Ausgabe 
3.1.1936
 
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SiehenerZamilienblätter

________Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Zreitag, den 3. Januar

Jahrgang 1936

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

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11. Fortsetzung.

Ganz richtig, ja, so hat sie ausgesehen. Es ist nur wenige Jahre vor ihrem Tode gemacht. Sie hat sich ja nie gern photographieren lassen wollen. Alte Leute sind ja zuweilen so wunderlich und meinen, daß sie dann sterben müssen. Aber nun freut sie sich doch, daß sie es damals noch durchgesetzt hat. Und das hier ist ein Bild von Martin. Ein so guter Junge, wie der ist! Da vergeht kein Monat, daß er nicht ihr etwas von seinem Lohn herüberschickt, so wenig er auch verdient. Nur, daß er zu­weilen ein Trinkgeld bekommt, wenn er mal ein paar Kofser zur Bahn getragen hat. Aber sie legt ihm alles zurück, was er schickt. Vielleicht, daß er es später mal nötig hat.

Lars antwortet nicht. Schweigend hält er das Bild des jungen Man­nes in den Händen.

Ja, es ist Dörtes Schatz, da ist gar kein Irrtum möglich.

Krampfhaft sucht er nach einem Wort, das er der Frau über das Bild sagen könnte, aber er findet keins.

Ob er sich wohl darauf besinnen kann, daß er Martin schon einmal fiesehen hat? Vielleicht, daß er ihm schon einmal begegnet ist, wenn er eine Tochter im Hotel besucht hat?

Doch, ja, darauf kann er sich wohl besinnen. Er meint wenigstens, daß er ihn einmal gesehen hat, aber er hat ja nicht weiter darauf geachtet, nicht wahr? Er hat ja damals noch nicht gewußt, daß sie sich vielleicht einmal heiraten werden...

Wie?" fragt die Frau und muß sich in ihrer Ueberraschung einen Stuhl nehmen. Was sagt Lars da? Die Kinder? Das hat sie wohl eben nicht recht verstanden?

Da kann Lars ja nicht gut anders, nun er soviel verraten hat. Also kurz und gut, er weiß, daß Martin Borte liebt und es ist eine Beruhi­gung für ihn, daß er nun weih, ein wie guter Sohn er ist. Denn so wie einer seine Mutter hält, wird er auch einmal seine Frau behandeln. Aber mehr kann er unmöglich darüber sagen, denn er weiß ja bislang auch nur erst durch Zufall davon, daß es die beiden aufeinander abgesehen haben. Es ist ja alles noch ganz heimlich zwischen ihnen. Darum ist es wohl am besten, wenn auch Frau Lohmann sich noch nichts davon merken lassen wird, nicht wahr?

Nein, wenn es so damit steht? Da werden sie also wahrscheinlich noch einmal verwandt miteinander? Bis jetzt hat Martin allerdings noch kein Wort davon gesagt, daß er es mit Sorte hat, aber wenn Lars es nun weiß und so davon sprechen kann, muß es ja schon seine Richtigkeit damit haben. Nun, ihr kann es zuletzt recht fein. Sie kennt Dörte ja nicht, abet* sie will gern glauben, daß es ein gutes und fleißiges Mädchen ist, und aus einer rechtschaffenen Familie stammt sie ja auch, nicht wahr?

Lars läuft blutrot an und weiß nicht, was er antworten soll.

Nun, Dorte ist jedenfalls ein rechtschaffenes Mädchen, das weiß Gott", stammelt er und hebt nun auch den Kopf wieder, denn so viel kann er wirklich ohne zu lügen behaupten. Arm ist sie, gewiß, das will er nur gleich sagen, aber Martin wird nicht mit ihr betrogen [ein, das kann er ihm versichern, und was Martin betrifft, so steht er sich am Ende vielleicht einmal besser, als er heute schon weiß.

Das versteht Frau Lohmann ja nun nicht und meint, Lars spiele damit aus ihr kleines Besitztum, das Haus und den Garten an. Gewiß, es ist richtig, sie hat sonst keinen Erben, und was ihr gehört, gehört auch Martin, aber Lars soll nicht glauben, daß das von Belang ist. Sie hat nämlich eine Hypothek auf das Haus aufnehmen müssen, und hier draußen etwa mit dreien von dem kleinen Laden zu leben ist ganz un­möglich. Sie hat es vorhin ja schon gesagt, nicht wahr?

Lars nickt nur. Ja, darüber soll sie sich nur keine Gedanken machen. Die jungen Leute werden sich vielleicht mal ganz anders einrichten, und überhaupt ist es ja noch zu früh, über solche Dinge zu reden.

Er hat wohl überhaupt schon zuviel gesagt und ist zwischen seinen Worten so mit sich selber beschäftigt, daß er kaum hinhört, was ihm Martins Mutter auseinandersetzt. Denn der Gedanke, der ihn durchzuckte, will ihn nicht wieder loslassen ...

Er muß dieses Bild mithaben, das mag nun gehen, wie es will!

Seine Stimme wird rauh und heiser unter der Erregung, als er mit feinem Anliegen herausrückt. Aber er fängt es durchaus nicht fo un­geschickt an, wie er selber meint, als er noch einmal Martins Bild in die Hand nimmt, das noch vor ihm auf dem Tische liegt.

Sie hat wohl nur dieses eins und gibt es nicht gern her? Denn wenn er es sagen soll, so möchte er es wohl für ein paar Tage mithaben und es seiner Frau zeigen... Ja, auch von ihr hätte er gern eins mit, und

auch von ihrer Mutter... So kann Lena zu Hause schon alle einmal betrachten und Martins Familie kennenlernen.

Aber die Frau findet seine Bitte gar nicht so wunderlich, wie er angenommen hat und ist gern einverstanden. Es kommt nur alles so überraschend und schnell über sie, nicht wahr, und es ist ja einfach ein Unrecht, daß Martin nicht schon längst mit ihr über Dorte gesprochen hat, wenn es nun schon sobald oorangehen soll damit.

Nein, das sieht sie wohl nun doch nicht ganz richtig, und Lars muß Martin da ein wenig in Schutz nehmen. Es soll durchaus noch nicht so bald vorangehen damit und bis zur Hochzeit wird wohl noch mancher Tag vergehen. Es ist ja nur Lars Freude, wenn er jetzt schon davon gesprochen hat, und er wird ihn gewiß nicht drängen. Dorte ist ja noch jung, kaum 17 Jahre, nicht wahr, und auch Martin hat wirklich noch lange Zeit... Da kann man es doch verstehen, wenn er bisher noch von allem geschwiegen hat, nicht wahr?

Als ihm dis Frau die Bilder dann eingewickelt hat und er sie in die Tasche schiebt, überwältigt ihn die Erregung beinahe.

Es ist mehr Gerechtigkeit in der Welt, als du wohl glaubst, Lars Hullmann, klingt es wieder in ihm auf, und eine Empfindung ist in ihm, s wäre er von neuem in Traum und Unwirklichkeit versunken, als er jetzt aufsteht und geht.

Das Blut rauscht ihm in den Ohren, ein immer wiederholtes, stoß­weises Brausen, und er hört nicht einmal den Abschiedsgruß der Frau mehr, nun er die Tür hinter sich zum Laden zuzieht.

Ja, ob er denn nun doch das Paket mitnehmen will? ruft ihm die Frau nach, als er schon auf der Landstraße steht und davongeht, und sie schüttelt verwundert den Kopf, als er sich nicht einmal nach ihr um- wendet.

Hört er denn gar nicht, daß sie ihn ruft?

Nein, er hört es nicht. Auch eine stärkere Stimme als die ihre hätte ihn nicht erreicht, und alles um ihn versinkt in dem Brausen, das in ihm ist.

Als Lars am Abend dieses Tages wieder auf die Diele feines Hauses tritt, will Lena beinahe das Herz stillstehen, nun er nach der langen Zeit, in der er unterwegs war, plötzlich wie aus der Erde gewachsen wieder vor ihr steht.

Nein", stammelt sie fassungslos, und trotz ihrer Freude steigen ihr Tränen in die Augen.Das kannst du so bald nicht wieder gutmachen, Lars. Drei Tage und ohne ein Wort!"

Ja, du hast wohl recht", nickt Lars, und eine merkwürdige Ruhe spricht aus ihm, als wäre alle Verstörtheit und aller Druck, der auf ihm gelegen, nun von ihm gewichen.Aber gräm dich nicht länger darum, Lena. Es war nötig fo, siehst du. Ich hatte viel in Ordnung zu bringen, wenn ich es sagen fall... Ist Krick vielleicht da in der Stube?" setzt er hinzu und deutet mit dem Kaps aus die Tür zu dem Zimmer, das Lena dem Besuch eingeräumt hat.

Nein, er ist vorhin weggegangen. Er sagte ja niemals, wohin er' geht, und wird schon wiederkommen. Sorg dich nur nicht um ihn. Er ist wohl in den Krug gegangen."

So", entgegnet Lars versonnen und still.Es ist nur, damit ich Be­scheid weiß. Ich habe noch mit ihm zu reden nachher."

Er ist über die Diele gegangen und tritt nun vor den Pferdestall.

Hallo, alter Bursche", sagte er und lächelt, als Hopla, der ihn an der Stimme erkannt hat, über die steinerne Krippe hinweg ihm den Kopf entgegenstreckt.

Er hat doch zu fressen gehabt, Lena, wie?" ruft Lars und streichelt dem Tiere die Stirn.Er muß nämlich nachher noch mit dem Wagen in die Stadt, siehst du, und das ist ein ziemlicher Marsch für so einen."

Wie?" fragt Lena verwundert und kommt Lars nach.Jetzt bist du kaum über die Schwelle getreten und willst schon wieder fort? und mit dem Wagen?"

Ja, Lena. Du mußt nicht lange fragen, siehst du. Was meinst du, ich habe sogar vor, dich und den Kleinen diesmal mitzunehmen."

Lena traute ihren Ohren nicht. Jetzt am Abend und bei der Kälte und dem Schnee, zumal Lars sonst immer so besorgt um das Pferd ist? Nein", sagt sie,was für ein Einfall! Denn wenn wir jetzt wegfahren, Lars, werden wir ja noch in der Nacht in der Stadt ankommen? Das hast du wohl nicht bedacht, wie?"

Oh, fo dumm ist Lars nun doch nicht. Ader ist es nicht am besten, er sagt ihr jetzt die ganze Wahrheit? Erfahren muß sie ja nun doch, und so hat sie doch ein wenig Zeit, sich in alles zu finden, was ihnen bevor­steht ... Denn für ihn selber bedeutet der Abschied von hier draußen ja nun keinen Schmerz mehr. Im Gegenteils ihm ist seit langem nicht mehr fo leicht und frei zu Sinn gewesen, nun alles für ihn entschieden ist und ihn in feinem Entschluß nicht mehr wankend machen kann. Alles wird ja jetzt richtig werden, wenn er auch weiß, daß ihm das Schwerste noch bevorsteht.

Ich soll dich übrigens grüßen von Dorte", sagte er, um die Aus-