Es wird viel getanzt. Die Damen haben sehr lange, buntblumige Sommerkleider an — ganze Wiesen haben sich die Kichermädchen umgewickelt. Bankrat Meidam „schwingt" — wie er versichert, ungern — „das Tanzbein". Aber er tanzt ohne Paus«. Der Hauptmann tanzt. Der Oberlehrer, der sonst meist Blumen pflückt, tanzt auch. Alsred tanzt erst mit den Kichermädchen, dann mit Frau Görnewitz, schließlich mit Barbara.
„Mein Lieber", sagt Barbara, „mein lieber, lieber Alfred." Und sie möchte eigentlich jetzt gerade, jetzt sehr gern mit ihm allein sein. Jetzt, in diesem Augenblick, da ihr Herz sehr warm ist, ein bißchen gerührt von Wein und Musik, würde sie Alfred sehr leicht die ganze Sache Raut- hammer wahrheitsgemäß erzählen können und würde sie aus der Welt schaffen. Aber es wird auch sonst gehen.
Alfred sieht ihr forschend in die Augen. Sind nicht wieder die Schatten drin von damals? Die Schatten vom Polterabend, und war das nicht der Tag, an dem Barbara fast ohnmächtig umsank? Bisher hatte er immer gedacht, es sei die freudige Aufregung dran schuld gewesen oder auch der schmerzliche Gedanke, von Hause wegzugehen. Aber es kann ja auch sein, daß sie dieses andern Mannes wegen umfiel, dieses Rauthammer wegen. Und es fällt ihm das Gespräch mit Weppen ein über die Zigeuner und die Eifersucht, und daß er dem Zigeuner den Hals umdrehen wird. Gott sei Dank ... das bleibt immer noch im Ernstfall: dem Zigeuner den Hals umdrehn. Er lächelt, er strahlt. „Liebe Barbara!" sagt er endlich. Den Hals umdrehn, denkt er. Natürlich. Das ist doch ganz einfach.
Das Fest schließt recht amüsant. Frau Görnewitz erzählt Anekdoten von merkwürdigen Liebespaaren. Bon einem fünfundsiebzigjährigen Mann, der im Jahre zuvor da war, verheiratet mit einer zwanzigjährigen echten Zigeunerin. Hals umdrehn, dem Zigeuner, denkt Meim- berg befriedigt. Eine glückliche Ehe. Und von der schönen baltischen Baronin, ihrer Jugendfreundin, die mit einem Balkanfürsten durchging und dann sich in seinen Hofmarschall verliebte. Der Fürst aber lieh sie nicht frei, erlaubte seinem Hofmarschall nicht, die Baronin zu heiraten. Endete tragisch. Wie Sappho stürzte sich die Baronin von einem Felsen ins Meer und ertrank.
lieber diese Affäre erhebt sich eine lebhafte Unterhaltung. Hauptmann Gericke will wissen, was der Fürst denn nachher mit dem Hofmarschall gemacht hat, und Alfred Meimberg fragt, wie der Hofmarschall sich mit bem Fürsten auseinandergesetzt hat. Die Görnewitz kann auch das berichten. Sie sind zusammengeblieben, als gnädiger Fürst lebte der eine weiter, als gehorsamer Diener der andere. Das ist doch klar.
„Nein, das ist nicht klar", meint die kleine Frau Gericke, „das ist nur ... ist nur ..." Nein, sie kann es doch nicht ausdrücken...
Barbara hilft ihr. „Es ist doch klar", sagt sie, „es ist nur rein männlich gedacht. Und ganz verstehn wir die Gedanken und die Handlungen der Männer nicht ... das ist es."
Frau Gericke sieht Barbara bewundernd an, daß sie so mutig und offen daherspricht. Ganz versteht man die Männer nicht ... das geht also nickt ihr allein so ... das yabeu andere ebenso auszustehn. Die Frauen sollten nur ebenso Zusammenhalten, wie die Männer Zusammenhalten, bis in alle Gedankengänge hinein. Man sieht es doch wieder bei der Geschichte mit der armen Baronin. Hat etwa ein Mann nach ihr gefragt? Nein ... nur wie die Männer wieder Zusammenkommen, interessiert hier die Männer.
Zum Schluß erzählt Frau Görnewitz noch eine Anekdote über Liebe. Von einem schwerreichen Holländer, einem melancholischen Herrn mit großem Kinn und langer Nase. Der einem Freund die Frau wegnahm, um sie zu heiraten. Der den Freund mit einem großen Scheck in die Kolonien abschob. Mußte einen Revers unterschreiben, daß er nie wieder Europa betreten würde. Dennoch haste der reiche Mann keine ruhige Minute. Täglich studierte er die Passagierliste aller Dampfer durch ober ließ sie kontrollieren. Vielleicht wagte ber Mann es boch, zurückzukehren? Er ließ feine Frau beobachten unb bewachen. Genügte nicht: Er bewachte noch ihren Schlaf und versuchte, ihre Träume zu beobachten. Hundertmal wachte die Frau aus und sah in seine böse funkelnden Augen, und schließlich kam es so weit, daß sie dadurch aufwachte, daß er ihr den Revolver an die Schläfe gesetzt hatte. Sie hatte im Schlaf den Namen des Freundes ausgesprochen.
„Denken Sie", lacht die Görnewitz, „trotzdem sind sie zusammengeblieben und leben noch heute zusammen. Das ist doch Liebe?"
Mit dieser Frage schließt dieser Regentag, der eigentlich bestimmt war, die Aussprache über Rauthammer ju bringen. Barbara ist sehr unzufrieden. Aber Alfred ist ganz aufgeräumt. Er hat auch eine ganze Menge getrunken. Man merkt es daran, daß sein linkes Augenlid etwas schlaff ist. Er spricht, indem er zwischen den Zimmern hin und her geht, anerkennend von den Gästen. Er nennt die Görnewitz amüsant, den Oberlehrer stur, aber nett, die Kichermädchen harmlose Dinger und die Ge- rickes tadellose Leute. Dann erzählt er noch, daß der Bankrat Meidam am nächsten Mittag abreisen wird und daß die Hütte am Fluß also frei wird. Sie ist allerdings nur einzimmerig. Aber man sollte sie doch nehmen. Man ist dann hundert Meter von den andern entfernt, eine Entfernung, die gerade ausreicht, um die Sympathie, die man empfindet, zu erhalten. „Gut", antwortet Barbara, „wir nehmen die Hütte."
Und sie denkt etwas Sonderbares. Sie denkt an den reichen Holländer, der feine Frau bewachte und ihr das Schießeisen an die Schläfe hielt, weil sie von ihrem ersten Mann träumte.
Verrückt, nicht wahr?
13.
Zum drittenmal liegt Rauthammer auf dem Untersuchungssofa des Professors Schreiner.
„Diesmal entkommen Sie mir nicht", sagt er, „Sie müssen mir die volle Wahrheit sagen. Ich habe nun keine Zeit mehr."
„Hätten sich bas vorher überlegen müßen", brummt Schreiner und leuchtet mit einem Spezialgerät das Trommelfell des Patienten ab, „wer sich nicht die Zeit nimmt, gesund zu bleiben, mutz die Zeit haben, krank zu sein. Das stört eben manchmal die Dispositionen."
Rauthammer fügt sich zunächst. Er ahnet aus, wie es verlangt wirb. Er atmet ein. Er schluckt auf Kommando. Er hebt das rechte Vein, ben linken Arm. Endlich ist Schreiner fertig, und der Patient darf sich an» ziehn.
„Ich sage es Ihnen nun nochmals, Professor", fängt er wieder an, „es handelt sich für mich um die Wahrheit. Ich will keinen Trost. Ich weitz sehr genau: Es geht nicht mehr lange. Aber ich will wissen: roie lange. Und das sollen Sie mir sagen. Weiter nichts."
Schreiner nickt: „Ihr Herz ist nicht gut. Sie sollten noch heute bas Rauchen einstellen. Kaffee ist nicht so gefährlich für Sie, aber auch nicht nützlich. Kein Alkohol, versteht sich! Kein Salz! Krebs kann ich nicht finden. Sind damals zur rechten Zeit bei mir gewesen. Haben Gluck gehabt ober einen guten Instinkt, was dasselbe ist.. Haben Sie unvermeidbare Aufregungen? Geschäftliche Sorgen vielleicht?"
Rauthammer schüttelt den Kops. Nein, er kennt keine geschäftlichen Sorgen. Das Lebensnotwendige hat er sich unangreifbar gesichert. Außerdem verdient man ja doch immer wieder, wenn man ein richtiger Kaufmann ist und kein Stümper. Wenn man zum Beispiel an einer Spezialart von Geschäft hängt und etwa Baumwolle oder Kaffee durchaus bann verkaufen will, wenn man sie gerabe nickt verkaufen kann. Man bars nicht Svezialist auf Lebenszeit fein. Das ist das ganze Geheimnis eines heutige,. Zeschäftlichen Erfolges. Während gestern nur die Spezialisten verdienten, mutz man heute wendig fein und wechseln. Ganz einfach ... Nur probiert es fast niemand aus.
„Cs ist mit der Gesundheit ebenso einfach", sagt Schreiner, „trotzdem ist fast niemand gesund. Auch Sie könnten ..."
Rauthammer schüttelt den Kopf. „Nein, ich könnte nicht mehr, obwohl ich schon einiges gelernt habe und einiges beherrsche. Ich kann zum Beispiel mein Herz immer wieder mit der Atmung beruhigen ... entlasten. Mein chinesischer Freund, ein Kaufmann, hat es mich gelehrt. Sie halten nichts davon? Doch? Gut ... Also ich kann ein bißchen länger leben als andere Menschen vom gleichen Grad ber Verbrauchtheit. Trotzki em bin ich nicht sicher, baß es bis zu einem bestimmten Ziel reicht ... Früher sagte man: Man lebt, solange man will. Nun gut, ich möchte wissen, wie lange mein Wille reichen wird ..."
„Der Wille macht viel", antwortet Schreiner abwehrend, „die Atmung ist auch nützlich. Aber das alles genügt nicht. Man mutz einen Einblick in die eigene Struktur haben und danach handeln. Damit kann man Erstaunliches erreichen."
Mehr kann Rauthammer nicht aus Schreiner herauskriegen. Und das hat er schon selbst gewußt. Vorsicht und Einsicht! Er reicht seinem Arzt die Hand. Er sieht ihn prüfend an. Diese seltsam hellen, grünlich schimmernden Augen kann er nicht festhalten. Will er festhalten. Es sind die Augen Barbara Schreiners. Wenn es ihm hier gelingt, wird es ihm überhaupt gelingen. ,Lch danke Ihnen fehr für Ihre gründliche Untersuchung, Professor!" sagt er und hält seine Hand. Endlich sieht ihn der Professor wirklich an. Er blickt liebenswürdig und ein wenig abwesend. Wie er alle Patienten ansieht. (Auch ein Grund, warum er kein Modearzt, fein Weltarzt geworben ist.) Aber langsam kommt eine Abwehr in seinen Blick, eine Fremdheit und Kälte, gegen die Rauthammer nicht ankann.
„Ich reife dann morgen ab ober heute abend", sagt Rauthammer. „Ich will keine Zeit verlieren. W«, geht es Ihrer Frau Tochter? Sie haben hoffentlich gute Nachrichten. Bitte, mich zu empfehlen, wenn Sie schreiben. Auf Wiedersehn'/
„Auf Wiedersehen!" sagt Schreiner und zieht feine Hand aus ber Hand des Kaufmanns. „Ich schicke Ihnen die einzelnen Verordnungen. Bitte um sehr genaue Beachtung!"
Er geht, als sich die Tür hinter Rauthammer geschlossen hat, ans Fenster und lehnt die Stirn gegen die Scheiben. Ich habe ihm immer noch nicht vergessen, daß Barbara ihn geliebt hat, denkt er. Und sie hak ihn geliebt. Wollen uns nichts vormachen. Es ist auch bei ihm noch nicht aus. Ganz sicher nicht. Obwohl es doch Wahnsinn ist. Was will er mit ihr?
Er sieht jetzt gerade Rauthammer den Anstaltshof überqueren. Er sieht, wie Rauthammer nach dem Regen tastet, wie er den graufeibenen Schirm ausspannt und mit dem zu aufrechten Gang der Herzkranken weitermarschiert.
Was will er mit ihr? denkt Schreiner zu Ende. Das läßt sich nicht beantworten. Aber viel Unheil kann der Mann nicht mehr anrichten. Das Herz hält nichts mehr aus, hält das nicht mehr aus, was Rauthammer an Kraft von ihm verlangt. Ja ... er ist tatsächlich ein echte» Temperament. Wäre prachtvoll, wenn feine Anstrengung auf etwa» Wichtiges gerichtet wäre. Aber sie ist nur auf Bemächtigen gerichtet. Nur auf Bemächtigen. Das ist es.
Er hat die Formel für Rauthammer gefunden. Damit sind die Akten über den Fall für ihn geschlossen. Er wendet sich um. Er diktiert in ein fiaar Schlagworten Diagnose, Therapie, Verordnungen, Prognose. Er ckließt: Letaler Ausgang spätestens in drei bis vier Wochen wahr- scyeinlich. Fertig.--
„Fertig!" sagt Rauthammer und läßt sich in einen Stuhl bei Sophie Wahnke sinken. „Endlich fertig! Geben Sie mir schnell einen starken Kaffee! Ich habe gemahlenen mitgebracht. Liegt draußen auf ihrem gräßlichen Lacktischchen. Nein, kochen Sie noch keinen Kaffee! Rauchen Sie erst eine Zigarette mit mir/
„Sprechen Sie endlich!" sagt Sophie Wahnke, die Lehrerin. „Was hat Schreiner gesagt?"
Rauthammer pafft vor sich hin. „Kein Krebs, sagt er, aber das Herz ist kaputt. War also wirklich ein Anfall neulich nachts, als Sie die Güte hatten, mich auf Ihrem Diwan zu beherbergen. Ein Anfall und keine Anstellerei, um verwöhnt zu werden."
Sophie Wahnke seufzt. „Reden Sie keinen Unsinn! Sie brauchen nicht herzkrank zu werden, damit ich Sie verwöhne."
(Fortsetzung folgt.)


