Die Gräfin floh noch England, wo sie den La Motte in nrryiicyen Verhältnissen wiederfand. Er halte keine Diamanten mehr, nur böse Schulden: und wenn sich nicht ein Lord gefunden hätte, mit einer Pension demOpfer der Justiz" zu helfen: so. hätten für die beiden wohl die Tage von Luneville von neuem angefangen, bevor sich die La Motte , noch einmal aus dem Halsband eine Existenz aufbaute: Was so lange ihr Geheimnis gewesen war, das stand nun im Gespräch der ganzen Welt seitdem das Parlament der Königin von Frankreich unrecht ge­geben hatte. Und das Gespräch der Welt war dankbar für jeden neuen Klatsch, auf den aus allen Löchern die klebrigen Maden der Verleum­dung kriechen konnten.

Die hatten jede Wendung des Prozesses schon mit ihrem Schleim verschmiert. Pamphlete und Chansons, Karikaturen waren zu Hunderten erschienen und mit keinem Klassiker waren seit Jahren soviel Geschäfte gemacht worden, wie mit den Reden der Verteidiger beim Prozeß in wenigen Stunden, und was den Hof traf, das ging am besten.

Er hatte anderthalb Jahrhunderte daran gesetzt, dies zu verdienen. Es gab kein Laster, das in Versailles nicht bis zum Ekel durchgeschmeckt war, kein Verbrechen, das im Sonnenkönigsschatten wichtiger war, als eine falsch gebundene Schleife. Nun durch Ermüdung aller Greuel war das alternde Leben wieder auf die nüchterne Straße der Tugend zurück- gekehrt, darauf der redlich dicke König sich täglich anders beraten ließ und die Kaisertochter ihre harmlosen Mondscheinfahrten machte. Nur die Gerüche schwelten noch in den Gassen von Paris und da am stinkendsten, wo das Elend am tiefsten war. Die konnten, um ans Licht zu steigen, sich nicht an das Vergangene hängen und nun sorgten die Memoiren der Gräfin für die Laster der Gegenwart.

Sie hatte sich die Kupferstiche der Gräfin kommen laffen, die arme Königin, die nicht begriff, warum gerade sie so unerbittlich von der Natter gebissen wurde, dahinter sie noch immer den Kardinal vermutete, als längst die Helden der Gerechtigkeit, die Robespierre, Herbert und Marat mitsamt dem Herzog von Orleans ihr furchtbares Gift behüteten. Auch der Calonne, der als Finanzminister die Schuldenlast des Hofes ins Schwindelhafte gesteigert hatte, und nun in London mit der Gräfin trotz dem Grafen im zärtlichen Verhältnis lebte, die zwar als Diebin mit dem Brandmal gezeichnet, doch immer noch mit ihren dreißig Jahren und ihrer Tollheit begehrenswert erschien. Er half mit feiner Kenntnis der höfischen Gebräuche, daß ihre Memoiren durch den Anschein der Richtigkeit die Frechheit ihrer Schmähungen gefährlich deckten, so daß das Buch, in Tausenden von Exemplaren verbreitet und in die Sprachen Europas übersetzt, durch seine Schilderungen ihrer Nächte und Ver­brechen Marie Antoinette zum Abfcheu von Millionen machte.

Die Weltgeschichte hat so mancherlei zu tun, bis es in ihren Kesseln kocht, daß sie nicht nur die großen Köche und sauberen Küchenmädchen brauchen kann. Da gibt es schmutzige Arbeit, mehr als reine, und die La Motte war ausgesucht, in ihrer Zeit die schmutzigste zu leisten, bevor die Revolution ins Kochen kam. Und nichts war kummervoller in dieser Zeit, als daß der Hof, der einen Rohan unwürdig fand, nun mit der La Motte feilschen mußte um den Preis, wofür ein weiteres Buch der Gräfin Valois-La Motte der Königin zur Schonung nicht erscheinen sollte. Nun endlich hatte Scanne de Luz de Saint-Remy die Ehre, daß die vertraute Freundin der Königin, die Herzogin von Polignac, mit ihr zu unterhairdeln nach London tarn. Und sicher wäre sie mit dem ent­blößten Brandmal der Diebin auf der Brust als Sinnbild des unter­drückten Volkes von Paris noch vor Taufenden in die Hauptstadt von Frankreich eingezogen, wenn es dem Schicksal selber mit diesem Sinn­spiel nicht zu grausig geworden wäre.

Es verwirrte der Jeanne die Sinne, als sie an einem Morgen sich noch eingeriegelt glaubte und plötzlich zwei englische Polizisten in ihr Zimmer treten sah. Sie wollten bei ihr pfänden um eine Schuld; doch sie, die aus dem Morgenschlaf und einem bösen Traum flatternd erwachte wie ein Vogel, der sich noch retten will, sie flog vor ihnen her im Nachtgewande zum Fenster, das halb geöffnet war, und sprang hin­aus. Obwohl es hoch im dritten Stockwerk war, fiel sie nicht tot, weil sie erst auf ein Hinterdach, danach auf eine Stange schlagend, nicht gleich zur Erde kam. Doch wurde sie mit schweren Knochenbrüchen hinauf­getragen, die man heute vielleicht zu heilen wüßte, die damals aber zu inneren Eiterungen führten, an denen sie nach Wochen schlimmster Schmerzen sterben mußte. So höhnisch ging das Schicksal mit ihr um, daß als der letzte Tröster Tag für Tag allein ein Agent des Hofes, namens Bertrand, an ihrem Lager saß; ein armer und bezahlter Teufel, dem sie trotzdem vertraute.

So starb die Tochter Valois, die eine Königin vernichtete, um sich ein armes Leben lang Genüsse vorzutäufchen, die ihr der Ehrgeiz nicht in der Wirklichkeit verschaffen konnte. Was von der Königin den bittem Tod der Bettlerin in London überlebte, das war die helle Herrin von Trianon nicht mehr, das war eine in Harm oerfteinte Frau. Sie hatten nichts gelernt, die ihren Königswagen noch durch den Aufruhr bringen wollten. Sie kauften von dem Grafen La Motte für vierzehntaufend Livres alles auf, was von dem zweiten Buch der Gräfin schon ge­druckt war, und ließen es verbrennen in den Oefen der Manufaktur zu «eores. So ungeschickt, daß schon am andern Tag das Parlament dar­über unterrichtet im neuen Aufruhr war, und daß nach einem trotz aller Vorsicht verschleppten Exemplar das Buch im Staatsauftrag nach wenigen Wochen neu gedruckt erschien: mit Briefen der Königin an den (Beliebten Rohan, mit Schilderungen ihrer Liebesstunden im runden Venussaal zu Trianon, daran der Haß sich zu den letzten Taten, dem Mord der Königin, entrüsten konnte.

So war die Sonnenkönigin gestorben, lange Jahre bevor ihr un­gebeugter Stolz durch Schmutz und Greuel schreitend auf dem Schafott ein Ende fand. Gestorben, weil sie von einer Natter unterm Herzen N'bissen worden war.

Ende.

An den Mond.

Von I. W. von Goethe.

Füllest wieder Busch und Tal still mit Nebelglanz, lösest endlich auch einmal meine Seele ganz.

Breitest über mein Gefild lindernd deinen Blick, wie des Freundes Auge mild über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz froh und trüber Zeit, wandle zwischen Freud' und Schmerz in der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh;

so verrauschte Scherz und Kuß und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner Dual nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang, ohne Rast und Ruh', rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu,

wenn du in der Winternacht wütend überschwillst, oder um die Frühlingspracht junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt, einen Freund am Busen hält und mit dem genießt, was, von Menschen nicht gewußt oder nicht bedacht, durch das Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht.

Kirchenkonzert.

Von Hermann Hesse.

Es regnete zäh und hoffnungslos, und ich hatte wenig Lust, noch einmal die Stiefel anzuziehen und den weiten Weg in die Stadt zu machen. Aber ich war allein und meine Augen schmerzten von der Arbeit und von allen Wänden sahen mich die goldenen Bücherreihen mit ihren schweren Fragen und Pflichten an, die Kinder schliefen schon und mein kleines Kaminfeuer war ausgegangen.. Ich entschloß mich also zu gehen, suchte das Konzertbillett hervor, zog die Stiesel an, legte den Hund an die Kette, und ging im Regenmantel durch den Schmutz und Regen.

Die Lust war frisch und herbstlich bitter, schwarz kroch der Feldweg zwischen den hohen krummen Eichen in launigen Bogen um die Nach­bargüter. Aus einem Portierhäuschen schimmerte Licht. Ein Hund schlug an, kam ins Zürnen, bellte höher und höher und mußte plötzlich auf- hören. Aus einem Landhaust hinter schwarzen Gebüschen hervor tönte Klavierspiel. Nichts Schöneres und Sehnsüchtigeres, als so am Abend allein im Feld zu gehen und aus einem einsamen Hause Musik zu hären; eine Ahnung von allem Guten und Liebenswerten wacht da auf, von Heimat und Lampenlicht, Abendfeierlichkeit in füllen Räumen, von Frauen­händen und feiner häuslicher Kultur.

Da war schon die erste Laterne, einsamer Vorposten der Stadt, und wieder eine, und nahe schimmernde Vorstadtgiebel, und plötzlich hinter der Mauerecke blendend in grellem Bogenlicht die Tramstatton, wartende Menschen in langen Mänteln, plaudernde Kondukteure mit nassen, trie­fenden Mützen und matt auf feuchten Rocken schimmernden Uniform­knöpfen. Ein Wagen knattert heran, blaue Blitze unter sich, hell und warm mit breiten Glasscheiben. Ich steige auf, wir fahren, aus dem erleuchteten Glasgehäust sehe ich nächtige Straßen breit und öde, an den Ecken da und dort eine Frau, die unterm Regenschirm auf unseren Wagen wartet, und hellere und lebendigere Straßen, und plötzlich strahlend jenseits der hohen Brücke die ganze Stadt im Abendglanz Der Fenster und Laternen, und unter der Brücke tief und fern das Flußtal mit dem dunkel heraufspiegelnden Wasser und den weiß- schaumigen Wehren.

Ich steige aus und gehe durch die Arkaden einer schmalen Gasse dem Münster entgegen. Auf dem kleinen Münsterplatz funkelt ein Laternenlicht schwach und kühl im nassen Straßenpflaster, auf der Terrasse wehen die Kastanienbäume, über dem rötlich erleuchteten Portal verschwindet schmal in unendlicher Höhe der gotische Turm in die nasse Nacht. Menschen in feuchten Kleidern stehen gedrängt, hinter seiner