Ausgabe 
3.1.1936
 
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spräche mit ihr noch ein paar Minuten hinauszuschieben. Auch ist es wohl besser, wenn er die Dinge mit Krick vorher in Ordnung bringt, und erst mit Lena spricht, wenn auch das Letzte noch hinter ihm liegt.

Warst du denn bei Borte" fragte Lena verwundert.Und das sagst du erst jetzt!"

Ja, und es ging ihr wunderbar gut, denk mal. Herrlich, wie sie sich in der letzten Zeit herausmacht. Gar nicht wiederzuerkennen war sie."

Aber es ist doch noch nicht so lange her, daß sie hier bei uns war, da kann sie sich doch nicht so sehr verändert haben in der kurzen Zeit?" lächelte Lena.

Das meinst du, und ich hätte es gewiß auch gesagt, wenn mich einer gefragt hätte. Aber nun ist sie im Hotel plötzlich zum Zimmermädchen ausgerückt, was sagst du! Es ist ganz plötzlich gekommen damit! Da geht sie nun in einem Kleid herum, so sauber wie eine Prinzessin, kann ich dir sagen, und eine richtige Frisur trägt sie nun. Denn es ist etwas anderes, oben die Gastzimmer in Ordnung zu bringen als unten in der Spülküche zu stehen und den ganzen Tag den Qualm von dem heißen Wasser um Nase und Ohren zu haben, nicht wahr?"

Nein, was du sagst, Lars! Das ist wirklich eine Ueberraschung." Aber da kommt Krick. Sie hören ihn draußen, wie er sich vor der Tür den Schnee von den Füßen stampft.

Geh nur jetzt hinein, hörst du?" flüstert Lars hastig.Und mach dich schon fertig in der Zeit, nicht wahr? Der Kleine schläft wohl schon? Da wird es nicht anders gehen, als daß du ihn aus dem Schlaf nimmst. Aber zieh ihn warm an. Du weiht, wie kalt es auf dem Wagen zu sitzen ist."

War es denn wirklich dein Ernst, Lars, daß du heute abend noch mit uns beiden in die Stadt willst? Und Krick? Meinst du, daß wir ihn so lange hier allein lassen können?"

Um Krick können wir uns dabei nun am wenigsten kümmern", weicht Lars aus.Bielleicht, daß er überhaupt nicht lange mehr hier ist. Nimm nachher übrigens ein paar Bettstücke mit auf den Wagen, hörst du? Da bleibt der Kleine warm und kann in Ruhe weiterschlafen. Aber warte so lange in der Stube, bis ich mit Krick hier fertig bin, nicht wahr? Ich habe noch mit ihm abzurechnen."

Hast du dir denn das Geld für ihn nun besorgen können? Wirklich? flüsterte Lena überrascht.

Jedenfalls werde ich ihm nichts mehr schuldig fein, Lena", anroortet Lars.Sorg dich nicht darum, nicht wahr?"

Dann werden wir ihn nun endlich wieder los?" Lars zuckt die Achseln.

Das wird sich finden. Geh nur jetzt."

Lena ist kaum in die Stube getreten, als Krick von draußen herein- kommt.

Nee, nu guck doch an!" ruft er Überrascht und wirft die Tür hinter sich wieder in die Klinke.Bist du's ober bift du's nicht? Ich hätte ja darauf geschworen, Lars Hullmann, daß du in eine Moorkuhle geraten und versoffen wärst! Deubel noch mal ja!"

So", antwortet Lars ruhig,das hast du gedacht. Nun, ich war auch nahe daran, muß ich sagen. Aber für diesmal bin ich noch daran vorbeigekommen."

Dann hast du sicher einen in der Krone gehabt!" lacht Krick auf. Dann hat man ja immer mehr Glück als Verstand, das ist eine alte Geschichte. Aber sag mal erst, wo du in des Teufels Namen fo lange gesteckt hast? Denn in Amerika warst du in der Zeit wohl nicht, wie?"

Er lacht fo unbändig über feinen Witz, daß Lars erst den Stickhusten vorübergehen lassen muß, in den Krick dabei geraten ist.

Wo ich war?" wiederholt er dann und keine Miene zuckt in seinem Gesicht.Nun, wenn du es wissen willst da, wohin dich wohl keine zehn Pferde gebracht hätten, kann ich mir denken."

Nanu? Das käme doch wohl erst noch mal darauf an, meine ich. Denn wenn es fein muß, gehe ich selbst auf den Teufel los, wenn du das vielleicht noch nicht weißt", lacht Krick von neuem und schlägt dabei vor Vergnügen mit der Faust auf den Tisch, lärmend und aufgeräumt, wie ihn der Branntwein gemacht hat.

Auf den Teufel, ja, das mag fein", nickt Lars.Aber ich weiß ein Haus, das du aus eigenem Willen fo leicht nicht wieder betreten wirst. Verend Krick."

Mit einem Ruck fliegt Kricks Kopf zu Lars herum.

Was willst du damit fagen, Lars Hullmann?" fragt er drohend.

O du wirst wohl wissen, welches Haus ich meine. Denn wenn nun auch schon Jahre darüber hin sind und du nur ein einziges Mal darin warst, weiß ich doch, daß du es immer noch gut im Gedächt­nis hast."

Du?!" stößt Krick heraus und schüttelt die geballte Faust.Nimm deine Zunge in acht, verstehst du mich?"

Auge bringt in Auge, unb ihre Blicke kreuzen sich wie ein paar Klingen.

Unb was was wolltest bu bort?" fragte Krick nach fekunben- langem Schweigen.Die Geschichte ist verjährt, Lars Hullmann, wenn bu bas vielleicht noch nicht weißt."

Lars stutzt einen Augenblick.

Ob sie verjährt ist ober nicht, geht uns hier gar nichts an", ent­gegnet er bann gelassen.So etwas mag es bei den Gerichten geben, ich verstehe von solchen Sachen nichts. Aber ich weiß eine andere Stelle, vor der es kein Verjähren gibt, siehst bu. Ich meine bas Gewissen, Berenb Krick, unb bas meine hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich mir einen Ruck gab unb anfing, bas Unrecht wieder gut zu machen, bas ich auf mich geloben habe. Was dich betrifft, fo mußt bu selber wissen, wie bu mit bir fertig werben willst."

Ach. geh zum Teufel, verstehst bu mich? Habe ich bich zu meinem Seelsorger bestellt, wie? Ich für mein Teil habe einen Strich unter die Geschichte gesetzt, wenn du es wissen willst. Fertig! Ab! Also sorg dich gefälligst nicht um mich verstanden?"

Nein, ist es zu glauben? Da steht dieser Lars Hullmann, so dumm

wie er breit ist, und redet zu ihm wie ein Pastor! Einen Bruch sollte man ihm treten, diesem Kerll

Aber komm doch mal mit dem heraus, was du von mir willst, ja? Denn zum Spaß hast bu wohl da brüben keinen Besuch gemacht, wie? Denn mich soll ber Teufel holen, wenn bu mich bort nicht angegeben hast und dich nun freust, mich so wieder los zu werden!"

So hättest du es wohl an meiner Stelle gemacht! Aber ich habe deinen Namen nicht mal in den Mund genommen, siehst du."

Nicht?" fragte Krick verwundert.Und bas soll ich glauben?"

Damit kannst bu es halten, wie bu willst!" antwortete Cars kalt. Ich wollte mich nur nach benen umsehen, an denen wir beide schuldig geworden find, du und ich."

Du bist wohl nicht ganz gesund mehr im Kops, Lars Hullmann?"

O, was das betrifft, so wollte ich nur, bu wärst fo klar bei Ge­danken wie ich. Aber nun hast du heute abend mehr getrunken, als dir gut ist. Darum sollte ich das, was ich mit dir zu reden habe, eigentlich noch hinausschieben. Aber es brennt mir auf den Nägeln, siehst du, unb was sein muß, muß sein!"

Also komm nur heraus bamit! Meinst du, ich wäre betrunken?"

Das will ich nicht gerade sagen", antwortete Lars.Aber nahe daran bist du wohl, wenn ich dir auch nicht die Gläser nachzählen will, die du getrunken hast. Denn nun ich sozusagen einen Gruß von einer Toten an dich zu bestellen habe, sollte man wünschen, daß du nüchtern unb bei klarer Vernunft wärest, meine ich."

Was sagst bu?" fragte Krick unb eine fahle Blässe tritt in sein Gesicht.Ich glaube, bu bist betrunkener als ich, Lars Hullmann!"

Kannst bu bich vielleicht auf biefes Gesicht hier besinnen?" fragt Lars, ber bas Büb ber Ermorbeten aus der Brusttafche gezogen hat und nun vor Krick hintritt und es ihm unter die Augen hält.Ich sollte wenigstens meinen, daß du es noch kennen wirst."

Einen Augenblick lang ist es still zwischen den beiden, daß man nur Kricks keuche,wen Atem hört. Totenblaß und mit weit ausgerissenen Augen starrt c, auf das Bild.

Es ist wohl kein Irrtum, nicht wahr?" fährt Lars fort.Denn fo sah sie wohl aus, als du zu ihr in die Stube tratest und ihr halfst, das Asthma los zu werden, das sie gerade quälte, wie? Auch das Sofakissen ist noch da, bas bu ihr dabei aus den Mund drücktest. Es sind ein paar Rosen darauf gestickt, eine weiße und eine rote. Vielleicht erinnerst du dich?"

Ach, geh zum Satan, bu!" stößt Krick nun heraus unb schleudert Lars' Hand zur Seite.Ich will verflucht sein, wenn du nicht der scheinheiligste Halunke bist, der zu denken ist!"

Denk von dem, was du willst! Aber ich bin durchaus noch nicht fertig mit dir, wenn bu bas am Enbe meinst. Denn vielleicht kannst bu bich barauf besinnen, daß dir damals, als du ins Haus ber alten Frau hier gingst, ein kleiner Junge entgegenkam, ber gerabe aus ber Haustür trat? Die Alte hatte ihn wohl zu einer Besorgung fortgeschickt. Ich wenigstens erinnere mich noch gut, baß er ben Weg vom Hause zur Straße herauf kam unb an mir vorbei ins nächste Dorf trabte. Er war bas Enkelkinb ber alten Frau unb seiner Mutter unb ihm wäre nach ihrem Tobe bas Gelb zugefallen, bas bu bamals geraubt unb mir in bie Hanb gespielt hast."

Was bu nicht sagst, Lars Hullmann! Unb biefen Burschen hast bu wohl auch ausfinbig gemacht, wie?"

Jawohl, bas hast bu ganz richtig erraten, unb damit komme ich auf das, was ich sagen wollte. Denn ich habe mich entschlossen, dafür zu sorgen, daß wir wieder gutmachen, was nur irgend wieder gutzumachen ist und seine Mutter und er wiederbekommen, was wir ihnen ge­nommen haben. Und da ich das Geld bei allem guten Willen nicht wieder bfchasfen kann, muß er den Hof hier kriegen und nicht du, wie ich dir in meiner Dummheit angeboten habe. Sieh und damit bu ihn erkennst unb weißt, wen bu vor bir hast, wenn er in den nächsten Tagen kommt, um sein Erbe hier zu besehen, habe ich dir auch gleich sein Bild mitgebracht."

Aber Krick sieht kaum hin, als Lars ihm jetzt Martins Bild vor Augen hält.

(Fortsetzung folgt.)

Johann Kepler.

Von Eduard Mörike.

Gestern, als'ich vorn nächtlichen Lager den Stern mir im Osten Lang betrachtete, den dort mit dem rötlichen Licht,

Und des Mannes gedachte, der feine Bahnen zu messen, Von dem Gotte gereizt, himmlischer Pflicht sich ergab, Durch beharrlichen Fleiß der Armut grimmigen Stachel

Zu versöhnen, umsonst, und zu verachten bemüht'

Mir entbrannte mein Herz von Wehmut bitter; ach! dacht' ich. Wußten die Himmlischen dir, Meister, kein besseres Los?

Wie ein Dichter den Helden sich wählt, wie Homer, von Achilles' Göttlichem Adel gerührt, schön im Gesang ihn erhob, Also wandtest du ganz nach jenem Gestirne die Kräfte, Sein gewaltiger Gang war dir ein ewiges Lied.

Doch so bewegt sich kein Gott von seinem goldenen Sitze, Holdem Gesänge geneigt, den zu erretten, herab,

Dem bie höhere Macht bie bunteln Tage bestimmt hat, Unb euch Sterne berührt nimmer ein Menschengeschick;

Ihr geht über bem Haupte bes Weisen ober des Toren Euren seligen Weg ewig gelassen dahin!