Oer harte Geevogel von Danzig.

Von 21. von Riha.

Als vor 480 Jahren ein Danziger Geschwader bei Bornholm eine fast dreifache dänische Uebermacht vernichtend schlug, wurde zum ersten Male in einem Seetreffen mit brauchbaren Kanonen gekämpft. Außer­dem ersann Bokelmann, der Führer des Danziger Geschwaders, hierbei ein neues seetaktisches Manöver, das bis zum Ende der Segel- jchiffszeit gültig blieb: er gewann dem gegnerischen Geschwader den Wind ab, zwang es durch ein auseinandergezogenes Feuergefecht zur Teilung und stürzte dann von seiner günstigen obern Windtage nacheinander auf die getrennten Teile her. Dadurch besiegten sechs Danziger Schiffe 16 dänische, von denen sechs auf den Grund geschickt und sechs als Prisen nach Danzig eingebracht wurden.

Auf Bokelmanns Flaggschiff diente in dieser Schlacht der 15jährige Paul Beneke als Kapitänslehrling. Er bestand seine Feuertaufe so ruhmreich, daß er vom Danziger Bürgermeister öffentlich belobt wurde, weil er beim Entern des dänischen Flaggschiffs im Handkampf den dänischen General Zinnenberg überwältigte. So zeigte sich schon der halbwüchsige Junge als der künftige deutsche Seeheld der Ostsee, der von seinen aufgescheuchten Gegnern den Beinamen des harten Seevogels von Danzig erhielt.

Sein eigentlicher Name blieb unbekannt. Er war ein Seefindling. Als Geschwaderführer Bokelmann noch als Kapitän fuhr, überrannte er im Herbst 1442 mit seiner großen Kogge in der Ostsee bei dickem Nachtnebel ein kleines (vermutlich Lübecker) Schiff, das rasch versank. Von der Besatzung der gerammten Krafsele blieb nur ein etwa andert­halbjähriger Knabe am Leben, der in seinem Bettkorb auf der Unfall­stelle schwamm. Er wurde geborgen und nach Danzig mitgebracht, wo ihn der reiche Kaufherr B en e k e an Kindes Statt annahm und ihm fernen Namen gab. v .

Aus der See war er gekommen und zur See zog es ihn zuruck, obwohl ihm der Adoptivvater in feinem großen Kaufhaus eine schöne und behagliche Zukunst bot. Als er durch (eine kühne Tat in der Born- holmer Seeschlacht mit Ehren in den Seemannsberuf eingetreten war, erwarb er bald unter seinen Zeitgenossen den höchsten seemännischen Ruhm Schon mit 16 Jahren war er erster Steuermann des Kapitäns Eler Bokelmann, des Sohns des Geschwaderführers. Das gab ihm sehr schnell die willkommene Gelegenheit zu einer neuen wagemutigen Tat. Eler Bokelmanns Kogge segelte mit einem Danziger Börse nach dem Kattegat, um die Dünen für die Wegnahme einiger Danziger Frachtführer zu strafen. Dabei wurde ein dänisches Schiff bei Laesö genommen und der junge Beneke zu feinem Kapitän ernannt. Gleich­zeitig erhielt er den Auftrag, nachts in den Hafen von Laesö einzudringen und zwei dort liegende dänische Kriegsfahrzeuge zu kapern. Er brachte aber bedeutend mehr heraus, nachdem er mit Ruderbooten heimlich in den Hasen eingesahren war, nämlich sechs dänische Kauffahrer und vier Danziger Frachtschiffe, die dort als dänische Prisen lagen. Nicht genug damit, überrumpelte er den schlafenden Bürgermeister von Laesö in seiner Wohnung und zwang ihn zur Herausgabe aller deutschen Gefange­nen und zur Zahlung eines hohen Lösegeldes. Für diese kühne Tat erhielt der 18jährige Kapitän eine goldene Halskette, den Rang eines Schiffs- Hauptmanns und das Kommando der größten der dänischen Barsen, die er genommen hatte. , .

Als König Eduard IV. von England im Jahre 1465 plötzlich In London den Stahlhof, die große Faktorei der deutschen Hansa, schließen und alle Deutschen im Lande gefangensetzen ließ, entsandte er gleich­zeitig ein starkes Geschwader, das die hanseatische Seemacht vernichten sollte. Beneke und Eler Bokelmann befanden sich zu diesem Zeitpunkt mit ihren Schissen in Holland und fuhren sogleich nach der englischen Küste hinüber, wo sie bei Deal Fanbeten, 30 angesehene Bürger als Geiseln festnahmen und 18 englische Schiffe in Brand steckten. Hieruaf fegelten sie nach der französischen Kanalküste, um den aus Paris beimkehrenden Lordmajor von London gefangenzunehmen.

Nachdem auch dieser Handstreich gelungen war, fuhren die beiden Danziger Kapitäne nach der flandrischen Küste, wo im Zweener Hasen fünf englische Kriegsschiffe lagen. Während die beiden Danziger Schiffe auf hoher See blieben, fuhr Beneke nachts mit nur einem Matrosen, als Fischer verkleidet, mit einem kleinen Boot in den Zweener Hafen hinein. Sie gelangten unter das mächtige Spiegelheck des englischen FlaggschiffsSt. John" und gossen hier im Schutz der dunklen Regen­nacht geschmolzenes Blei an die Fingerlinge des Steuers, das dadurch unbeweglich wurde. Dann kehrten sie auf ihr eigenes Schiff zurück.

Im Morgengrauen fuhren Beneke und Eler Bokelmann mit ihren Schiffen im Hasen ein, um die fünf Engländer anzugreifen. Ein Eng­länder wurde fofort im ersten Anprall außer Gefecht gesetzt. Die vier anderen ließen ihre Anker schlüpfen, um zur Aufnahme des Gefechts sich in Bewegung zu fetzen. Aber das mächtige englische Flaggschiff trieb mit [einem gelähmten Steuer seewärts ab und muhte sich den Danzigern ergeben. Die restlichen drei Engländer waren kleinere Fahrzeuge. Zwei von ihnen konnten flüchten, während das dritte gekapert wurde. Beneke hißte auf dem stolzenSt. John" die Danziger Flagge und übernahm felbft das Kommando über das schöne und gewaltige Orlogschiss.

DerSt. John" wurde fein Flaggschiff, als er 1470 ein Danziger Geschwader von sechs Schissen nach Flandern führte, wo sich eine hanseatische Flotte zum Kampf gegen England fammelte. Hier angekom­men, erfuhr Beneke, daß der König von England auf der Ueber- fahrt nach einem feeländischen Hafen war. Das genügte für Beneke, um sofort in den feeländifchen Hafen einzulaufen und hier den ankommenden König zu erwarten und gefangenzunehmen. Beide schlossen hieraus einen Vertrag, in dem der König die Forderungen Benekes bewilligte und als Gegenleistung von ihm nach England zurückgebracht wurde. Damit hatte sich Beneke Rückenfreiheit gegen die Franzosen geschaffen, die mit einem großen Geschwader von 17 Schiffen gegen die Hansa zu Feld zogen. Beneke sammelte 14 hanseatische Schiffe unter feinem Kommando und

betten Scheibe sitzt der Kassier, ein Mann fordert meine Karte, ich trete fn den Dorn, den Hut in der Hand, und alsbald weht aus schwach er- bettien Riesengewölben mir erwartungsvolle heilige Luft entgegen. Kleine Ampeln senden zaghafte Lichtstrahlen an den Säulen und Pfeilerbündeln ernvor, Strahlen, die sich im grauen Gestein verlieren und hoch oben warm und zart in den Wölbungen versickern. Ein paar Banke sind dicht besetzt, weiterhin steht Schiff und Chor fast leer. Ich schleiche auf «eben auch so noch hallt mein Schritt mir nach durch den großen feierlichen Raum, im dunklen Chor stehen alte, schwere Holzbanke mit geschnitzten Lehnen wartend, ich schlage einen Sitz herunter, der hölzerne Klang tönt dumpf in der steinernen Höhe wider.

Rufnähen niste ich mich in dem wetten, tiefen Sessel ein ich ziehe ein Program hervor, es ist aber zu dunkel zum Lesen. Ich besinne mich, kann mich aber nimmer genau erinnern, es war das Orgelstuck eines verstorbenen französischen Meisters angekündigt und eine alte italienische Geigensonate, wer weih von wem, und dann ein Vorspiel und eine Fuge von Bach.

Zwei, drei schwarze Gestalten kommen noch in den Chor geschlichen, setzen sich jeder weit vom anderen, graben sich tief in den alten Sitzen «in Jemand läßt ein Buch fallen, hinter mir höre ich zwei Madchen- ftimmen flüstern. Nun Ruhe, Schweigen. Fern auf dem beleuchteten Seltner, zwischen den beiden runden Lampen und vor den kühl glän­zenden hohen Orgelpfeifen, steht ein Mann, er winkt, er fetzt sich, ein erwartungsvoller Atemzug geht durch die kleine Gemeinde. Ich mag nicht Hinsehen, ich schaue zurückgelehnt hoch in die Wölbung hinauf und atme die verschwiegene Kirchenluft.

Da, ein hoher, starker Orgelton. Er füllt, anwachsend, den unge­heuren Raum, er wird selber zum Raume, umhüllt uns ganz. Er wächst und ruht aus, und andere Töne begleiten ihn, und plötzlich stürzen sie alle in einem hastigen Davonfliegen in die Tiefe, beugen sich, beten an, trotzen auch und verharren gebändigt im harmonischen Bah. Und nun schweigen sie, eine Pause weht wie der Hauch vor einem Gewitter durch die Hallen. Und jetzt wieder: mächtige Töne erheben sich in tiefer, herz­licher Leidenschaft, schwellen stürmend hinan, schreien hoch und hinge- !leben ihre Klage an Gott, schreien nochmals und lauter, und ver­trimmen. Und wieder heben sie an, wieder hebt dieser kühne und ver- unkene Meister seine mächtige Stimme zu Gott, klagt und ruft an, weint fein Leid in stürmenden Tönereihen gewaltig aus, und ruht und spinnt sich ein und greift Gott in einem Choral der Ehrfurcht und Würde, spannt goldene Bögen durch die hohe Dämmerung, läßt Säulen und tönende Säulenbündel hinansteigen und baut den Dom seiner Anbetung empor, bis er steht und in sich ruht, und er steht noch und ruht und umschließt uns alle, als schon die Töne verklungen sind.

Wie kleinlich und schlecht leben wir, muß ich denkenI Wer von uns dürfte so vor Gott und vor das Schicksal treten wie dieser Meister, mit solchen Rusen der Anklage und des Dankes, mit so emporgebäumter Gröhe eines tiefgesinnten Wesens? Ach, man sollte anders leben, anders fein, mehr unterm Himmel und unter den Bäumen, mehr für sich allein und näher bei den Geheimnissen der Schönheit und Größe.

Die Orgel hebt wieder an, tief und leise, ein langer, stiller Akkord; atni) über ihn hinweg steigt eine Geigenmelodie in die Höhe, in wunder­vollen geordneten Stufen, wenig klagend, wenig fragend, aber aus ge­heimer Seligkeit und Geheimnisfülle singend und schwebend, schön und eicht wie der Schritt eines jungen Mädchens. Die Melodie wiederholt ich, ändert sich, verbirgt sich, sucht verwandte Figuren und hundert seine, piekende Arabesken auf, windet sich flüssig auf engsten Pfaden und geht rei und gereinigt wieder hervor als ein stillgewordenes, geklärtes Ge- ühl. Hier ist keine Größe, hier ist kein Schrei und keine Tiefe des Leidens, noch auch hohe Ehrfurcht, hier ist nur Schönheit einer be­gnügten, frohen Seele. Sie hat uns nicht anderes zu fügen, als daß die Welt schön und voll von göttlicher Ordnung und Harmonie ist, ach, und welche Botschaft hören wir seltener und haben wir nötiger als diese frohe!

Man fühlt es, ohne es zu sehen, in der ganzen großen Kirche wird jetzt von vielen Gesichtern gelächelt, froh und rein gelächelt, und mancher findet diese alte schlichte Musik ein wenig naiv und veraltet, und lächelt doch auch und schwimmt mit in dem einfachen, klaren Strom, dem zu folgen eine Wonne ist.

Man spürt es noch in der Pause, die kleinen Geräusche, Geslüster und Zurechtrücken in den Bänken tönen froh und munter, man freut sich und geht befreit einer neuen Pracht entgegen. Und sie kommt! Mit freier, großer Gebärde tritt der selige Meister Bach in seinen Tempel, grüßt Gott mit Dankbarkeit, erhebt sich von der Anbetung und schickt sich an, nach dem Text eines Kirchenliedes seiner Andacht und Sonntags- ftimmung froh zu werden. Ader kaum hat er begonnen und ein wenig Raum gefunden, treibt er feine Harmonien tiefer, holt den größten breiten Baß herbei, baut Melodien ineinander und Harmonien inein­ander und stützt und hebt und rundet feinen Tönebau weit über die Kirche hinaus zu einem ©temenraum edler, vollkommener Systeme, als fei Gott schlafen gegangen und habe ihm feinen Stab und Mantel über­geben. Er wettert in zufammengeballten Wolken und öffnet wieder freie, heitere Lichträume, er führt Planeten und Sonnen triumphierend her­auf, er ruht lässig im hohen Mittag und lockt zur rechten Zeit die Schauer des kühlen Abends hervor. Und er endet prächtig und geroalHg wie die untergehende Sonne und hinterläßt im Verstummen die Well voll Glanz und Seele.

Still gehe ich durch den hohen Raum und über den kleinen ver­schlafenen Platz, still über die Brücken und durch die Latemenreihen zur Stadt hinaus. Der Regen hat aufgehört, hinter einer ungeheuren Wolke, die das ganze Land bedeckt, ahnt man in wenigen Ritzen Mond- licht und schone Nachthelle. Die Stadt verschwindet, und die Eichen an meinem Feldweg rauschen in einem fünften frischen Winde. Und ich steige sacht die letzte Höhe hinan und betrete mein schlafendes Haus, zu den Fenstern fpricht die Ulme herein. Nun mag ich gern zur Ruhe gehen und wieder eine Weile das Geben erproben und fein Spielball fein.