklage.

Mein Volk, spricht Gott, antworte mir, was habe ich dir getan? Ich habe dich durch die Wüste geführt und mit Manna gespeist, in ein gutes Land habe ich dich geführt, und du schlägst den Erretter ans Kreuz! Du warst mein bester Weinberg und bist mir bitter worden, mit Essig hast du mich verhöhnt, als mich dürstete. Ich bin vor dir hergegangen in der Wolke und habe dich mit Wasser getränkt, du aber verrietest mich meinen Widersachern, mit bitterer Galle hast du mirs vergolten. Ich ! habe deine Feinde geschlagen, dafür schlägst du mich. Das Meer habe ich vor dir gespalten, und du öffnest mein Herz mit der Lanze.

Indessen aber, während Gott gegen das Geschlecht Adams klagt, daß es undankbar und treulos sei, indessen wird schon das Kreuzholz enthüllt, an dem das Heil der Welt gehangen hat. Zuerst das Schild mit dem Namen des Herrn, rex judaeorum. Dann das heilige Haupt, hohn­voll gekrönt, aber verzeihend herabgeneigt zu denen, die nicht wissen, was sie an ihm tun. Die ausgespannten Arme werden entblößt, blutig angeheftet in der rührenden Gebärde der Liebe, und die offene Seite, von der Lanze durchstoßen. r-j_ . k

Die Gläubigen treten herzu und werfen sich nieder, um die Wund­male seiner Füße zu küssen, damit sich das Wort des Ostas bewahre, der gesagt hat: In der Trübsal werden sie kommen und sagen, lasset uns zurückkehren zum Herrn. Er hat uns gezüchtigt, er wird uns auch heilen... m

Am dritten Tage ruht der Herr im Grabe. Die Glocken schweigen noch, aber die Altäre sind schon bedeckt, nicht mehr ganz leer und ver­wüstet, neue Kerzen schmücken die Leuchter und warten auf das Osterlicht. Es ist das die Zeit, in der die Jünger des Herrn sich wieder sammelten, noch irr und verstört, weil der Meister so gestorben war, so elend zwi­schen zwei Schächern. Es war verheißen, daß er das bittere Wasser am Wege trinken und dennoch sein königliches Haupt erheben werde. Dah er herabfahren wolle, wie Regen aus das Fell, und seine Feinde mit dem Schwert vor sich hertreiben, die aber an ihn glaubten, die würde er verherrlichen. Und nun waren sie traurig und zweifelten, weil nichts von dem geschah. Sie wußten die Schrift nicht, sagt der Evangelist, daß er auferstehen werde.

Man erzählt, wie Maria, die Mutter des Herrn, in dieser Nacht über die Maßen traurig war und in ihrer Betrübnis aus dem Kreis der Jünger flof), um über Land zu gehen. Da es aber nun eine dunkle Nacht war, wurde ihr in der Finsternis nur noch schwerer ums Herz. Ach, sagte Maria, mein Blut ist mir erstorben, ich finde kein Feuer, an dem ich sitzen und meine Hände wärmen könnte.

Und siehe, als Maria so klagte, da fing das Reisig zu ihren Füßen von selbst zu glimmen an, es erhob sich ein Feuerchen, das wärmte I und tröstete die Mutter Maria in dieser argen Nacht.

lieber eine Weile ging sie wieder und dachte nun heimzukehren. Aber es währte nicht lang, und es überkam sie von neuem bitteres Herzleid um ihren Sohn.

Ach, sagte Maria zum andern Mal, meine Augen sind schon blind von Tränen, ich habe kein Wasser, um sie zu kühlen!

Und es öffnete sich der Fels, eine Quelle sprang und erfrischte die Mutter des Herrn.

Ueberdem war es Tag geworden, und Maria sah, daß sie irre gegangen war, ringsumher lag nur steinige Wüste und tauber Sand.

Ach, klagte Maria wiederum, meine Füße sind müde und wund von den Dornen auf Golgatha, ich finde keinen Platz, um im Gras zu ruhen.

Da sproßten Kräuter aus der unfruchtbaren Erde, wo sie stand, Gräser breiteten sich sanft unter ihren Schritt, liebliche Blumen mitten in der Wüste, so breit der Weg Marias war. Und darüber freute sie sich ein wenig, sie blickte umher und fand den Weg zurück in die Stadt.

Weil es aber so still war und die Vögel an diesem Morgen noch nicht fingen mochten, verlor Maria doch wieder den Mut. Sie seufzte und rang die Hände, och, seine Stimme war ja erloschen und fein süßer Mund für immer versiegelt! Sie hatte ihn in der Unschuld empfangen und über das Gebirge getragen und auf dem Stroh in kalter Nacht | geboren, da fing das Leid schon an, Flucht und Angst. Er entglitt ihren : Händen, lehrte und wirkte und starb. Aber warum mußte ihr Herz noch immer schlagen, von sieben Schwertern qualvoll durchbohrt?

' 1 (Fortsetzung folgt.)

es komme einer Gotteslästerung gleich, während sich David doch viel I Mühe gemacht hat, die fremden Worte so weit zurechrzubrmgen, daß sie auch ein ungelehrter Christenmensch verstehen kann.

Und fett bem Unglück mit bem Weihwedel ist vollends Feindschaft zwifchen ihnen. Dieser Weihwebel gehört zur Gattung jener Dinge- b e im Alter gewisse Eigenheiten annehmen, rote zum Beispiel Lesepulte, die unvermutet zusammenklappen, oder Leuchter deren Fuß ui> sieben Teile zerfällt, wenn sie ein Unberufener m die Hand nimmt. Der Pfarrer weiß, daß man die gelockerte Zwinge am Weihwedel mit dem Zeigefinger Niederhalten muß, aber Pater Johannes wußte das mcht. Und als er nach der ersten Vesper vom Altar ausging, um Wasser zu spenden, wiWe plötzlich eine borstige Kugel spritzend über die Kopfe der An­dächtigen hinweg. David hielt es für einen großartigen Spaß, wie Pater Johannes nun betroffen baftanb, mit nichts als einem nackten Sttcken m der Hand. Der Pater wiederum meinte, es fei lauter Hohn und Suberet, und als David hinter ihm beifällig meckerte, holte er aus und schlug ihn gewaltig hinter die Ohren. . . _ , I

Du bist doch ein verdammter Bengel, sagte die Krämerin Agathe später, wie hast du nur das angestiftet, höre, hast du den Nagel heraus- gezogen? Und dann fchenkte sie ihm einen Lebkuchen zum Trost, die fröhliche Witfrau.

David ahnt nicht, was die Krämerin ahnt: daß jene Ohrfeige vielleicht weniger saftig getroffen hätte, wenn der Wedel nicht gerade vor ihren Augen entwichen wäre. Um dieser Augen, um ihrer sündhaften Schwarze willen trägt sich manches im Verborgenen zu. Agathe verkauft einmal Handseife und ein anderes Mal Druckknöpfe und näht sie auch gleich an, wenn niemand im Laden steht. Aber sie bleibt dennoch so, wie sie immer war, keck und scharfzüngig und dem heiteren Leben zugewandt.

Uebtigens mag es Agathe mit ihrem Seelenheil halten, wie sie will. Viel schlimmer ist, daß Agnes sich mehr und mehr der Welt enttückt. Sie geht schweigsam und verklärten Angesichtes umher, dabei flüstert sie Stoßgebete vor sich hin und zählt die Ablässe zusammen. Es ist eine weitläufige Rechnung von vielen hundert Tagen und Wochen, genug, um einen linken Schächer aus dem Feuer zu retten. David darf nicht mehr im Pfarrgarten pfeifen, wenn sie die Blumentöpfe auf dem Haus­gang begießt, und warum? Weil sich Agnes verlobt hat, sie wird den Schleier nehmen und ins Kloster gehen. In das strengste aller Klöster, wo die Nonnen eingemauert in dunklen Zellen sitzen und Tag und Nacht die Psalmen vor- und rückwärts beten, alles zur größeren Ehre des Herrn.

Es gab Heilige, hat ihr Pater Johannes erzählt, die standen ihr ] Leben lang lobsingend auf der Spitze einer hohen Säule, und nur selten kam jemand vorüber, der stark genug war, ihnen ein Brok zuzuwerfen. Einige hoben die Arme gegen Himmel und hielten sie so, bis sie gleich­sam in der Anbetung erstarrt waren, und wieder andere geißelten sich und schliefen auf Glasscherben.

Wozu? fragt David aufmerksam.

Um ihr Fleisch abzutöten.

Auch der Pater?

Ja, vielleicht auch er. Das weih Agnes nicht, ob Pater Johannes jetzt noch auf Glasscherben schläft. Aber früher tat er es gewiß.

Das gibt dem kleinen David zu denken, auch er ist ja nicht ganz unerfahren in Uebungen der Büßfertigkeit. Oft matt er sich aus, daß Gott ihn einmal mit der Gabe des Wunders begnaden könnte. Jahre­lang ginge er umher, ein unscheinbarer Mensch, von niemandem beachtet, und bann schickte Gott plötzlich eine Hungersnot und große Dürre, oder eine Seuche, die Menschen stürben wie Fliegen dahin, ja, auch Agnes. Er aber käme zufällig vorüber und träte an ihr Bett und erweckte sie mit einem Wink feines Fingers.

Was ist das für ein Schein um dein Haupt? würde Agnes fragen. Bleibe bei mir! bäte sie.

Und er bliebe ungerührt, segnete sie noch einmal und ginge wieder. David bewundert die Taten der Heiligen und Märtyrer, des einen zum Beispiel, dem die Axt ins Wasser sprang, und er warf einfach den Stiel hinterher, damit er sich mit Gottes Hilfe von selbst in das Eisen füge, wie es denn auch geschah. So weit ist Pater Johannes jedenfalls noch nicht, daß er einen entwischten Weihwedel nur durch die Kraft des Gebetes wieder zurückholen könnte. Es gab Helden der Standhaftigkeit, wie den heiligen Laurentius, den die Heiden auf glühendem Rost brieten, und er lächelte nur und bat, sie möchten ihn auf die andere Seite wen­den, hinterwärts fei er schon gar. Was das bedeutet, weiß nur einer, der selbst einmal versucht hat, auf der heißen Herdplatte zu sitzen. David tat fein Aeußerstes und brachte es doch nur zu einer versengten Hose. Vielleicht mißlang es ihm, weil er etwas versäumte und die passende Formel nicht fand, oder die Menschen waren früher im ganzen stärker und dickhäutiger gewesen.

Darum beschließt David, den Pater Johannes auf die Probe zu stellen. Er streut ihm insgeheim eine Handvoll dreizackiger Stacheln vom Sauerdorn auf den Sitz des Beichtstuhles. Und siehe da, der Pater läßt sich darauf nieder, als ruhte er auf Daunen, während hinterher der Pfarrer, den keine Mönchskutte vor Anfechtungen schützt, nicht einmal zu sitzen kommt, sondern sogleich wieder herausfährt, als hätte ihn eine Otter gebissen. David erkennt bekümmert, daß die Wege der Vorsehung sehr dunkel sind.