Ausgabe 
16.1.1931
 
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- Druck unbDerlag: BrnhlHchHäi^rsitäts-Duch. und Stetndruckeret, K Lunge. Gießen.

verantwortlich: l)r. HanS Thyrivt.

Herr der Burg.

Und nun spielte das Stück sich weiter, wie es in deinem Lesebuche ge­druckt steht Ich war aus meiner Bant ganz wie verzaubert; diese selt­samen Bewegungen, diese feinen oder schnarrenden Puppensclmmchen, die denn doch wirklich aus ihrem Munde kamen es war ein unheim­liches Leben tu diesen kleinen Figuren, das gleichwohl meine Augen wie magnetisch aus sich zog.

Im zweiten Aufzuge aber sollte es noch besser kommen. Da war unter den Dienern aut der Burg einer im gelben Nankmganzug, der hieß Kasperl. Wenn dieser Bursche nicht lebendig war, so warnoch niemals etwas lebendig gewesen; er machte die ungeheuersten Witze, so daß der ganze Saal vor Lachen bebte; in seiner Nase, die so groß wie eine Wurst war mußte er jedenfalls ein Gelenk haben; denn wenn er so sem dumm­pfiffiges Lachen herausschüttelte, so schlenkerte der Nasenz,psel hm und her, als wenn auch er sich vor Lustigkeit nicht zu lastenwuße. dab i r.ß der Kerl seinen großen Mund aus und knackte, wie eine alte Cule mit den Kinnbacksknochen. .Pardauz!' schrie es; so kam er immer auf die Bühne gesprungen; dann stellte er sich hin und sprach erst bloß mit seinem großen Daumen; den konnte er so ausdrucksvoll hm , und wieder drehen, daß es ordentlich ging wie .fiier nix und da nix; kriegst du nix, so hast du nix!" Und dann sein Schielen; - das war so ver uhrensch, daß tm Augenblick dem ganzen Publikum die Augen verquer im Kopse standen. Ich war ganz vernarrt in den lieben Kerl!

Endlich war das Spiel zu Ende, und ich saß wieder zu Hause in unserer Wohnstube und verzehrte schweigend das Aufgebratene, das meine gute Mutter mir warm gestellt hatte. Mein Vater saß im Lehn- Kunb rauchte seine Abendpfeise. .Nun, Junge', rief er, .waren sie

>dig?'

.Ich weiß nicht, Mater', sagte ich und arbeitete weiter in meiner Schüssel; mir war noch ganz verwirrt zu Sinne.

pole Poppenspäler.

Erzählung von Theodor Storm.

lFortietzung.)

__Langsam war es Abend geworden; und das Ende trug die Last, denn mein Vater wollte mich eist fünf Minuten vor dem angesetzten Glockenschiage laufen lassen; er meinte, eine Uebung in der Geould sei sehr vonnöten, damit ich im Theater stillesitze.

Endlich war ich an Ort und Stelle. Die große Tür stand offen, und allerlei Leute wanderten hinein, denn derzeit gmg man noch gern zu solchen Vergnügungen; nach Hamburg war eine weite Reise, und nur wenige hatten sich die kleinen Dinge zu Hau e durch die dort zu fchauen- den Herrlichkeiten leid machen können. Als ich die eichene Wendel­treppe hinausgestiegen war, fand ich Lisets Mutter am Eingänge des Saales an der Kasse sitzen. Ich näherte mich ihr ganz vertraulich und dachte sie würde mich so recht als einen alten Bekannten begrüßen; aber sie ic,ß slumm und starr und nahm mir meine Karte ab, als wenn ich nicht die geringste Beziehung zu ihrer Familie hatte. Etwas ge- d»mllt.gt trat ich in den Saal; der kommenden Dmge harrend, plauderte olles mit halber Stimme durcheinander; dazu fiedelte unser Stadtmusikus mit drei seiner Gesellen. Das erste, woraus meine Augen fielen war in der Tiefe des Saales ein roter Vorhang oberhalb der Mustkantenplatze. Die Malerei in der Mitte desselben stellte zwei lange Trompeten vor, die kreuzweise über einer goldenen Leier lagen; und, was mir damals sehr sonderbar erschien, an dem Mundstück einer jeden hing/ wie mit den leeren Augen daraus geschoben, hier eine finster, dort eine lachend aus­geprägte Maske. Die drei vordersten Platze waren schon besetzt; ich drängte mich in die vierte Bank, wo ich einen Schulkameraden bemerkt hatte, der dort neben seinen Eltern saß. Hinter uns bauten sich die Platze schräg ansteigend in die Höhe, so daß der letzte, die sog Galerie welche nur zum Stehen war, sich fast mannshoch über dem Fußboden befinden mochte. Auch dort schien es wohigefüllt zu fein; genau vermochte ich es nicht zu sehen, denn die wenigen Talglichter, welche m Blechlampetten an den beiden Seitenwänden brannten, verbreiteten nur eine .schwache Helligkeit; auch dunkelte die schwere Balkendecke des Saales. Mein Nach­bar wollte mir eine Schulgeschichte erzählen; ich begriff Nicht, wie er an so etwas denken konnte, ich schaute nur auf den Vorhang der von den Lampen des Podiums und der Musikantenpulte feierlich beleuchtet war Und jetzt ging ein Wehen über feine Flache, dre geheimnisvolle Welt hinter ihm begann sich schon zu regen; noch einen Augenblick, da erscholl das Läuten eines Glöckchens, und wahrend unter den Zuschauern das summende Geplauder wie mit einem Schlage verstummte, flog der Vorhang in die Höhe. - Ein Blick auf die Bühne versetzte mich um taufend Jahre rückwärts. Ich sah in einen wittelalterlichen ^urghos mit Turm und Zugbrücke; zwei kleine, ellenlange Leute standen in der Mitte und redeten lebhaft miteinander. Der eine mit dem schwarzen Barte, dem silbernen Federhe'.m und dem goldgestickten Mantel über dem toten Untertleibe war der Pfalzgraf Siegfried; er wollte gegen die heldnifchen Mohren in den Krieg reiten und befahl seinem jungen tiausmeifter (Solo, der tu blauem, silbergesticktem Wamse neben ihm stand zum Schutze der Psalzgräfin Genoveva in der Burg zurückzubleiben. Der treulose Golo aber tat gewaltig wild, daß er seinen guten Herrn so allein in das grimme Schwerterspiel sollte reiten lassen. Sie drehten bei diesen Wechsel­reden die Köpfe hin und her und fochten heftig und ruckweise mit den Armen. Da tönten kleine, langgezogene Trompetentone von draußen hinter der Zugbrücke, und zugleich kam auch die schone Genoveva n himmelblauem Schleppkleide hinter dem Turm hervorgesturzt und schlug beide Arme über des Gemahls Schultern: .0 mem herzallerliebster Sieg­fried, wenn dich die grausamen Heiden nur nicht massakrieren! Aber es hals ihr nichts; noch einmal ertönten die Trompeten, und der Graf schittt steif und würdevoll über die Zugbrücke aus dem Hof; man horte deut ich draußen den Abzug des gewappneten Trupps. Der böse Golo war jetzt

Sr sah mir eine Weile mit seinem klugen Lächeln zu. .Höre Paul, sagte er bann, .du darfst nicht zu oft in diesen Puppenkasten; die Dmger könnten dir am Ende in die Schule nachlaufen.

Mein Vater hatte nicht unrecht. Die Algebraaufgaben gerieten mir in den beiden nächsten Tagen so mäßig, daß oer Rechenmeister mich von meinem ersten Platz herabzusetzen drohte. Wenn ich in meinem Kopse rechnen wollte: .a h b gleich xc, so hörte ich statt dessen vor meinen Ohren die feine Vogelstimme der schönen Genoveva: .Ach, mein herz- allerliebster Siegfried, wenn dich die bösen Heiden nur nicht maffatrieren! Einmal - aber es hat niemand gesehen - schrieb ich sogar ,x + ®eno- nenn' auf die Tafel. Des Nachts in meiner Schlafkammer rief es ein­mal ganz laut .Pardauz', und mit einem Satz tarn der liebe Kasperl m einem Nankinganzug zu mir ins Bett gesprungen, stemmte feine Arme zu beiden Seiten meines Kopfes in das Kiffen und ries grinsend auf mich herabniefenb: .Ach, du liebe Brüderl, och, du herztaufrg liebs Bruberl! Dabei hackte er mir mit feiner langen, roten Nase in die meine, daß ich davon erwachte. Da sah ich denn freilich, daß es nur ein Traum ge­wesen war.

Ich verschloß das alles in meinem Herzen und wagte zu Haufe kaum den Mund aufzutun von der Puppenkomodie Als aber am nächsten Sonntag der Ausrufer wieder durch die Straßen ging, an fein Becken chluq und laut verkündigte: .Heute abend auf dem Schutzenhof:Doktor Fausts Höllenfahrt", Puppenfpiei in vier Aufzügen! da war es doch nicht länger auszuhalten. Wie die Katze um den heißen ^"1, so schlich ich um meinen Later herum, und endlich hatte er meinen stummen Blick verstanden. .Pole', sagte er, .es könnte dir em Tropfen Blut vom Herzen gehen; vielleicht ist's die beste Kur dich einmal gründlich satt zu madjen.^Samit langte er tn die Westentasche und gab nur einen Doppelt- ^Trannte sofort aus dem Haufe; erst auf der Straße wurde es mir tlar daß ja noch acht lange Stunden bis zum Anfang der Komödie abzuleben roaren° 60 lief ich denn hinter den Garten aus den Bürger­steig Als ich an den offenen Grasgarten des Schützenhofs gekommen R zag es mich unwillkürlich hinein; vielleicht, daß gar emtge Puppen hnrt oben aus den Fenstern guckten; denn die Buhne lag ja an der Rückseite des Hauses. Aber ich mußte bann erst durch Öen oberen leit de« Gartens, der mit Linden- und Kastanienbaumen nicht bestanden war. Mir würbe etwas zag zumute; ich wagte doch nicht weiter vor­zubringen. Plötzlich erhielt ich von einem großen, hrer angepflockten Ziegenbock einen Stoß in ben Rücken, baß ,ch um zwanzig Schritte weiter flog. Das half: als ich mich umsah, staub ich schon unter den

ein trüber Herbsttag; einzelne gelbe Blätter sanken schon zur Erbe- über mir in ber Luft schrien em paar Stranbvogeh die ans Haff hinausfiogen; kein Mensch war zu sehen noch zu Horen Langsam schritt ich durch das Unkraut, bas auf den Steigen wucherte, bis id) einen schmalen Steinhof erreicht hatte, der den Garten von dem $o>fe trennte. __ Richtig! dort oben hinter den kleinen, in Blei gefaßten Scheiben war es schwarz und leer, (eine Puppe war zu sehen. Ich> stank. eine Weile, mir wurde ganz unheiml.ch in der mich rings umgebenden Ctitte.

®a iah id) wie unten die schwere Hoftür von innen eine Hemd» breit geöffnet 'wurde, und zugleich lugte auch ein schwarzes Köpfchen daraus hervor.

Sie"fai/mi<groß mit ihren dunklen Augen an. .B'hüt Gottl' fagte sie; .hab i' doch nit gewußt, was da auha rum kraxeln tat! Wo kommst

Ich?^h' spazieren, Lisei! Aber sag' mir, spielt ihr denn schon jetzt Komödie?'

Libers was^machst"du Tenn hier?' fragte ick) weiter, indem ich über ^".^roartTuf den' Vater', sagte sie; ,er ist ins Quartier um Band und Naget zu holen; er macht's halt firti für heunt abend.

.Bist du denn ganz allein hier, Lisei?

'Och'meine', 'jagte"id)" .ob nicht deine Mutter oben auf dem Saal ist?' Rech die Mutter faß in der Herberge und besserte die Puppentleider K5Ä m>, -n.-n S.M-N iw W unter eüreT Puppen einer, der heißt-Kasperl; den macht ick) gar zu tta'ew - Wff.'i« 1".

denken. .Nu, cs ging scho; aber g'fdjivinb mußt fein, eh denn der Vater ""gjiit Tiefen Worten waren wir schon ins Haus getreten und liefen eit'n die (teile Wendeltreppe hinauf. Es war fast dunkel in dem archien Saale- denn die Fenster, welche sämtlich nach dem Hefe hin­aus lagen, wären von der Bühne verdeckt; nut einzelne Lichtstreifen fielen durch bie Spalten bes Vorhangs. .

der Kilia n Genoveva fo täuschend an mir vorübergegangen war

Dock ick batte mich zu früh beklagt; dort, an einem Eisendrahte der cor einer Kulisse nach der Wand hinübergespannt war, sah ick) zwei der wunderbaren Puppen schweben; aber sie hingen mit dem Rucken gegen mich, so daß ich sie nicht erkennen konnte.

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