Ausgabe 
1.2.1932
 
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jo aus.

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draußen; dies

Ruhe.

Es ist Morgen; das Fenster steht offen und läßt die nährende Luft ein; am Hof drüben regen sich die Tauben um den Schlag.

Um die Hohe Munde zieht ein rauchiges Gewölk, als ob sie ein

'^^Das°Weiter hat neue Launen. Dies ist Romanfabel und Drama der Landschaft da draußen: Föhn und klare Kalte und wieder Föhn und wieder klare Kälte. Grau und blau, grau und gold. Darin geschieht alles, dies ist die Ordnung und die Willkür der Landschaft da ihre Aufregung und ihre Handlung ihr Wechsel in der

Mitten in der Nacht steht sie, von der Ski-Leidenschaft der Neun- icbriücn crarisscn auf, um nachzufehen, ob esnoch nicht Tag ist . Da hängt der volle Mond im Himmel; er glänzt durchs die Eiszapfen am Daei, des Kafslhofs und zwischen ihnen her in die Schlafstube herein, im Hof gegenüber brennt noch ein warmes, rotgelbes ^-tubenlicht, und die Welt ist silberweiß und nachtblau. Es ist 23 Uhr- Die kleine Mana frag, ob die Berge in der Nacht größer geworden sind. Es ist wahr, es sieht

Meister Cornilles Geheimnis.

Erzählung von Alphonse Daudet.

Francet Mamai, ein alter Dorfmusikant, der zuweilen den Abend bei einem Glas Glühwein bei mir verbringt, hat mir kürzlich dieses kleine Dorfdrama erzählt. Und da die Geschichte des guten Burschen mich gerührt hat, will ich versuchen, sie so wieder zu erzählen, wie ich sie gehört habe.

Denke dir also für einen Augenblick, lieber Leser, daß du vor eurer Bowle mit gewürztem Weine fitzst und daß es ein alter Dorsmusikant ist, der sie dir erzählt: , t ,

Unser Ort, mein lieber Herr, ist nicht allezeit so tot und ohne Leben gewesen wie heute. Früher blühte darin der Handel mit Mühlenerzeug- nissen, und zehn Stunden im Umkreis brachten uns die Leute von den Gehöften ihr Getreide zum Mahlen. Rings um das Dorf waren alle Hügel mit Windmühlen besetzt. Zur Linken und zur Rechten sah man nur Windmühlenflügel, die sich im Wind lustig drehten und über die Tannen hinweg ins Tal blickten, lange Reihen kleiner, mit Sacken bela­dener Esel, die auf den Wegen bergauf und bergab stiegen; und die ganze Woche hindurch hatte man das Vergnügen, oben auf der Hohe das Knal­len der Peitschen, das Saufen der Flügel und die Antreiberuse der Muller- knechte zu hören. Sonntags gingen wir in ganzen Scharen zu den Mühlen hinauf. Oben bezahlten die Müller den Muskatwein. Die Mülle­rinnen, in ihren Spitzentüchern und mit ihren Goldkreuzen, waren schön wie die Königinnen. Ich selbst brachte meine Flöte mit, und bis in bte dunkle Nacht hinein tanzte man. Diese Mühlen, müssen Sie wissen, waren die Freude und der Reichtum unserer Gegend.

Unglücklicherweise hatten Pariser die Idee, auf der Straße, die nach Tarascon führt, eine Dampfmühle anzulegen. Alles Neue reizt und gefällt! Die Leute gewöhnen sich daran, ihr Getreide zur Dampfmühle zu bringen, und die armen Windmühlen hatten nichts mehr zu tun. Eine Zeitlang versuchten sie, dagegen anzukämpfen; aber der Dampf war stärker als sie, und eine nach der anderen, Gott sei's geklagt, mußten sie alle zumachen. Und eines Tages ließ dann die Gemeinde alle diese Mauern Niederreißen, und wo sie gestanden hatten, pflanzte man Wein­reben und Olivenbäume.

Und doch, inmitten dieses Zusammenbruchs hatte eine Mühle stand­gehalten und fuhr fort, aus ihrem Hügel mutig ihre Flügel zu drehen, den Dampfmüllern zum Trotz. Es war Meister Eornilles Mühle, dieselbe, wo wir in diesem Augenblick beieinander sitzen.

Meister Cornille war ein alter Müller, der seit sechzig Jahren im Mehle lebte und webte und für sein Handwerk begeistert war. Die Er­richtung der Dampsmühle hatte ihn fast toll gemacht. Acht Tage lang fah man ihn durch das Dorf lausen, alle Leute auswicgeln und mit der ganzen Kraft seiner Lunge hinausschreien, daß man die Provence mit dem Mehl der Dampsmühle vergiften wolle. Und er erfand eine Menge schöner Worte zum Lobe der Windmühlen, doch niemand hörte auf sie.

Da erfaßte den Alten die blinde Wut; er schloß sich in seine Mühle ein und lebte wie ein scheues Tier. Er wollte sogar seine Enkelin Vivette nicht bei sich behalten, ein Kind von sünfzehn Jahren, das seit dem Tode seiner Eltern niemand mehr als den Großvater auf der Welt hatte. Die arme Kleine war gezwungen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, indem sie sich auf den Meierhöfen umher bald für die Getreideernte, bald für die Seidenraupen oder für die Olivenernte verdingte. Und dennoch schien der Großvater sie lieb zu haben, das arme Kind. Es kam oft vor, daß er in der größten Sonnenglut feine vier Stunden weit zu Fuß ging, um sic auf dem Meierhofe, wo sie gerade arbeitete, aufzusuchen; und wenn er bei ihr war, brachte er ganze Stunden damit zu, sie anzublicken und zu weinen.

Im Leben Meister Eornilles gab es etwas, das man nicht zu durch­schauen vermochte. Seit langer Zeit brachte ihm niemand aus dem Dorfe mehr Getreide, und dennoch drehten sich die Flügel seiner Mühle bestän­dig wie früher. Abends traf man auf der oder jener Straße den alten Müller, der seinen mit schweren Mehlsäcken beladenen Esel vor sich her trieb.

Guten Abend, Meister Camille", riefen ihm die Bauern zu,es geht also noch immer mit der Müllerei?"

Selbstverständlich, noch immer, Kinder", antwortete der Alte mit lustiger Miene.Gott sei Dank, an Arbeit sehlt's nicht."

Ünd wenn man ihn dann fragte, woher zum Teufel er denn die viele Arbeit hätte, da legte er den Finger auf die Lippen und antwortete geheimnisvoll:Still! Ich arbeite für den Export..." Mehr konnte man nie aus ihm herauslocken.

Die Nafe in feine Mühle zu stecken, daran war überhaupt nicht zu denken. Selbst die kleine Bivette durfte nicht hinein...

Wenn man vorbei kam, fah man die Tür stets verschlossen, die schwe­ren Flügel stets in Bewegung, den alten Esel, der das Gras um die

Mühle herum abweidete, und eine große magere Katz«, di« sich auf dem Fensterbrett sonnte und den Vorübergehenden mit bösem ansah. 0 >2iu dies erschien sehr geheimnisvoll und wurde natürlich viel bespro­chen Jeder erklärte das Geheimnis Meister Eornilles auf feine Weise, aber die allgemeine Ansicht war, daß in der Muhle da noch viel mehr Säcke voll Taler steckten als Säcke voll Mehl.

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Schließlich kam man aber doch hinter die ganze Geschichte, und das $ tlls ich eines schönen Tages der Jugend zum Tanz aufspielte, bemerkte ich, daß der älteste von meinen Jungen und> die kleine Vivette sich inein­ander verliebt hatten. Im Grunde war ich darüber Nicht böse, denn trotz allem stand der Name Cornille bei uns in Ehren, und den kleinen nied­lichen Spatz, die Vivette, in meinem Hause Herumwippen zu sehen, hatte mir Vergnügen gemacht. Nur. wollte ich, da die beiden Liebesleut of Gelegenheit hatten zusammcnzukommen, aus Furcht vor etwaigen Fachen die Sache gleich in Ordnung bringen; und so stieg ich denn Zur Muhle hinauf um mit dem Großvater ein paar Worte zu sprechen... Ach, der alte Hexenmeister! Wie mich der Grobian empfing! Kein Zureden ver­mochte, daß er die Tür öffnete. So gut es eben ging, versuchte ich. ihm die Sache durch das Schlüsselloch klar zu machen; und so lange ich sprach, lag da über mir das nichtswürdige Vieh, die magere Katze, und sauchte nuch^an^ww ein Te^us nid)t $u Ende kommen und schrie mich

an, ich sollte mich nach Hause scheren zu meiner Flöte, und wenn ich es so eilig hätte, meinen Jungen zu verheiraten so konnte ich >a für ihn eine Frau in der Dampsmühle holen... S,e können sich denken daß nur bei diesen Grobheiten das Blut in den Kopf stieg, doch war ich klug genug mich zu beherrschen. Ich ließ den alten Narren in seiner Muhle und ging heim zu den Kindern, um ihnen rnitzuteilen, rote man mich empfangen hatte Die armen Lämmer wollten es nicht glauben und baten mich

als besondere Gunst um die Erlaubnis, zusammen in di« Aiuhle hinauf- steigen zu dürfen, um mit dem Großvater zu sprechen... Ich hatte nicht den Mut, es ihnen abzuschlagen, und prrrl, da war mein verliebtes Pärchen schon auf und davon. ... ..

Gerade als sie oben ankamen, hatte Meister Cornille di« Muhle ver­lassen. Die Tür war doppelt verschlossen; aber der alte Kerl hatte beim Weggehen seine Leiter draußen gelassen, und sofort kam den Kindern der'Gedanke, durch das Fenster einzusteigen, um sich in der verrufenen Mühle ein wenig umzusehen. . _ . , .

Sonderbar! Die Mühle war vollkommen leer... Nicht ein Sack, kein einziges Korn Getreide, nicht der geringste Mehlstaub su den Wanden oder auf den Spinngeweben... Man spurte selbst nicht einmal den würzigen Geruch des zermahlenen Getreides, der sonst die Mühlen durch» schwängert... Der Wellbaum war mit Staub bedeckt und die magere Katze lag aus ihm und schlief. , , . ...

Unten in der Mühle sah es genau so elend aus: «in schlechtes Bett, einige Lumpen, ein Stückchen Brot aus einer Stufe der Treppe, und dann in einem Winkel drei oder vier aufgeplatzte Sacke, aus denen Schutt und weiße Erde auf den Boden gefallen waren.

Dies also war Meister Eornilles Geheimnis! Diesen Schutt, diesen Gips führte «r allabendlich auf den Straßen spazieren, um die Ehre seiner Mühle zu retten und die Welt glauben zu machen daß man darin noch immer Mehl mahle... Arme Mühle! Armer Cornille! Schon langst halte die Dampsmühle ihnen die letzte Kundschaft genommen. Die Flügel drehten sich zwar noch immer, aber die Mühle ging leer.

Ganz in Tränen kamen die Kinder zurück und erzählten mir, was sie gesehen hatten. Mir wollte das Herz brechen... Ohne eine Minute zu verlieren lief ich zu den Nachbarn, und in ein paar Worten teilte ich ihnen die Sache mit. Wir beschlossen, sofort alles Getreide, das wir auf- treiden konnten, hinauf in Eornilles Mühle zu schaffen. Gedacht, getan... Das ganze Dorf machte sich auf den Weg, wie in einer Prozession kamen wir oben an mit einer langen Reihe von Eseln, die mit Getreide beladen waren diesmal mit wirklichem Getreide!

Die Mühle stand weit offen... Vor der Tür saß Meister Cornille auf einem Sack Gips und weinte, den Kops in feinen Händen verborgen. Bei seiner Rückkehr hatte er bemerkt, daß man während feiner Abwesen­heit in die Mühle eingedrungcn war und sein trauriges Geheimnis ent­deckt hatte. ...

Ach, ich armer Mann!" sagte er.Nun bleibt mir weiter nichts übrig, als zu sterben... Die Mühle ist entehrt."

Und er schluchzte, daß es einem das Herz zerschnitt, nannte seine Mühle mit allen möglichen Kosenamen und sprach zu ihr wie zu einem lebenden Wesen. .

In diesem Augenblick tarnen die Esel auf dem freien Platz vor der Mühle an, und wir alle fingen mit lauter Stimme wie zur guten Zeit der Windmüller an zu schreien:

Hallo! Zu mahlen! ... Hallo! Meister Cornille!"

Und die Säcke häuften sich vor der Tür auf, und von allen Seiten rann das schöne braunrote (Betreibe zur Erbe.

Meister Cornille machte große Augen. Er hatte von bem (Betreibe in feine hohle alte Hanb genommen unb sagte unter Lachen und Weinen:

Korn! ... Herrgott! ... Wirkliches Korn! ... Laßt mich, daß ich mir's genau betrachte!"

Dann roanbte er sich uns zu:

Ah! Ich wußte doch, daß ihr roieber zu mir kommen würbet... Alle diese Dampfmüller sind Spitzbuben."

Im Triumph wollten wir ihn durch bas Dorf tragen.

Nein, nein, Kinber", wehrte er ab,erst muß ich meiner Mühle zu essen geben ... Denkt boch nur! Wie lange ist es bereits her, bah sie nichts mehr zwischen den Zähnen gehabt hat!"

Unb wir hatten alle Tränen in den Augen, als wir ben armen Alten nach rechts und nach links sich abarbeiten sahen, bald die Sacke aus- schüttend, halb bie Mühle überwachenb, während der seine Mehlstaub bis zur Decke emporslog.

Man muß uns die Gerechtigkeit widersahren lassen: von jenem Tage