Heinrich spürte, daß der schlechte, mißgünstige Kerl ihn «lnzuschüch- _ Dorswlrkshaus M und »er;
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verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Vuch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.
-zehrten für Men Groschen Milch und Schwarzbrot; »das war zugleich das Abendessen. Auch fuhren sie auf dem Wasser der Oder und des Haffs, .da der Vater des einen Scholaren ein Boot besaß, und übten sich im Rudern, Segeln und Schwimmen. Im Winter
tern suchte, aber diese offenbare Bosheit empörte ihn und weckte sein Inneres Selbstgefühl. Auch merkte er wohl, daß der Famulus eine zu frühe Stunde angegeben hatte, um ihn aus langsamem Feuer der Bosheit zu rösten. Bis es acht schlug, mußte er warten; dann meldete der
jedoch war die Hauptbelustigung das Schrittschuhlausen, wie es damals hieß.
Die verlangte Arbeit war hart, Zehn bis zwölf Stunden mußte Heinrich hinter dem Studiertisch sitzen; doch da er Winter wie Sommer um fünf Uhr morgens aufstand und erst um zehn zu Bette ging, so blieb ihm immer noch Zeit, um sich im Freien erholen zu können.
Durch seine Kelberger Empfehlungsschreiben glückte es ihm, vier Freitische in der Woche zu erhalten. Da lernte er nun die Gegensätze dec Menschen kennen.
Der eine Freitisch war im Hause eines alten, tüchtigen Schiffers, der sich nach vieljähriger Tätigkeit zur Ruhe gesetzt hatte und den Rest feiner Tage in bescheidenem Wohlstand verlebte. Er und seine Frau waren kreuzbrave Menschen und freuten sich stets auf den Samstag, w» Heinrich zu ihnen kam. An diesem Freitisch hatte er einfaches, gutes Essen und stets ein Glas Stettiner Bier, und beim Weggehen steckte ihm die gutherzige Schifferfrau ein paar Aepfel, Birnen, eine Schmalzsemmel ober ein Stückchen Wurst zum Abendbrot noch in die Tasche. Hier fühlte er sich wie zu Hause, obwohl diese Menschen nicht gelehrt waren und in ihrem heimatlichen Platt sprachen.
Ganz anders war der Mittwoch-Freitisch bei einem reichen Korn- Händler. Der war geldstolz und behandelte die Scholaren mit Gering, chätzung. Sie muhten am unteren Ende des Tisches Platz nehmen, hatten stöbere Servietten und alte, abgelegte Messer und Gabeln; auch mußten ie sich, wenn der Braten aufgetragen ward, mit einer stummen Verbeugung entfernen. Bei Tisch sprach niemand ein freundliches Wort zu ihnen, und selbst die Kinder zeigten, daß sie überlegen seien, weil ihr Vater mehr Geld befaß. Dieser Kaufherr, der wöchentlich acht Scholaren beköstigte, tat dies nicht aus Gutmütigkeit; er wollte nur prahlen, was er alles könne und vermöge.
Die beiden übrigen Freitische hatte Heinrich bei netten, biederen Menschen. An drei anderen Tagen aß er für zwei Groschen in einem Speisehaus zu Mittag, und abends begnügte er sich zumeist mit trockenem Brot und einem Glas Wasser. So gelang es ihm, für das Weihnachtsfest 1749 fünf Taler zu sparen, und er konnte seiner Mutter einen mit Pelz gefütterten Fußsack zum Geschenk machen, damit sie sich in der kalten Schulstube die Füße wärme.
Als der Heilige Abend herangekommen war, fühlte er sich recht unglücklich. Wie schön hatten sie -das Fest zusammen gefeiert in Wutzowi Der Vater, die Mutter, die Geschwister und die Mägde hatten Weih- nachtslieder angestimmt, und hernach waren sie an den Gabentisch ge> führt worden. Die Mutter hatte Pfannkuchen gebacken, und der Vater braute einen Punsch und las aus der Bibel die Erzählung von der Geburt Christi vor. Und dann kamen die Armen des Dorfes und holten sich ab, was der Pfarrer für sie gesammelt und ihnen zugedacht. Einen Christbaum kannte man damals in Pommern noch nicht. Draußen aus dem freien Platz schichteten die Burschen den mächtigen Holzstoß, der ent> flammt wurde. Wintersonnwendseier war geblieben; Wintersonnwendfeier zur Erinnerung daran, daß die Tage nun wieder länger würden. Da standen die Geschwister Hand in Hand und sahen, wie die rote, glühende Säule des Julseuers hochstieg, niedersank, und wie geheimnisvoll der Holzstoß in der Nacht verglühte ...
Um seine Einsamkeit zu vergessen, ging Heinrich früh zu Bett und chlief alsbald ein, während der Traum ihm vergangene Weihnachts- 1 reuben vorspiegelte. Da warb an sejne Tür geklopft. „Dacht ich's doch", agte eine tiefe Männerstimme, „daß Er allein ist!"
Heinrich schlug Licht und erkannte den alten Schiffer, der neben seinem Bett stand. „Nichts da, Schlafratz!" sagte der und schlug ihm gutmütig auf -die Schulter. „Heraus aus den Pofen! Hinein in die Kleider! Das Fest wird gefeiert! Die Mutter wartet schon!"
Schlaftrunken lief Heinrich neben dem braven, gemütlichen Mann durch die Gassen, sah die Lichter in den Fenstern, hörte di« Weihnachtslieber aus den Wohnungen klingen, und dann war «r tn der warmen, behaglichen Stube. Christstollen hatte die Frau des Schiffers gebacken; ein Punsch dampfte. Ein paar junge Seeleute von einem Königsberger Schiff waren gekommen, und so feierten sie in des Schissers Hause Weihnacht. Der erzählte von fremden Ländern, und wie er Christabend« gehalten unter Negern oder fern im Mittelmeer. Wie danttiar war Heinrich diesen wackeren Leuten, die ihm so ihr gutes Herz bewiesen!
*
Die Schulzeit mit ihren Entbehrungen, Leiden und Freuden ging gemach dahin. Michaelis 1750 erhielt Heinrich das Zeugnis der Reise und verließ Stettin, um die Universität zu besuchen. Der Herr Rektor, dem er so viel verdankte, schenkte ihm zum Abschied eine seltene alte .Ausgabe des Tacitus, des Mannes, an den er sich halten solle, weil der mit wenigen Worten viel zu fragen wüßte.
Der Jubel über das so wohlgelungene Abiturium steigerte sich am Tage nach dem Kommers mit seinen Freunden. Als Heinrichs Geist noch in guten Morgenträumen weilte, klopfte es an bie Tür, und herein trat in Oelhut und Seemannszeug Joachim Nettelbeck, der auf seiner ersten Fahrt begriffen war, auf seines Vaterbruders Schiff.
War das eine Freude! Joachim hatte den Lieblingswunsch bei seinem Vater durchgesetzt, Seemann zu werden, und Heinrich sah ihm an, wie froh und stolz er war, wie offen und heiter sein Gesicht. Nicht genug konnten sie einander erzählen von der Zeit, oa sie sich nicht gesehen. Der Tag verflog, und am Abend kam es heraus, daß am nächsten Mittag der Schoner seine Ladung übernommen hätte und in See ginge nach dem Heimathafen Kolberg. Das war ein neuer Glückssall für Heinrich. Er brauchte nicht zu wandern ober teures Geld auszugeben für eine Fahrt mit ber Postkutsche. Gern nahmen die Landsleute ihn mit, ohne Gelb oder Gab«.
(Fortsetzung folgt.)
hämische Mensch, daß der Herr Rektor im Studierzimmer warte.
Der Herr Rektor saß, gehüllt in einen weihen Pudermantel, auf einem Stuhl. Er sah aus wie eine Steinfigur, von ber der Bildhauer zunächst nur den Kopf fertiggemacht hatte. Der Friseur befestigte mit vieler Mühe auf diesem Kopf eine große, langhaarige weihe Perücke. Das Gesicht des Rektors war hager und gelb; Strenge und Ernst tagen um ben Mund, aber die Augen schauten braun und groß, voller Güte und Rechtschaffenheit. Er redete Heinrich in lateinischer Sprache an und meinte scherzend, ste wollten in dieser Zunge miteinander ver- 'kehren, damit der Friseur 'einen rechten Begriff von der Gelehrsamkeit der Scholaren des Gymnasiums erhalte. Bei diesen Worten flog ein leises Lächeln über sein Gesicht.
Heinrich hatte nun das besondere Glück, daß fein seliger Vater, der selbst sehr gut Lateinisch sprach, häufig mit ihm in der Sprache ber Römer geredet hatte, so daß er, was manchem guten Lateiner mangelt, ein schnelles Fassungsvermögen im mündlichen Ausdruck befaß. So kannte er jetzt dem Herrn Rektor unverzagt antworten.
Als dann -der Frisiermantel entfernt und der Friseur gegangen war, mußte Heinrich ein Kapitel aus dem Tacitus übersetzen und erklären. Und da er mit -dem Vater schon den Taoitus weidlich traktiert hatte, so ging auch diese Sache gut. Danach kam bas Griechische an die Reihe. Da haperte es mitunter verzweifelt, und ber Examinator schüttelte mißbilligend und bedauernd ben Kopf. Historia und geographia ward wenig gefragt, desto mehr in mathematicis. Darin bestand Heinrich in glück- üchster Weise. ■
Nachdem das Rigorosum beendet, stützte ber Herr Rektor sein Haupt auf bie Faust und sagte: „3m Griechischen ist (Er kaum für bie Sekunda reif — muh noch viel nachholen; aber in allen übrigen Wissenschaften, besonders im Lateinischen/ kann Er sich wohl mtt meiner Prima messen, und dahin will ich Ihn denn auch versetzen vorzugsweise; und wegen feiner bedrängten Lage und Armut soll mir bas mitgebrachte Empfehlungsschreiben und sein Ansehen als rechtlicher Mensch gelten, und ich will einwilligen in das beneficium des halben Schulgeldes. Doch bitt« ich mir aus, daß Er sich vom Fleiß spornen läßt und ein untadelhaftes Betragen bezeigt — widrigenfalls muß ihm das beneficium entzogen werden!"
Heinrich küßt« in Dankbarkeit bie Hand des Herrn Rektors. Der entließ ihn mit freundlichem Nicken und fragte, Heinrich habe sich am nächsten Morgen um acht in der Aula des Gymnasiums eingufinben. Hiezu fügte «r: „Er kann auch dann und wann auf ein Stündlein zu mir kommen unb mit mir Lateinisch reden. Will Er Bücher aus meiner Bibliothek zum Studieren haben, soll der Famulus ihm solche geben!"
Froh ging Heinrich in bi« Bibliothek zurück. Dort hockte der mürrisch« Famulus über einer Schreibarbeit. Er schaute aus und meinte mißgünstig: „Der Herr Rektor haben gewiß Gnade vor Recht walten lassen und Petenten wirklich in die Sekunda versetzt?"
Heinrich lachte: „Nein, bas nicht — aber in bie Prima!"
Da machte ber Murrkopf ein Gesicht wie Gift und Gall«. Heinrich kümmerte es nicht. Er ging in voller Herzensfreude, daß alles so gut ab- gelausen, hinaus und rannte durch bie Straßen, und es fang in ihm: In der Prima bin ich — in der Prima!
In diesem Gymnasium gab «s einen Kreis von Haupthähnen, sechs ober Sieben ber Stärksten unb Nettesten, bie zusammenhielten und bi« anderen tyrannisierten. Heinrich, ber bie Scholarensitte kannte, daß bie Jüngsten für bie Kelteren zu sorgen hatten, nahm freiwillig bie auferlegten Lasten auf sich, schnitt bie Federn, sorgte für Tinte und Löschblätter, räumte bie Pulte auf.
Die Schulstunden selbst verliefen angenehm für ihn, da ber Rektor ihm feine Zufriedenheit bezeigte. Er machte auch Gebrauch davon, ben alten Hagestolz aufzusuchen, ber gern mit ihm auf ben Wällen spazierenging und Lateinisch sprach.
Allein bie Schinderei in ben Schulstunden nahm zu. Da Heinrich sich folgsam erwies, wurden die Haupthähne gegen ihn schärfer, und zum Schluß ward es Sitte, daß jeder ihm, wenn er ihn gehen heißen wollte, einen Fußtritt unter die Rockschöße versetzte. Das wurde Heinrich benn doch zu arg; denn er hört« wohl, daß bie Jüngeren meinten, er ließe sich das aus Furcht gefallen. Darum trat er nach dem Unterricht eines Samstags an Steinbrecher, ben größten und Stärksten ber Haupthähne, heran unb fragte: „Genug mit den Tritten! Ich will dir beweisen, daß ich mich wehren kann, wenn ich will. Zieh ben Rock aus! Machen wir einen Faustkamps!"
Heinrich war nicht so groß wie seine Brüder, aber von Jugend an körperlich geübt und abgehärtet, wozu ber Vater seine Kinder anregte. Sein langer Gegner wußte also nicht, wen er vor sich hatte, als er höhnisch rief: „Du Knirps willst es wagen, dich mit mir zu messen? Ich schlag dich mit dem ersten Hieb nieder unb steck' dich bann in meine Westentasche!"
„Hat Goliath zu David auch gefragt!" rief Heinrich unb legte ben Rock ab.
Ungefüge kam Steinbrecher heran und führte von oben einen mächtigen Hieb mit ber Faust gegen Heinrich, aber ber duckte sich, fr prang nun den Gegner von unten an und pflanzte ihm bie Faust so stark auf die Nase, daß das Blut herausstürzte. Zugleich stellte er ihm ein Bein und gab ihm noch einen zweiten Hieb in bie Rippen. Da stürzte Steinbrecher ber Länge nach zu Boden. Heinrich, nicht faul, warf sich über ihn und fetzte ihm so lange zu, bis ber Ueberrounbene um Gnade bat.
Nach diesem Kampf hütete sich ein jeder, Heinrich zu hänseln; er fand auch Freunde unter ben Jüngeren, mit denen er an schönen Sommeraben den spazierenging. Sie disputierten dabei über dies unb bas, was fte aus Büchern unb Zeitungen gelesen. Gewöhnlich kehrten sie in einem


