Ausgabe 
1.2.1935
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 9

Zreitag, -en Zebruar

Jahrgang $935

HANS DOMINIK

EIN

STERN

FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

Gerüchte, mein lieber Herr Professor!" fiel ihm der Minister ins Wort- Unser Gesandter hat uns auch darüber berichtet, nicht ohne zu betonen, daß es sich um Gerüchte handelt, die den wirklichen Tatsachen vermutlich weit vorauseilen."

Ein leichtes Lächeln glitt über Professor Eggerths Züge, während er weiter sprach:Als Gesandter ist Herr von Uhlenkamp eine offizielle Per­sönlichkeit in exponierter Stellung. Die Vertreter meines Werkes im Aus­lande sind nicht mit einer solchen Würde beschwert. Als einfache Privat­leute können sie freier fprechen und man spricht auch freier mit ihnen. Rach den Berichten meiner Vertreter nun aus Lissabon sowie aus London handelt es sich keineswegs mehr um vage Gerüchte, sondern um tatsächliche Verhandlungen, die nur deshalb noch nicht weiter gediehen sind, weil Eng­land im Augenblick zuviel andere Sorgen hat, um sich noch mit dem portu­giesischen Kolonialgebiet zu belasten. Immerhin, meine Herren, ist es meiner Meinung nach an der Zeit, daß Deutschland geschickte Unterhändler nach Lissabon entsendet. Die Stunde ist so günstig wie selten. Portugal muß verkaufen ich möchte jagen a tont prix verkaufen und der Nächst­interessierte, England will oder kann im Augenblick nicht kaufen."

Hm, hm". Der Minister lehnte sich in seinen Seffel zurück.Sie tragen uns mit großer Bestimmtheit Dinge vor, Herr Prosesfor, von denen wir amtlich wenigstens noch nichts wissen. Wie denken Sie sich den weiteren Fortgang der Angelegenheit?"

Schnell und verschwiegen, Herr Minister. Das ist die Hauptsache dabei. Mit Vergnügen habe ich eben aus Ihrem Munde gehört, daß Sie amtlich noch nichts von den englisch-portugiesischen Verhandlungen wissen. Das muß uns ein Vorbild sein. Ebensowenig dürfen die Engländer etwas von portugiesisch-deutschen Verhandlungen erfahren, ehe die Unterschriften der Partner nicht unter dem Vertrag stehen. Die Erwerbung der portu­giesischen Kolonien Mosambik und Angola durch Deutschland muß verbrieft und gesiegelt vorliegen, bevor der Oesfentlichkeit ein Work davon bekannt wird."

Sie stecken sich ein hohes Ziel, Herr Professor", mischte sich Reute m die Unterredung.Angola und Mosambik sagten Sie. Das sind zusammen rund zwei Millionen Quadratkilometer, die vierfache Fläche des Deutschen Reiches, ein stattliches Gebiet. Wenn man das wirklich erwerben könnte unser Volk ohne Raum würde damit wieder Raum gewinnen, wenn ja, Herr Professor, wenn alles wirklich io ist, wie Sie es hier eben sagten."

Genau so ist es, Herr Ministerialdirektor. Bargeld lacht. Wenn wir Por­tugal morgen einen angemessenen Preis bieten, können wir übermorgen den Vertrag abschließen."

Aber die andern? Wie würde iich England dazu stellen?" fragte der Minister.

Es wird alles darauf ankommen, Herr Minister, daß wir England vor eine vollendete Tatsache stellen. Völkerrechtlich wenigstens ist die Republik Portugal noch ein souveräner Staat, der über seine Kolonien nach eigenem Ermessen frei verfügen kann. Bekommt England vorzeitig Wind von der Sache, so wird es uns natürlich alle möglichen Schwierigkeiten machen, ob­wohl es zur Zeit noch schwer an seinem andern Kolonialbesitz zu verdauen hat. Sieht es sich einer vollendeten Tatsache gegenüber, io wird es iich damit Abfinden. Deutschland darf nicht wieder in denselben Fehler verfallen wie vor einem Menschenalter. Auch damals waren Verhandlungen über !die Aufteilung des portugiesischen Kolonialbesitzes im Gange. Durch eine Indiskretion wurden sie vorzeitig bekannt und zerschlugen sich infolgedessen."

Der Minister griff wieder zum Bleistift und warf eine Reihe von Zahlen ifluf das Papier.

Sie sagten zwei Millionen Quadratkilometer, Herr Professor."

Professor Eggerth zog sein Notizbuch aus der Tasche und schlug eine Seite darin auf.In genauen Ziffern noch eine Kleinigkeit mehr, 2,7 Milli­onen Quadratkilometer. Praktisch kommen wir aber doch auf zwei Millionen, Denn ein Teil der Gebiete kommt wegen des Klimas für deutsche Siedler staum in Frage."

Zwei Millionen Quadratkilometer brauchbares Land also", der Minister rechnete weiter auf seinem Blatt.Das wird nicht ganz billig sein. Haben '©ie irgendeinen Anhalt, welchen Betrag die Herren in Lissabon für die Abtretung der Kolonien fordern würden?

Sie würden das Blaue vom Himmel fordern, und ich würde von ,eder Verhandlung abraten, wenn ihnen das Messer nicht an der Keble säße. Heute liegt die Sache einfach so. Mit drei Milliarden in Gold oder sonstigem

guten Gelbe kann Portugal seine Finanzen und seine Wirtschaft wieder in Ordnung bringen. Also werden unsere Unterhändler ihm zwei Milliarden bieten und sich in einem zähen Handel, der aber unter- keinen Umständen länger als acht Tage dauern darf, bis auf drei Milliarden heraufhandeln lassen. Damit ist Portugal geholfen und Deutschland erwirbt die Kolonien zu einem Preise, den wir von unserm Standpunkt aus als wohlfeil be­zeichnen dürfen."

Geraume Zeit herrschte Schweigen, während der Minister seine Rechnung fortsetzte. Dann legte er den Bleistift wieder hin.

Wir würden bei einem Abkommen, wie Sie es eben skizzierten, rund dreizehnhundert Mark für den Quadratkilometer bezahlen."

Lassen Sie das schlechte Land aus Ihrer Rechnung heraus und sagen Sie fünfzehnhundert Mark für den Quadratkilometer brauchbaren Farm­landes, damit wir gleich von den tatsächlichen Verhältnissen ausgehen. Ein Quadratkilometer hat vierhundert Morgen, wir zahlen also 3,75 RM. für den Morgen, der Kauf ist durchaus annehmbar um so mehr, als uns das Geld dafür vom Himmel in die Taschen fiel." Wieder lief ein Lächeln über Professor Eggerths Gesicht, während er fortfuhr.Ich glaube, Herr Minister Sie vergaßen das im Augenblick und fühlten sich zu sehr in Ihrer Eigenschaft als Reichsfinanzminister."

Das Lächeln des Professors wirkte ansteckend. Er sprang auf die bisher so ernsten Mienen Schröters und Reute über, bis der Minister schließlich laut auflachte.

Sie haben recht, Herr Professor!" rief er und warf den Bleistift zur Seite. Die ganze Rechnerei ist Unsinn. Natürlich müssen wir die Kolonien sofort kaufen. Den Preis können wir ja aus der rechten Westentasche be­zahlen. Aber wer soll die Unterhandlung führen? Ein reiner Genuß wird es bestimmt nicht sein, mit den Herrschaften in Lissabon zu verhandeln. Das kann ich Ihnen jetzt schon.sagen, soweit kenne ich sie auch."

Die Unterhandlungen werden leichter vonstatten gehen, als Sie denken. Ich sage auch das nicht ohne einen gewissen Grund. Als ich vor zwei Stunden aus dem Staakener Flugplatz aus ,St 11* stieg, kam ich unmittelbar aus Lissabon."

Sie waren in Lissabon!" Gleichzeitig kamen die Worte aus Schröters und Reutes Mund.

Ich war so frei, Herr Minister! Die Angelegenheit erschien mir nach den Berichten meiner dortigen Vertreter wichtig genug, um vis schlichte Privat­person etwas sagen wir einmal etwas vorzufühlen

Nun und?" Der Minister blickte den Professor starr an.

Diese Borfühlung hat mir durchaus bestätigt, was meine Leute mir berichteten. Ein geschickter Mann, der an der richtigen Stelle auch sagen wir einmal Douceurs in der richtigen Höhe gibt." Der Minister machte eine abwehrende Bewegung.Herr Minister, man muß im Lande tun, was des Landes Brauch ist. Ich wiederhole, ein geschickter Manu kann die Ver­handlungen in einer Woche zum Abschluß bringen.

In das Schweigen platzten die Worte des Ministers.

Sie werden dieser Mann sein, Herr Professor--. Sie werden dem

Reich diesen Dienst erweisen."

Nachdenklich legte Professor Eggerth die Fingerspitzen seiner beiden Hände zusammen.Ich habe es mir gedacht, Herr Minister, daß man mich eines Tages vor diese Aufgabe stellen wird. Ich bin dazu bereit, denn ich glaube, daß ich fie bester als mancher andere zu löten vermag. Doch vorerst muß das Kabinett feinen Entschluß fassen. Sowie der vorliegt, stehe ich zu Ihrer Verfügung. Vergesfen Sie nicht, daß wir schnell arbeiten müssen.--"

Ein Händedruck, eine kurze Verbeugung, Professor Eggerth ging aus dem Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.

Ein Kerl von Format", sagte Reute bewundernd.

Schade, daß wir ihn nicht für das Kabinett gewinnen können", fetzte Schröter den Gedankengang fort.Bisher hat er alle Angebote abgelehnt. Sein ganzes Leben und Streben gilt seinen Bitterfelder Werken."

Vielleicht gelingt es jetzt, wenn das Reich ihn als bevollmächtigten Unterhändler nach Lissabon schickt."

Schröter schüttelte den Kopf.Glauben Sie das ja nicht, lieber Reute. Dazu kenne ich den Mann seit Jahrzehnten zu genau. Er ist stolz auf feinen Profestorentitel, den er als die wohlverdiente Anerkennung seiner wisten- schaftlichen Leistungen betrachtet. Alles andere lehnt er ab. ÄM einfacher Professor Eggerth wird er für uns nach Lissabon gehen, die Verhandlungen bester als jeder zünftige Diplomat führen und als ichlichter deutscher Pro­fessor wird er nach dem Abschluß des Vertrages zurückkehren."