segelte den Franzosen entgegen, mit denen er an der Maasmündung zusammentraf. , v m .

Es entwickelte sich ein ungemein blutiges Seetreffen, bei der Beneke schwer verwundet wurde und Eler Bokelmanns SchiffMariendrache" in die Luft flog. Aber die Hanseaten errangen einen glorreichen Sieg. Nur drei französische Schiffe entkamen, alle anderen wurden in Brand geschossen. Nun beherrschte die Hansa den Kanal und die Nordsee, in der sich auf Jahre hinaus kein Engländer und kein Franzose blicken ließ.

Dagegen unternahm Beneke mit seinem Geschwader mehrere Ueber- fälle aus die englische Küste, weil König Eduard IV. den mit ihm geschlossenen Vertrag nicht hielt. Beneke drang in alle ostenglischen Hafen ein und vernichtete oder kaperte zahlreiche englische Schiffe, bis der König, durch seine kühnen Unternehmungen mürbe gemacht, neue Ver­handlungen mit der Hansa anknüpfte.

Während sich die Verhandlungen hinschleppten, fuhr Beneke auf seinem neuen FlaggschiffPeter von Danzig" mit vier Hamburger Schiffen nach der spanischen Küste, um hier den Prisenkrieg gegen Englands Kaufsahrer zu führen. Unterwegs kaperte er zwei burgundische Frachtführer, die mit englischen Waren beladen und daher nach Kriegs- brauch gute Prisen waren. Deshalb kehrte sich denn auch Beneke weder an den Protest Karls des Kühnen von Burgund, noch an die Bulle, die der PapstAn meinen lieben Sohn, den Piraten Paul Beneke" erließ. Schließlich gaben die Engländer nach. Sie schlossen mit der Hansa Frie­den und zahlten ihr eine Entschädigung.

Im blühendsten Alter, kaum 4n Jahre alt, erlag Paul Beneke der Pest, bevor er in Danzig die b.chsten Ehren erreichen konnte. In die Geschichte der Seestrategie schri.o er seinen Namen mit unvergänglichen Lettern durch Ausbildung des Kreuzerhandelskrieges ein. Seine Starke bestand in überraschenden Teilunternehmen, bei denen er seine Erfolge dem kühnen Wagemut verdankte, durch den er seine Gegner verblüffte. Er kam immer im unerwartetsten Augenblick wie ein Stoßvogel über den ahnungslosen Gegner, weshalb er seinen Beinamen mit Recht erhielt. Aber auch als diplomatischer Unterhändler stellte er in allen Lagen seinen Mann.

Er war ein treuer Diener Danzigs, aber er sah weit über die enge Kirchturmspolitik seiner Zeit hinaus. Vor seinem Blick stand ein größeres Deutschland, das für ihn als Seemann in der seefahrenden Hansa ver­körpert war. Wo immer im Machtbereich seiner Kommanüoflagge ein Deutscher auf fremden Boden in Bedrängnis geriet, konnte er stets auf die tatkräftige Hilfe des harten Seevogels rechnen. Deshalb spannen sich auch ganze Legenden um Benekes Namen. Hätte er ein einiges und dadurch starkes Deutschland hinter sich gehabt, so würde er gewiß unter die größten Admirale aller Zeiten gezählt.

Oer Briefträger.

Don Nikolaus Schwarzkopf.

Der Briefträger ward genannt der Postmichel und wohnte gegen­über vom Pfarrhaus in einem Hüttchen, das fast kleiner war als er. Die beiden Porzellanschellen aber, die an dem geschindelten Giebel in starken Eisenhaken saßen, verbanden ihn, wie er sagte, mit Frankfurt und mit der ganzen Welt. Er konnte, wenn er wollte, Gespräche, die der Kaiser führte, belauschen, er konnte, wenn er wollte, in Darmstadt den Erohherzog anrufen, allein das glaubten ihm selbst -die Kinder kaum. Ein Schild hing über den Schellen: Kaiserlich deutsche Reichspost, Neben­stelle. Also ein wenig nebendran war der Michel doch hingesetzt. Und ich, wenn ich draußen im Feld neben der Landstraße die beiden Drähte brummen hörte, und das Ohr an die Holzstangen legte, ich hörte da auch allerlei, was andere Kinder nicht hörten, und ich war vielleicht das einzige Kind, das dem Postmichel glaubte.

Er konnte nicht nur telephonieren, er konnte auch telegraphieren, und die messingenen Apparate tickten Tag und Nacht auf seinem Tisch, ein Zeichen, daß in der großen Welt immer etwas vor sich ging. Nur ein Mann war im Dorf, der die Geheimnisse des Funks lesen konnte, er! Seine ungeheure Neugierde ließ ihn bis tief in die Nacht über den Zeitungen und Zeitschriften sitzen, die er andern Tags auszutragen hatte, und dem Bienenzüchter, derPapiere" besaß, rief er schon von weitem den Stand der Börse zu. Er konnte das getrost tun, denn außer diesen beiden Männern kümmerte sich im Dorf niemand um die Börse. Alle Liebschaften waren ihm bekannt, alle Feindschaften, alle beginnenden Prozesse. Er wußte, wo jeder einzelne, der aus Urberach stammte, draußen in der Welt wohnte, die Straße kannte er, die Hausnummer und wußte, wieviel Kinder der einzelne hatte, was für eine Frau, in was für Verhältnissen er lebte. Seine Kenntnis reichte bis über die See, und wenn einer ausgewandert war, wußte der Michel warum und wohin. Er wußte das besser als der Staatsanwalt. Als meine Tante auswanderte und einen armen Sohn hinterließ, wußte er zuerst, welche tieferen Gründe die Tante zu diesem schrecklichen Schritt veranlaßt hatten: eine alte Liebel

Der Postmichel kam jeden Morgen zwischen zehn und halb elf in die Schule, dem Lehrer etwas zu bringen. Man hörte ihn schon auf der Straße, denn er schritt wie ein richtiger Soldat mit schwer genagelten Stiefeln einher. Er klopfte, der Lehrer öffnete, und dann blies der Michel, der stets eine Zigarre rauchen mußte, eine Handvoll seines Qualms in die Schulstube hinein, daß einem Hören und Sehen von der Wissenschaft abgelenkt wurden. Hab Dank dafür, Postmichell So gute Zigarren gibt es heute ja nicht mehr!

Zu uns ins Erbfeneck kam der Postmichel ost, denn mein Vater schickte, wenn er weit in der Welt pflasterte, alle vierzehn Tage feinen Lohn heim. Dann teilte der Michel die Taler auf unfern Wachstuch­tisch nebeneinander, die Mutier zählte sie, indem sie mit zwei Fingern je zwei miterschob, nach, und bann, wenn alles stimmte, bekam der Michel fünf Pfennig geschenkt, den Bettag für eine gute Zigarre.

Später, als der Postmichel diese fünf Pfennig wohl vergessen hatte, stellte er sich einmal recht dumm an: ich hatte die Anschrift auf ein Päckchen, das meine Mutter zum Namenstag beglückwünschen sollte, schlecht geschrieben (ich besuchte damals eine hohe Schule, und Gelehrte schreiben bekanntlich schlecht), und das Päckchen lief es ist mir heute noch unbegreiflich aus den Händen des Postmichel fort von Urberach nach Urach im Schwarzwald. Von dort wurde alsdann telephonisch bei ihm angefragt, ob es in Urberach nicht ein Nähbabettchen im Erbseneck gäbe? Das war meine Mutter, das Nähbabettchen, das war ihr Spitz­name. Freilich, antwortete der Michel, und am folgenden Tag, drei Tage nach dem Fest, kam das Päckchen endlich zu meiner Mutter.

Was war geschehen? Die Post in Urach hatte das Päckchen geöffnet, weil dort eine Frau des Namens meiner Mutter nicht lebte, und in dem Päckchen lag ein Brief von mir, ein lustiger Brief, der so anfing: Liebes, kleines Nähbabettchen im Erbseneck!

Und bann, als meine Mutter sechzig Jahre alt war, wollte ich, der ich Unterbetten gewaltig in bie Welt gewachsen mar, ihr telephonisch meinen Glückwunsch sagen. Meine Mutter aber hatte noch nie tele­phoniert und erschrak, als sie zur Post gerufen würbe. Sie nimmt ben Hörer ans Ohr, hört etwas, versteht aber nichts, ich spüre, wie auf­geregt sie ist, und denke: da hast du ja was Schönes angerichtet! Ich ver­nehme, wie der Hörer hinfällt, ich hör gar einen verhaltenen Schrei, und endlich metbet sich der Postmichel. Er sagt, daß meine Mutter nichts verstehen könne, was denn eigentlich Schreckliches geschehen sei? ... Ach so! er lacht, der Michel, ich lache, und ich höre nun auch deutlich bie Stimme meiner Mutter.Du böser Bub!" sagt meine Mutter. Neben­dran hör ich -den Michel sagen:Wie kann man nur auch solche Dumm­heiten machen!" und dann sagt meine Mutter wieder ganz deutlich: Du ... böser ... Bub!" Und zwei Tage später bekomme ich einen Brief von der Mutter, den konnte ich mir Hintern Spiegel stecken, wie man fo sagt. Das war der schönste Liebesbrief, den ich je bekommen habe. Ich würde ihn gern hierher setzen, aber das Schönste muh auch eine Schreiberseele für sich behalten können, zumal, wenn sich's um Liebe dreht.

Heute lebt der Postmichel in meiner Stadt. Seine Tochter hat einen Eisenbahner geheiratet, der hier am Hauptbahnhof dicht neben dem Direktor steht. Der Michel stapft mit der Zigarre im Mund tagaus, tag= ein durch die Straßen, als wenn er noch zu Hause im Dienst wär, und wenn er zu mir kommt, hör ich seinen scharfen Schritt schon von weitem. Wir sitzen oft beisammen, trinken eins, rauchen und schwatzen das Urberacher Blaue vom Himmel herunter. Ost hängen wir miteinander am Telephon, und wenn das Postfräulein nicht wüßte, wer da mitein­ander plaudert, hätten wir schon oft Strafe zahlen müssen. Der Michel lebt im Ruhestand, im wohlverdienten, aber es ist noch mehr Unruhe in ihm als Ruhe. Wenn er schreiben könnte, wcir's gut für ihn und für mich, denn dann müßte er, die lebende Chronik meines Dorfes, was er fo schön zu erzählen weiß, niederschreiben. Aber er kann nur aussprechen, was sein noch junges Herz bewegt, und ich schreibe das alles getreulich auf. Wenn er bei mir ist, ist mein ganzes Dorf bei mir, alle dörflichen Leidenschaften, alle Freudenschaften, alle Männer, alle Frauen, alle Nachkommenschaften, in denen die alten Dinge neu erstehen, denn die Menschen ändern sich kaum, und was einmal in den Seelen sitzt, das vererbt sich. Es hat bisweilen nur eine Maske vor oder gar eine Toga auf der bäuerlichen Schulter. Die Häuser seh ich, die Gassen, die alten Bäume, die Brunnen, den Kirchtum und den Herrn Pfarrer, der sich auch kaum änderte. Die ganze Gemark wird durchwandert, Nußbäume sind größer geworden, die Wälder stehen noch wie früher, die Schorn­steine der Häfner qualmen noch, der Bahndamm in den Bruchwiesen ist noch nicht eingerutscht, der Untermüller läßt das Wasser laufen und mahlt elektrisch, und das ganze Dorf ist elektrisch erhellt, fo daß die Liebespärchen Mühe haben, sich verborgen zu halten, und die beiden Drähte mit den Porzellanschellen stecken am Haus desGehstewegda- hinten", des Wirts.

Das Schönste aber am Postmichel ist, daß er mir die Mundart der Heimat geläufig erhält und ihren ganzen Herzschlag.

Der Schutzherr der Briefträger ist der Erzengel Gabriel. Zu ihm haben die Briefträger zu beten in Freud und Leid, denn er ist ein großer Helfer. Er hat feinerzeit, und das ist die Ursache der Patenschaft, der Jungfrau Maria die Botschaft vom Himmel gebracht, daß sie Mutter des Sohnes Gottes werden solle. Diese Botschaft nennt ein schwäbischer Dichter 1509Das Liebesbriefchen des Herrn der Oberlande". Es gibt keinen Künstler von Rang, der die Ueberbringung dieses Briefchens, also die Verkündigung, nicht dargestellt hätte. Sanft sieht der Briefbote da, als ob er nicht auf drei zählen könne! Wie ein rechter Verführer, fo schmeichelt er sich an! Oder er bricht stürmisch durch's vergitterte Fenster herein! Maria, die reine Magd, weiß bald nicht, wie ihr ge­schehen soll, bald ergibt sie sich stumm und überroältigt, bald jubelt sie auf ob der Botschaft. Die schönste Verkündigung hat mein Landsmann Matthias Grünewald gemalt auf dem Jfenheimer Altar, der heute in Kolmar steht.

Ich weiß nicht, ob der Postmichel Kenntnis hat von so schönen und beruflich wichtigen Dingen und ob er überhaupt noch betet. Sein Namenspatron ist ja auch solch ein hoher Engel, der Erzengel Michael, der die Schlacht der guten Engel gegen die bösen Engel siegreich leitete, eine Angelegenheit, die nicht minder oft von Künstlern aller Art dar- gestellt wurde. Aber ich pfeife letztlich auf diese Kunst, wenn die Sache, die sie darstellt, nicht mehr in Ordnung ist, mit andern Worten: wenn die hohen Schutzherren nur noch für ein paar Künstler da sind. Dom Postmichel kann und muß ich sagen: er war ein Ehrenmann, aber ein Engel war er nicht! Biele Menschen sind ja heute leicht geneigt, sich damit zu begnügen, daß irgendein Michel ein Ehrenmann ist. Soviel ich weiß, fragt auch die Reichspost nicht mehr nach solcherlei Patronaten: aber wohin soll das führen?!

verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Antversitäts-Duch- und Steindruckerei.2t.Lunge, Gieße«.