«Sott überall.
Von Friedrich Rückert.
Auf Erden gehest du und bist der Erde Geist;
Die Erd' erkennt dich nicht, die dich mit Strahlen preist.
Auf Sonnen stehest du und bist der Sonne Geist;
Die Sonn' erkennt dich nicht, die dich mit Strahlen preist.
Im Winde wehest du und bist der Lüfte Geist;
Die Luft erkennt dich nicht, die dich mit Atem preist.
Auf Wassern gehest du und bist des Wassers Geist;
Das Wasser kennt dich nicht, das dich im Rauschen preist.
Im Herzen stehest du und bist der Liebe Geist, Und dich erkennt das Herz, das dich mit Liebe preist.
Emanuel Swedenborg.
Geisterseher, Techniker und Religionsphilosoph.
Von Dr. Erwin Stranik.
Es war im Jahre 1759, den 19. Juli, als sich im Hause eines gewissen Herrn Castel zu Gothenburg eine Gesellschaft von 15 Personen versammelte, um eine wenige Tage früher aus England zurückgelehrte illustre Persönlichkeit zu ehren: den „Assessor" Emanuel Swedenborg, von dem es hieß, daß er Gesichte habe und mit Geistern Umgang pflege. Gegen 18 Uhr verließ Swedenborg für einen Augenblick die Gesellschaft, kam dann entfärbt und bestürzt ins Zimmer zurück und sagte, es sei eben jetzt in Stockholm (das 50 Meilen von Gothenburg entfernt liegt) ein gefährlicher Brand ausgebrochen, der fehr um sich greife. Nach einiger Zelt erklärte er, daß bereits das Haus eines feiner Freunde in Asche läge und sein eigenes Heim in Gefahr sei. Um 20 Uhr, nachdem er wieder hinausgegangen war, sagte er freudig: „Gottlob, der Brand ist gelöscht, die dritte Tür vor meinem Hause!" — Am nächsten Morgen wurde Swedenborg zum Gouverneur berufen und schilderte dort den Brand sowie die Zeit seiner Dauer. Am Montagabend erreichte eine Estafette Gothenburg, die Briefe aus Stockholm brachte und den Brand ganz genau so darstellte, wie ihn Swedenborg gesehen hatte.
Diese Begebenheit, die von niemand geringerem als dem großen Philosophen Kant der Nachwelt überliefert wurde, charakterisiert am besten jenen Menschen, der zweifellos zu den umstrittensten Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte gehört, und den man bald als das größte Genie aller Zeiten zu feiern sich verpflichtet fühlt, bald als schwerbelasteten Paranoiker bezeichnet und seine visionären Erlebnisse als 'Ausgeburten einer allgemeinen Verrücktheit darstellt. Schon während seiner unmittelbaren Wirksamkeit gerieten die Meinungen über ihn hart aneinander. Während ihn Kant anfänglich als einen „Schwärmer" abtun wollte, doch von den Proben seiner schier überirdischen Gesichte ergriffen war, sprach Goethe von Swedenborg als dem „gewürdigten Seher unserer Zeiten, rings um den die Freude des Himmels mar, zu dem Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten..."; später nannte ihn der amerikanische Philosoph Ralph Walde Emerson einen „Riesengeist", der „wie ein Alp auf seiner Zeit" lag, „von ihr unverstanden",' so daß es „eines weiten Abstandes für den Beschauer" bedürfe, um ihn zu erkennen und zu würdigen. In diese Bewunderung teilten sich auch Thomas Carlyle, der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge, Balzac und Helen Keller. Strindberg befaßte sich intensiv mit Swedenborgs Mystizismus, und heute ist man bereits so weit, auch in der Philosophie die Smedenborgschen Theorien zu berücksichtigen
Sucht man einen kurzen Abriß des äußeren Lebensweges Swedenborgs zu geben, so ist zu sagen, daß er am 29. Januar 1688 zu Stockholm als der Sohn Jesper Svedbergs, Bischofs von Westgotland, geboren wurde, zu Upsala Philologie und Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften, daneben überdies Theologie studierte, 1710—1714 England, Holland, Frankreich und Deutschland bereiste und 1716 zum Assessor des Bergwerkskollegiums zu Stockholm ernannt wurde, wo er sich durch viele mechanische Erfindungen nnb Anregungen hervortat, von denen die für Schweden wichtigste bei der Belagerung von Frederieshall (1718) zur Anwendung gelangte. Dies, sowie seine zahlreichen Schriften mathematischer und astronomischer Natur bewirkten, daß er 1719 von der Königin Ulrike als „Swedenborg" geadelt wurde. In den folgenden Jahren bereiste er dann die schwedischen, sächsischen, böhmischen und österreichi- scbeu Bergwerke, kehrte wieder nach Schweden zurück, verließ es neuerlich und durchzog 1736—1740 Deutschland, Holland, Frankreich, Italien und England. Da er, um seinen wissenschaftlichen und religiösen Bestrebungen ganz leben zu können, seine Stellung aufgegeben hatte und dafür eine königliche Pension bezog, konnte er ungehindert seine Reisesehnsucht befriedigen. Im Jahre 1771 ging er abermals nach England, erkrankte dort aber und starb zu London am 29. März 1772.
Diesem äußerlich zwar nicht ruhigen, aber in streng gemäßigten Bahnen verlaufenden Dasein gesellte sich eine denkerisch« Tätigkeit von derartigen Dimensionen, wie sie in der Geschickte wohl kein zweites Mal mehr vorkommt. Nickt weniger als 148 Publikationen, von denen eine ganz« Anzahl viele Bände umfaßt, ließ Siyedenborg zu seinen Lebzeiten drucken und eine nicht ininber große Menge von Manuskripten sand sich in seinem Nachlaß. Alle diese Schriften lassen sich in drei große Kategorien einteilen: in eine naturwissenschaftlick)« Abteilung, die sich sowohl mit der Konstatierung des Tatsächlichen als auch mit Anregungen zu den verschiedensten Erfindungen besck;üftigt, in eine philosophische, in der ein völlig neues Weltsystem aufgestellt wird, und schließlich in eine religiöse, die nichts anderes unternimmt, als eine „neue Kirche zu begründen und die ein bis in die kleinsten Details ausgearbeitetes religiöses System an
Stelle der bisherigen christlichen Religionen setzt. Die meisten der von ihm geschriebenen Werte behauptete Swedenborg nicht aus eigener Intuition verfaßt zu haben, sondern sie seien aus einem Zusammenwirken langen intensiven Nachdenkens mit direkten Offenbarungen durch Geister entstanden.
Greift man aus der großen Zahl der technisch-naturwifsenschaftlichen Schriften feiner ersten Periode einige der wichtigsten Anregungen heraus, so verrät sich schon in diesen der ungeheuer weitblickende Geist jenes Mannes. Wenn man ihn in Schweden wegen der bereits erwähnten Enfindung, mit deren Hilfe man Schiffe durch Rollengewinde auf dem Landwege zu befördern imstande war, besonders schätzte, so imponiert in unserer Zeit noch mehr, daß er der erste war, der (damals allerdings als Phantasterei angesehen) Pläne eines Schiffes entwarf, „das auch unter Wasser fahren könne", sowie genaue Konstruktionen angab, „für einen fliegenden Wagen, der sich in der Luft schweb end erhält". Dazu tarnen Pläne für Wasserpumpen, Luftdruckmaschinen, ja sogar auch für eine Art Maschinengewehr, nämlich für „Luftflinten, deren Tausend mit einem einzigen Heber in einem Augenblick losgeschossen werden können". Aber auch Wasseruhren, Stahlstichverfahren und Hebekrane entwarf er theoretisch. Dann ging er weiter und verfaßte eine methodische Anleitung, „durch Analyse die Wünsche und Neigungen des Gemüts festzustellen", so daß man ihn mit Recht auch als den ersten Psychoanalytiker bezeichnen darf.
Noch spannender muten jene Berichte an, die von den verschiedensten Personen über seinen Umgang mit Geistern und Verstorbenen überliefert wurden. So wissen wir aus einem Berichte von Goethes Freund Jung- Stilling, daß sich Swedenborg am 17. Juli 1762 in Amsterdam in einer Gesellschaft befand. „Mitten im Gespräch veränderte sich plötzlich seine Physiognomie, und man sah ihm an, daß seine Seele nicht Mehr gegenwärtig war und daß etwas Außerordentliches in ihm vorging. Sobald er wieder zu sich gekommen war, fragte man ihn, was jetzt vorgesallen fei. Er wollte nicht gleich mit der Sprache heraus, sagte aber doch auf wiederholtes Anhalten endlich: „Jetzt in dieser Stunde ist Kaiser Peter III. in seinem Gefängnis gestorben." — Tatsächlich wurde an diesem Tage Zar Peter auf Anstiften seiner Gemahlin Katharina von Orlow und dessen Mitverschworenen erdrosselt. — Nicht minder interessant ist eine weitere Episode, die Swedenborg im Verkehr mit den Geistern Verstorbener zeigt. An feinem Lebensabend besuchte ihn einmal ein Kaufmann in Amsterdam und bat ihn um einen Beweis dafür, dah er mit Geistern Umgang habe. Der Kaufmann erzählte, er hätte einstmals einen guten Freund gehabt, der nun schon lange tot sei und mit dem er knapp vor seinem Hinscheiden noch ein wichtiges Gespräch begonnen, aber nicht zu Ende geführt habe. Swedenborg ließ sich den Namen des Verstorbenen Mitteilen und bat den Kaufmann, nach einiger Zeit wiederzukommen Einige Tage später kam der Kaufmann wieder zu Swedenborg; dieser empfing ihn lächelnd und erzählte ihm ganz genau, was die beiden Menschen an jenem Abend gesprochen hatten. Da fragte der Kaufmann: „Ist mein Freund noch nicht selig?" Swedenborg antwortete ihm darauf: „Nein! Er ist noch nicht selig, er ist noch im Hader, denn die ßieblingsneigungen und Meinungen der Menschen gehen mit ihnen hinüber und es ist schwer, bis man von ihnen befreit wird." Vollkommen überzeugt von Swedenborgs übersinnlichen Kräften verlieh der Kaufmann den Geisterseher und kehrte nach Elberfeld zurück. ......
Aber auch eine derart freigeistige Persönlichkeit wie die Königin Louise Ulrike von Schweden, Schwester Friedrich des Großen, glaubte an Swedenborgs überirdische Kräfte. 3m Jahre 1774 kam Swedenborg an den Hof, die Königin fragte ihn mehr scherzweise als im Ernst, ob er, wenn er schon mit jo vielen Verstorbenen r.etzp, nicht auch mit ihrem Bruder, dem Prinzen von Preußen gesprochen hätte. Swedenborg antwortete: „Nein", aber er könne es ja versuchen. Und am nächsten Hostag ging er zur Königin und sagte der verblüfften hohen Frau, er hätte mit ihrem Bruder eine Unterredung gehabt, und dieser lasse sich entschuldigen, daß er ihren letzten Brief nicht mehr beantwortet habe. — Dies war um so bemerkenswerter, als die Korrespondenz der Königin mit ihrem Bruder nur durch Geheimkuriere vermittelt worden war und niemand im Lande von dieser etwas wußte.
Es ist natürlich unmöglich, alle Swedenborgschen Geisterunterredungen, über die wir Mitteilungen besitzen, hier aufzuzählen. Einmal hörten ihn Bekannte in einem lebhaften lateinisch geführten Disput, als sie das Zimmer betraten, befand sich Swedenborg allein. „Virgil hat mich soeben verlassen", erwiderte er den verdutzten Freunden. — Ein andermal wurde eine Witwe gemahnt, eine schuld ihres Gatten zu bezahlen, von der sie alaubte, daß sie ihr Mann noch bei Lebzeiten beglichen habe. In ihrer Bedrängnis wandte sie sich an Swedenborg, der stellte die Verbindung mit dem Verstorbenen her und erfuhr so den Platz, wo der Mann die Quittung über die bezahlte schuld aufbewahrt hatte. Diese und öbuliche Geschichten, die eigentlich immer ohne Widerspruch blieben, erhielten das Interesse an Swedenborg stets wach. _
Ueberzeugt davon, daß die bisherigen christlichen Systeme schon durch ihre Zersplitterung zum Untergange bestimmt wären, arbeitete Sweben borg ein neues System aus, das sich besonders mit der Natur des Geisterreichs befaßte und dessen Zusammenhang mit den Menschen sich in selt fumen Visionen offenbarte. Wesenskern dieser Lehre fei eine fortwährende innige Wechselwirkung zwischen geistiger und körperlicher Welt Alles, auch das kleinste Ding, habe bereits den Keim der universalen Wirkungen in sich, so daß etwa in einem Eisenftäubchen schon jene Kraft vorhanden sein muß, die, unendlich potenziert, schließlich die Bewegung der Welt^örper bervorruft.
Diese Lehre Swedenborgs wurde von seinen Anhängern ausgenommen und als „neue Kirche" ober „neues Jerusalem" in alle Welt getragen. Die erste öffentliche Bersammluno der Swedenboraianer wurde 1788 in London abgehalten: heute intereffi?ren fick für Sweduckorg vor ollem die Schweiz und Amerika, in (fhitano und London stehen feine Denkmäler. und 1908 wurde fein Leichnam aus England nach Stockbolm mit besonderer FeierlickexU zur>"ckm>holt und in einem kostbaren Sarkophag in feiner eigenen Kirche bestattet.


