Ausgabe 
1.2.1935
 
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Ein StratofphSrenfchiff der Type ,St 11* flog auf Südwestkurs über den Golf von Biskaya. In einem behaglich als Arbeitszimmer eingerichteten Raum laß Profefsor Eggerth zusammen mit feinem Sohn vor einem Stapel von Depeschen, und ständig wurden neue Telegramme hereingebracht. An den vier Empfangsgeräten des Flugfchiffes waren vier Funker eifrig bet der Arbeit, alles aus dem Aether aufzunehmen, was den Profeffor in dtefen Stunden besonders interessierte. ,,

St 11 hätte dreimal so schnell fliegen können, als es tatsächlich flog. Nur gerade so schnell bewegte es sich vorwärts, daß die hochverdünnte Lust der Stratosphäre es noch trug und die Hubschraube nicht in Tätigkeit ge­fetzt zu werden brauchte. Es war offensichtlich, daß der Pilot keine große Eile hatte, die portugiesische Hauptstadt, das Ziel seines Fluges, zu erreichen.

Professor Eggerth las den letzten Funkfpruch, der ihm soeben gebracht wurde, und reichte ihn dann seinem Sohn. Der las ihn halblaut vor sich hin:

General Baranco gibt die Partie verloren. Seine Truppen sind zu Enrique Dinez übergegangen. Der General ist mit einem Kraftwagen in westlicher Richtung aus Lissabon entflohen."

Hein Eggerth gab das Blatt zurück.

Ich glaube, Vater, du hast dir keinen sehr glücklichen Zeitpunkt sür deine Verhandlungen ausgesucht. General Baranco entslohen. Du rechnetest doch gerade aus seine Unterstützung."

Bevor der Professor antwortete, griff er erst zum Telephon und gab einen Befehl in den Pilotenstand. ,St 11 schwenkte danach von Südwestkurs aus reinen Westkurs über.

Hast du's dir überlegt, Vater, willst du doch lieber umkehren?" fragte Hein Eggerth. Der Professor schüttelte den Kops.

Ich denke nicht daran, Hein. Nur ein wenig Zeit will ich gewinnen. Das eine scheint mir allerdings sicher. General Baranco muß vollständig erledigt sein, wenn er noch irgendeine Möglichkeit sähe, sich an der Macht zu halten, so würde er die Hauptstadt nicht aufgegeben haben nun, uns kann es im Grunde egal sein. Dann machen wir eben den Abschluß mit dem neuen Machthaber, mit Dom Enrique Dinez."

Hein warf dem Alten einen verwunderten Blick zu.

Ja, wird er denn geneigt sein, das Geschäft abzufchließen, hast du schon Beziehungen zu ihm?"

Der Professor lachte.

Selbstverständlich hatte ich auch schon bei Enrique Dinez vorgefühlt. Als den Führer der Oppositionspartei durfte ich ihn unter keinen Umständen übergehen. Jetzt wird sich die Sache wahrscheinlich sehr vereinfachen. Ich werde nur noch mit ihm allein zu tun haben."

Wieder kam der Funkergast in die Kabine und brachte einen ganzen Stoß von Depeschen.Herr Berkoss läßt fragen, ob diese Meldungen weiter aus­genommen werden sollen?" sagte er, während er sie dem Prosesfor übergab.

Selbstverständlich", erwiderte der,gerade diese Telegramme sind wichtig."

Hein Eggerth beugte sich vor und warf einen kurzen Blick darauf. Der Text war verschlüsselt. Fragend blickte er seinen Vater an.

Es ist die Chifsre von Enrique Dinez, mein lieber Junge. Als ich das letztemal in Lissabon war, habe ich sie mir unter der Hand verschafft."

Er griff nach einer Aktentasche und entnahm ihr ein mittelgroßes Buch, zog einen Schreibblock heran und machte sich daran, die Funkfprüche zu dechiffrieren. Eine Weile sah ihm Hein zu, wie er Telegramm aus Telegramm entschlüsselte und in Klartext brachte.

Der Professor schob Hein die bereits entschlüsselten Funkfprüche hin und sprach weiter.Alle Achtung vor Dom Enrique. Sein Apparat funktioniert wie eine Maschine. Interessant ist das, Hein. In dieser Stunde erleben wir unmittelbar ein Stück Geschichte mit."

Hein Eggerth vertiefte sich in die Funkfprüche. Ans Lagos, aus Odemira, aus Vila Nova de mil fontes kamen sie, aus Cafa Branka, Jlhavo und noch einem Dutzend anderer Städte. Ihr Inhalt war stets der gleiche: ,Die Garnison hat die Anhänger von Baranco festgenommen und stellt sich der Regierung von Enrique Dinez bedingungslos zur Verfügung."

Unablässig arbeitete Professor Eggerth inzwischen weiter. Der letzte Funkspruch war entschlüsselt, als ihm eine neue Depesche gebracht wurde. Sie kam aus Lissabon. Im Gegensatz zu den früheren war sie in Klartext gesendet worden. Professor Eggerth konnte einen Ausruf nicht unterdrücken, während er sie überflog.

Ah! sehr gut! Dom Enrique hat fein Spiel gewonnen. Porto und Lisfa- bon find fest in feiner Hand. Die Truppen in Lissabon haben ihn zum Diktator ausgerusen sehr gut das vereinfacht die Sache."

Kurze Zeit danach bekam auch der Sender von ,St 11 Arbeit. Ein länge­rer Funkspruch flatterte aus seiner Antenne, in dem Professor Eggerth dem neuen Machthaber seine Glückwünsche aussprach und seine bevorstehende Ankunft in Lissabon meldete. Und dann drehte das Flugschifs wieder aus seinen alten Kurs und steuerte mit voller Mafchinenkrast die portugiesische Hauptstadt an.

Am Spätnachmittag erreichte es, von Nordwesten kommend, die Iberische Halbinsel. Unhörbar und unsicher blieb es in seiner Stratosphärenhöhe den Menschen dort unten, aber mit scharfen Gläsern konnten seine Insassen an mehr als einer Stelle die Spuren der Revolution und des Staatsstreiches beobachten. Häuser, die im Granatseuer der gegeneinander kämpfenden Truppen Trümmerhaufen geworden waren, Menschen, die noch dort lagen, wo der Tod sie im Bürgerkrieg ereilt hatte.

Gedankenvoll schaute Professor Eggerth aus die Verwüstungen hinab. Ein unglückliches Volk", murmelte er vor sich hin.Seit zweitausend Jahren kann es nicht zu Ruhe und Frieden kommen." Er sprach zu seinem «ohn weiter.9lun vielleicht, Hein, bringen wir ihm die richtige Medizin, die es endlich gesunden läßt."--

®ie Sonnenscheibe versank eben in die See, als ,St 11* in einer abge­legenen Bucht des Tejo wasserte und langsam an das Ufer trieb. Ein Straft« toagen mattete dort, der Professor Eggerth sofort nach Lissabon in den Palast des Diktators brachte.--

Für die nächsten Tage stand Portugal im Brennpunkt des europäischen Jntereises. Trotzdem die neue Regierung sosort eine scharfe Zensur ver- hangte, kam außer den offiziellen Nachrichten auch eine Flut von anderen Meldungen über die Grenze. Wie stets bei solchen Umwälzungen sanden sich

allerlei dunkle Elemente, We im Trüben fischen wofiten und mit Geheim- ienbern in die Welt fünften, was ihren Interessen dienlich zu sein schien. Fast ebenso selbstverständlich war es, baß ein beträchtlicher Teil dieser Schwarzfenbungen in bie europäische Presse geriet.

Der gestürzte General Baranco war ein Anhänger Englands, her neue Machthaber halte sich dem britischen Einfluß bisher entzogen. Besonders argwöhnisch verfolgten deshalb die englischen Zeitungen ,eine ersten Maß­nahmen. In diesen Blättern stand denn auch zu lesen, daß bet bekannte Flugs chiffkonstrukteur Professor Eggerth aus Deutjchlanb in Lissabon weile unb lange Besprechungen mit bem Diktator habe. An diese Meldung, die >.m Gegensatz zu vielen anderen sogar den Tatsachen entsprach, wurde die Vermutung geknüpft, daß die neue Regierung sich eine größere Flotte von Stratosphärenschiffen zulegen wolle, um die Unabhängigkeit des Landes nach jeder Seite hin zu wahrem

Professor Eggerth las den Artikel, lachte herzlich darüber unb nahm ihn mit, als er zur nächsten Besprechung mit Enrique Dinez ging. Der Diktator las ihn ebenfalls, aber et lachte nicht, sonbern wurde im Gegenteil schweig- iam und nachdenklich.

Es fiel Enrique Dinez nicht leicht, sich zu dem Bertaut bet afrikanischen Kolonien zu entschließen. Nicht ihres materiellen Wertes wegen; während der vier Jahrhunderte, bie Portugal sie nun schon besaß, hatte es niemals etwas Rechtes bamit anzufangen gewußt. Die wenigen taufenb Weißen, bie bort zwifchen Negern unb Jnbern hausten, stellten keinen Aktivposten bar.

Aber einen gewißen Prestigeverlust würbe bie Aufgabe bet Kolonien in jebent Fall bedeuten, und das Bewußtsein dieser Tatsache lastete auf dem Diktator. Doch andererseits war er sich klar darüber, daß bie Opfer gebracht werben mußten, um aus der ewigen Finanzmisere herauszukommen. Aber dann wollte et damit nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Unabhängigkeit seines Landes erlaufen.

Eine Flotte von dreißig vierzig höchstens fünfzig Stratosphären- schiffen der neuesten deutfchen Type würde vollkommen genügen, um Por­tugal gegen alle Pressionen zu sichern, die etwa eine starke ausländische Seemacht auf das Land ausüben konnte. Fünfzig Stratosphärenschiffe bas einzelne Schiff kostete noch keine Million. Verschwinbenb gering würben die Erwerbungskosten für eine solche Flotte gegenüber bet Riesensumme Sein, die dem Land aus dem Verkauf der Kolonien zufließen sollte.--

So ereignete es sich, daß der Diktator zur Verwunderung des Professors diesmal zunächst nicht auf das eigentliche Verhandlungsthema einging, sondern sich des langen und breiten nach den Neukonstruktionen der Eggerth- Werke, nach Preisen unb schnellsten Lieferfristen erfunbigte. Unb so geschah es weitet, daß Professor Eggerth von diesem Tage an zwei verschiedene Ver­handlungen mit Enrique Dinez zu führen hatte. Die eine als Bevollmäch­tigter der Deutschen Regierung über die Kolonien unb die andere als Leiter der Eggerih-Werke über die Lieferung einer Flotte von Stratosphären­schiffen.

Hätte bet Schriftleiter jener ßonboner Zeitung eine Ahnung von der Wirkung gehabt, die sein Aufsatz tatsächlich auslöste, so wäre es um seine Nachtruhe in den folgenden Wochen wahrscheinlich schlecht bestellt gewesen. Zu Seinem Glück wußte er nichts davon und auch die englische Regierung war übet die Dinge, die sich in Lissabon hinter den Kulissen abspielten, nicht im Bilde. Die Herren in Downing-Street hielten es diesmal für der politischen Weisheit höchsten Schluß, sich mit bet Anerkennung ber neuen portugiesischen Regierung nicht zu beeilen.

Als man in Downing-Street ben eigenen Fehlet erkannte, war es zu spät, ba war bie Bombe bereits geplatzt. Am Morgen bes gleichen Tages veröffentlichte die deutfche Regierung im Reichsanzeiger und die portu- giefische Regierung im Diario do Stato den zwischen beiden Ländern ab­geschlossenen und von den beiderseitigen Parlamenten einstimmig genehmig­ten Vertrag über den Verkauf bet afrikanischen Kolonien an Deutschland für die Summe von drei Milliarden Reichsmark.

Die vollendete Tatsache war da, und Sie wirkte sich genau So aus, wie Professor Eggerth es vorausgesehen batte. Mit diplomatischen Quertreibe­reien war nichts mehr zu machen, nut noch mit Gewalt unb offentunbigem Rechtsbruch hätte England etwas gegen den unterschriebenen Vertrag unternehmen können, und dafür war die allgemeine politische Lage im Augen­blick wenig günstig. Das Jnselreich hatte in allen fünf Erdteilen bereite zu viel andere Sorgen, um sich im Augenblick noch neue Schwierigkeiten zu bereiten.

Vier Wochen später erfolgte die Anerkennung ber neuen portugiesischen Regierung burch England. Als der britische Gesandte zum Palast des Dik­tators fuhr, iah et zwölf Stratosphärenschiffe, die sich wie schwimmende Schwäne auf den blauen Fluten des Tejo wiegten.

Die letzten Unterredungen ber beiben Partner fanden im Flint-Hotel in Detroit statt.

sünätlang.

In einem bequemen Sessel saß Garrison. Gute Pflege und die Kunst der Aerzke hatten ihn wieder hergestellt. Hätten an seiner Rechten nicht zwei Finger gefehlt, fo hätte nichts mehr an jene Leidenszeit in der Antarktis erinnert.

Bolton brummte etwas Unverständliches vor sich hin.

Sie sind enttäuscht, Bolton. Ich bin es auch. Aber ttotzdem können wir >m Grunde doch immer noch "

Mit einem Ruck drehte sich Bolton um und fiel ihm jäh ins Wort.

Den Teufel was können wir, Garrifon I Noch ein Dutzend solcher Ge- ichäfte wie das und ich kann den Laden zumachen."

Er kehrte zu dem Tisch zurück und griff wieder nach den Papieren.Hier ist die Abrechnung der Melting and Refining Company: Hundert Tonnen Erz empfangen und verarbeitet. Kostenpunkt: taufend Dollars pro Tonne, macht hunderttausend Dollars. Ergebnis: neunhundert Kilogramm Platin, vier Tonnen Silber, Spuren von Gold. Ales in allem aus den hundert Tonnen noch längst kein Kilo Gold. Der Rest reines Eisen. Schönes Geschäft, Mr. Garrison, zu bem Sie mich ba beschwatzt haben."

Garrison zog seinen Geisel näher an ben Tisch heran unb begann mit Bleistift unb Papier zu rechnen.

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