Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956
Montag, den 5. Zebruar
Nummer <0
MW.WWk.MW!
Von Otto Folberth.
Copyright 1935 by Romanoertrieb Langen/Müller, München.
(3. Fortsetzung.)
Möß versteht das nicht. Er ist begeistert vom Reiter, der schon wieder auf und davon ist. Erstens hat ihm der Befehl imponiert, Heijo! Traf er nicht im rechten Augenblick ein, um sie einer gefährlichen Gemütserschlaffung zu entreißen? Endlich, endlich, fühlt er, bricht unser Tag an. Denn Gerö und ich können nicht einfach nur dazu geschaffen sein, uns in diesen Nebeltälern um nichts, um rein gar nichts abzumatten. Zweitens hat das feine Reitzeug des Adjutanten es ihm angetan. Möß nämlich ist ein Ledernarr, er kann schönes Leder streicheln, liebkosen... Nichts kränkt ihn beispielsweise mehr, als daß seinem Gaul noch immer eine klirrende Halfterkette vom Halse hängt. Er haßt diese Kette. Aber bei der zigeunerischen Armut des Gebirgszuges war sie durch Leder noch nicht zu ersetzen. Drittens — enye, enye, kicsi szäszl — hat er mit einem neidischen Blick die fliegende Ulanka des galoppierenden Reiters gestreift. Schön muß es fein, Befehle von solcher Wichtigkeit auf funkenstiebendem Falben zu überbringen!
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Und ein mühsamer Marsch auf verschlammten Feldwegen hebt an. Die Schritte der Menschen sind schwer und schwankend wie noch nie. Die Tritte der Pferde stoßen fesseltief durch den schlüpfrigen Grund. Die Räder der Fuhrwerke setzen das Erdreich der Wälder und Hügel in Bewegung.
Manchmal überholt der kleine Zug erdbraune Schlangen von Fuß- truppen, hinter deren völliger Berkrustung das menschliche Licht erloschen erscheint.
Manchmal durchqueren sie Dörfer, deren Belegschaft fluchend die trockenen Quartiere räumt und sich zum Aufbruch zusammenschart.
Sie alle und ihre Trains und Sanitätswagen und Munitionskolonnen strömen ebenfalls nach Süden ab, nach Süden, wo es hinter der grauen Nebelwand dieses Tages unaufhörlich, bald lauter, bald dumpfer brodelt.
Es ist also doch nicht, wie Kadett-Offiziersstellvertreter d. R. Johannes Möß sich gerne eingebildet hätte, allein die Heeresgruppe Gerö (ein Geschütz, sechzehn Pferde, zwanzig Mann!) den Bedrängten dort zu Hilfe gerufen worden. Nein. Aber eine eigene, eine nadelscharf abgesteckte Aufgabe wurde ihr ganz ohne Zweifel diesmal doch zugewiesen. Vielleicht, wer weiß, sogar eine Aufgabe von strategischer Bedeutung! Der Begriff „strategisch" schmeichelt Möß ganz besonders. Morgen, morgen vielleicht schon kündet der Heeresbericht: „An einem besonders wichtigen Punkte der Ostfront..."
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Gegen Abend endlich sind sie so weit. Das Geschütz steht auf einem Stoppelfeld. Bis an die Nabe reicht den Rädern die aufgeweichte schwarze Ackerkrume. Gerö hat sich unweit davon auf einem breitschultrigen Höhenrücken, mittendrin in einem Strohschober, einem mächtigen, stockhohen Knisterbau, eingenistet. Aus einer kleinen Lucke kann er die Brücke rechts unten im Tal bei Jwaczow-Gorny gerade recht übersehen, zumal der Himmel eben etwas aufgeklart hat. Eine Viertelstunde lang, solange die Leitung zur Geschützstellung noch nicht gebrauchsfähig ist, nimmt er sein Auge nicht vom Fernrohr. Und zählt: eins, zwei, drei ... langsam bis zehn. Nein, mehr werden's nicht. Zehn Mann, ohne Ausrüstung, dazu eine rauchende Fahrküche, das ist alles, was in dieser Zeitspanne die Brücke überschritt. Damit bestätigt sich schrecklich wahr, was das Studium der Karten ihm längst schon verriet: diese Brücke ist unwichtig. Für die Abwehr des Angriffes aus dem Raume von Tarnopol h,.t sie sozusagen teir1 Bedeutung. Besser freilich, ei freilich, man schaffe sie überhaupt aus der Welt. Wer kann im Krieg jemals wissen...?
Und er beginnt mit dem Einschießen.
Und siehe, siehe, ein rötlicher Schein ergießt sich gerade jetzt von Westen her über die Landschaft, die voll Wassers ist wie ein angesogener Schwamm. Will die Sonne doch noch zu guter Letzt, wenn auch aus der verkehrten Richtung, über diesem Tage aufgehen? Oh, das wird sie wohl bleiben lassen. Aber ist diese abendliche Helligkeit in der entscheidenden Stunde nicht schon Beweis genug dafür, daß sie es eigentlich recht gut mit dem Fähnlein des Gebirgsgeschützes meint?
In langsamen Abständen verlassen unten auf dem schwarzen Acker die Granaten den hüpfenden Bronzeleib des Rohres. Den Richtkanonieren, den Telephonisten, sich selber hat Gerö ruhiges, wohlüberlegtes Tun befohlen, genauesten Blick und Griff. In der Kette ihres zusammenhängenden Handelns kann die Verwirrung eines einzigen ungeschickten Fingers
alles, einfach alles zuschanden machen. Ein Trost für jedermann, daß Vormeister Dömner, der kleine stämmige Sachse, an der Richtmaschine sitzt. Jeder weih, daß er Nerven wie Seile hat, daß er in diesem Augenblick nichts anderes mehr ist, er selber mit Haut und Haaren nichts anderes mehr als Arm und Rad und Zahn und Züngel der erzenen Maschine.
In ebenso langsamen, gemessenen Zeitabständen rauschen die ^gefeuerten Geschosse über den Höhenrücken der Beobachtung hinüber. Dort sitzt Gerö an der Strohlucke, wartet jedesmal mit zusammengebissenen Zähnen, bis das Scheuern der Lust über ihm verhallt ist, hebt dann das Glas an die Augen und beobachtet den entfernten Einschlag. Jetzt hat er, während der westlichen Röte, einige Minuten lang herrlich klare Sicht. Die Gegenstände dort unten nehmen unerwartet rasch und in zauberhafter Weise plastische Rundung an. Sie erscheinen, infolge der feuchten Luft, alle zum Greifen nahe. Fast könnte man die tiefen Radspuren im Dreck zu beiden Seiten der Brücke zählen.
Aber trotz allem und allem, trotz Serös Ruhe, trotz Dömners Sicherheit, trotz der wohlgemeinten abendlichen Helligkeit des Himmels hat der zehnte Schuß noch nicht getroffen. Noch steht die Brücke unversehrt da, wie wohl rings um sie die Trichter klassen. Dafür haben die Granaten die unerwünschte Wirkung, daß Jwaczow-Gorny, das Dors, dessen Häuserreihe gleich jenseits der Brücke beginnt, in Aufruhr gerät. Deutlich läßt sich im Glas die Verzweiflung der Bevölkerung, denn sie sitzt ja natürlich noch drin, erkennen. Flüchtende Weiber und Kinder, auf- geschrecktes Vieh ...
Endlich liegt Gerö im Ziel. Es ist gerade der Augenblick, da es wieder dunkel um ihn wird, dunkel und unsichtig wie vorher. Nein, es wird viel dunkler noch. Und rasch schickt er noch fünf Granaten, mehr oder weniger aufs Geratewohl, den zehn ersten, gut gezielten, nach. Ihre Erdfontänen lassen sich aber schon nicht mehr einwandfrei beobachten. Dorf und Brücke und Tal verschwimmen endgültig in Nebel, Nacht und Finsternis.
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Freilich hing's nicht an der Serethbrücke bei Jwaczow-Gorny, sondern an dem großen Loch im Süden, das sich westlich Tarnopol zu gespenstischer Gröhe aufbauchte. Die Brücke lag längst in Schutt und Asche, das Brodeln im Kessel hielt aber nicht inne, eher steigerte es sich noch und — was das Dümmste'war — es wanderte unaufhörlich tiefer nach Westen. Gerös Fernrohr auf dem Strohschober vollführte langsam, Tag für Tag um einige Grade mehr, eine Drehung nach rechts, um die Perlenschnur der Schrapnellwölkchen am südlichen Horizont zu verfolgen. Es blieb wundersam genug und gefiel Gerö im geringsten nicht, daß man das mit solcher Ruhe und Ungeftörtfjeit von hier oben tun durfte.
Eines Abends kam dann, holterdiepolter, der Befehl zum Rückzug. Der russische Einbruch barst nun nach der Seite auf, wie Lava floß es von ihm randwärts ab. Der Arm, der sich nach Norden wälzte, bildete fast schon eine Zange. Sie hätte als ersten Happen das Infanterieregiment geschnappt, das den Höhenrücken mit Gerös Strohschober verteidigte, und dazu das Gebirgsgeschütz. Beide befanden sich jetzt in der äußersten Spitze der sich langsam schließenden Schlinge. Ein einziger Weg nur führte aus ihr heraus.
Als der Rückzugsbefehl eintraf, lag Möß bereits im Schlafsack auf dem schwarzen, jaulenden Kleelager seines Zeltes. Ihn fror. Deshalb hatte er sich früh schon in die Klappe begeben. Warm wurde es dort zwar auch im Verlaus einer Stunde bloß — sobald fein Körper zu heizen begann — und die Nässe der Stiesel, die abzustreifen jetzt völlig unstatthaft schien, wurde man überhaupt nicht los. Aber war diese dunkle, feuchte, langsam aufsteigende Wärme nicht dennoch verlockend wie nichts für ihn, der sich — ein spätes Honigopfer! — seit Tagen hilflos einem Ruhranfall preisgegeben sah?
Der Wind rüttelte an der Zeltbahn. Gestern, dachte er, gestern dürste die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht haben. Heute hatte ich kein Blut mehr im Stuhl. Diese Nacht noch Ruhe und Wärme und Schlaf und ich fjab’s geschafft! Wenn bloß Mütterchen mir die Decke im Rücken mal gut einstecken könnte. Irgendwo zieht's doch immer noch herein.
Und doch kann man nicht sagen, daß Möß die Zelte auf dem feuchten Acker nicht schleunigst abbrechen ließ, als der Befehl dazu eintraf. Der Ort hatte ihm zu viele Enttäuschungen bereitet, als daß er sich durch irgend etwas an ihn gefesselt fühlte — außer durch feine augenblickliche körperliche Schwäche. Allein, diese wurde bald an der frischen, bewegten Nachtluft überwunden. Und dann setzte das Reiten ein. Und das Reiten in der Dunkelheit und die ewige Sorge um die nachfolgende Karawane und die unruhigen Gedanken an Gerö, der sich bei diesem Rückzug mehr um die Ordnung der sich vom Feind lösenden Infanterie kümmerte als um sein fliehendes Geschützlein, hielten wach und ruhig, hielten in Atem und gespannt.
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In den ersten Dörfern, durch die sie kamen, herrschte bereits ungeheure Verwirrung. Flüchtende Sanitäter, galoppierende Brigadehusaren,


