Ausgabe 
19.9.1932
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1952

Montag, den 19. September

Nummer 75

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Ich bin allein auf meinem Felsenriff Und ich empfinde, daß Galt bei mir sei.

tiefes Schweigen unb ein steter Schall, Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebet!

neben mir des Murmeltieres Pfiff, über mir des Geiers heisrer Schrei;

Oie Geschwister.

Van Franz Gras.

Nur

Nur

Dorfe van ihre Tage längst ge-

Ein Ein

Himmelsnähe.

Van Conrad Ferdinand Meyer.

In meiner Firne feierlichem Kreis Lagr' ich am schmalen Felsengrate hier. Aus einem grünerstarrten Meer von Eis Erhobt die Silberzacke sich vor mir.

Der Schnee, der am Geklüft« hing zerstreut. In hundert Rinnen rieselt er davon Und aus der schwarzen Feuchte schimmert heut Der Soldanelle zarte Glocke schon.

Bald nahe tost, bald fern der Wasserfall, Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht

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In Arbeit unb Stille lebte Katharina, gemeiniglich im odermann ob ihrer Wohlhabenheit bie Talerkätt geheißen, tatjin. Sie war nun vierzig Jahre alt. Ihre Eltern waren _ lorben. Sie besorgte ihrem lebigen Bruder bas Haus, sah auch in den stallen nach dem Rechten, unb Knecht unb Magd achteten sie als die Herrin.

Hinaus aus dem Gut!

Und: ..Ich muß 'enaus, ich mußenaus" schrie sie durchs Haus und den Hof. Selbst zur Nachtzeit noch hörte man ihren Klageruf.

Der Knecht und die Magd pifpelten zusammen unb zweifelten an ihrem Verstand. Dem Bruder aber wurde es angst und bange.

Schon stiegen Zweifel in ihm auf, ob er feinen Versprach halten solle. Aber seine hachige Zukünftige und der Makler, dem es um seinen Lohn zu tun war, wuschen ihm gehörig den Kopf, als er sich zurückziehen wollte, drohten ihm sogar mit Schadensersatzansprüchen.

An diesen lag dem Bruder nichts. Aber er schämte sich vor dem Leute­geschwätz. Deshalb wurde er nicht wieder Herr über sich selbst.

Im ersten Gerichtstermin wurden die Geschwister nicht einig. Kätt heulte auch so, daß ein Protokoll schon deshalb nicht zustande kommen konnte.

Drei Tage vor Der Hochzeit mußten Bruder und Schwester noch ein­mal am Amte erscheinen.

Sie gingen jedoch nicht zusammen! Dazu war di« Kätt nicht zu be­wegen. Kein Mensch durste sie begleiten. Von allem, was ihr die Zu­kunft bringen sollte, wußte sie nur das eine: Sie mußte aus ihrem Eltern­hause hinaus, das ihr Obdach, Ruhe, Heimat und alles war. Sie sollte aus dem Erbe scheiden, das ihr bisher wie ihr alleinig Eigen gehört«, das sie niemals mit einer Fremden teilen konnte. Einen armseligen Einsitz wollte sie sich nicht verschreiben lassen.

Bauernstolz sitzt auch in Weiberköpfen. Hatte sie hier bisher nicht über Vieh, Schiff und Geschirr mitverfügen dürfen?

Und es begann in ihrem Kopfe zu toben:Ich muß nicht hinaus, ich will hinaus!"

Ich muß netich will!" schrie es in ihr auf!

Und als nun die Kätt, der die Leute durchs Fenster nachguckten, weil der rote Friedrich, den sie im Torfe bie Neugier hießen, im Wirtshause heimlich dem Gerichtsboten in die Ladungen geguckt und danach die Karten verraten hatte, ja als Kätt aufrecht unb stolz in ihrem schwarzen Mieder, in faltigen Stumpröcken, in schwarzen Strümpfen unb ben festen Schnallenschuhen ihrer guten alten Bauerntracht zur Amtsstabt ging, ba gab's nur noch den einen Gedanken in ihrem Kopse, auf dem die schwarzbunte Kitzelhaube so fest saß als ob sie ihm aufgeschmiedet sei: Ich will 'enaus!"

Die Teilung wurde schriftlich verbrieft. Die Talerkatt verlangt« nur Ka­pital. Und mit ihrer Unterschrift schrieb sie sich los vom Hause, in dem sie jeden Winkel kannte, in dem sie jung gewesen war. Sie schrieb sich auch los von den Elternstuben und ihrer Bettstatt, von Scheune und Stall und dabei lag ihr nichts am Gelbe, das an die Stelle des Erbgutes treten sollte. Den Einsitz wollte sie nicht. Denn künftigen Zank und Weiberstreit sah sie vor Augen. Deshalb: Sie schrieb sich los los los.

Mit überwältigendem Ingrimm im Herzen.

Beim letzten Buchstaben ihres Namens stieg ihr eine heiße Welle zu Kopf, bie ihr ben Atem zu rauben schien und ben Sinn verwirrte. Rote Flecken ber Aufregung traten ihr auf Hals unb Wangen. Es fauste und brauste ihr in ben Ohren.

Ich will 'enaus" schrie sie gettenb auf, packte zugleich ihren Hanb- korb und den Schirm, riß die Türe auf und schlug sie blitzschnell hinter sich zu. Der Schlag schallte durchs ganze Haus.

In dem fremden Amtsgebäude, das von ihren Schreien widerhallte, wußte sie nicht aus und ein. Sie riß die erste beste Tür« auf, in der bei grauen Aktenbündeln etliche Menschen hockten. ,^Ich willenaus" schrie sie in den Raum. Die, die da drinnen saßen, lachten auf, als sie so plötzlich das verstörte Weib zwischen Tür und Angel stehen sal>en. An der zweiten und dritten Türe erging es Kätt ebenso.

Die Aktenmenschen verstanden Kätt nimmermehr und schüttelten nur die Köpfe.

Ja, was wußten denn auch dies« ihr so Fremden, von ihrem Weh, ihrem Groll, ihrem Herzeleid und ihrem Protokoll?

Laut heulte Kätt noch einmal auf: Ich will 'enaus! Der Bruder hörte in ber Amtsstube, bie er zu verlassen sich scheute, die gellenden Schreie. Wie festgebannt blieb er noch eine Zeitlang auf seinem Platz« sitzen.

Ihr kennt meine Schwester net, Herr Richter, fie hat ein strack« Kopf. Wenn ich alles noch einmal zu machen hält' ich müßt', was ich tät. Den Makler soll das Gewitter oerzehr'n."

Der Richter wiegt« nur leicht den Kopf hin und her.Ja, das ist eine seltsame Sache", sprach er.

Vom Amt ging der Bruder ins nahe Wirtshaus. Dem Wirt, der ihn aushorchen wollte, gab er ausweichende Antworten, so daß er nicht klüger wurde. Langsam er ein Stück Brot, das er sich geben ließ und ein mitgebrachtes Stück Wurst. Die Bissen wollten ihm die Kehle nicht hin­unter gehen. Hastig aber stürzte er die Schoppen hinab. Erst als es zu dunkeln begann, faßte er ben Mut, nach Haus« zu manbern. Er schlug ben Weg zu seinem Dorfe ein. Es war Neumond und kein Stern stand am Himmel. Aber er sand sich auch auf dem Feldweg zurecht er scheute sich, auf ber Landstraße einem Menschen zu begegnen.

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Da wurden dem Bruder, der etliche Jahre älter war als sie, noch späte Heiratsgedanken in den Kops gesetzt.

Ein Vermittler hatte ihm eine reiche kinderlose Wittsrau aufgeschwatzt in aller Heimlichkeit, als er an einem schönen Sonntagmorgen nach lern Kirchgänge draußen auf dem Felde den Saatenstand besichtigte, wie <f bas vor ber Ernte allsonntäglich zu tun pflegte. Es hatte lange ge­lauert, bis der alte Junggeselle ben glatten Worten des Ehemaklers nach- <ab, dem die Wittib, die noch einmal unter die Haube kommen und hier- >urch auch ihren Besitz mehren wollte, bereits vor dem Notar in der Stabt einen guten Acker für ben Fall versprochen hatte, baß er Erfolg tobe und die Ehe zustande brächte. Endlich hatte der Junggeselle nach- jt'geben und sich zur Heirat entschlossen.

Die Schwester vernahm sein Vorhaben mit Schrecken.

Durch Dritte.

Denn er selbst besaß nicht den Mut, ihr zu sagen, wie die Sache stand.

Kaum aber, daß er sich in des Maklers Gegenwart mit der Wittib ausgesprochen hatte, dämmert« es ihm schon, daß die beiden Frauen im - Mufe nicht in Frieden miteinander leben könnten. ,

Deshalb schwieg sich der Bruder der Schwester gegenüber aus, obwohl R die Dorfspatzen bereits auf den Dächern die Geschichte von seinem lierspruch mit ber Wittib zuschilpten.

Kätt war nur um des Bruders willen lebig geblieben, hatte anfehn- : liche Freier von gutem Vermögen abgewiesen. Und nun tarnen ihm noch fsiratspossen, wie sie sagte, in den Kopf.

Sie aber spürt«, was ihr mit dorn Einzug einer Schwägerin bevor- fhnb jedenfalls nichts Gutes. .

Noch hatten die Geschwister bas ererbte Werk nicht geteilt. Keines von ! 'Inen hatte bisher daran gedacht, und den Herren von der Steuer war dis nach dem Tobe ber Eltern gleich, wenn nur bie Steuerzettel richtig «.Zahlt wurden. Und das geschah stets pünktlich. Die Eltern waren auch Md) bahingestorben unb hatten nichts Schriftliches hinterlassen.

I Nun begehrte der Bruder vor ber Hochzeit die Erbteilung auf ber iittib Geheiß, bie schon alsbalb nach dem Versprach klare Verhältnisse 01 «langte.

. Deshalb hatte ihr Verlobter am Amt fast wider Willen und mit i'imerem Widerstreben die Auseinandersetzung des elterlichen Erbgutes d'vntragt.

, Kätt bekam von dem Gerichtsboten die Ladung, die sie hinnahm, ohne

Wort zu sagen. Sie beherrschte sich vor ihm.

Als er aber draußen war, schlug sie mit der Faust auf den Tisch und fi tfaten Tränen in ihre Augen.

$ »Ich mußenaus, ich mußenaus", so hämmerte es plötzlich in chrem