wendlgkekt-, rs fehlt« eine Kleinigkeit. Ein letzter Klang, so daß wir ihnen die bedingungslose Anerkennung vorenthalten mußten, eine Anerkennung die wir seinem neuen Gedichtband, der soeben unter dem Titel „Einkehr und Wandlung" (Propyläen-Verlag) erschien, in vollem Maße geben. Die Besonderheit und Stärke der Brockmeierschen Verse scheint mir in der klaren, einfachen und bewußten geistigen Haltung des Dichters ihre wesentlichen Wurzeln zu haben. Die beträchtliche lyrische Begabung, gepaart mit der strengen, eigenwilligen rhythmischen Gesetzmäßigkeit der Form, die Brockmeier fast- virtuos beherrscht, verleiht allen seinen Gedichten die innere Ueberzeugungskraft, die vor allem bei der Lyrik notwendig ist. Denn wo könnte sich, wenn nicht vorzugsweise in der Lyrik, stärker das Wesen eines Menschen offenbaren?
Den größeren Teil der vorliegenden Sammlung dürfen wir der landschaftlichen Lyrik zurechnen: es folgen dann die religiös-gedanklichen und metaphysischen Verse, in denen sich ein Geist durch die Ereignisse, Gestaltungen und Schicksale durchgekämpft hat.
Wir haben es bei Brockmeier mit einem Lyriker zu tun, dessen Namen sich vor allem die Jugend merken sollte. Ihm ist das Gefühl für Form und Rhythmus, wie wir es schon im „Ewiges Deutschland" feststellten, eine Selbstverständlichkeit, Brockmeier liegt das Geheimnis des lyrischen Schaffensprozesses im Blut, ja, um es ganz einfach zu jagen: ihm ist das Wort heilig. Das Wissen um das zwingende Gesetz der Begrenzung im Gedicht, die latente Kraft des Gestaltens find in ihm so mächtig und von solcher unmittelbaren Ausdrucksgewalt, daß sie sich restlos dem Gefühl mitteilt und im Leser jene seltsame und seltene Resonanz findet, die einem augenblicklichen Erlebnis gleichkommt.
Selten haben Gedichte von solch intimer Stimmung so nachhaltigen Eindruck hinterlassen wie die neuen von Brockmeier in „Einkehr und Wandlung". Und vielleicht liegt in dieser Intimität die suggestive Kraft aller Gedichte dieses Bandes.
Gewiß, Lyrik ist Privatsache, um es etwas profan auszudrücken, und keine Dichtungsart ist so auf die Aufnahmefähigkeit und -Willigkeit des Lesers angewiesen, wie eben die der Lyrik. Für alle aber, deren Sinn für eine substanzhafte Lyrik aufgeschlossen ist, dürfte der junge Dichter Wolfram Brockmeier Anrecht und Gültigkeit besitzen.
Glück und Ende der deutschen H^nse.
Von Dr. I. Rudolf.
Die „Hans e", der gewaltige Bund, der um die Wende des Mittelalters zur Neuzeit die Handelsstädte an der Slldküste der Ostsee und Nordsee und an den Ufern der deutschen Ströme bis weit ins Binnenland hinein einte, ist uns noch heut der Inbegriff von Kaufmannstüchtig- keit und -macht. Die deutschen Kaiser verzettelten zu jener Zeit ihre Kraft in Italien, die ordnende Zentralgewalt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war fast verschwunden, ein Territorialfürst stand gegen den anderen. Dennoch — ohne Unterstützung oder Rückhalt in einem kräftigen Heimatstaat —, errangen deutsche Handelsherren selbst in der Residenzstadt der englischen Könige bedeutsame Privilegien. Sie gründeten Schwesterstädte an den baltischen Küsten, errichteten ihre „Kontore", den „Stalhof" in London, die „deutsche Brücke" an dem heringsreichen Strand von Schonen, in Nowgorod an der Dünamündung den „Petershof", wie einen „Stapel" im flandrischen Brügge.
Heute nennen wir nur noch drei „Hansestädte": Bremen, Hamburg und Lübeck, von einst 164 — und eine Hanse besteht nicht mehr. Wann und wie ist ihre Macht zerfallen? Es sind jetzt gerade 400 Jahre her, daß der Niedergang begann. War das hochpolitische Spiel um die Krone Dänemarks, das der lübifche Bürgermeister Jürgen Wullenweber begonnen hatte, für den Kaufmann zu gewagt gewesen? War es Uneinigkeit der Hansen? Brach sich die Kraft der deutschen Städte an dem erstarkten Nationalwillen der fremden Staaten? Von der Niederlage Lübecks am 11. Juni 1535 aus Fünen zu Land und am 16. Juni vor Helsingdorg zu Wasser hat sich die Hanse nie mehr erholen können.
Die Hanse war keine feste Bereinigung, etwa wie der „rheinische" oder der „schwäbische" Städtebund. Ihre Geschlossenheit stammte aus dem Ausland. Dort standen sich die Kaufleute aus den verschiedenen deutschen Städten zunächst zwar ost in scharfer Konkurrenz gegenüber: die Lübecker z. B mußten sich noch 1226 an Kaiser Friedrich II. wenden, um sich in London neben den alteingeführten Kölnern und Kielern halten zu können. Aber gemeinsamer Kampf gegen die Seeräuber, gemeinsame Interessenvertretung gegenüber den fremden Landesherren, deren Bedrückung und Habgier, führten bald zur Einigkeit. Und diese Handelsund Kampfkameradschast übertrug sich dann auf die Mutterstädte, ebenso wie der Name „Hanse" zunächst die „Gemeinschaft" der deutschen Kaufleute z. B. in London bedeutete und erst später von dem ganzen Bund angenommmen wurde. Auch dann waren jedoch die einzelnen Bundesglieder nur aus große Richtlinien verpflichtet. Die jeweiligen Beschlüsse der „Tagsahrten" galten immer nur für die, die ihnen zugestimmt hatten, die übrigen Städte waren in ihren Entschließungen frei. Verging sich allerdings eine Stadt schwer gegen die Gesamtinteressen des Bundes, so konnte die Stadt ausgeschlossen werden: ihre Bürger hatten dann keinen Teil mehr an den hansischen Privilegien und Vorrechten des „Deutschen Kaufmanns" in den fremden Häsen. Wenige konnten, wie Bremen, mehrere Jahrzehnte außerhalb der Hanse bleiben, pochend auf Sonderabkommen mit fremden Fürsten. Meist kamen bald Gesandte der wider- fnenftigen Stadt wie z. B. 1374 von Braunschweig, nach Lübeck, die um Wiederaufnahme baten und gelobten, den vertriebenen Rat wieder in seine Rechte einzusetzen.
Aber selbst die Kriegsfolge, auch gegen gemeinsamen Feind war nur moralische Vslickt und wurde nur von Fall zu Fall zugesagt. Die Hauptlast der Feldzüge trugen daher meist die an Lübeck angeschlossenen „wendischen" Städte. Dafür war aber auch Lübeck die unbestrittene
Führerin der Hanse. Sie führte den Oberbefehl über die hansische Streitmacht. Sie berief und leitete die Tagsahrten. Und selbst die kommunale Ordnung, die sich in Lübeck, als einer besonders vom Kaiser ausgezeichneten „Freien Reichsstadt", gebildet hatte, wurde als „lübifches Recht- Vorbild für viele andere Gemeinwesen: ein nicht geringer kultureller Einfluß. Lübecks Macht war daher ein Gradmesser für die Macht der Hanse, Lübecks Niedergang freilich auch ein Symptom für den Verfall des Bundes.
*
Die Hanfe war groß geworden im Kampf gegen König Waldemar „Atterdag" von Dänemark, der Lübeck wieder — wie einst — unter dänische Schutzherrschast stellen wollte, der Wisby, die reiche Hansestadt auf Gotland, Überfiel und zerstörte. Während sie sonst ein feindliches Land nur vom Handel ausschlossen, boykottierten, hatten hier alle Hansestädte ihre Kriegskoggen entsandt und ungebeugt durch anfängliche Rückschläge Waldemar niedergezwungen. Er mußte 1370 den Hansen alle Rechte in seinem Lande zugestehen, ja sogar einwilligen, daß die Thronfolge in Dänemark nur noch mit Zustimmung der deutschen Städte erfolgen dürfe. Nun beherrschte die Hanse die Ostsee und namentlich Lübeck, das in der Mitte zwischen den fernsten Punkten hansischen Handels lag, war der gegebene Umschlagplatz für alle Waren zwischen London und Nowgorod. Eifersüchtig wachte die Hanse über diese Stellung. Jeder Engländer oder Niederländer, der durch den Sund fuhr, um direkt mit den Livländern oder Russen zu handeln, wurde als Schleichhändler betrachtet. Besondere Beschlüsse der „Tagsahrten" verboten holländischen „Jungen" das Russische bcizubrinaen, die Städte des Ostens mußten sich immer erneut verpflichten, nur hansische Schiffe im Hafen zu dulden, nur ihnen Winterquartier zu geben. Vor allem durften auch keine Schiffe an Leute verkauft werden, welche nicht das Bürgerrecht einer Hansestadt besaßen, und selbst Teilhaber an Schiffen durfte kein Fremder sein.
*
Vielfach mußten die Hansen zum Schwerte greifen, um den Sund für sich frei zu halten, um ihre Privilegien und Kontore zu sichern. Selbst die Gesamtherrschaft über Schonen erzwangen sie einmal für 15 Jahre zum Ausgleich für Schaden, den sie durch dänische Ränke erlitten hatten. Aber die Niederländer lernten auch die Seefahrt gen Osten, die Engländer gingen unter die Handelsnationen, die Preußen und Livländer fuhren selbst an Lübeck vorhei, um Wachs und Werg, Kupfer und Häute, Korn und Teer auf eigene Rechnung im Westen zu kaufen bzw. zu verkaufen. Christian II. von Dänemark, der 1513 den Thron bestieg, wollte sich das zu Nutze machen, um die hansische Macht zu brechen, die von den Schweden abgeschüttelte dänische Herrschaft wieder zu errichten und die skandinavische Union zu erneuen. Er errichtete in Kopenhagen einen eigenen „Stapel" und lud vor allem die Russen ein, dort, statt in Lübeck einzukausen. Außerdem begünstigte er die Konkurrenten der Hanse, die Holländer. Die Russen kamen, aher sie fuhren bald wieder ab, denn was Christian ihnen zu bieten hatte: Pferde, Schweine, Schafe, Flachs, Häute, hatten sie ja selbst. Für seinen Vorstoß wußten sich aber die Hansen zu rächen, indem sie die Schweden in ihrem Freiheitskamps unterstützten. Schon hatte Christian das ganze Land wieder erobert, den schwedischen Reichsverweser Sten Sture besiegt, den schwedischen Adel 1520 in dem furchtbaren Stockholmer Blutbad größtenteils hingeschlachtet. Aber G u st a v Wasa, verräterisch den Dänen in die Hände gespielt, konnte entfliehen, und von Lübeck aus zog er zur Befreiung Schwedens aus. Und an die lübifchen Ratsherren Bomhover und P l ö n n i e s übergaben die Dänen die Schlüssel Stockholms, als sie bie schwedische Hauptstadt nicht mehr gegen das Heer Gustav Wasas und die hansische Flotte halten konnten.
In die deutschen Seestädte hatte inzwischen die Reformation viel Streitigkeiten gebracht und in Lübeck erhoben sich gar die Bürgerlichen gegen die, am alten Glauben hängende aristokratische Natsh^rr- schaft. Der Führer der Revolutionäre war aber der aus Hamburg gebürtige wortgewandte und weitblickende Kaufmann Jürgen Wullenweber. 1533 zum Bürgermeister gewählt, faßt er den Plan, die Schiedsrichterstellung der Hanse in den Nordischen Reichen durch einen gewaltigen Schlag neu zu begründen. Friedrich I. von Dänemark war gestorben, und die Dänen wünschten seinen Sohn als Christian III. zum König. Aber Wullenweber gedachte den gestürzten und im Kampf um seine Krone von den Dänen gefangenen Christian II. zu befreien und nach Kopenhagen zurückzuführen, gegen bas Versprechen, die hansischen Privilegien gegenüber den Holländern zu vertreten. Die Bürgermeister von Kopenhagen und Malmö hatten Wullenweber direkt botu aufgefordert. Dann sollte auch der wortbrüchige Schwedenkönig Lübecks Macht spüren: Wullenweber wollte Albrecht von Mecklenburg, ber Erbansprüche geltend machen konnte, auf den schwedischen Thron setzen.
Für das lübische Landheer wurde als Helfer und Feldhauptmann Graf Christoph von Oldenburg gewonnen; daher heißt dieser Krieg in der Geschichte die „Grafensehde". Und Christoph versprach im Namen des noch zu befreienden Königs, alle Rechte der Hansen wieber- herzustellen, zog mit tausend Landsknechten gegen Jütland und eroberte die Halbinsel. Den König Christian zu befreien gelang ihm jedoch nicht. Dagegen rückte der inzwischen zum König gewählte Christian III. in Holstein ein und bedrängte Lübeck, das sich mit nur geringem Erfolg um Beistand an die Hansestädte gewandt hatte. Schließlich erlitten Lübecks Truppen im Juni 1535 eine vernichtende Niederlage.
Wohl war es nicht die ganze Hanse, die hier eine Niederlage erlitt, sondern nur ihre Führerin Lübeck und deren Verbündete Rostock Wismar und Stralsund, wohl erhielt Lübeck einen glimpflichen Frieden. Aber daß die Hanse nicht zu Lübeck gestanden hatte, als es ein gewagtes Spiel trieb, um dem Gesamtbund die Privilegien und Handelsrechte in den nordischen Staaten zu sichern, zeigt, daß die Hanse den inneren Zusammenhalt der Blütezeit verloren hatte.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Brühl'icheUntverfitäts-Duch- und Steindrucker ei, R. Lana e, Gießen-


