Okioberiag am Hamburger Hafen.

Von Heinrich Hauser.

Die ganze Nacht fuhr er von Mitteldeutschland aus in einem billigen altmodischen klapprigen Personenzug nach Norden. Er hatte eine Rückfahr­karte geiöst, um Geld zu sparen, und er fuhr nachts, um Zeit zu sparen, denn er hatte nur einen einzigen freien Tag. Er war 68 Jahre alt und noch nie im Leben über das Dreieck Halle-Leipzig-Bitterseld hinaus- gekommen.

Abends um 10 Uhr, als er den Zug bestieg, war er ungeheuer auf­geregt gewesen; das war ja die Zeit, wo er sonst schlafen ging, und jetzt stürzte er sich statt dessen in das größte Abenteuer seines Lebens: ganz plötzlich war es über ihn gekommen, daß er einmal noch vor seinem Ende da/Meer sehen wollte und die großen Schiffe.

Allmählich wurde er ruhiger, er fuhr, das war nun nicht mehr zu bezweifeln. Er fingerte zum hundertstenmal nach der Rückfahrkarte ja, da war sie noch, ein winziges Stückchen brauner Pappe, schwer zu erfühlen in der hornigen, von Arbeit fast taub gewordenen Hand. In den Kurven sah er den Feuerhauch der Lokomotive, und die quirlende Rauchsäule schlug durch die Luftklappe ins Abteil hinein. Der Geruch von Wasserdampf mit Kohlenstaub, das war der Geruch der Reise. Wenn es etwas bergauf ging und der Zug langsamer fuhr, trommelte der Alte mit den Fäusten gegen den Fensterrahmen, dabei ächzte er, als ob er eine schwere Last zu heben hätte. Er, der sein ganzes Leben lang Lastträger gewesen war, er konnte schon mit der Lokomotive fühlen; schwere Arbeit hatte sie mit dem langen, langen Zug. Allmählich überwältigte ihn die Schlafluft im Abteil, stickig und betäubend, wie sie war, das Knacken der heißen Heizungsröhie, das eintönige Poltern des Radgestells unter seinen Füßen. Er schlief et.

Eben in der Morgendämmerung lief der Zug in den Hambarger Hauptbahnhof ein. Es war Oktober, über Hamburg lag eine Nebelmauer, und die riesenhaften Wölbungen der Bahnhofseinfahrten waren wie Tore in Nichts. Auf den Nachbargleisen liefen die Vorortzüge ein mit den Arbeitermassen, die zur Frühschicht wollten; da schloß er sich an, das waren seine Kameraden, mit denen fühlte er sich zu Hause, obwohl er ihre Mundart nicht verstand. Es tat ihm wohl, wie sie im Gedränge von allen Seiten ihn umschlossen, ihn mitrissen in ihren halben Trab hinein. Ge­borgen wie ein Schaf in der Herde fühlte er sich, und ganz wie sie preßte er die abgewetzte, schlaffeAktenmappe" unter seinem Arm mit den schon hart gewordenen Butterbroten.

Auf der Straße, wo die Verkehrsampeln aus der Nebelwand glühten, wo die Elektrischen in langen Zügen glitten, noch mit Licht, folgte er, ohne zu fragen, instinktiv der großen Masse der Arbeitsmänner nach. Er dachte sieh, daß wohl viele von ihnen im Hafen arbeiten würden. Die Straßen waren naß, die schmalen, hohen Häuser waren vornübergeneigt und sahen drohend aus, aller Backstein war schwärzlich verrußt. Durch den Straßenzug hallte das Trappen der Arbeiter, die alle in eine Richtung wanderten, ein großes Heer und alle in der gleichen Haltung, etwas nach vorn gebeugt, etwas die Schultern hochgezogen, damit der Oelmantel nicht rutschte und derZampelsack", den sie über die Schultern geworfen trugen. Die Kaffeeslaschen staken ihnen aus den Jackentaschen, die weitgeschnittenen Kragen dieser Jacken waren hochgeschlagen und ihre Kanten abgewetzt. Auf dem Fahrdamm hörte er das Poltern schwerer Rollwagen, Peitschen­knallen, Kutscherfluchen; Glocken von Trams hämmerten ungeduldig, Auto­motoren rasselten, und nebelhaft trieben gewaltig hohe Warenballen wie Haufenwolken vorbei.

Da brach auf einmal fern, wie aus der Nebelwand voraus, ein Ton hervor, wie er ihn nie zuvor gehört hatte: ein Brummen im tiefsten Baß, so tief, wie kein lebendes Wesen ihn hervorbringen konnte, und doch unglaublich tierisch und beseelt, anschwellend, wie der Atem einer ungeheuer gewaltigen Brust, dehnend, den ganzen Raum erfüllend, bis es von unsicht­baren Wänden widerhallte, unsagbar mächtig, stark, satt und doch wieder hungrig, ein Urlaut, der ihm wie ein Stück Eis den Rücken hinunterlief. Da wußte er, daß er in der rechten Richtung wanderte, solch unerhörter Laut konnte nur aus dem Hafen kommen.

Da war es wieder; eine neue, helle Stimme schien der ersten zu ant­worten, und es war, als sei da hinten im Nebel eine Urzeitweide, auf der gewaltige Stiere sich gegenseitig anbrüllten, Herausforderung und kampf­lustige Antwort.

Er begann schneller auszuschreiten, und etwas wie ein Glanz kam in feine Augen, die blau waren, aber tfor Alter schon etwas stumpf, so ähnlich wie ein Hauch auf der Haut einer reifen Pflaume liegt: Er hörte schon das Anklatschen der Wellen, obwohl das Wasser unsichtbar war. Es roüblte und schnaubte Lebendiges im Nebelmeer, Schiffsschrauben, Dampf­maschinen und pochende Schwerölmotoren.

Ja, es mußte wimmeln von Leben auf dem Wasser, denn in den Baß der gewaltigen Stiere hinein mischte sich aufgeregtes, kurzatmiges Tuten und heißes Zischen, das anschwoll zu schrillem Pfeifton, und ganz in der Ferne war ein Stampfen und Pochen wie von Zehntausenden von Schmiedehämmern

Es war, als ob alle diese Laute die Menschen zu sich riefen und sie anzögen, denn immer dichter wurden die stampfenden Massen der Arbeitsmänner. Aus allen Straßen erhielten sie Zuiug, und immer schneller gingen sie, wie von einem unwiderstehlichen Sog erfaßt. Jetzt war es schon, als trabten sie alle, und der Alte trabte mit, und auf einmal fühlte er Holzplanken unter den Füßen, die klangen hohl und dröhnten im Marschtritt vieler, schwerer Stiefel, und bergab ging es, und glitWg waren die Planken, aber da waren Hatten quer genagelt, an denen fmben die Füße Halt. Das war wohl eine Brücke, denn er sah stählerne Brückenbogen über ihm sich wölben, aber auf einmal wurde ihm ganz unheimlich zumute: Der Boden unter feinen Füßen regte sich und schwang und trug ihn empor und ließ ihn sinken, er taumelte.

Bündel von mächtigen Pfählen erschienen vor ihm, von Bolzen und eisernen Reifen zusammengehalten; sie tauchten auf und nieder und rieben sich knirschend an den Planken, über die er ging. Endlich merkte er, daß die Pfähle fest waren, aber der Boden unter ihm war ein Floß, das auf Wellen schaukelte.

Ein übergewaltiges Stierbrummen stürzte sich jetzt aus der Nebel­wand gerade auf ihn herab. Er warf den Kopf in den Nacken und wich vor Schrecken einen Schritt zurück. Er sah in der Nebelmauer zwei gewaltige Kometen ziehen, und er erkannte, daß das Schiffslaternen waren, die an Masten hingen, und an ihrer gleichmäßigen Bewegung erkannte er, daß es ein und dasselbe Schiff war, das da schattenhaft an ihm vorüberzog. Was für ein riesiger Abstand war das zwischen den Masten, und in welch riesiger Höhe hingen die Laternen; Himmel, wie groß war das Schiff!

Da geschah, was man manchmal an einem Oktobermorgen in Ham­burg erleben kann: die Nebelwand hob sich wie mit einem Ruck. Die Wasser schimmerten in spiegelnden Flächen von aufgeworfenen Wellen, und die Nebeldecke wurde leuchtend, wie von Weißglut durchglüht, und in der nächsten Sekunde brach die Sonne durch.

Aus der schemenhaften grauen Wand war mit einem Schlag ein Rausch von leuchtenden Farben in einer unerhörten Tiefe geworden. Alle Dinge glänzten noch nebelnaß. Es brannten die roten Bäuche ungeheurer Schiffe, die im Himmel zu schweben schienen sie lagen emporgehoben im Dock. Salzkrusten hingen kristallschimmernd an ihren Flanken, wie Flechten und Moose an Baumrinden. Die Mennige der ausgebesserten Stellen brach aus den Schiffswänden wie Flammenzungen aus Kohle; die weißen Aufbauten strahlten, die Bullaugen spiegelten, und die ge­wölbten Stirnen der Brücken sahen machtvoll, beherrschend über das Meer, wie die Häupter von Feldherren über Schlachtfelder blicken. Die Schlote trugen wundervolle, weltumspannende Symbole, Sterne und Anker, die vorspringenden Steven waren mit erhaben geprägten und erhabenen Namen geschmückt, die in alle Fernen reichten, und von den unglaublich wuchtigen und schweren Ankern lief eine Spur von Schlamm und Rost an den Schiffsflanken herab. Das war also ein Zeichen, daß diese Massen tatsächlich bewegt werden konnten, daß sie auf den Meeres­grund sanken und wieder heraufgeholt wurden.

Er wußte nicht, wohin er blicken sollte, denn in der Ferne leuchteten und brannten die spitzigschlanken, grünspanbedeckten Kirchtürme über den Dächern, auf denen die Millionen Ziegel funkelten wie Tautropfen auf einer Wiese. In einer Ferne anderer Richtung durchgitterten Spinnweben von Stahlgerüsten den ganzen Horizont, das waren die Werften, von denen das frische, tausendfache Schmiedehämmern kam, und wieder in einer anderen Ferne spannten sich riesengroße Brücken, und Oeltanks wölbten sich wie riesengroße Pilze unabsehbar zahlreich über die bewegte Wasserlinie. In der Nähe aber zogen die großen Schiffe langsam vorbei von keuchenden Schleppern gezogen, die ganz schräg im Wasser tagen von der Anstrengung des seitlichen Ziehens, und die kleinen Schiffe, die Pinaffen mit ihren votierten, kupfernen Schornsteinen, die Barkassen mit ihren klopfenden Motoren, sie tanzten über die gewaltigen Wellen hin, die die großen Schiffe aufwarfen, und Schaum sprühte über ihre Bordwände, Und ganz in der Nähe raffelten Krane; Warenbalten haben und senkten sich in Netzen, die an Drahtseilen hingen, wie die Svinne an ihrem Faden, Und ganz in der Nähe malten Matrosen die Wand eines Schilfes mit Pinseln, die, an lange Rohre gesteckt, rote Angelruten aussahen. Und ganz in der Nähe, da lag an den Pfählen vertäut ein großes Segelschiff.

Als er dos einmal ins Auge gefaßt hatte, konnte er den Blick nicht mehr von ihm wenden. Wie er aufblickte zu dem ungeheuer, sich kreuzen­den Sparrenwerk der vier Maste, schwindelte ihm, denn da zogen Wolken über den Mastspitzen und es war, als taumelten die Masten und flögen davon, obwohl doch lauter Matrosen in ihnen hingen Er sah, wie sie oben im Himmel Fuß um Fuß seitwärts setzten, nur out dünne Taue gestützt, mit der Brust lagen sie über die Krernbalken der Raen gebeugt, und wie sie so in Gruppen bis zu den äußersten Spitzen der Raen sich tasteten, sanken langsam die Segel herab, zum Trocknen gebreitet, grau und verwittert, und so steif, daß sie die Falten noch lange in sich behiel­ten, und die Nähte der Segeltuchbahnen schimmerten weiß.

Da war er, der Jugendtraum des alten Mannes, der nie über das Dreieck HalleLeipzigBitterfeld hinausgekommen war. Da war sie wieder, die alte, vergessene, die im Herzen begrabene Sehnsucht der 13, 14, 15 Jahre: Schiffsjunge fein, in den Wanten klettern, von blauen Meeren gewiegt sein, Stürme erleben, blaue Berge überseeischer Küsten, das Rauschen der Bugwelle, den Gesang der Matrosen. Er fühlte seine Augen blind werden von Tränen die Sonne stieg grabe durch bas Takelwerk bes Segelschiffes, und er senkte den Blick und starrte in bas Jafenwosser unter sich. Da trieb auf den schmutzigen, anflatfdjenben Wellen eine aufgeguollene Zitrone, ein Stück von einem verrotteten Kokosstrick, eine zerfetzte Reisstrohmatte, eine grüne Banane. Unb in dem, was er sah, unb in bem Salzhauch, dem Teergeruch, dem Duft noch Ueberfee, der ihn umstrich, erblickte er alles, was zu sehen er sich in der Jugend gewünscht hatte: Palmenwälder, fremdartige Bäume mit tropischen Früchten, meiste Städte, Passathimmel, schöne, unschuldig nackte, farbige Menschen mit Blüten im Haar, Korallenriffe wie Märchen- schlösser, regenbogenfarbige Fifchschwärme in tiefdurchsichtigern, warmem Meere.

Er räusperte sich unb spuckte ins Wasser, er.hatte einen sonderbaren Geschmack auf den Lippen gehabt, den Geschmack der Sehnsucht, den Geschmack der Jugend. Er schüttelte langsam den Kopf, verwundert über sich selbst. Dann wickelte er langsam unb bedächtig eins der Butterbrote aus: Das war der Geschmack von zu Hause Margarine und Speck die Alte hatte dick gelchmiert für die weite Reise in das Jugendland; es war ein kräftiger Geschmack.

öetanttoortlicb: Dr. Hans Thytiot. Druck undBetlag: Brühl'sche Univetsitäts-Buch. und S tein drucket ei. R. Lange. Gießen.