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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 1956
Montag, den 2. November
Kummer 85
Die Halsbandgefchichie
Erzählt von Wilhelm Schäfer
Copyright by Albert Langen, Georg Müller Verlag, München (Schluß.)
Und als er alle Fragen unbefangen und bestimmt, nur mit der deutlichen Wehmut beantwortete, durch Leichtgläubigkeit seiner Feindin unterlegen zu sein: entzogen sich selbst die Spötter im Saal der Tragik seines Schicksals nicht, das ihn weniger aus blindem Ehrgeiz als aus Liebe zum Volk in diesen Handel gebracht hatte; daß er nun ein alter Mann war, der in dieser traurigen Affäre sein Leben mit verspielte, das fühlte jeder. So ' versagte ihm keiner sein Mitgefühl, und als er sich beim Abgang vor dem Gerichtshof verneigte, er, der allmächtige Kardinal und Groß-Almosenier von Frankreich, um Abschied von der Welt zu nehmen, darin er sich durch Leichtgläubigkeit eine große Rolle verdorben hatte, erhoben sich selbst „die Herren der großen Bank", den Gruß erwidernd.
Nach dem Helden kam die Naive, das Spottbild seiner Gegnerin, Nicole Leguay, im Spiel die Gräfin Oliva. Sie konnte nicht sogleich erscheinen, weil sie gerade ihren Neugeborenen schenkte, und die Herren Räte um den Aufschub einiger Minuten bitten muhte. „Das Gesetz verstummte vor der Natur", hieß es danach im Protokoll. Sie selber aber verstummte vor dem Gesetz, als sie endlich, eilfertig zugeknöpft, erschien. So oft sie etwas sagen wollte, schluchzte sie und brachte keinen Satz heraus, so daß sie schon in Kürze ihrem Söhnchen zurückgegeben wurde.
Zum Schluß als lustige Person der Cagliostro. Es waren manche in dem Saal, die ihn noch nicht gesehen hatten, und es schien, als hätte eine kundige Hand ihn für das Ende dieser Szene aufgespart, auch die Müden noch einmal anzuregen. Er kam im Rock aus grüner Seide, mit Gold behängt wie ein Löwe, den man endlich in die Arena läßt. Kaum wartete er die erste Frage ab, um mit seiner Drommetenstimme die Vorstellung zu beginnen; nach wenigen Minuten war ein Gelächter in der Kammer, das nur die Sorge, ihn zu stören, manchmal dämpfte. Er sprach nach seiner Gewohnheit in einem Kauderwelsch aus allen Sprachen, warf mit den Armen um sich, daß er schwitzte, sank manchmal aus Entzückung vor sich selber fast in die Knie und brachte jedem zum Bewußtsein, was für ein Satyrspiel dieser Handel doch gewesen war, so daß die Sitzung endlich mit einer Fröhlichkeit ausging, die allen Angeklagten zugute kam, nur nicht der Königin, der man die Blindheit ihres Hasses argwöhnisch nicht übersah.
Um fünf Uhr andern Morgens schon stand man und wartete. So heftig war der Andrang und soviel Leidenschaft in bloße Neugier gemischt, daß nur durch eine Kette von Soldaten die Straße freigehalten wurde, durch welche sich die Räte zur Großen Kammer begeben konnten. Am Eingang aber standen seit einer Stunde unbewegt die Fürsten und Fürstinnen der Häuser Rohan, Soubise, Lothringen, Guemenee in Trauerkleidung, und verneigten sich schweigend vor jedem Gerichtsherrn, der an ihnen vorüber mußte.
Es waren vierundsechzig Stimmen, von denen die fünfzehn der geistlichen Räte der schönen Eminenz aus alter Neidschaft nicht günstig waren. Sie zu beseitigen, wurde von den Freunden des Kardinals für die Gräfin die Todesstrafe beantragt, weil damit die Würde ihres Amtes verlangte, daß sich die geistlichen Herren entfernen mußten. Danach blieben noch ncunundvierzig Stimmen, die für die kleineren Beklagten rasch einig waren: Die Gräfin wurde zur Züchtigung auf bloßem Körper, zur Brandmarkung auf beiden Schultern verurteilt, und zur Einsperrung lebenslänglich in die Salpetriere. Ihr Vermögen wurde konfisziert zum Nutzen des geschädigten Kardinals. Der Graf in Abwesenheit zur gleichen Strafe; der Netaux wurde milderweise des Landes verwiesen; gegen die andern, namentlich die Nicole, auf Einstellung des Verfahrens erkannt.
Das gleiche Urteil wollten feine Gegner auch dem Kardinal auflegen, statt einer ganzen Freisprechung, weil sie den Tadel, der darin lag, für seinen Leichtsinn und die Unehrerbietung vor der Majestät für nötig hielten. Darüber brach noch einmal die Leidenschaft zu Stürmen aus; denn jeder der neunundvierzig Räte mußte sein Urteil und die Begründung dazu einzeln abgeben. Da gab es einige, die sich mit kurzem Wort absanden, die meisten aber suchten noch diese letzte Gelegenheit, zu überzeugen, und einer der Gegner von Versailles ging mit Worten vor, wie sie ein französisches Gericht noch nicht vernommen hatte. Nach sechzehnstündiger Beratung konnte abends endlich das Urteil verkündigt werden. Mit sechsundzwanzig gegen einundzwanzig Stimmen — zwei hatten sich aus Gründen der Verwandtschaft noch enthalten müssen — wurde der Kardinal Rohan gänzlich freigesprochen. Und weil die andern Stimmen
auch nur auf Einstellung erkannten, war der Triumph für ihn so groß, daß er ihn wohl für die Leiden hätte entschädigen können, wenn seine Lebenskraft in Krankheit und Enttäuschung nicht unterdessen gebrochen gewesen wäre.
Zwar muhte er noch einmal in die Bastille zurück. Aber sein Transport dahin verfiel einem Ausbruch der wilden Leidenschaft. Von vielen Tausenden begleitet, bei jedem Schritte aufgehalten, von Blumen überschüttet, brauchte sein Wagen Stunden, bis er zur Festung kam. So laut war das Triumphgeschrei in allen Gassen, daß einige meinten, es müsse in Versailles zu hören sein. Und wo ein Richter von der Menge erkannt wurde, da rissen ihn die Damen an sich, ihn zu küssen. Zum erstenmal in dieser erregten Zeit erschienen die Fischweiber der Halle auf den Straßen. Von ihren kräftigen Armen gedrückt, mit Blumen überstreut, trug mancher Richter einen Geruch in seine Säle, der die Straße bedrohlich ahnen ließ.
IX. , ,
Die Königin erhielt die Nachricht von dem Freispruch noch in der Nacht. Sie brauchte keinen, der ihr den Sinn davon auslegte. Sie fühlte, daß sie damit das Volk von Frankreich verloren hatte, und gab sich der Empörung, daß dies so unwürdig geschah, ohne Rücksicht hin. Sie hielt den Kardinal für schuldiger als vorher und nahm das Urteil auf wie eine absichtliche Beleidigung. Ihre Frauen fanden sie tagelang weinend dafitzen, und so hartnäckig war diese Tochter Maria Theresiens, daß sie den schwachen König noch zu einem dritten Streich antrieb, der nun als eine Kriegserklärung ans Parlament und an das Volk einschlagen mußte. Sie handelte wie alle Willkür, erst rief sie selber die öffentlichen Gerichte an; als die nicht nach ihrem Sinne das Urteil sprachen, trat doch Gewalt vor Recht. Und alles Unrecht, was ihr in dieser Sache geschehen war und noch geschah, war doch nicht schlimmer, als daß sie nun den König antrieb, das Urteil eigenmächtig zu korrigieren.
Kaum war der kranke Rohan am zweiten Tag nach seinem Freispruch wieder im Hotel de Straßbourg aufgestanden, bejubelt von dem Volk, das sich vor seinem Fenster unablässig drängte und ihn zu sehen wünschte, als zum letztenmal der Breteuil im königlichen Auftrag bei ihm erschien. Der Rohan hatte Zeit gehabt, fein Leben zu bedenken; er wußte, daß es verloren war, und gab sich keiner Rache hin. Er empfing den Breteuil bei sich, wie es dem Hausminister des Königs ziemte, ließ ihn durch keine Miene spüren, daß er doch als Sieger geblieben war, und nahm mit Gleichmut die königliche Korrektur des Urteils hin: daß er sein Amt als Groß-Almosenier abzugeben und sich in die Verbannung nach seiner Abtei La Chaise-Dieu zu begeben habe. Dieser Stuhl Gottes lag nicht eben lieblich in den Bergen der Auvergne, und nach Reinigung des Kardinals vor dem Parlament war es deutlich, was dieser durch Geheimbefehl verordnete Landaufenthalt bedeuten sollte. So hatten die Pariser auch gleich den bösen Spott zur Hand, und kein Wort wurde an jenen Tagen mehr gehört und mehr belacht als jenes, das einem Witzbold durch die Zähne sprang: Das Parlament hat ihn purgiert, nun schickt die Königin ihn auf den Stuhl!
Und wer danach noch zweifelte, daß die Königin das Parlament durch Nadelstiche ihrer Ohnmacht treffen wollte, der war bestürzt, als später die La Motte geheimnisvoll begünstigt aus der Salpetriere entweichen konnte. Sie war am schlimmsten weggekommen. Die Henker hatten ihr vor allem Volk die nackten Schenkel mit Ruten wund geschlagen und dem Blut der Valois das Brandmal einer Diebin auf- gedrückt. So gräßlich waren ihre Zuckungen dabei gewesen und wie bei einer Wildkatze die Kraft in ihrem kleinen Körper, daß ihr das glühende Eifen beim zweitenmal statt auf die Schulter auf ihren Busen kam. Das hatten Hunderte mit angesehen, die Tausenden davon erzählten. So rasch die Menge ist, zum Schaden ihren Spott zu legen, dem Leidenden gibt sie die Welt. Bald wußte man die rührenden Geschichten zu erzählen, wie sie sich mit den Zähnen wehrte, als ihr die Peiniger die Kleider vor allem Volk vom Leibe rissen, und wie sie einen durch ihren Biß aufs Blut verwundete, wie ihr zartes Fleisch unterm glühenden Eisen rauchte und wie sie ganz zerschunden, ohnmächtig und mit Sand und Blut bedeckt auf einem Karren in die Salpetriere gefahren worden war. Wie dort eines der armen Mädchen der Gräfin aus Mitleid seinen Strohsack abgetreten habe, damit sie nicht mit sechs Gefangenen zugleich auf einem Lager schlafen mußte. Wie sie in grobe Sackleinwand gekleidet fei, und dennoch ihre Tage lesend in der „Nachfolge Christi" verbrächte! In den Schaufenstern der Buchhändler war ihr Bild in dieser Tracht zu sehen, und in den Zeitungen standen täglich Einzelheiten aus dem Gefängnisleben. So wurde ihre Flucht zwar durch das Mitleid begünstigt, doch diente sie dem Hof zum Schaden, weil gleich das heimliche Gerücht begann, daß die geheimnisvolle Verbindung nut der Königin nun bewiesen sei und daß Marie Antoinette sich nur mit ruhigerem Gewissen ihres Halsbandes freuen wollte.


