weniger reuevoll. Unterdessen untersuchte ich unter der Watte: Es war ein wimmelndes Knäuel von Weitz und Schwarz oder Weitzlichrosa und Schwärzlichrosa. Jedes von den lebenden Klümpchen — die die Form von Miniaturnilpserden hatte — war bemüht, sich nach unten und aus dem Bereich des Lichts zu strampeln. Trotzdem gelang mir eine Bestandaufnahme: Dreimal Schwarz und viermal Weitz.
Wenigs Tage vorher hatte ich mir geschworen, keine Tiere mehr zu halten. Und nun hatte ich schon wieder acht Mäuse! Aber eine Mutter mit sieben Kindern kann man doch nicht umkommen lassen.
Ich füllte also in das Terrarium eine Schicht Torfmull und polsterte ein Kistchen mit Watte und Seidenpapier aus, nachdem ich mit dem Taschenmesser eine Art Tor hineingeschnitzt hatte. Ich sah noch zu, wie Mama Fifi aus der geöffneten Zigarrenkiste ein Kind um das andere in die neue Wohnung hinübertrug, zuerst die Weitzen, dann die Schwarzen, Ich fütterte sie gut. Trotzdem sah ich sie manchmal heftig atmend in einer Ecke des Terrariums sitzen. Am Tor der Kiste zeigten sich die kleinen schwarzen Schnuppernasen: sie waren nun schon mäuseähnlich. Die Mama raffte sich auf und kehrte in die Kiste zurück zu ihrer Pflicht. Bald aber purzelten die kleinen schwarzen Teufel aus dem Kistentor heraus und wackelten hinter ihr her. Sie ließen ihr keine Ruhe mehr. Sie verfolgten sie von einer Ecke des Terrariums in die andere. Wie eigensinnige kleine Dackel sahen sie aus.
Auf das Dach der Kiste konnte sich die Mutter noch retten, aber eines Abends hatte sich der frechste von den Schwarzen an der Kante zwischen Glas und Kiste hochgestemmt und war oben auf dem Dach. Und immer nur die Schwarzen!
Ich machte die Kiste auf und sah nach: Die Weißen waren noch im Nilpferdstadium und wälzten sich hilflos im Nest. Sie waren weit zurückgeblieben. Eines Morgens lag eines von den Weißen vor der Kiste. Es war ermordet. Es war kannibalisch abgeschlachtet und zerfetzt worden. Fast nur noch Haut war von ihm übrig.
Ueber Nacht entwickelte sich diese Mäuseherzensangelegenheit zu einem eiskalten, naturwissenschaftlichen Problem: Die schwarze kräftige wilde Rasse siegt über die weiße degenerierte zahme. Und ich beobachtete nun. Die Natur hatte in dem Terrarium allein das Wort.
Und die Natur ist wunderbar. Ich hatte erwartet, daß eines Tages der Sieg der schwarzen Rasse entschieden wäre. Aber es geschah eine unerwartete Wendung: Die weihen entwickelten sich. Die schwarzen torkelten und hopsten außen umher, dann wollten sie wieder ins Nest, aber zwei, drei weiße und nun schon sehr spitze Mäusenasen sausten wie Torpedos aus dem Kistentor und stießen die schwarzen fort. Mama Fifi aber war nur noch sichtbar, wenn sie fraß oder trank. Sogleich kehrte sie dann ins Nest zurück und wies jeden Annäherungsversuch der Schwarzen ab. Das war nicht schön von ihr. Dann hätte sie auch den schwarzen Bräutigam abweisen sollen, wenn ihr nun die schwarzen Kinder nicht mehr paßten.
Aber — hier sprach die Natur. Und was verstehen wir schon davon!
Die Schwarzen hatten kaum noch Kraft, das Dach der Kiste zu erklimmen und Milch aus dem Napf zu trinken. Man konnte sie ohne Mühe in die Hand nehmen. Im Freien, in einer Ecke hatten sie sich in einer Mulde versammelt und schliefen da, eng aneinandergekuschelt. Ein Häufchen Elend.
Und mit dem Milchtrinken hatte es dann auch seine Schwierigkeit, denn nun tranken die Weißen und ließen die Schwarzen nicht heran. Solche weiße Mäuse hatte ich noch nie gesehen. Sie ließen sich nicht anrühren. Sie waren wild und scheu. Und hatten schwarze Augen! Dies entdeckte ich eines Tages durch Zufall. Die hielten doch keine Sekunde still.
Die Schwarzen aber wurden so zahm, wie niemals eine normale weiße Maus. Nämlich ich hatte nun doch eingegriffen in die Natur und fütterte die Schwarzen. Ich trennte schließlich die Weißen von den Schwarzen und setzte die Kiste (als die weißen alle darin waren, denn man hätte sie nie fangen können!) in ein Glas-aquarium. Am anderen Morgen war nur noch eine von den weihen Mäusen darin: Fifi, die Mama. Die anderen waren herausgesprungen. Sie führten ein freies Räuberleben, genau wie die richtigen schwarzen Hausmäuse und ihr schwarzer Papa, wenn er noch lebte. In der Küche, in der Speisekammer flitzten sie pfeilschnell umher. Sie waren bald nicht mehr weiß, sondern hellgrau
Eines Tages baten mich — zu meinem Schreck — die Leute im ersten Stock, ich möchte zu ihnen hinunterkommen. Bei ihnen hätte sich eine Maus gezeigt, eine ganz komische helle Maus. „Also wie eine Geistermaus!" sagte das Mädchen.
Lob des Winters.
Von Dr. Paul Schwarz.
Wenn aus der Dunkelheit der langen Nächte ein strahlender Wintertag aufsteigt, und die Sonne auf verschneite Straßen, auf weiße. Fluren und auf den schimmernden Winterwald scheint, dann können wir nicht still und weltabgewandt hinter dem Ofen sitzen bleiben. So wagen wir uns hinaus in das Reich des Winters, und wenn wir die klare Luft atmen, dann hat der König über Schnee und Eis uns in feinen Bann gezogen. Sind dies noch die gleichen Wege und die gleichen Bäume, die vor wenig Wochen im Schmuck des Herbstlaubes prangten,. ist die glitzernde Eisfläche der träumende Waldsee und wölbt sich darüber der gleiche Himmel, der in vielen Farben schimmernd und in stetiger Verwandlung immer neue Wolkenbilder malte? Jetzt fällt eine blendende .f)elle aus ihm nieder, die in Schnee- und Eiskristallen vervielfacht wieder zu ihm aufftrahlt, und dann verdunkelt er sich, um dicke Schneeflocken herabzustreuen. Ts ist, als fei die Welt von neuem geschaffen, und wer sie sich erobert, als einsamer Wanderer durch den Schnee stapft oder in heiterem Verein mit Gleichgesinnten auf Brettern und Kufen durch die winterlich» Landschaft eilt, der wünscht sich ein Dichter zu sein, um des Winters Pracht zu preisen.
Es gilt einiges wieder gutzumachen, da man in früheren Zeiten den Winter nur mit feinen Unbilden sah. Winter, das bieß Dunkel und Kälte, Entbehrung und Armut! Glücklich war nur, wer am wärmenden Kamin die Wintertage müßig verbringen durfte: alle anderen aber faßen im Dunkel und hofften nur, daß der Winter nicht allzu lange verweilen und bald wieder in feine Heimat im hohen Norden heimkehren werde. Dort beklagte man sich nicht über die Strenge feiner Herrschaft, sondern feierte ihn als einen mächtigen Herrn, der unermeßliche Schätze zu vergeben hatte, in feinem Zorn aber auch harte Strafen und Todesurteile aussprach. So wird im Norden schon früh das Lob des Winters gesungen, und die Mythen und Sagenwelt der Nordländer ist sein königliches Reich. Nicht in Wolken und Winden und nicht mit Roß und Wagen, sondern auf Schneeschuhen und Schlitten durchstreifen die Götter das irdische Gefild. Dem Nordländer sind ja Schlitten ebenso wie Schnee- und Schlittschuhe nicht nur als Sportgerät vertraut, sondern sie gehören zu seinem Alltag und zu seiner Arbeit. Nach alten Gräbersunden haben die Menschen diese Fortbewegungsmittel schon in vorgeschichtlicher Zeit gekannt und sie sich aus Knochen und Holz verfertigt. So jagen auch die Helden der altisländischen Sagas, die Helden der finnischen Kalewala, auf Schneeschuhen über die weiten weißen Flächen, und der junge Frithjos läuft auf Eisenschuhen vor König Rings Schlitten einher und schreibt mit ihnen in Form von Runen den Namen der Geliebten in den Eisspiegel ein. Auch der winterliche Odin, der in der Edda als Ullr oder Skadhi erscheint, fährt, dicht in Tierfelle vermummt und mit dem Bogen bewaffnet, auf Schlittschuhen von Knochen über die Eisfelder dahin. Wenn der Eiswind als reisiger Bote von den Höhen jauchzend hinab in die Fjorde eilte und bann hinaus aufs Meer flog, dann erkannten die Nordländer die Herankunft der Götter aus dem Lande der Mitternachtssonne und huldigten ihnen, — erstes Lob des Winters!
Nicht daß sie darum die Gefahren und Unbilden feiner Herrschaft mißachtet und ihn nicht mehr gefürchtet hätten. In den isländischen Märchen wird oft auch über die Wintermuße geklagt, zu der der Zwingherr Winter die Helden verurteilt, und es wird jener gedacht, die auf weiter Streife vom Winter gefangen genommen und oft nur durch wundersame Geschehnisse gerettet werden. So werden in dem Märchen vom „Asmund Südfahrer" die Schrecknisse des Nordlandwinters beschrieben, der mit feinem Sturm die in der Sdjneeinfamteit Verlorenen überfällt. Zuweilen naht ihnen dann ein Helfer, der sie vor dem sicheren Tod errettet, wie in dem Märchen vom „Mann von Grimsö", den eine Bärin zu ihren Jungen führt und ihn mit ihnen nährt und wärmt, bis er wieder zu Kräften gelangt ist: dann vollendet sie ihr Rettungwerk und trägt den im Wintersturm Verlorenen durch die Fluten in seine Heimat zurück. Und ist nicht auch unser Märchen von der „Frau Holle", das sich in abgewandelter Form in den verschiedensten Ländern findet, bei uns ein echtes Wintermärchen? Diese Gestalt des alten Naturmythos beherrscht die winterlichen Fluren, und in den Nächten um die Jahreswende, den Zwölften, deren letzte ihr besonders geweiht sind, da unternimmt sie die große Fahrfchurch ihr winterliches Reich, um mit ihrer segnenden Kraft das neue Wachstum unter der Schneedecke zu wecken.
Aus diesen alten Sagas und Märchen hat einer der großen deutschen Lobsinger des Winters, Klo pflock, die Ermutigung genommen, trotz allen Spottens auch den Erwachsenen den Winter als großes, heilendes, herzbefreiendes Spielfeld zu erschließen. Er, der sich rühmen darf, den Wintersport für Deutschland entdeckt zu haben, nennt in einem Brief an einen Freund, dem er vom „Schrittlaufen" vorfchwärmt, den Ursprung seiner Unternehmungslust: „Also haben Sie auch (wie bebaure ich Sie!) nicht verstanben, wenn Sie in ber Ebba, biefem ältesten Denkmal unserer nörblicheren Vorfahren, gelesen haben, baß ber elfte ber keltischen Götter vornehmlich im Bogenschuß und im Schlittschuhlauf vortrefflich gewesen sei: daß der Tialf nur ber Geist bes Riesenkönigs, bem biefer einen Körper angezaubert hatte, in biefem eblen Wettlaufe hätte zuvorkommen können, unb baß es König Haralb feiner schönen unerbittlichen Elissif unter feinen vorzüglichen Geschicklichkeiten genennt habe, daß er stark in biefer Kunst fei. Ich hoffe. Sie werben enblich einsehen, wie sehr Sie zu bebauern finb!" Er betrieb den „Tanz auf bem Wasserkothurn", den er in den zu seiner Zeit berühmten Eisoden feierte, also nach göttlichem Vorbild.
So wird von einem Zeitgenossen der eislaufende Dichter beschrieben: „Kaum baß ber Reif sichtbar wird, so ist es Pflicht der Zeit zu genießen und eine Bahn ober ein Bähnlein aufzuspüren. Ihm waren um Kopenhagen alle kleinen Wasseransammlungen bekannt, unb er liebte sie nach ber Drbnung, wie sie später ober früher zufroren. Auf bie Verächter ber Eisbahn sieht er mit hohem Stolz herab. Eine Monbacht auf bem Eise ist ihm eine Festnacht ber Götter. In bem Eisläufe entbeckte fein Scharfsinn alle Geheimnisse ber Schönheit, Schlangenlinien, gefälliger als Hogarths, Schwebungen wie bes pythischen Apoll." Ist es ein Wunber, baß ein solch ergebener Freunb bes Winters, auch anbere bazu veranlassen könnte, sich ihm ohne Furcht zu nahen. Wenn Herder auch das „Schlittschuhsilbernmaß" verspottete, so fand er sich doch schließlich auch auf ber „Bahn bes Kristalls" ein, unb Goethe erzählte in „Dichtung
unb Wahrheit", wie er „an einem heiteren Frostmorgen aus bem Bette
fpringenb", sich burch Verse Klopstocks zu einem ersten Versuch auf bem Eise verlocken ließ. Unb von Stund an war er ein begeisterter Anhänger
des Eissports, und wo immer er eine Eisfläche fand, schnallte er die
„Stähle" an und glitt in kühnem Bogen über sie dahin.
Seitdem haben sich Schlittschuh und Schneeschuh den deutschen Winter erschlossen, in dem der Schlitten schon heimisch war ebenso wie das Schneeballwerfen der Jungen. Wenn in den deutschen Bergen die Winterspiele ausgetragen werden, in denen bie Meister bes Wintersports roieberum ihre Meister wählen, so kann man barin einen tieferen Sinn finben: Bon öfterster ruht uns eine Liebe zu bem Winter im Herzen, auch wenn sie lange Zeit verschüttet war, unb eine Sehnsucht nach ber stillen Klarheit bes großen norbischen Winters, ber voller Märchen unb Ewigkeitsglanz ist.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck unb Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruckerei. D. Lange. Gießen.


