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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <952 Montag, den 5. Oktober Nummer 77
Die Liebende schreibt.
Bon I. W. v. Goeth e.
einmal jung, auch wenn man arm war. Früh genug werde man alt und tauschte die Stunde Sonnenschein gegen ein gutes Mittagessen eint
„Wohin wollen wir?" fragte er also.
Etn Blick von deinen Augen in die meinen,
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wozu braucht man Sommer, Sonne
i, du gelehrter Ingenieur! Der du nur mit
.. Weil der Ballon hübsch ist, Klas!
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,So weit als irgend^ möglich", antwortete sie munter. „Komm, last '"1'a'nes/*^ Ztraßenbahn nehmen, dann können wir auf etn
Oer Luftballon.
Bon Astrid Bä ring.
Die Uhr schlug eins, als sie aus dem großen Warenhaus herauskam, ein schlankes Mädchen mit einem alltäglichen, sehr blassen Gesichtchen, eine von den vielen, die an den Schreibmaschinen saßen und schrieben, während ihr junges Blut einen anderen heißen Rhythmus tanzte. — Er begegnete ihr in der Drehtür. Er war ein junger, gut gewachsener Mann, ebensowenig bedeutend wie sie.
„VH Klas, da bist du ja!" rief sie freudig aus und wollte ihm die Hand reichen, muhte sie aber statt dessen über die Augeil legen, so blendete die Sonne.
inen aus."
0 sorgfältig, dann nahm sie einen mattrosa, bet _____ ommerhut paßte, und trippelte froh an seiner Seite weiter. Aus dem Ballon war ein kleines Schloß gemalt in mattem Gold mit Turm und Zinnen. Er glänzte in der Sonne.
Dann standen sie auf der Plattform der vollen Straßenbahn. Ditz Hitze war fast unerträglich inmitten der .Mammengedrängten Menschen, aber Sun schnitt Grimassen und schien nichts davon zu merken. Und über ihre Schultern hinweg flatterte der Ballon wie eine große schimmernde Seifenblase, flüchtig und vergänglich.
Eine plötzliche Weichheit ergriff Klas, eine unerklärliche Schwermut trotz Sonne und Wärme. Warum war heute das Leben für die Jugend so schwer? Warum konnte er trotz aller Bemühungen keine Stellung finden, die ihm eine Heirat ermöglichen würde? Warum hatte er nicht die Macht, Gun aus diesem Bureau herauszunehmen, das ihre Gesundheit untergrub? Er mochte Guns Chef nicht leiden. Aber das war wohl nur Eifersucht, wenn Gun ihm erzählte, daß der Ches sie gut leiden könne. Gun gehörte ihm, ihm, den sie wieder liebte, mit dem sie tanzen
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Red
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vand gedrückt stand eine Frau mit bunten Bal- ische Früchte in unnatürlich starken Farben, rola, sich von Der grauen Hauswand ab, wiegten sich zen Stielen. Es war eine Zigeunerin, die die ;en schwarzen Augen wirkten in dem mageren tm und gleichgültig wie Das Schicksal stand sie in illt, als fröre sie mitten im Sonnenschein.
llon, Klas", bat Gun.
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junge Mann schien me öituarion wemger romijcy zu finoen. Aengstlich sah er Das blasse Mädchen an seiner Seite an — ihre Augen leuchteten jetzt um die Wette mit der Sonne —, aber ihm gefiel dies fieberglänzende Aussehen ganz und gar nicht.
„Willst Du wirklich wieder kein Mittagessen, Gun?" fragte er vorsichtig.
„Natürlich nicht, darauf kannst du dich verlassen", antwortete sie übermütig. „Wer bekommt es wohl fertig, sich in die heiße Kantine an so einem Tag zu setzen, an Dem man während der Mittagspause Sonne haben kann? Ich habe mir ein paar Butterbrote geben lassen, komm schnell, Klas, ehe unsere Zeit um ist!"
„Mumm, mu» , jre ivrnie u)u aus innen xraumen.
Sie stiegen aus und gingen zum Park. Eine Viertelstunde ihrer so kostbaren Zeit war schon vergangen. Die breiten Wege waren voller Menschen, voll von Kinderwagen und Kindern.
Gun wurde von Dem Jubel der Kinder angesteckt) hastig zog sie ihn mit und zog im Laufen ein Butterbrot aus dem mitgebrachten Paket.
„Nimm auch eins, Klas, Dann gewinnen wir Zeit", rief sie mit vollem Mund. Aber Klas konnte schwer von anerzogenen Begriffen los, er billigte nicht immer Guns Boheme-Manieren, ihre verschiedene Erziehung zeigte sich ab und zu, und er ertappte sich dabei, daß er rot wurde.
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„Hör einmal, Gun, ohne Mittagessen ...", versuchte er trotz
„Sei still, du, mit deiner Vernunft, kannst Du wirklich Sonnenschein vernünftig bleiben?"
Sie ergriff seinen Arm, und er gab es auf, den Bormund gelaffenen Mädchens zu spielen.
Jetzt standen sie im vollen Sonnenschein. Der Himmel war umgestürzte Schale aus milchblauem Glas, aus bem Das LM nieder- rann, Die Lust war warm und klar. Gun hatte recht; man war nun
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Aber Gun kümmerte sich nicht darum, sie schwatzte drauf los, aß mit gutem Appetit, Der Ballon wippte und schaukelte über ihrer Schulter, und als das letzte Butterbrot verschlungen war, mußte Klas Das Papier in Die Tasche stecken. Gun ging unbekümmert über feine unausgesprochenen Vorwürfe neben ihm und sah vertrauensvoll zu ihm auf. Hoffentlich fing sie nun nicht an, von seiner Erfindung zu sprechen, er mochte heute nichts davon hören!
„Bist du traurig, Klas?"
Klas dachte an Die Einschränkung Des Betriebes, Die bevorstand, und der er wohl zum Opfer fallen würde — davon hatte er noch gar nicht zu ihr gesprochen. Sein Blick glitt über Das satte Grün des Rasens, über Das glitzernde Wasser Des Sees zu ihren Füßen und streifte Dann Gun, Die ebenso festlich und sommerlich aussah, wie alles ringsum. Nur er konnte nicht froh sein, hatte Den Mut nicht dazu ... Ein wildes Verlangen nach Fülle Des Lebens, nach Reichtum und Unabhängigkeit erfüllte ihn. Ach — mit Gun reifen dürfen ... Sehen, wie ihr Gesichtchen sich rundete, sonnengebräunt und gesund wurde, ihr Lebensfreude geben ■Dürfen ... Ihr kleines schmales Gesicht war ihm so nah, ihre Aim
Er folgte ihr mit einem ungeduldigen Seufzer. Wie gerne wäre er mit ihr in ein Restaurant gegangen und hätte ihr alles ausbeutbar Schöne vorsetzen lassen — aber würde er es nur wagen, mit solchem Vorschlag zu kommen, (bann wäre Die Antwort! du bist wohl größenwahnsinnig, Klas, denk nur, was wir für Das Geld an Vergnügen haben können abends, wenn wir miteinander tanzen gehen ... Vielleicht hatte sic recht. Ein armer Ingenieur, der froh fein mußte, eine schlecht bezahlte Anstellung zu haben, konnte sich weiß Gott keine teueren Restaurants leisten. Und daß man etwas Farbe in Das graue Einerlei Des Alltags bringen mußte, konnte er auch verstehen ...


