Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Nummer 9
Montag, den Februar
Jahrgang 1932
Februar.
Bon Edmund Finke.
Glanz der Äugend über der besonnten Halde, herrlich brennt der weihe Frost im Blut, und der harsche Schnee im Föhrenwalde fällt zerstäubend auf den Jägerhut.
Hurtig bindet sich am Hügelhange alt und jung die Bretter untern Schuh, und es deckt der Sport die bleichste Wange noch mit Glück und reiner Freude zu.
Wie die Paare rascher talwärts gleiten schön und stolz im jugendlichen Schwung, fühlt sich auch das ältere Herz im weiten Ueberschwang des Jubels wieder jung.
Mag in Zukunft auch ein Sturmwind drohen, der das Alte schroff beiseite schiebt, dieser Jugend Licht wird nie verlohen, wenn sie Sonne, Luft und Freiheit liebt.
Winter übermLnntal.
Bon Wilhelm H a u s e n st e i n.
In Seefeld vorhin war noch der Norden. Man wußte es nicht deutlich, aber jetzt weiß man es — jetzt, wo man am Weg nach Mosern eme gelinde Ahnung vom Süden empfängt. Der Unterschied geht auf. Nicht so offenkundig wie ja und nein, aber er geht auf. Der Schlitten rutscht bergan, und an den Geschirren der kleinen Pferdchen klingelt es. Hat man diese heitere Musik des Winters nicht in den Kindertagen zum letzten Male gehört? Sie klingelt uns voran. Nicht gerade auf eine Paßhöhe hinauf: aber die Wirkung ist doch beinahe so — denn nun hält sich eine veränderte Landschaft bereit. Man spürt es zuerst am Licht: es ist ein wenig zarter, ein wenig süßer. Und schnell scheint nun alles anders. Es mag im Unmeßbaren liegen, und es wird kaum auszusagen sein: und dennoch sind wir auch hier am Weg von Mitternacht gen Mittag... Mit einem Wort, mir erreichen die Welt des Jnntals. Dort drunten windet sich der noch schmale Fluß mäandrisch. Er ist das wirkende Zeichen dieser neuen Gegend, die auch Tirol heißt, so gut wie das schöne Seefeld — aber es gibt ja nicht nur Nordtirol und Südtirol, sondern es gibt dazwischen auch ein Jnntirol, in dem das Hüben sich dem Drüben verbindet. Winter ist: alles ist verschneit: gleichwohl trägt dies Bergland um den Inn einen Hauch, dessen Zauber freilich nur um so mehr berückt, als er im Geheimnisvollen und beinahe Unmerklichen verharrt... Es ist nicht Südtirol; wohl aber i|t es schon eine milde Welt. Da ist nun Mösern; an den wenigen Bauernhäusern, aus denen es besteht, hangen die Maiskolben dicht, wie das Gewebe eines Teppichs. Es ist „Welschkorn"; es ist ein Bild der andern Seite. Der Inn weit drunten geht seinen Weg. Er kommt vom Engadin und trägt den herüberscheinenden Schimmer der mittelmeerlandischen Erde mit — Borbote, allererster Vorbote des Südens für den Norden, Gleichnis von beiden und damit so weltweit wie eigentümlich.
Der Föhn ist gekommen. Der Himmel ist grau und weich und im Süden bläulich aufgelichtet, auch gelblich, schweflig und blaßgrun. Der Föhn ist vor den Augen und um die empfindenden Schlafen ^und fahrt mit seiner falschen Lauheit den Nervenbahnen entlang. Der Cohngellt in die Ohren; alles hört stch anders an, — wie alles sichtiger ist, so ist auch alles hörbarer. Der Zug, der im Tal drunten nach Innsbruck fahrt, rollt vornehmlicher als sonst. Man hört ihn wie auf eine unwahrscheinliche Nähe; den Ohren ist er noch näher, als den Augen — aber nun entdeckt man die schwarze Schlange drunten in der Nahe von Telfs.
Es ist, wie wenn mit einem Male viel Schnee von den Baumen herabgeschmolzen wäre, die Tannen drüben an den Berghangen stehen in einem gleichmäßigen, dumpfen, aber starken Blau. Es ist erschrecke d, wie blau die Fichlenhänge heute niedergehn. Ich mache eme Probe, der Tannenbaum unmittelbar vor meinen Augen trägt eine blaue Wegmarke, ich schaue auf sie hin, behalte sie im Blick und schaue zugleich an ihr vorbei — und die Fichtenhänge drüben, lenfeits des Talgrundes, ichemen mir nicht weniger blau als die Wegmarke vor meinen Augen.
Es ist eine andere Stunde, und ein anderes Licht. Jetzt schönen die Fichtenhänge drüben mit Tinte gemalt zu sein. Die Landschaft ist schwarz und weiß, wie eine Zeichnung, wie ein Holzschnitt. Auch so ist der Föhn.
*
Das Wetter hat sich gewandelt. Fast mit einem Schlag ist der Südwest- wind durch den Nordost vernichtet. Der Morgen ist eiskalt und |onnen= klar. Das Sonnengold spiegelt sich im Neuschnee, den die schwarze Nacht in Mengen herabgeworfen hat. Gegen Norden ist der Himmel von harter Bläue. Südwärts ist er lieblicher. Dort draußen am Sudrand tragt
der Himmel die Farben der Baumblüte, des Frühlings. Die Fichte» haben unter dem vergoldeten Himmelsblau einen bronzigbraunen To« angenommen, und unter der reinleuchtenden Wölbung zeigen sie eine körperlich ausgebildete Gestalt, wo sie gestern noch wie in einen dumpfblauen Gobelin flächig eingewirkt waren. Das Holz vor den Bauernhäusern, als Brennvorrat sauber aufgeschichtet, wird ein brandiges Rot, und das bräunliche Holz der Skis, die, aufrecht in den Schnee gesteckt, zur Sonne und zum enzianblauen Himmel zeigen, ist sonderbar hitzig anzusehen: aus der Bräune schier wie in ein Zinnober verwandelt. Die bauchigen kleinen Vögel und der Misthaufen, an dem sie picken, sind mitten im Schnee und unter dem vollen Licht des Sonnenhimmels tief- golden.
Es ich Mittag. Das Läuten wird nicht so unmittelbar vorgenommen, wie es im Föhn vernommen wurde (denn gestern noch läutete es, als wäre zwischen dem Ohr und der Glocke überhaupt keine Lust); das Läuten ist nun wie von Kälte und von Licht umhüllt und verschwimmt auf Lust- wellen. Der Pfarrer schreitet mit seinem Brevier barhäuptig den langen Lausbalkon an seinem schlichten, bauernmäßigen Haus ab; er hat eine eingebrannte Haut und hat den Kopf eines Eremiten oder Apostels.
Wir essen vor dem Gasthaus im Freien, und es ist so warm, wie es goldhell ist. Der Winter ist nicht mehr der Winter, ober, wenn er es noch ist: so scheint er doch fast alle anderen Jahreszeiten mitzuenthalten. Die Glut und das Licht find sommerlich; an Stellen, wo der Schnee den Sonnenstrahlen nachgegeben hat, und schon wieder ganz gewichen ist, oer- spricht das falbe Gras, indem es noch vom späten Herbst erzählt, schon den kommenden März. Die graue Baumrinde ist ein Zeugnis der Jahreszeiten, die keinen Schnee kennen; so steht sie im Licht, wenn es Mai ober September ist und wenn die Hitze des Sommers um sie brütet — ich wüßte keinen Unterschied. Die Vögel sind vom Licht und von der Sonnenwärme verführt und probieren ihre Stimmen, als wäre es April und die Hänge lägen im zarten Gelb der Schlüsselblumen. Tautropfen platzen auf unseren Eßtisch herab; in ihnen ist der Winter gebrochen. Es ist Winter, Januar — aber alle Jahreszeiten sind in ihm auf einmal gegenwärtig. *
Der Gasthof ist ein schönes altes Tiroler Bauernhaus; unten gekalktes Gemäuer, oben dunkelbraunes, samtig anzusehendes ^Balkenwerk, nach alter Ordnung gefügt und angeschnitzt. Zwischen den Fenstern, die nicht dicht fitzen, unter einem Dach, das sich nur im flachen Winkel hebt, und nicht mehr nordisch giebetig anmutet, sondern schon halbsüdlich, — im reinen Kalkweiß des Gemäuers, find bäuerlich barocke Fresken aufgemalt. Christus hält die Fahne, und zu feinen Füßen steht bas Lamm still; drüben löscht Sankt Florian einen Brand, der gelbrot, wie mit lauter Fähnchen, aus den Fenstern eines winzigen Hauses leckt (denn ein Heiliger ist groß, ein Menschenhaus winzig): in der Mitte schwebt die Himmelskönigin. Bor dem Hause steht der Fahnenmast, und an ihm ruht bas Weiß und Rot des Landes Tirol in der Windstille, nur hin und wieder ein bißchen bewegt wie vom naiven und innigen Atem eines unsichtbaren Engelkindes. Vor uns raucht das saubere Essen, bas gesottene Schweinefleisch mit ben gelben Rüben unb ben Kartoffeln, und der Apfelstrubel nachher. Bor uns steht die Flasche mit dem Rametzer Burgunder, dessen bräunliche Röte angenehm eingeht und bas Bewußtsein nicht beschwert, sondern erhöht. Die Gedanken spielen zu unbekannten Vorfahren zurück, von denen die Familienüberlieferung sagt, daß sie aus dem Südtiroler Weinland in den Schwarzwald ausqeionnbert sind — der reformierte Einschuß der Sippe... Im Südosten steht bas flippige Karwenbelgebirge mit ganz und gar verwegenen Zacken. Im Rücken erhebt sich über uns der mächtig gerundete Aufbau der Hohen Munde: wir wenden uns und schauen sie an. Wir wenden uns zurück unb blicken zu Tal; der Inn, der unterm Föhnlicht bleiig zu fließen schien, ist nun lebenbig und funkelt. Wir ruhen an einer wunderbaren Stelle der Welt: dies Dörflern, kaum auf Viertelshöhe den Hang hinaufgebaut, hat noch die Gipfel über sich unb erlaubt doch schon das schöne Hochgefühl, mit dem bas Auge von einem erhabenen Platz in ben tiefen Talgrunb schaut... Nun kehrt es um unb haftet an den Bauernbetten, bie gebauscht und rot-weiß gewürfelt über dem nachbarlichen Balkongeländer in der Sonne liegen. Hinter ihnen ift eine warme Wand von Mais. *
Cs ist Nacht. Die kleine Maria hat noch nie bie rechte Nacht des Winters gesehen, unb nun gar in biefer entrückten Welt der Höhen. Sie staunt die Sterne an, aber noch mehr bie vielen unvermuteten Lichter im Talgrund, die den Inn begleiten. Telfs ist wie ein niebergefallener Sternenhimmel, und bie Lichter der Einödhöfe drüben am Verghang, jenseits des Grundes, sind wie zersprengte ©eftirnbilber. Um so erstaunlicher sind sie als man bie Häuser unter Tags kaum hatte gewahren können. Die Schlange aus Lichtchen den Inn entlang gefällt der kleinen Maria besonders, und von dem mit nächtlichen Lichtern bestickten Tests meint sie, es sehe aus wie ein_„umgefaUener Christbaum". Auch freut sie 1 ich an dem wiberscheinenben Sternenfchimmer in den Schneekristallen.


