Ausgabe 
31.5.1935
 
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Nummer 3<

Freitag, den 5. Mai

Jahrgang 1935

_ .__ < » /w Auf vorsichtige Vorstellungen seiner Frau hin hatte er seit einigen

K.Z* k t Monaten seine Tafelfreuden rationiert und einen Trainer genommen

Hl , OL1K /U OG OL1 L der schon in aller Frühe an seinem Bett erschien und ihn nut systematischer t-**/ Gymnastik und harter Massage tyrannisierte. Diesem Trainer war es, trotz

ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR passiven Widerstandes, gelungen, das Gewicht des Schauspielers auf einer

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i Junge! Und bring dir ein Glas mit!

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er an sich und seine Zukunft glaubte, so daß er das oft mühsam erkämpfte Geld mit beiden Händen nach allen Seiten hin ausstreute.

rlicher, ängstlicher Unfug! dachte Thiele und fes, dröhnendes Lachen. Mit einem einzigen Wams auf, wobei ein paar Knöpfe im Bogen ne breiten Schultern im offenen Hemd und Schrank, den er öffnete. Das Siegesgefühl, des Vorhanges überfallen hatte, ergriff ihn ganz. Er gab sich ihm hin mit der ihm eige- te nicht im geringsten, daß er seinen ent- : den vierten und fünften Akt hinweg durch-

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In einem silbergrauen, bis zu den Fußspitzen reichenden Abendkleid erschien Elisabeth Thiele und trat aus ihren Mann zu, beide Hand« aus- gestreckt, mit einem erregten, aufgeschlossenen Gesicht, wie er es in seiner dreijährigen Ehe nur von seltenen Augenblicken kannte.

2.

Hau ab, mein Sohn!" ries Thiele dem Garderobier zu, und Weidner drückte sich scheu an der Frau vorbei aus der Tür.

Thiele ging ihr entgegen und nahm sie in seine Arme. Sie küßte ihn mehrmals aus den Mund, ohne daran zu denken, daß die Schminke über seinem Gesicht auf ihrer zarten, hellen Haut Flecke hinterließ. Sie war ebenso groß wie er. Ihr blonder Scheitel schimmerte rötlich neben dem stumpfen Gelb seiner Perücke. Ihre Gestalt auf den langen Beinen und enq umschlossen von der silbergrauen Seide, aus der das blühende Weiß ihrer Haut über der Brust und bis tief in den Rücken chinab leuchtete, wirkte neben ihm schlank und'fast mädchenhaft. Erst, als sie sich aus seiner Umarmung löste und ein paar Schritte zurücktrat, wirkte ihre Er­scheinung so, wie sie wirklich war: Ende der Zwanzig, fraulich und voll erbtUff5 war schön ... dein Bestes ... Ganz so, wie du es dir gedacht hast'!" sagt- sie, und ein glückliches Lächeln löste alle Erregung aus ihrem Gesicht.

.mphitheatralisch emporsteigende Zuschauerraum des neueröffneten Deut­schen Volkstheaters leerte sich, und Ludwig Thiele ging mit schweren, klirrenden Schritten in seine Garderobe, deren Tur er hinter sich abschloß.

Der Garderobier, ein sechzigjähriges dürres Männchen mit einem spitzen Voqelgesicht und einer dünnen, verschüchterten Stimme, nahm ihn in (Empfang und nestelte mit eifrigen Fingern an den Riemen des Pan­zers. Sie losten sich, und Ludwig Thiele stand im zerknitterten Lederwams vor dem hohen, von drei Seiten beleuchteten Spiegel neben dem Schmlnk-

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r eine volle, bauchige Flasche, füllte ein Glas s mit einem Zug. Flasche und Glas in den lieqel zurück und rief dem Garderobier zu:

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haar und unter der dicken Schminkschicht die' scharfen Falten die sein Gesicht in breite Flächen zerlegten. Er sah d.e Ansage der länglichen Wulste unter seinen blauen, noch immer halbgeschlossenen Augen, ob gleich sie jetzt hinter geschickt gezogenen Farbstrichen verborgen roaren, und ebenso iene fleischige Falte hinter dem Bart, für die er sich> die Be­zeichnungDoppelkinn" bisher verbeten hatte. Obgleich er'das Lederwams noch nicht geöffnet hatte, erkannte er deutlich darunter die Limen seines muskulösen, stämmigen Körpers, und die erschienen ihm in diesemAugen­blick viel massiger, unförmiger, als sie in Wirklichkeit waren. Auch spurte er stärker den Druck des breiten Maßgurtels von den Hüften ^wurts bis zum Ansatz der Beine, die im Verhältnis zu den übrigen Gliedmaßen etwas zu kurz und zu schwach erschienen.

In der letzten Zeit war dieser kraft- und saftvolle Körper zum Gegen- stand der Besorgnis geworden, nicht so sehr sÄner eigenen wie i Freunde. Thiele hatte di« Fllnfunddreißig überschritten und durfte sich nicht länger verhehlen, daß in der Zunahme seines Gewichts trotz seiner stattlichen Größe eine Gefahr lag. Eine Gefahr, über die er bisher mit seinem starken, selbstsicheren Lachen hinweggesehen hatte. Er liebt« es gut zu essen und viel zu trinken. Eine volle üppigeZ-asel, mit e g Freunden und ein paar hübschen Frauen besetzt, gehörte ZU seinem Leben wie fein tiefes, dröhnendes Lachen, wie [ein breiter. Mietender (Sag. des ehemaligen Matrosen und wie die unbeirrbare Sicherheit, mit d

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Glas und Wams. Thiele schenkte ihm ein.

, , ist das. Den trinkt man, ohne abzusetzen.

So mein Junge! Unfug ist das alles. Abgenommen t)ab* ich in diesen drei Monaten, mindestens sechs bis acht Kilo. Das wirst du mir zugeben. Alle müssen mir das zugeben. Aber das wichtigste ist, daß das im Grunde vollkommen gleichgültig ist nach dem heutigen Abend! Toi, toi, tot­er ist noch nicht ganz zu Ende. Trotzdem ist das vollkommen gleichgültig. Meinst du nicht auch, Weidner?"

Sicher Herr Thiele", murmelte der Garderobier, während er ihm in das neue Wams half.Es schließt ganz leicht von oben bis unten. Und das mit dem Wein, Herr Thiele ... Wir tun vielleichtbester daran, wenn wir ihn wegstellen heute ... Die Frau Gemahlin ...

.Haben wir nicht mehr nötig, alter Junge! Wir waren noch nie ängst­lich, weder wir noch die Frau Gemahlin. Wetten wir, daß sie lacht, wie ich darüber lache! Dein Wohl, alter Junge! Es war das dritte Glas, das er leerte.

Ein Klopfen an der Tür.

Wer da?" rief Thiele mit voller, klarer Stimme.

Ich wollte dir nur die Hand drücken, Ludwig", antwortete der heisere Bariton des Direktors und Regisseurs Steinten.Außerdem ...

Kannst du auch eine Stunde später! Du kommst doch mit zu mir hin­aus?" unterbrach ibn Ibiele. '

bestimmten Höhe zu erhalten.

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Usch. ..

Laß niemand herein, Weidner! Nur meine Frau wenn sie kommt!" sagte Thiele, ohne den Blick vom. SpiegelI 3u nefjmen. Seme Stimme klang rauh, aber beherrscht, mit einem leisen fremben Unter­ton, fo daß Weidner besorgt zu ihm hinübersah, wahrend er den Harnisch in eine Ecke stellte und ein neues Wams berettlegte.

qhre Szene mit Serie war großartig. Haben Sie bemerkt, wie alle hinter den Kulissen die Hälse nach Ihnen reckten?" fragte Weidner, der wußte, daß Thiele das Urteil der Bühnenarbeiter oft wichtiger war a s das der Kritiker und des Berliner Premierenpublikums, und der aus der ungewohnten Haltung des Schauspielers den Schluß zog, daß er ihm etwa« Gutes laaen mühte.

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