Ausgabe 
3.1.1936
 
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Das Vermächtnis.

Eine Ärzählung von Julius Zerzer.

Die Radmeisterin Maria Elisabeth Stampfer oder, wie sie sich land­läufig nannte, die Stampserin, die zur Zeit der Pest und der Türken­kriege zu Vordernberg im nahen Bereiche des steirischen Erzbergs lebte, hat trotz des Bergsegens, den ihr wagemutiger Gatte zu haben wußte, viel Schweres mit angesehen und selbst getragen Lawinenstürze, Wasserbluten, Seuchen und Feindesnot, aber ungefährdet blieb doch ihr tiefes Sein, das im geheiligten Erdreich des Herkommens wurzelte wie ein Baum, der Jahr um Jahr feine Schöffe und Zweige treibt, Vie wohl manchmal der Sturm knickt, manchmal der Hagel entlaubt, die aber doch das immer erneute Vertrauen zum nie erlöschenden Licht bezeugen, das aus der Höhe strömt.

Wie schwer und bitter hatte das Jahr 1682 für die vielgeprüfte, immer mutige Frau begonnen! In der Januarnacht die Lawine, die blindwütend herniederfegte. Stundenlang krachten und knirschten die Bal­ken der verschütteten Häuser, in denen der Tod seine schweigende Ernte hielt. Und als Elisabeth dann, noch den Schrecken der Verheerung im Blute, zu Lichtmeß mit den beiden Knaben Karl und Ferdinand nach Leoben fuhr, um dort ein wenig aufzuatmen unter dem geöffneten Him­mel des unbedrohten weiteren Tales, da kündete sich ihr ein neues Ver­hängnis an. Zunächst von ferne, unsicher und schwankend, abergläubisch vermummt, gehüllt in die stammelnde Angst eines alten Weibes, der Zimmermannin, die in Leoben das selten von der Herrschaft bewohnte, im oberen Stockwerk meist verödete Haus betreute. Die Knaben, munter und aufgeregt von dem frischen Schellengeklingel der Schlittenfahrt, ließen es sich, der ungewohnten Freiheit recht genießend, nicht nehmen, durch die kaum geöffneten, sozusagen von neuem entdeckten geräumigen Stuben zu eilen und nach kindlicher Weise herumzutoben. Da tat die Zimmermannin geheimnisvoll, hüstelte und rückte zögernd mit der Sprache heraus.Ich hab's wohl gewußt, daß die Frau Mutter kommt und die Kinder mitnimmt. Schon vor zwei Tagen hörte ich's in den Stuben oben so laufen und springen, wie es die Kinder jetzt treiben. Da bin ich hinaufgegangen und hab durch das Schlüsselloch in die Stuben hineingeschaut. Hab aber niemand entdecken können."

Die Radmeisterin überlief ein Schauder bei diesen seltsamen Worten. Aber sie ließ sich vor dem schwatzhaften Weiblein nicht merken, nahm die Sache scheinbar von der harmlosen Seite und lächelte:Es werden wohl die Katzen gewesen sein. Wer weiß, was du wieder gehört hast! Rede übrigens nicht davon in der Nachbarschaft."

Als sie jedoch mit den beiden Kindern allein war, drückten sie sich so jäh und leidenschaftlich an ihre Brust, daß sich der Kleinere nur mit Mühe der Tränen erwehren konnte.

Kaum waren sie wieder in Vordernberg in ihrem düsteren Haus, der Tag und Nacht von dem Tosen und Klappern einer zu geschäftigen Mühle erzitterte, da klagte Karl über Kopfweh, Fieber und schwere Füße und legte sich krank zu Bett. Die Blattern waren es. Aber die Mutter hoffte. Mit allen ihren wohlüberlieferten Mitteln und künstlichen Tränken, auf die sie so stolz war, und die ihr so oft in dieser und jener Krankheit ihre Heilkraft bewiesen hatten, rang sie mit dem Tod um das Leben des Kindes. Wirklich schien es sich auch zu bessern. Das Fieber wich. Da trat ein Blutsturz ein und ließ jede weitere Hoffnung beinahe ins Nichts zerfließen.

Blaß und erschöpft lag das Kind da, ein kaum sechsjähriges Büblein, das doch schon so klug war, um dessen nun erlöschendes Leben sich schon so viele gläubige Wünsche und frohe Erwartungen seiner Eltern gewun­den hatten. Ob der Kleine ahnte, wie schlimm es stand? Er schien es nicht zu wissen, er plauderte mit gedämpfter Stimme, unterhielt sich nach seiner Gewohnheit mit der alten Marie, der vielgetreuen Kindsmagd, die scheinbar gelassen an seinem Vettchen stand und ihn nebenbei, mit gut­gemeinter Verstellung, zu überreden suchte, einen Löffel Suppe zu sich 3U nefjtnen.Oh, es schneit schon!" sagte die alte Magd, in deren runz- ligen Zügen nichts als Liebe geschrieben stand.Und ob sie schwärmen, die weißen Mücken! Wenn du nur brav und folgsam bist, so wirst du bald gesund und tummelst dich noch genug auf der Schlittenbahn. Deine Rumpel steht draußen vor der Tür und wartet auf dich. Nein, die andern dürfen nicht damit fahren. Das leidet dein Schlittchen nicht. Es wartet auf dich wie ein Hündchen auf feinen Herrn, nur daß es nicht bellen und beißen kann."

Ein Lächeln huschte über die blassen Lippen des todkranken Kindes. Dann wurde er plötzlich ernst.Meine Maria", sagte er leise,du bist wohl gut. Wie ost hast Vu mir aus der Speisekammer was zugesteckt, das will dich auch nicht vergessen."Vergessen? O nein! Ich bin ein altes Ceut. Wenn du groß bist, hast du wohl andere Dinge zu tun, als an mich zu denken." Der Knabe schüttelte ein wenig den Kopf, daß ihm die blonden Locken an die verhärmten Wangen rührten.Ich werde nicht 8^ß". entgegnete er in bestimmtem Ton, so unwidersprechlich, daß die Alte beinahe zu meinen begonnen hätte und nur mit halberstickter Stimme murmeln konnte:Was fällt dir ein!"

.... ^.ann geschah das Seltsame, das unsäglich Traurige, dennoch Ver­söhnliche.Geh zur Mutter", sagte das Kind.Ich möchte mein Schatz- truhlem haben."Das Schatztrühlein mit den lichten Dukaten? Freilich, mein Herzchen, da hast du etwas zum Spielen. Wie die blitzen und klingen! Wir wollen sie tanzen lassen!" Erfreut eilte die Magd zur Frau, so schnell sie ihre alten Beine nur tragen wollten: sie meinte, es sei ein günstiges Zeichen, daß der Kleine nach dem klimpernden Schatz verlangte. r.ie redliche Seele! Sie ließ sich so willig täuschen. Aber die Mühle mahlte. Wie unterirdisches Grollen schlitterte sie durchs Haus. Sie mahlte das Korn, die Zeit und die Ewigkeit.

_ ? Mutter brachte das Kästchen. Sie schloß es mit dem zierlichen

Schlussel auf, durch den ein rotes Bändchen geschlungen war.Aber sieh zu, mein Kind, daß du nichts verstreust!" Unnötige Vorsicht. Der Kleine öffnete vorerst den Deckel seines Trühleins noch nicht. Er hielt es unbe­

wegt in den zarten Händen.Wo ist der Vater?"Er ist draußen. Soll ich ihn rufen?" Der Kleine nickte.

Als sie alle um das Bettchen des Knaben versammelt waren, sah er sie lange liebevoll an. Sie schwiegen. In seinem Blicke lag eine stille, unendliche Freudigkeit und doch ein sinnender Ernst, der sie staunen ließ weil er so wenig zu dem Wesen eines Kindes zu passen schien. Eine namenlose Verheißung weitete seinen Blick. Er gehörte keinem mensch­lichen Alter an.

Nun ist es Zeit", brach er endlich das Schweigen, in dem der Gang der Mühle eine andere Stille war, und das sie alle wie ein sanfter, zitternder Anhauch umfangen hatte,nun ist es Zeit, daß ich verteile, was mir nicht mehr gehören soll." Er öffnete das Kästchen. Er nahm einen blanken Dukaten.Marie, der ist für dich!" Die alte Magd wollte ihn nicht nehmen. Aber die Mutter, erblassend und dennoch hoch und stattlich aufgerichtet in stummer Ergriffenheit, winkte ihr zu, sie solle den letzten Willen des Kindes tun. Laut aufschluchzend schloß die Magd das Geldstück in ihre von lebenslanger Arbeit verkrümmte Hand. Der Knabe wählte einen Taler.Vater, der ist für Euch!" Ach, glühendes Eisen hätte der rastlos wirkende Mann mit der harten Tatkraft lieber ergriffen. Allem er beugte sich vor dem letzten Willen seines sterbenden Knaben. Er nahm ihn für gleich. (Er empfing die große weiße Münze feierlich, starr, em wenig zitternd, dennoch beherrscht, als wäre sie eine Hostie, die ihm der Priester reichte. Wieder holte das Kind einen Taler aus dem Trühlein hervor.Mutter, für Euch!" Ach, taufend Schwerter fuhren ihr durch die Brust. Ihr Kind, ihr Kind! Und doch, er konnte es nicht besser, nicht liebevoller beweisen, daß er ihr Kind war. Ein Kind nicht langer. Ihr Sohn! Gingefügt in die Kette der Geschlechter, auch er, der Frühvollendete. Umhegt von Herkommen, Brauch und Gepflogenheit. Nicht seinen armen Reichtum verteilte er. Der war nur das Gleichnis eines größeren Vermächtnisses. Jenes Vermächtnisses, das das Leben begründete, jenes Stromes der Liebe und Treue, der durch die Geschlech­ter forterbt und der zuletzt in die Gottheit mündet. So nahm sie die Münze entgegen als ewiges Liebespfand, stolz beinahe, freudig beinahe, wenn auch in einer Freude, die ihr das Herz zerriß.

Den letzten Dukaten", fagte der Knabe, das Trühlein leerend,gebt in die Kirche. Der gehört der Dreifaltigkeit!" Dann fank er erschöpft Zurück und schloß die Augen. Und allen war es, als schwebte zu Häupten des Bettes jene mystische Dreigestalt, die doch formlos ist und nur wie em glimmender Schatten ober ein aufgeschlagenes großes Auge, und als langte ein Arm in weitem, schleppendem Aermel nach der vertraulich gebotenen Gabe des Sterbenden.

Als der Atem aussetzte, knieten sie alle nieder, verstört, wie im Bann einer jähen Verblendung, nach tränenlos. Dann vergrub die Mutter das Haupt in die Decke des kleinen Bettes. Und als sie die Stirne wieder aufhob, begann sie mit bebender Zuversicht:Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn fei gebenebeit."

Schwarze Mäuse, weiße Mäuse.

Von Wolf Durian.

Was würden Sie tun, wenn Ihnen nachts In einer fremden Woh­nung eine Zigarrenkiste in die Hand gedrückt würde mit dem Aufdruck Tragaduros finos ober ähnlich, aber mit Mäusen darin?

Um Himmels willen", rief der Mann, der mir die Kiste überreicht hatte,lassen Sie die Kiste zu. Die Dinger huppen raus wie der Blitz."

Dann sind es schwarze?" fragte ich.

Schwarz und weiß", fagte er.

Also japanische Tanzmäuse", fragte ich.

Nein", sagte er,die einen sind schwarz, die andern weiß."

Endlich erfuhr ich die Vorgeschichte:

Der Mann, der mir die Kiste übergeben hatte, hatte eine Tante. Und die Tante hatte eine weiße Maus. Die weiße Maus wohnte in dem Biedermeiersekretär der Tante, im mittleren Fach. Die Tante hatte in die Tür zu diesem Fach ein Loch sägen lassen, und die weiße Maus lief aus und ein. Jeden Tag bekam sie Milch und Brot und Zucker, und in einem Nest von Watte schlief sie warm und weich. Fifi hieß sie, denn es war ein Weibchen.

Fifi!" rief die Tante wie gewöhnlich eines Margens, als sie den Napf mit angewärmter Milch hinstellte. Wer beschreibt ihre Empörung, als sich statt des weißen Schnupperschnäuzchens und der treuen Rubin- augen Fifis ein hastiger pechschwarzer Mäuserich ins Freie zwängte und mit Salto mortale unter dem Sekretär verschwand.

Schamlos als wäre nichts geschehen zeigte sich nun Fisis Schnäuzchen, und die Rubinaugen blickten so rein wie immer. Das war der Tante zuviel. Sie entzog Fifi an diesem Tag Milch und Weiß­brot und stellte ihr Wasser und Schwarzbrot hin. Aber als sie Fisi an dem Schwarzbrot nagen sah, kamen der Tante Bedenken, ob die Strafe gerechtfertigt sei. Vielleicht war der schwarze Mäuserich (wenn es nicht eine Mäusin war), frech wie Oskar, in Fifis Boudoir ein­gedrungen und hatte sich die gebührende Abfuhr geholt:Mein Herr, wenn Sie sich nicht augenblicklich entfernen, werde ich klingeln!"

Nun, dies würde sich in der Folgezeit zeigen. Und es zeigte sich. Und was sich zeigte, das befand sich hier, nebst Fifi selbst, in der Zigarrenkiste. Die Tante hatte den Neffen kommen lassen.Schaffe mir sofort die Brut aus den Augen!"

Ich fuhr mit der Zigarrenkiste voll Glück im Unglück nach Hause. Dort machte ich sie auf.

Aus der Watte kam zaghaft Fifi zum Vorschein. Sie machte den Ein­druck, als ob sie bereute, in Wirklichkeit aber hatte sie vor allem Durst, und als sie den kleinen Napf voll Milch geleert hatte, war sie schon viel